Magisterarbeit, 2007
111 Seiten, Note: 1
1. Patriotismus oder Nationalismus?
1.1 Forschungs- und Definitionsschwierigkeiten
1.2 Grundthesen zum modernen Nationalismus
1.3 Die Vorstellung von Volk und Nation. Oder: Die Konstruktion der Gemeinschaft
1.4 Nationale Identität: Selbstwahrnehmung über Abgrenzung
1.5 Kontroversen um historische Bezugspunkte und den Charakter des Patriotismus
1.5.1 Vom Reichspatriotismus zum nationalen Patriotismus
1.5.2 Das Verständnis von Volk und Nation im deutschen Sprachgebiet
1.5.3 Wissenschaftliche Nationalismustypologisierungen und ihre historische Anwendung auf den deutschen Nationalismus
1.5.4 Zur Ideologie des Nationalismus anhand seiner Entwicklung in Deutschland
1.5.4.1 Patriotismus und Nationalismus: Gegensatz- oder Geschwisterpaar?
1.5.4.2 Die Konstruktion partikularer Interessen als Gemeinwohl
1.5.4.3 Nationalismus als Integrationsideologie
1.6 Nationalismus als grundsätzlicher Widerspruch zum emanzipatorischen Universalismus
2. Nationalismus, Patriotismus, Identitäts- und Normalisierungsdiskurse in der BRD
2.1 Identitäts- und Normalisierungsdiskurse in der Bonner Republik
2.2 Die Last der Vergangenheit - Geschichtspolitische Normalisierungs- und Identitätsdebatten
2.3 Renationalisierung als Folge der deutsch-deutschen ‚Vereinigung’
2.3.1 Alte und neue Formen des Nationalismus in der BRD im Zeichen des ökonomischen Wandels
2.3.2 Vom erwachtem Nationalstolz und der ‚selbstbewussten Nation’
2.3.3 Normalisierungs- und Geschichtsdiskurse in der Berliner Republik
2.4 Die ‚Leitkultur’-Debatte als Identitäts- und Homogenisierungsdiskurs
2.4.1 Von Einwanderungs- und Asyldebatten zur ‚deutschen Leitkultur’
2.4.2 Zur Begriffsgrundlage der ‚Leitkultur’
2.4.3 Schönbohms ‚deutsche Leitkultur’
2.4.4 Die ‚Leitkultur’ im Kontext des ‚Zuwanderungsgesetzes’
2.4.5 Die ‚Leitkultur’-Debatte als neorassistische Identitäts- und Ausschlussdebatte
2.4.6 Kritik an der ‚Leitkultur’ - Zustimmung zur Identitätskonstruktion
3. Der Diskurs um den ‚neuen Patriotismus’ in Deutschland
3.1 Parteipolitische Positionen und die Bedeutungszunahme des ‚neuen Patriotismus’
3.2 Vom ‚Gemeinwohl’ des Patriotismus in einer globalisierten Welt
3.2.1 Wirtschaftspolitische Motivationsappelle an die Gemeinschaft
3.2.2 Du bist Deutschland - Weltoffener Standortnationalismus?
3.2.3 Traditioneller Nationalismus und Standortnationalismus im Wechselverhältnis
3.3 Vom Selbstverständnis des ‚neuen Patriotismus’ in Deutschland
3.3.1 Die historische Abgrenzung des Patriotismus vom Nationalismus
3.3.2 ‚Normalisierung’ durch Historisierung - Vom neuen historischen Selbstbewusstsein deutscher Patrioten
3.3.3 Die ‚neue’ Liebe zum Vaterland - Abkehr von Verfassungspatriotismus und post-nationaler Identität
3.3.4 Aufgeklärter Patriotismus - Fern von jeglichem Nationalismus?
3.4 Die Fußball-WM 2006: Ausdruck eines ‚neuen weltoffenen Patriotismus’?
3.4.1 „Die Welt zu Gast bei Freunden“
3.4.2 Fußball und Politik in Deutschland. Vom Spannungsverhältnis nationaler und transnationaler Identitäten
3.4.3 Die WM im Rückblick - Ein nationales Erweckungserlebnis
3.4.4 Ausgrenzender Nationalismus während der WM
3.4.5 Der ‚Hymnendiskurs’ als Ausdruck des nationalen Selbstverständnisses
Die Arbeit untersucht das Phänomen des sogenannten „neuen Patriotismus“ in Deutschland, insbesondere im Kontext der Fußballweltmeisterschaft 2006. Dabei wird der Frage nachgegangen, inwiefern dieser neue Patriotismus eine genuin neue Entwicklung darstellt oder lediglich eine historisch vorbelastete Form des Nationalismus unter neuem Deckmantel ist, die eine unkritische positive Identifikation mit der Nation fördern soll.
