Magisterarbeit, 2008
72 Seiten, Note: 1,7
1. Einleitung
2. Theoretische Grundlagen: Realismusansätze von Kolb und Fluck
2.1.1. Die Erkenntniskrise des späten 19. Jahrhunderts
2.1.1.1. Das Schwinden der Religion
2.1.1.2. Ein komplexer werdendes Amerika
2.1.2. Die neue Rolle der Literatur
2.2. FLUCKS LITERATURVERSTÄNDNIS
2.2.1. Realismus als Kommunikationsmodell
2.2.1.1. Der literarische Realismus als eine kulturelle Strategie
2.2.1.2. Die Dialogfunktion des Textes und seine soziale Funktion
2.2.2. Das Experimentierfeld der Fiktion
3. Die Absage des Erzählers an ein viktorianisches Wirklichkeitsverständnis
3.1. DER LITERARISCHE ROMANTIZISMUS ALS IDEOLOGIETRÄGER DES GENTEEL AGE
3.2. EIN IRONISCHER UMKEHRUNGSVORGANG ALS EINE KOMMUNIKATIVE STRATEGIE
3.2.1. Der "Plot of Seduction"
3.2.2. Der Plot des "courtship and love"
3.2.3. Die Glorifizierung des Zuhauses
3.2.4. Die märchenhaften Illusionen Carries
4. Das Weltbild des Naturalismus
4.1. DER NATURALISTISCHE ERZÄHLER UND DER MORALISCHE FREISPRUCH DER FIGUREN
4.2. DIE NATURALISTISCHE BILDLICHKEIT
4.2.1. Die Meeresmetaphern
4.2.2. Die Tiermetaphorik
4.3. DIE DRAMATISIERUNG NATURALISTISCHER WIRKKRÄFTE AM BEISPIEL HURSTWOODS
5. Der Erzähler und die Konsumideologie
5.1. "MATERIALISTIC DESIRE" ALS ZENTRALES MOTIV IM ROMAN
5.2. DIE TRANSFORMATIONEN SENTIMENTALER KONVENTIONEN AUF DIE KONSUMWELT UND CARRIES MATERIALISTIC DOWNFALL
5.3. STADT ALS ERZEUGER DES DESIRE; SC ALS WELT DES DESIRE
5.4. DIE DIALOGFUNKTION DES ERZÄHLERS IN DER KONSUMWELT
5.4.1. Die polaren Symbole der kapitalistischen Welt
5.5. DIE FASZINATION DES ERZÄHLERS FÜR DIE WELT DES KONSUMS UND DER DAHINTERLIEGENDEN ERSCHEINUNGEN
6. Schlussbetrachtung
Diese Arbeit untersucht die Rolle des auktorialen Erzählers in Theodore Dreisers Roman Sister Carrie. Ziel ist es, die häufig geübte Kritik an diesem Erzähler als „eindringlich“ oder „störend“ anhand des Theoriemodells von Winfried Fluck zu widerlegen und aufzuzeigen, dass der Erzähler stattdessen eine bewusste, dialogisch-kommunikative Strategie verfolgt, die den Leser in die Neuverhandlung kultureller Diskurse einbindet.
Die Absage des Erzählers an ein viktorianisches Wirklichkeitsverständnis
Die dominante Kultur Amerikas war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in entscheidendem Maße von einer Genteel Tradition geprägt, die vehement für den Fortbestand eines aus aristokratischen Standards, feinen Umgangsformen, und viktorianischen Moralvorstellungen bestehenden Wertekatalogs eintrat, mit dem sie ein aufstrebendes Industriezeitalter auf didaktische Weise zivilisieren und gegen seine "vulgären" sozialen Realitäten abschirmen wollte. In ideologischer Hinsicht wurde sie diesbezüglich von einem Glauben an eine moralische Gesetzmäßigkeit des Universums, "einen ... stetigen – alle Lebensbereiche umfassenden – Fortschritt der menschlichen Zivilisation, ... [und] die Notwendigkeit moralischer Disziplinierung und Instruktion" geleitet, welche Fluck als die essentiellen Bestandteile eines viktorianischen Wertesystems beschreibt.
