Magisterarbeit, 2005
174 Seiten, Note: 1,0
Einleitung
1 Die historische Betrachtung stigmatisierender Kategorien
1.1 Behinderte und psychisch kranke Menschen in Frühgeschichte und Altertum
1.2 Der Umgang mit dem „Wahnsinn“ im Mittelalter
1.3 Die Konstituierung der „Normalität“ und des „Irrsinns“ in der Epoche der Aufklärung
1.4 Behinderte Menschen zwischen Förderung und Verwahrung im Zeitalter der Industrialisierung
1.5 Vom Sozialdarwinismus zum Nationalsozialismus
1.6 Rassenhygienische Träume von der Vervollkommnung der Art
1.7 Zur Situation der Psychiatrie nach dem Ende des Dritten Reiches
2 Stigmatisierungsprozesse
2.1 Religiöse und kulturelle Ursprünge
2.2 Zu den Entstehungsursachen von Stigmatisierungen
2.2.1 Norm - Normalität - Anormalität
2.2.2 Zur soziologischen Bedeutung von Devianz
2.2.3 Zur Bedeutsamkeit von Einstellungen, Vorurteilen und Stereotypen
2.2.4 Funktionen von Stigmatisierungsprozessen
2.3 Der Stigma- und Etikettierungsansatz
2.4 Soziologische Identitätskonzepte
2.4.1 Das Identitätskonzept nach Goffman
2.4.2 Das Identitätskonzept nach Krappmann
2.4.3 Das Identitätskonzept nach Thimm
2.4.4 Das Identitätskonzept nach Frey
2.5 Stigmatisierungsprozesse und deren Folgen
2.6 Stigmabewältigungsstrategien
3 Zur Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen
3.1 Die gesellschaftliche Konstruktion von „Behinderung“ - eine definitorische Annäherung aus soziologischer Sicht
3.2 Behinderung als gesellschaftliches Defizit
3.3 Soziale Reaktionen auf Menschen mit Behinderungen
3.3.1 Einstellungsmuster gegenüber behinderten Menschen
3.3.2 Verhaltenmuster gegenüber behinderten Menschen
3.3.3 Die Rolle von Professionellen bei der Stigmatisierung behinderter Menschen
3.4 Über den heutigen Wert behinderten Lebens
3.4.1 Die präferenz - utilitaristische Ideologie der Ausgrenzung
3.4.2 Die Ökonomisierung sozialer Werte
3.4.3 Die vorgeburtliche Selektion
3.4.4 Die Auswirkungen der vorgeburtlichen Diagnostik auf das Selbstbild behinderter Menschen
4 Zur Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krankheiten
4.1 Die gesellschaftliche Konstruktion von „psychischer Krankheit“ - eine definitorische Annäherung aus soziologischer Sicht
4.2 Die diagnostische Etikettierung
4.3 Bedrohlich und unberechenbar? Einstellungsmuster und soziale Distanz gegenüber Menschen mit psychischen Krankheiten
4.4 Psychische Auffälligkeiten und die Bedrohung des Familienzusammenhaltes
4.5 Die psychiatrische Institution
4.5.1 Institutionelle Machtmechanismen
4.5.2 Die Rolle von Professionellen bei der Stigmatisierung psychisch kranker Menschen
5 Zur Stigmatisierung der Angehörigen von Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten
5.1 Zur Situation von Familien mit einem behinderten Kind
5.1.1 Die Folgen der Geburt eines behinderten Kindes
5.1.2 Störungen des innerfamiliären Gleichgewichtes
5.1.3 Die Rolle von Professionellen bei der Stigmatisierung von Eltern und ihren behinderten Kindern
5.2 Zur Situation von Familien mit einem psychisch Kranken
5.2.1 Die Familie zwischen Resignation und Krankheitsintegration
5.2.2 Die Rolle von Professionellen bei der Stigmatisierung von Angehörigen eines psychisch Kranken
5.3 Die Bedeutsamkeit von Selbsthilfevereinigungen für Betroffene und deren Familien
6 Behinderte und psychisch kranke Menschen zwischen gesellschaftlicher Integration und Ausgrenzung
6.1 Allgemeines Begriffsverständnis von „Integration“
6.2 Die (Des-) Integration von Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten in den verschiedenen gesellschaftlichen Lebensbereichen
6.2.1 Die (Vor-) Schulsituation
6.2.2 Die Wohn- und Betreuungssituation
6.2.3 Die Freizeitsituation
6.2.4 Die Arbeitsmarktsituation
6.2.5 Soziale Beziehungssysteme
7 „Entstigmatisierung" durch Integration? Ein Ausblick
Die Arbeit untersucht die soziologischen Hintergründe und Mechanismen der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Menschen, die nicht dem gesellschaftlichen Normalitätsideal entsprechen, insbesondere behinderte und psychisch kranke Menschen. Die Forschungsfrage fokussiert dabei auf die Entstehung von Vorurteilen, deren Auswirkungen auf die Identität der Betroffenen sowie die Rolle gesellschaftlicher Institutionen bei der Aufrechterhaltung dieser Ausgrenzungsprozesse.
