Diplomarbeit, 2009
137 Seiten, Note: 2,0
1. Bildung und Möglichkeit
1.1 Begründung der Themenwahl
1.2 Vorgehensweise
2. Ermöglichung von Pädagogik als eigenständiger Wissenschaft
2.1 Systematik und Methodik der Pädagogik
2.2 Delegitimation der anthropologischen Begründung
2.3 Delegitimation der ethischen Begründung
2.4 Delegitimation der sozialisationstheoretischen Begründung
2.5 Grundzüge einer antithetischen Bildungskonzeption
2.6 Noologische Grundlegung: Die Transzendentalität des Denkens
3. Sozialisation: Die vermeintlich notwendige Wirklichkeit
3.1 Determination durchs Übliche: Soziale und historische A Priorität
3.1.1 Sozialisationslogik: Dialektik, Distinktion, Prädestination und Doxa
3.2 Der Zusammenhang zwischen Sozialisation und Bildung
4. Wege zur Ermöglichung von Bildung: Emanzipation und Partizipation
4.1 Emanzipation: Selbstkritisches Denken und Kontingenz
4.1.1 Skepsis und das Lernen verlernen
4.1.2 Möglichkeitsbedingungen der Wirklichkeitsauffassungen
4.1.3 Der pädagogische Umgang mit begrenzenden Auffassungsarten
4.2 Partizipation: Die gedankliche Vergangenheit als neue Zukunft
4.2.1 Erkennen und Ermessen als menschliche Grundvollzüge
4.2.2 Befähigungen durch gedankliche Teilhabe: Erdenken und Ermessen
4.2.2.1 Spezifizierung des Ermessensbegriffs
5. Konturen der erreichten Möglichkeiten: „Selbständigkeit im Denken“
5.1. Sechs Kennzeichen von Bildung
6. Rückblick: Theodor Ballauffs Bildungslehre als Möglichkeitstheorie
7. Apologetik: Warum überhaupt Bildung ermöglichen?
8. Ausblicke, Rezeptions- und Umsetzungsprobleme
Die Arbeit verfolgt das Ziel, Theodor Ballauffs Pädagogik als „Möglichkeitstheorie“ zu interpretieren und dabei den Zusammenhang von Bildung und Möglichkeit zu ergründen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, wie Pädagogik als eigenständige Wissenschaft begründet werden kann, welche Rolle das Denken als Möglichkeitsbedingung spielt und auf welchen Wegen Bildung als „Selbständigkeit im Denken“ durch Emanzipation und Partizipation ermöglicht werden kann, anstatt lediglich als Anpassung an vorgegebene Wirklichkeiten zu fungieren.
1. Bildung und Möglichkeit
Der Titel dieser Arbeit „Bildung und Möglichkeit“ kann Erwartungen wecken, als würde im Folgenden die Thematik von Bildung und Lebenschancen behandelt. Diese Annahme ist vielleicht eine Konsequenz der medialen Präsenz des Bildungsbegriffs, der heute im öffentlich-politischen Diskurs zumeist in funktional-ökonomischen Zusammenhängen Verwendung findet. Denn eng mit diesem Begriffsgebrauch ist der Sachverhalt verbunden, dass mittels Bildung Lebenschancen eröffnet werden, weil Bildung gemeinhin als notwendige Bedingung zum Eintritt ins Beschäftigungssystem angesehen wird, wovon wiederum die Möglichkeit eines finanziell eigenständigen Lebens, dessen Gestaltung und die Selbstverwirklichung des Einzelnen abhängt. Jedoch wird diese Thematik im Folgenden nicht zur Sprache kommen.
Der Bildungsbegriff ist „ein Begriff mit verschwommenen Rändern“ (Wittgenstein 1971, S. 50), der in verschiedenen Kontexten verwendet wird und je nach Zusammenhang eine andere Bedeutung erhält. Im öffentlich-politischen Diskurs wird unter dem Begriff „Bildung“ zumeist Ausbildung und Qualifikation verstanden. Damit ist aber ein Kontext angesprochen, der sich vom philosophisch-pädagogischen Themenfeld Bildung wesentlich unterscheidet. Mit dem Ausbildungsbegriff ist ein leistungsbezogenes und zweckgebundenes Anwendungsverhältnis auf ein bestimmtes Weltstück angesprochen. Bildung hingegen ist ein genuin pädagogischer Begriff, der vornehmlich das Moment der Reflexion, d.h. der sprachlich-kritischen Auseinandersetzung des Einzelnen mit sich und Welt insgesamt betont.