In diesem Zusammenhang dominierte auch ein Verständnis von Literatur, welches gemäß romantischen Leitvorstellungen „the highest expression of the ´Good, the True, and the Beautiful´“ verkörpern sollte, und den Leser entsprechend moralisch und spirituell zu beschwingen und auf einen metaphysischen Seinsbereich zu lenken vermochte. Ein weit verbreiteter literarischer Romantizismus, der das Gilded Age dominierte beispielsweise in Form viktorianischer Lyrik, dem Melodrama, sowie einer großen Anzahl der sentimental und romance tradition angehörenden – und immer wieder zu Bestsellern avancierenden - historical, sentimental und domestic romances, war vor diesem Hintergrund ideologischer Ausdruck des Kultur- und Literaturverständnisses.
1. Einleitung: Darstellung der Rezeptionsgeschichte von Sister Carrie und der Forschungsfrage bezüglich der Funktion des Erzählers.
2. Theoretische Grundlagen: Realismusansätze von Kolb und Fluck: Theoretische Einbettung in das Realismusverständnis des 19. Jahrhunderts und Einführung in Flucks Modell der Literatur als Kommunikationsprozess.
3. Die Absage des Erzählers an ein viktorianisches Wirklichkeitsverständnis: Analyse der ironischen Inversion sentimentaler Konventionen durch den Erzähler.
4. Das Weltbild des Naturalismus: Untersuchung der naturalistischen Determinierung der Figuren und der metaphorischen Sprache des Erzählers.
5. Der Erzähler und die Konsumideologie: Analyse der Rolle des Erzählers im Kontext der aufkommenden urbanen Konsumkultur.
6. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Widerlegung der Kritik am auktorialen Erzähler und Bestätigung seiner Funktion als kommunikatives Bindeglied.
Theodore Dreiser, Sister Carrie, Winfried Fluck, auktorialer Erzähler, Realismus, Naturalismus, Gilded Age, Konsumideologie, viktorianische Moral, Metaphorik, literarische Kommunikation, Sinnbildung, deterministisches Weltbild, soziale Konstruktion, erzählerische Strategie
Die Arbeit untersucht den Erzählstil in Theodore Dreisers Sister Carrie, insbesondere die Rolle des sogenannten „intrusive narrator“ (eindringlichen Erzählers).
Im Fokus stehen der amerikanische Realismus und Naturalismus, der sozio-kulturelle Kontext des amerikanischen „Gilded Age“ sowie die Darstellung von Konsumideologie und moralischen Wertewandeln.
Das Ziel ist es, die oft geübte literaturkritische Abwertung des Erzählers zu widerlegen, indem nachgewiesen wird, dass dessen Kommentare gezielte kommunikative Strategien im Sinne von Winfried Flucks Theoriemodell darstellen.
Die Autor setzt Flucks Modell der Literatur als „symbolic action“ und Kommunikationsprozess ein, um die narrative Organisation des Romans zu interpretieren.
Der Hauptteil analysiert die Ironisierung sentimentaler Konventionen, die Anwendung naturalistischer Erklärungsmodelle (Determinismus) und die Rolle des Erzählers bei der Vermittlung einer urbanen Konsumwelt.
Wichtige Begriffe sind u.a. Materialistic desire, intrusive narrator, Genteel Tradition, kommunikative Strategie und naturalistische Bildlichkeit.
Der Erzähler nutzt naturalistische Kommentare, um Carrie von einer direkten moralischen Stigmatisierung durch den Leser zu entbinden, indem er ihr Handeln als Folge ihrer sozialen und biologischen Determination darstellt.
Die Metaphorik dient dazu, das Unvermögen der Figuren zur rationalen Selbststeuerung zu verdeutlichen und sie als „Getriebene“ in einem chaotischen, urbanen Umfeld zu kennzeichnen.
Die Konsumwelt wird als eine treibende Kraft dargestellt, die bei den Figuren ein unstillbares Begehren („limitless desire“) auslöst, das oft in seelischer Leere und Entfremdung mündet.
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