Doktorarbeit / Dissertation, 2010
178 Seiten, Note: 2
Vorwort
Einleitung
Teil 1: Der Übermensch bei Nietzsche
Die Zeit
Dionysos
Zarathustra
Gott ist tot
Der Übermensch
Der Unmensch
Das Halkyonische
Das Schwergewicht
Der Gekreuzigte
Teil 2: Die Rezeption des Übermensch – Gedankens
Heidegger und Nietzsche
Heideggers Übermensch
Das Einfache
Das Volk
Hesse und Nietzsche
Zarathustras Wiederkehr
Werde der, der du bist
Vom Demian zum Steppenwolf
Das Glasperlenspiel
Hitler und Nietzsche
Zarathustras Schwester
Nietzsche im Dritten Reich
Zucht und Züchtung
Übermensch und T4
Nietzsche als Protofaschist
Teil 3: Neue Übermenschen – auf der Suche nach dem Subjekt
Georges Bataille: Das souveräne Subjekt
Michel Foucault: Das Subjekt zwischen Verschwinden und Autoformation
Gilles Deleuze: Das Viele und das Werden
Gianni Vattimo: Jenseits vom Subjekt
Der Menschenpark
Eugenik und Humangenetik
Zukunftsmenschen
Das Gewachsene und das Gemachte
Der operable Mensch
Das Gen
Das paradoxe Subjekt
Die Arbeit untersucht die Entwicklung und die vielfältige Rezeptionsgeschichte von Friedrich Nietzsches Übermensch-Idee im 20. Jahrhundert. Dabei wird analysiert, wie das philosophische Konzept einerseits in der nationalsozialistischen Ideologie instrumentalisiert wurde und andererseits in der literarischen sowie philosophischen Nachkriegsrezeption eine Transformation hin zu neuen Subjektentwürfen und biopolitischen Debatten erfuhr.
Gott ist tot
Wie bereits angedeutet, lassen sich im philosophischen Werk Nietzsches bestimmte, auch biographisch bedingte Schaffensperioden unterscheiden. Lou Andreas-Salomé, Nietzsches damalige Bekannte und Freundin, weist in ihrem Buch „Friedrich Nietzsche in seinen Werken“ darauf hin. Sie unterscheidet im Prinzip drei Entwicklungsphasen: eine von Schopenhauers Metaphysik und Wagners Ästhetik inspirierte, eine des „positivistischen Freigeistertums“ und seine letzte, die der neuen Zukunftsphilosophie. Lou von Salomé beschreibt in dieser Schrift die Art und Weise, wie Nietzsches philosophischer Erkenntnisprozess abläuft. Als wichtigsten Faktor hierfür nennt sie Nietzsches körperliches Leiden, das in wiederkehrenden Schüben fortwährend eine Lebens- und Geistesperiode von der vorhergehenden unterscheidet. In Nietzsches Schaffen findet man nicht den allmählichen Wandel eines natürlichen geistigen Wachstums, sondern ein „Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes nichts anderem zu entspringen scheinen, als einem Erkranken an Gedanken und einem Genesen an Gedanken.“
Nietzsche, so Salomé, reizt sich auf zu inneren Qualen und Erschütterungen, deren sein Geist bedarf, um den Erkenntnisprozess zu vollziehen. Dieses „Schmerzheischende“ scheint als durchgängiges Phänomen seine gesamte geistige Entwicklung zu bestimmen und stellt für Salomé die eigentliche Geistesquelle in ihr dar. Mit den sich selbst immer wieder zugefügten geistigen Erschütterungen erzeugt Nietzsche einen eigentlich religiösen Affekt; sein religiöses Genie, so Salomé, ist jene Geistesanlage, die sich am tiefsten und „unerbittlichsten“ mit seinem geistigen Vermögen vereint. In Nietzsche richtet sich der religiöse Impetus auf das Erkennen und er kann daher das religiöse Bedürfnis nicht in der Anbetung einer höheren Entität aufgehen lassen, sondern nur einen Rückbezug auf sich selbst herstellen. Sein Wesen kann nicht in einer höheren Einheit aufgehen, sondern erfährt eine innere Zweiteilung und Spaltung.