1. Bildung und Möglichkeit: Einleitung in die Thematik und Abgrenzung des Bildungsbegriffs vom funktionalen Ausbildungsbegriff unter dem Fokus der Reflexion.
2. Ermöglichung von Pädagogik als eigenständiger Wissenschaft: Analyse von Ballauffs Ansatz, Pädagogik unabhängig von anderen Wissenschaften durch das Denken als fundamentale Möglichkeitsbedingung zu legitimieren.
3. Sozialisation: Die vermeintlich notwendige Wirklichkeit: Auseinandersetzung mit der Sozialisation als Prozess der unbemerkten Subjektivierung, der kritisch durch Bildung hinterfragt werden muss.
4. Wege zur Ermöglichung von Bildung: Emanzipation und Partizipation: Darstellung der methodischen Wege, um durch Skepsis und Teilhabe am kulturellen Gedächtnis Bildung anzubahnen.
5. Konturen der erreichten Möglichkeiten: „Selbständigkeit im Denken“: Zusammenfassung der sechs Merkmale, die eine erreichte Selbständigkeit im Denken und eine antithetische Lebensführung kennzeichnen.
6. Rückblick: Theodor Ballauffs Bildungslehre als Möglichkeitstheorie: Systematischer Rückblick auf die dreifache Möglichkeitsrelation der Ballauffschen Bildungslehre.
7. Apologetik: Warum überhaupt Bildung ermöglichen?: Diskussion der Frage nach der Notwendigkeit von Bildung als „Selbständigkeit im Denken“ in der modernen Gesellschaft.
8. Ausblicke, Rezeptions- und Umsetzungsprobleme: Reflexion über die geringe Rezeption von Ballauffs Denken und die Voraussetzungen für eine Umsetzung in der pädagogischen Praxis.
Bildung, Möglichkeit, Theodor Ballauff, Pädagogik, Selbständigkeit im Denken, Emanzipation, Partizipation, Skepsis, Sozialisation, Doxa, Transzendentalität des Denkens, Erdenken, Ermessen, Sachlichkeit, Bildungslehre.
Die Diplomarbeit analysiert die Bildungslehre des Pädagogen Theodor Ballauff unter der Perspektive des Möglichkeitsbegriffs und entwickelt daraus eine alternative, philosophisch fundierte Konzeption von Pädagogik.
Die Schwerpunkte liegen auf der wissenschaftlichen Grundlegung der Pädagogik, der Kritik an herkömmlichen Sozialisationsmodellen sowie der Ausarbeitung von Wegen zur Förderung der „Selbständigkeit im Denken“.
Das Ziel ist es, den Zusammenhang von Bildung und Möglichkeit bei Ballauff aufzuzeigen und zu begründen, warum Bildung nicht als Anpassung, sondern als skeptisch-kritische Emanzipation verstanden werden sollte.
Die Arbeit nutzt die von Ballauff als „historische Empirie“ bezeichnete Methode: eine systematische Befragung der geistesgeschichtlichen Vergangenheit, um aktuelle pädagogische Probleme zu durchdenken und kritisch zu hinterfragen.
Der Hauptteil befasst sich mit der Delegitimation klassischer Begründungen der Pädagogik (Anthropologie, Ethik, Sozialisation), der noologischen Grundlegung durch das Denken sowie den didaktischen Wegen der Emanzipation und Partizipation.
Kernbegriffe sind Bildung, Möglichkeit, Transzendentalität des Denkens, Selbständigkeit im Denken, Skepsis, Emanzipation, Partizipation und die Abgrenzung zur doxischen Sozialisation.
Ballauff lehnt sie ab, weil eine solche Begründung die Pädagogik oft zur bloßen Handlangerin („Ancilla-Rolle“) von ethischen Normsystemen degradiert, die gedankliche Eigenständigkeit durch normative Vorgaben verunmöglicht.
Es bezeichnet einen Bildungsprozess, in dem der Lernende die unkritische Übernahme von gelernten Meinungen und Strukturen aufbricht, um zu einem eigenständigen, prüfenden Denken zu gelangen.
Der Habitusbegriff dient als exemplarische Illustration für eine durch Sozialisation geprägte Subjektivität, deren determinierende Wirkung pädagogisch durch Bildung als Distanznahme überwunden werden soll.
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