Bachelorarbeit, 2019
72 Seiten, Note: 1,0
1. Begriffsklärung
1.1 Abstammung
1.1.1 Abstammung von der Mutter
1.1.2 Abstammung vom Vater
1.2 Rechtliche Perspektive
1.3 Ethische Perspektive
1.4 Nichtwissen der eigenen Abstammung als historisches und gesellschaftliches Phänomen
2. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung als vergessene Seite der Kindesabgabe – ein historischer Zugang
2.1 Altertum und Neuzeit: Findelkinder ohne Wissen um ihre Herkunft
2.1.1 Antikes Griechenland, Rom und Germanien
2.1.2 Mittelalter
2.1.3 Neuzeit
2.2 1900: „Gretchen-Paragraph“
2.3 NS-Zeit: Rassetypische Ideologisierung des Wissens um Abstammung
2.4 Ab 1999: Babyklappe und anonyme Geburt als Lebensschutz
2.5 Bis heute: Bedeutung des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung gerät ins Bewusstsein
2.6 Einführung der vertraulichen Geburt
3. Die Praxis der Kindesabgabe in Deutschland und deren rechtliche Bedeutung im 21. Jahrhundert
3.1 Adoption als einzige juristisch legale Form der Kindesabgabe bis 2014
3.2 Babyklappe
3.2.1 Verbreitung in Deutschland
3.2.2 Rechtliche Bewertung
3.3 Anonyme Geburt
3.3.1 Verbreitung in Deutschland
3.3.2 Rechtliche Bewertung
3.4 Vertrauliche Geburt
3.4.1 Ablauf
3.4.2 Verbreitung in Deutschland
3.4.3 Rechtliche Bewertung
3.5 Die Praxis der Kindesabgabe zwischen legalem und illegalem Angebot
4. Eine Frage der verletzten Rechte: Akteure der Kindesabgabe und deren rechtliche Bedeutung
4.1 Leibliche Eltern
4.1.1 Schwangere Frau/Leibliche Mutter
4.1.2 Leiblicher Vater
4.2 Kind unbekannter Abstammung
4.3 Professionelle Akteure/Fachdisziplinen
4.3.1 Krankenhaus als ‚Anbieter‘ bzw. ‚Nicht-Anbieter‘ von Babyklappe, anonymer Geburt und vertraulicher Geburt
4.3.2 Schwangerschaftsberatungsstellen
4.3.3 Polizei und Staatsanwaltschaft
4.3.4 Jugendamt
4.3.5 Standesamt
4.4 Pflegeeltern als mögliche Adoptiveltern
4.5 Rechtliche Empfehlung und konkrete Praxis der Duldung im Spannungsfeld der Akteure
5. Ethische Diskussion als Interessensabwägung
5.1 Emotional geführte gesellschaftspolitische Diskussion zwischen Ethik und Recht
5.2 Interessensabwägung begründet durch Ethik und Recht
5.2.1 Abwägung zwischen der ethischen Frage des Lebensschutzes und dem Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung
5.2.2 Abwägung zwischen der ethischen Frage der Hilfe für Menschen in Not und der Frage der Verhinderung von Kindestötung sowie der Frage des Angebots illegaler Kindesabgabe
5.2.3 Abwägung zwischen der ethischen Frage der Selbstbestimmung und den Rechten des leiblichen Vaters
5.2.4 Abwägung zwischen der ethischen Frage des ärztlichen Eides und der Etablierung von Babyklappe und anonymer Geburt
5.2.5 Abwägung zwischen der ethischen Frage der besseren Lebenschancen für das Kind in der Adoptivfamilie und der elterlichen Verantwortung der leiblichen Eltern
5.3 Empfehlungen des Deutschen Ethikrats
6. Bedeutung des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung
6.1 Zurückstehen hinter dem Lebensrecht
6.2 Duldung als Übergang
6.3 Deutsches Recht und Praxis im europäischen Kontext
6.4 Betroffene Kinder erheben ihre Stimme und fordern ihre Rechte ein
7. Schlusswort
Die Arbeit untersucht das fundamentale Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung im Kontext von anonymen Kindesabgabeformen in Deutschland. Dabei wird analysiert, inwiefern dieses Persönlichkeitsrecht bei der Nutzung von Babyklappen, sowie anonymer und vertraulicher Geburt in einem ethisch-rechtlichen Spannungsfeld zu anderen Rechtsgütern wie dem Lebensschutz steht.