Die Zeit: Nietzsche fordert eine radikale Abkehr von Kompromissen und eine individuelle Selbstgestaltung entgegen der Masse.
Dionysos: Das Dionysische wird als Gegenentwurf zur Moral und als ästhetische Lebensbejahung etabliert.
Zarathustra: Das Werk beschreibt den Übergang von der Metaphorik zum Mythos in der Auseinandersetzung mit der Moderne.
Gott ist tot: Die Krise der Sinnfindung nach dem Verlust religiöser Gewissheiten wird als Ausgangspunkt philosophischer Neubestimmung analysiert.
Der Übermensch: Der Übermensch wird als Träger des Willens zur Macht begriffen, der die Erde und das Diesseits heiligt.
Der Unmensch: Die problematische Abgrenzung zwischen dem Übermenschen und den als „missraten“ betrachteten Typen wird kritisch beleuchtet.
Das Halkyonische: Das Halkyonische fungiert als Synonym für ein tanzendes Gleichgewicht und eine heitere Lebensbejahung.
Das Schwergewicht: Die „ewige Wiederkunft“ dient als ultimative Prüfung und Formel für die radikale Bejahung des Schicksals.
Der Gekreuzigte: Die Figur Jesu wird als „freier Geist“ einer evangelischen Lebenspraxis gegenüber dem Übermenschen kontrastiert.
Heidegger und Nietzsche: Heideggers Interpretation Nietzsches als Vollender der abendländischen Metaphysik wird analysiert.
Heideggers Übermensch: Die Figur wird bei Heidegger als vollendete Subjektivität und Repräsentant des Seins gedeutet.
Das Einfache: Die politische Radikalisierung in Heideggers Rektoratsrede wird auf seine Interpretation Nietzsches zurückgeführt.
Das Volk: Der Übergang von der individuellen Existenzphilosophie zum kollektiven Denken in der NS-Zeit wird kritisch untersucht.
Hesse und Nietzsche: Die literarische Rezeption Hesses zeigt die Suche nach Selbstfindung und „königlichem“ Menschentum.
Zarathustras Wiederkehr: Hesses politische Flugschrift nutzt Nietzsche als Appell an die Jugend zur Stärkung der Persönlichkeit.
Werde der, der du bist: Diese Maxime wird bei Hesse als Weg zur Authentizität und als Abkehr von äußeren Götzen interpretiert.
Vom Demian zum Steppenwolf: Die Krisen der Romanfiguren werden als Versuch einer Versöhnung gegensätzlicher Wesensanteile dargestellt.
Das Glasperlenspiel: Die späte Synthese bei Josef Knecht zeigt ein Ideal der geistigen Zucht und Harmonie.
Hitler und Nietzsche: Die umstrittene Nähe der NS-Ideologie zu Nietzsches Schriften und deren Verfälschung wird analysiert.
Zarathustras Schwester: Der manipulative Einfluss von Elisabeth Förster-Nietzsche auf die Verbreitung und Rezeption ihres Bruders wird dargestellt.
Nietzsche im Dritten Reich: Die Integration Nietzsches als integraler Bestandteil der NS-Weltanschauung wird historisch eingeordnet.
Zucht und Züchtung: Der Missbrauch der Lebensphilosophie für rassenhygienische Zwecke im NS-Staat wird aufgedeckt.
Übermensch und T4: Die Verbindung zwischen völkischer Ideologie und den nationalsozialistischen Vernichtungsprogrammen wird belegt.
Nietzsche als Protofaschist: Die Einordnung Nietzsches vor dem Nürnberger Gerichtshof diskutiert die ideologische Verantwortung für den Faschismus.
Georges Bataille: Das souveräne Subjekt: Batailles Interpretation fokussiert auf radikale, grenzüberschreitende Erfahrungen jenseits funktionaler Zweckmäßigkeit.