1.1 Behinderte und psychisch kranke Menschen in Frühgeschichte und Altertum
In der frühen Menschheitsgeschichte waren die damaligen Gesellschaftssysteme überwiegend durch mystisch - religiöse Abwehrmechanismen geprägt. Im Zeitalter der Antike standen behinderte Menschen in der ägyptischen Gesellschaft, welche eine Diffamierung von Menschen mit Behinderungen untersagte, unter dem speziellen Schutz der Götter. In Anlehnung an die Weisheitslehre von Amenemopes im 12. bis 11. Jahrhundert vor Chr. lag die Erschaffung jedes Menschen ausschließlich in dem Willen Gottes. Nach diesem Glauben wurden behinderte Menschen nach ihrem Tod von ihrem „defizitären Zustand“ befreit. Aufgrund dieser Überzeugung wurde es einigen Behinderten (u. a. blinde Künstler, gelähmte Schreiber) demzufolge durchaus möglich, Reichtum zu erlangen sowie Wertschätzung und Anerkennung durch die damalige Gesellschaft zu erfahren (vgl. Mattner 2000, S. 17). Auch das Zweistromland Mesopotamien war ca. 3000 v. Chr. bestrebt, Menschen mit Behinderungen in die verschiedenen beruflichen Tätigkeitsfelder innerhalb der Gesellschaft zu integrieren (vgl. Mattner 2000, S. 18).1
Im Wandel der Zeit verlor sich jedoch die ursprünglich geforderte Akzeptanz der von Gott erschaffenen behinderten Menschen. Ein Behinderter galt als ein Beweis für die Existenz Gottes, da sein Zorn in ihm selbst sichtbar wurde, während seine Güte sich in der Existenz Nichtbehinderter offenbarte. Beispielsweise wurde im antiken Sparta Neugeborenen, die zuvor in einer Versammlung der Ältesten begutachtet wurden, nur das weitere Lebensrecht zugesprochen, wenn sie vom Inbegriff des gesunden Menschen nicht abweichten. Missgestaltete Säuglinge hingegen wurden in die Bergschluchten des Taygetos - Gebirges geworfen (siehe Speck 1999, S. 11).
1 Die historische Betrachtung stigmatisierender Kategorien: Dieses Kapitel zeichnet die historische Entwicklung der Stigmatisierung von Behinderten und psychisch Kranken nach, beginnend bei mystisch-religiösen Vorstellungen der Antike bis hin zu den Euthanasie-Programmen des Nationalsozialismus.
2 Stigmatisierungsprozesse: Hier werden theoretische Grundlagen der Stigmatisierung erarbeitet, inklusive der soziologischen Bedeutung von Devianz, Identitätskonzepten und den Folgen sozialer Diskreditierung.
3 Zur Stigmatisierung von Menschen mit Behinderungen: Das Kapitel befasst sich mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Behinderung und analysiert sowohl soziale Reaktionen als auch neuere Segregationstendenzen, etwa durch vorgeburtliche Diagnostik.
4 Zur Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Krankheiten: Ähnlich wie das dritte Kapitel analysiert dieser Teil die Konstruktion psychischer Krankheit, die Rolle der psychiatrischen Institution und die soziale Distanz, der Betroffene ausgesetzt sind.
5 Zur Stigmatisierung der Angehörigen von Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten: Dieser Abschnitt beleuchtet die psychosozialen Belastungen von Familienangehörigen und die häufig unzureichende Unterstützung durch professionelle Hilfesysteme.
6 Behinderte und psychisch kranke Menschen zwischen gesellschaftlicher Integration und Ausgrenzung: Das Kapitel untersucht reale Integrationsbemühungen in verschiedenen Lebensbereichen wie Schule, Wohnen und Freizeit sowie die fortbestehenden Hürden am Arbeitsmarkt.
7 „Entstigmatisierung" durch Integration? Ein Ausblick: Der abschließende Teil reflektiert die Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Wandels und plädiert für ein neues Verständnis von Autonomie und Solidarität.
Stigmatisierung, Ausgrenzung, Behinderung, psychische Krankheit, Normalität, Devianz, Identitätskonzept, soziale Diskriminierung, Integration, Etikettierung, Soziologie, Angehörige, Psychiatrie, Stigmabewältigung, Inklusion.
Die Magisterarbeit untersucht soziologische Stigmatisierungsprozesse und Ausgrenzungsmechanismen, denen Menschen ausgesetzt sind, wenn sie aufgrund von physischen, geistigen oder psychischen Merkmalen nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen von „Normalität“ entsprechen.
Die Arbeit behandelt die historische Entwicklung, soziologische Identitätstheorien, die spezifische Situation von Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen sowie die Auswirkungen auf deren Familien und die Rolle von Institutionen wie der Psychiatrie.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Stigmatisierungen auf Basis gesellschaftlicher Normen zustande kommen, wie Betroffene und ihre Angehörigen diese erleben und bewältigen, und inwieweit gesellschaftliche Strukturen Ausgrenzung begünstigen oder Integration verhindern.
Die Arbeit basiert auf einer tiefgreifenden theoretischen Analyse soziologischer Konzepte, ergänzt durch die Auswertung von Erfahrungsberichten, Interviews und einschlägiger Fachliteratur, um die Lebenswelten der Betroffenen zu verdeutlichen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Analyse, theoretische Erklärungsmodelle zur Stigmatisierung, die detaillierte Betrachtung von Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten sowie deren Angehörigen, und schließlich die Analyse gesellschaftlicher Integrations- bzw. Segregationstendenzen.
Zentrale Begriffe sind Stigmatisierung, Devianz, Etikettierung (Labeling Approach), Identität, Soziales Konstrukt, Behinderung, psychische Krankheit und gesellschaftliche Integration.
Familien erleben eine starke Stigmatisierung, da sich das soziale Vorurteil gegenüber dem Betroffenen oft auf die Angehörigen überträgt. Dies führt häufig zu psychischen Belastungen, sozialem Rückzug und dem Gefühl familiärer Schande.
Die Autorin kritisiert, dass Psychiatrien oft als „totale Institutionen“ fungieren, die Patienten depersonalisieren und durch asymmetrische Machtverhältnisse und den Fokus auf medikamentöse Ruhigstellung die Autonomie der Betroffenen einschränken statt zu fördern.
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