1.3 Ethische Perspektive
Identität beschreibt ein variables Selbstbild des Individuums, das sich situativ aufgrund von Interaktionen und Erwartungen der Umwelt verändert. Das Wissen um die eigene Herkunft als Identitätsressource dient dem Aufbau der eigenen Persönlichkeit.15
Jeder Mensch setzt sich, insbesondere ab Beginn der Pubertät, innerhalb des Bestimmungs- und Stabilisierungsprozesses der Identität mit seiner biologischen Herkunft auseinander.16 Geller führt hierzu aus: „In unserer Gesellschaft ist das Wissen um die eigene Abstammung, die Transparenz in der genealogischen Zugehörigkeit, das Sich-Einordnen-Können in Verwandtschaftslinien, offensichtlich ein wesentlicher Bestandteil der Identität.“17
Der Identität eines Individuums wird ein gewisses Maß an Kontinuität unterstellt, indem aktuelle Ereignisse mit früheren Situationen verknüpft und in die Lebensgeschichte des Menschen integriert werden. Die Identitätsbildung ist ein stetiger Prozess, der in der frühen Kindheit beginnt. Das Wissen um die biologische Abstammung wird zum Anknüpfungspunkt für die Identitätsarbeit des Menschen und zum zentralen Bestandteil der persönlichen Biografie. Es besteht demnach ein Zusammenhang zwischen der Identitätsbildung und der Kenntnis der eigenen Abstammung.18
Über den Abgleich zwischen der eigenen Person und verwandten Personen über die Generationengrenzen, der Entdeckung von Gemeinsamkeiten und Unterschieden, der Übernahme von sozialen Werten und Normen der Familien identifizieren sich Kindern von klein auf mit ihrer leiblichen Familie. Sie wachen in identitätsstiftender Weise mit dem Wissen auf, aus der Beziehung ihrer Eltern entstanden zu sein und das „letzte Glied in einer Familienkette“19 zu sein, deren Geschichte ihnen bekannt ist.20
Identitätsprobleme sind Erfahrungen kognitiver Dissonanz, d. h. sich widersprechende Aspekte der Kognition eines Individuums. Adoptivkinder erleben die Trennung von biologischer Abstammung und sozialer Zugehörigkeit zu einer Familie als Dissonanzerfahrung. Diese
1. Begriffsklärung: Das Kapitel definiert den rechtlichen Abstammungsbegriff sowie die ethischen und historisch-gesellschaftlichen Hintergründe, die für die Thematik relevant sind.
2. Das Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung als vergessene Seite der Kindesabgabe – ein historischer Zugang: Es wird die Geschichte der Kindesaussetzung von der Antike bis zur Einführung der vertraulichen Geburt beleuchtet, wobei der Fokus auf dem Wandel der gesellschaftlichen Bewertung des Rechts auf Abstammung liegt.
3. Die Praxis der Kindesabgabe in Deutschland und deren rechtliche Bedeutung im 21. Jahrhundert: Das Kapitel analysiert die drei Formen der anonymen/vertraulichen Kindesabgabe (Babyklappe, anonyme Geburt, vertrauliche Geburt) und bewertet diese aus juristischer Sicht.
4. Eine Frage der verletzten Rechte: Akteure der Kindesabgabe und deren rechtliche Bedeutung: Hier werden die Rollen und die rechtliche Situation der beteiligten Akteure – angefangen bei den leiblichen Eltern über das Kind bis hin zu Institutionen wie Krankenhäusern und Jugendämtern – untersucht.
5. Ethische Diskussion als Interessensabwägung: Es findet eine detaillierte Auseinandersetzung mit der ethischen Rechtfertigung von Anonymität vs. Lebensschutz statt, basierend auf Empfehlungen des Deutschen Ethikrats.
6. Bedeutung des Rechts auf Kenntnis der eigenen Abstammung: Zusammenfassend wird das Spannungsfeld zwischen Lebensrecht des Kindes und dem Anspruch auf Kenntnis der biologischen Herkunft im europäischen Kontext sowie in Hinblick auf die Forderungen Betroffener erörtert.
7. Schlusswort: Das Kapitel reflektiert die komplexe Thematik und plädiert für eine differenzierte Betrachtung der bestehenden Angebote unter Beachtung des Kindeswohls.
Abstammung, Babyklappe, Anonyme Geburt, Vertrauliche Geburt, Lebensrecht, Kindeswohl, Personenstandsrecht, Adoptionsverfahren, Identitätsbildung, Menschenrechte, Familienrecht, Deutscher Ethikrat, Herkunftsnachweis, Kindesabgabe, Neonatizid.
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem gesetzlich verankerten Recht auf Kenntnis der eigenen Abstammung und den in Deutschland existierenden Möglichkeiten zur anonymen oder vertraulichen Kindesabgabe.
Zentral sind die juristische Bewertung der Babyklappe, der anonymen und der vertraulichen Geburt sowie die ethische Interessensabwägung zwischen dem Schutz des Neugeborenen vor Aussetzung/Tötung und dem Recht des Kindes, seine leiblichen Eltern zu kennen.
Ziel ist es, die Bedeutsamkeit des Rechts auf Abstammung zu untersuchen, welches bei den genannten Abgabeformen zwangsläufig einem ethisch-rechtlichen Konflikt unterliegt.
Es handelt sich um eine rechtlich-historische sowie sozialwissenschaftliche Untersuchung, die geltende Gesetzestexte, aktuelle Rechtsprechung und ethische Stellungnahmen analysiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die historische Entwicklung, die rechtliche Analyse der verschiedenen Abgabeformen im 21. Jahrhundert und die Untersuchung der beteiligten Akteure sowie deren ethische Interessensabwägung.
Die Arbeit lässt sich durch Schlagworte wie Identitätsbildung, Kindeswohl, Anonymitätswunsch der Mutter, Recht auf Kenntnis der Abstammung und Adoptionsrecht charakterisieren.
Die vertrauliche Geburt ist eine gesetzlich geregelte, legale Form der Kindesabgabe unter medizinischer Begleitung, bei der die Herkunft des Kindes durch einen beim Bundesamt verwahrten Herkunftsnachweis geschützt wird, während Babyklappen den Sachverhalt eines Findelkindes ohne offizielle personenstandsrechtliche Zuordnung erzeugen.
Das Verfahren der anonymen oder vertraulichen Geburt schließt den leiblichen Vater in der Regel nicht aktiv ein, was zu Problemen hinsichtlich seiner Väterrechte und des Rechts des Kindes auf Kenntnis auch der väterlichen Seite führt.
Ab der Vollendung des 16. Lebensjahres hat das Kind im Regelfall das Recht, den beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegten Herkunftsnachweis einzusehen, um seine leibliche Mutter und damit seine Herkunft zu erfahren.
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