1.1 Forschungs- und Definitionsschwierigkeiten
Wenn man sich mit dem Begriff des nationalen Patriotismus auseinandersetzen will, kommt man am Begriff des Nationalismus nicht vorbei. Dies erklärt sich schlicht dadurch, dass unter beiden Begriffen - sowohl historisch als auch gegenwärtig - „mehrdimensionale spezifische nationsbezogene Überzeugungs-, Ideologie- und Verhaltenssysteme“ verstanden werden, „die nicht nur auf die Unterstützung spezifischer politischer Systeme und Regime, sondern auch im Hinblick auf die Unterstützung der gesamten Nation konzipiert“ (Blank 2002, 28) sind.
Mit dieser Gemeinsamkeit von Patriotismus und Nationalismus ist - bezüglich der Fragen nach den Definitionen und einer möglichen Trennung der beiden Begriffe - gleichzeitig das zentrale Problem angesprochen: Wenn Patriotismus und Nationalismus in einem untrennbaren Verhältnis zum Gemeinschaftskonzept der Nation bzw. zum Nationalstaat stehen, was genau unterscheidet sie dann? Ist es überhaupt möglich beide Begriffe qualitativ und/oder zeitlich voneinander zu trennen? Erschwert wird diese Frage nach der Unterscheidung durch die Erkenntnis, dass beide Begriffe seit dem 18. Jahrhundert - dem Jahrhundert der Entstehung der Idee der modernen Nation - im politischen Sprachgebrauch vielfach synonym verwendet wurden. Das damit einhergehende Problem einer sowohl historischen als auch strukturellen Trennung hat sich bis heute kaum verändert.
1. Patriotismus oder Nationalismus?: Dieses Kapitel untersucht die theoretischen Grundlagen und Definitionsschwierigkeiten bei der Unterscheidung von Patriotismus und Nationalismus und beleuchtet deren historische Entwicklung und ideologische Verknüpfung mit dem Konzept der Nation.
2. Nationalismus, Patriotismus, Identitäts- und Normalisierungsdiskurse in der BRD: Hier werden zentrale bundesrepublikanische Diskurse analysiert, die darauf abzielten, das Verhältnis der Deutschen zur eigenen Nation unter Berücksichtigung der NS-Vergangenheit neu zu definieren und zu normalisieren.
3. Der Diskurs um den ‚neuen Patriotismus’ in Deutschland: Das letzte Kapitel bietet eine qualitative Auseinandersetzung mit dem aktuellen Diskurs um einen „neuen Patriotismus“, wobei insbesondere die Rolle der Fußball-WM 2006 als Katalysator für ein neues, unbeschwertes nationales Selbstverständnis im Fokus steht.
Patriotismus, Nationalismus, nationale Identität, Normalisierung, Bundesrepublik Deutschland, Fußball-WM 2006, Leitkultur, Nation, Identitätskonstruktion, Standortnationalismus, Gesellschaftskonzept, Historisierung, Verfassungspatriotismus, Neorassismus
Die Magisterarbeit untersucht die Entstehung und Verbreitung eines sogenannten „neuen Patriotismus“ in Deutschland und analysiert dessen Funktion als Integrations- und Sinnstiftungsmittel für die nationale Identität in der Berliner Republik.
Zu den zentralen Themen zählen die historische Abgrenzung von Patriotismus und Nationalismus, die geschichtspolitische „Normalisierung“ der deutschen Identität nach 1945 und der Einfluss der Globalisierung auf nationale Identitätsdiskurse.
Das Ziel ist die kritische Hinterfragung der Kennzeichen dieses „neuen Patriotismus“ und die Analyse der Frage, ob er tatsächlich – wie von Befürwortern behauptet – eine weltoffene und demokratische Identität ermöglicht oder ob er eher die bekannten, exklusiven Muster nationalistischen Denkens reproduziert.
Die Arbeit basiert auf einer diskursanalytischen Betrachtung politischer Proklamationen, wissenschaftlicher Beiträge und medialer Kampagnen, um die Konstruktion nationaler Identität im zeitgenössischen Deutschland zu dekonstruieren.
Der Hauptteil gliedert sich in drei große Bereiche: die begrifflichen und historischen Grundlagen des Nationalismus, die Entwicklung der Identitäts- und Normalisierungsdiskurse in der BRD sowie die qualitative Analyse des Diskurses um den „neuen Patriotismus“ inklusive der Sonderrolle der Fußball-WM 2006.
Patriotismus, Nationalismus, nationale Identität, Normalisierungsdiskurse, Standortnationalismus, Leitkultur, Postnationalität und gesellschaftliche Integration sind die zentralen Begriffe der Untersuchung.
Der Autor deutet die WM-Euphorie nicht als bloßes Sportereignis, sondern als ein massenmedial inszeniertes „Erweckungserlebnis“, das dazu diente, ein positives, unbeschwertes Selbstbild der Nation zu etablieren und gesellschaftliche Widersprüche zu überlagern.
Der Autor sieht in der Leitkultur-Debatte und dem Standortnationalismus Instrumente einer neokonservativen Politik, die unter dem Deckmantel wirtschaftlicher Stabilität und kultureller Einheit den Ausschluss von Minderheiten sowie eine ethnisch geprägte Identitätskonstruktion vorantreiben.
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