Fachbuch, 1990
90 Seiten
I. Einleitung: Politischer Konsens und musikalische Harmonie
II. Politik gegen Musik
1. Zu den Wurzeln der Musikzensur
2. Die Zensur greift um sich
3. Die nationalsozialistische Musikdiktatur
3.1. Von der Musikzensur zur Musikdiktatur
3.2. Systematischer Antisemitismus im Musikleben
3.3. Die Totalität nationalsozialistischer Musikzensur
3.4 Die Allmacht und Unberechenbarkeit des NS-Apparats
4. Die sowjetische Musikdiktatur
4.1. Vom radikalen Proletkult zum sozialistischen Realismus
4.2 Die stalinistischen Maßregelungen von 1936 und 1948
4.3 Die Folgen
4.4 Tauwetter und neue Zensur
4.5 Zwischen Bürokratismus und Emigration
5. Der gemeinsame Kampf gegen den Jazz
Coda
III. Musik für Politik
1. Zwischen Auftragswerk und Huldigungsmusik
2. Wie Musik vereinnahmt wird
3. Politiker in der Musik und Musiker in der Politik
4. Politische Bekenntnismusik
5. Musik für Ideologie
6. Das politische Lied
IV. Hymnen als Staatssymbole und „politische“ Musik
von Theopil Laitenberger
Die Melodie des Deutschlandliedes
Die Marseillaise
Die englische Königshymne
Das niederländische Geusenlied
Drei Grundtypen von Staatshymnen
Internationale und Horst Wessel-Lied
Deutsche Hymnen nach 1945
Vaterländischer Gesang – heute
Zwei Versuche
V. Coda
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe und spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Musik, insbesondere im Kontext totalitärer Regime und ideologischer Vereinnahmung. Sie geht der Forschungsfrage nach, wie Musik von politischen Akteuren als Instrument der Macht, Zensur oder Propaganda eingesetzt wurde und inwieweit Kunst und Freiheit unter solchen Bedingungen bestehen konnten oder instrumentalisiert wurden.
3. Die nationalsozialistische Musikdiktatur
„Es ist nötig, die allgemeinen Gesetze für die Ent Wicklung und Führung unseres nationalen Lebens auch auf dem Gebiete der Musik zur Anwendung zu bringen, das heißt nicht in technisch gekonn tem Wirrwarr von Tönen das Staunen der ver blüfften Zuhörer zu erregen, sondern in der erahnten und erfühlten Schönheit der Klänge ihre Herzen zu bezwingen.“
Adolf Hitler Rede beim Reichsparteitag Der NSDAP am 7.9.1937
3.1 Von der Musikzensur zur Musikdiktatur
In Deutschland vor allem geriet Musik immer wieder in die schärfer werdenden politischen Auseinandersetzungen gegen Ende der Weimarer Republik. Eine der ersten Zielscheiben ideologisch motivierten Musikhasses war die Oper Wozzeck (1925) von Alban Berg. Nicht nur die sozialkritische Geschichte des einsamen, einem Zwangssystem ausgelieferten Menschen und antimilitärische Anspielungen sorgten für Aufregung, sondern auch Bergs Musik. Typisch dafür ist die Polemik des Berliner Blattes Germania am 5. Dezember 1925: „Berg ist ein Brunnenvergifter der deutschen Musik.“ 1926 stoppten die Prager Stadtbehörden die Vorbereitungen für die Aufführung der Oper, weil die öffentliche Ordnung gefährdet sei. Das Braunschweigische Landestheater machte 1931 die Aufführung des Wozzeck sogar davon abhängig, dass Berg eine Bescheinigung beibrachte, er sei deutschstämmig und besitze die deutsche Staatsangehörigkeit.
I. Einleitung: Politischer Konsens und musikalische Harmonie: Führt in die Ambivalenz des Harmoniebegriffs in der Musikgeschichte und seine Parallelen zum politischen Konsensbegriff ein.
II. Politik gegen Musik: Analysiert die historische Unterdrückung von Musik durch Zensur, insbesondere während der Musikdiktaturen im Nationalsozialismus und in der Sowjetunion.
III. Musik für Politik: Beleuchtet die aktive Vereinnahmung von Musik für politische Zwecke, durch Huldigungsmusik, Ideologien und politische Lieder.
IV. Hymnen als Staatssymbole und „politische“ Musik: Untersucht die Funktion von Nationalhymnen als Staatssymbole und deren wechselhafte Geschichte zwischen Tradition und politischer Ideologie.
V. Coda: Fasst das Beziehungsgeflecht von Musik und Politik zusammen und betont die Verantwortung des Einzelnen sowie die Bedeutung der Freiheit der Kunst.
Musik, Politik, Musikzensur, Nationalsozialismus, Sowjetunion, Musikdiktatur, Ideologie, Sozialistischer Realismus, Auftragskomposition, Staatshymne, politisches Lied, Propaganda, künstlerische Freiheit, Totalitarismus, Kulturpolitik
Die Arbeit analysiert die vielfältigen und oft problematischen Wechselwirkungen zwischen Politik und Musik, insbesondere im Kontext von Zensur und politischer Instrumentalisierung durch totalitäre Systeme.
Die zentralen Themen umfassen die Musikzensur, die Vereinnahmung von Musik durch Ideologien, das politische Engagement von Musikern und die symbolische Rolle von Staatshymnen.
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie politisch motivierte Machtansprüche die Musikgeschichte beeinflusst haben und wie Musik als Instrument für politische Zwecke missbraucht wurde.
Der Autor wählt eine historisch-analytische Methode, um schlaglichtartig die Beziehungen zwischen politischen Bedingungen und kompositorischem Schaffen anhand zahlreicher Beispiele aus der Musikgeschichte zu beleuchten.
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Unterdrückung von Musik (Musikzensur), die Vereinnahmung von Musik für politische Zwecke sowie die politische Instrumentalisierung von Staatshymnen und Liedern.
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Musik, Politik, Musikzensur, Totalitarismus, Ideologie, Propaganda und künstlerische Freiheit.
Während beide Regime Musik ideologisch instrumentalisierten und diffamierten, zeigen sich Unterschiede in der spezifischen Begründung (z.B. Rassenideologie im NS-Staat vs. „sozialistischer Realismus“ in der Sowjetunion), wenngleich die Auswirkungen auf die betroffenen Künstler oft erschreckend ähnlich waren.
Sie dienen als Beispiel dafür, wie musikalische Symbole durch historische Ereignisse und politische Neuordnungen ihren Bedeutungsinhalt wandeln können und wie sie selbst zum Gegenstand politischer Auseinandersetzungen werden.
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