Michel Foucault: Das Subjekt zwischen Verschwinden und Autoformation: Foucault nutzt Nietzsches Genealogie zur Dekonstruktion überkommener Subjektivierungsweisen.
Gilles Deleuze: Das Viele und das Werden: Deleuze sieht in Nietzsche einen Vordenker des nomadischen Denkens und der Pluralität.
Gianni Vattimo: Jenseits vom Subjekt: Vattimo diskutiert die Auflösung des klassischen Subjektbegriffs im Kontext der Postmoderne.
Der Menschenpark: Sloterdijks Kritik an der humanistischen Tradition im Zeitalter gentechnischer Möglichkeiten wird analysiert.
Eugenik und Humangenetik: Die Kontinuität eugenischer Denkweisen nach 1945 trotz des Zusammenbruchs der NS-Ideologie wird kritisch reflektiert.
Zukunftsmenschen: Die Visionen des „künstlichen Menschen“ bei Denkern wie Herman J. Muller werden als Ausdruck technologischer Hybris dargestellt.
Das Gewachsene und das Gemachte: Die Verschiebung der ethischen Grenze im biotechnischen Zugriff auf den Menschen wird diskutiert.
Der operable Mensch: Die Transformation des Individuums zu einer Informationseinheit im Zeitalter der Hochtechnologie wird problematisiert.
Das Gen: Der moderne Gen-Diskurs wird als neues Management des Menschen und Fortführung eugenischer Logiken entlarvt.
Das paradoxe Subjekt: Das moderne Individuum zwischen genetischer Determination und dem Anspruch auf autonome Entscheidung wird als zentrale Paradoxie benannt.
Nietzsche, Übermensch, Nationalsozialismus, Eugenik, Existenzphilosophie, Heidegger, Hesse, Subjektkritik, Wille zur Macht, ewige Wiederkunft, Biotechnik, Humangenetik, Nihilismus, Postmoderne, Foucault.
Die Arbeit untersucht die philosophischen Ursprünge und die historische Rezeptionsgeschichte von Nietzsches Übermensch-Konzept, insbesondere seine Rolle im 20. Jahrhundert.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Rezeption durch Martin Heidegger und Hermann Hesse sowie späteren Denkern wie Georges Bataille, Michel Foucault, Gilles Deleuze und Peter Sloterdijk.
Es geht darum zu klären, wie die Übermensch-Idee sowohl in totalitären Ideologien (NS-Zeit) als auch in modernen philosophischen Subjektdiskursen instrumentalisiert oder transformiert wurde.
Die Autorin/der Autor verfolgt einen geistesgeschichtlichen und ideologiekritischen Ansatz, der Nietzsches Texte einer detaillierten Analyse unterzieht und sie in den Kontext der historischen Ereignisse sowie der philosophischen Nachkriegsrezeption stellt.
Der Hauptteil gliedert sich in drei Teile: Nietzsches eigene Philosophie, die Rezeption durch Nationalsozialismus und Eugenik, sowie die neuere Auseinandersetzung im Kontext der Biotechnik und Subjektphilosophie.
Der Übermensch fungiert bei Nietzsche als Ideal einer Lebensbejahung nach dem „Tod Gottes“, als jener Typus, der in der Lage ist, den Sinn der Erde und das eigene Schicksal im Sinne des „amor fati“ zu gestalten.
Während Heidegger den Übermenschen metaphysisch als Herrschaftsfigur und Erfüllung der Geschichte deutet, versteht Hesse das Konzept eher als Appell zur individuellen Selbstfindung und künstlerischen Freiheit.
Die Eugenik markiert eine fatale historische Schnittstelle, an der Nietzsches Ideen von „Züchtung“ durch das NS-Regime missbraucht und in Vernichtungsprogramme überführt wurden, was die politische Gefahr des Konzepts aufzeigt.
Das „Gen“ wird heute als zentrale Metapher der biotechnischen Optimierung kritisiert, wobei Autoren wie Sloterdijk oder Habermas die Folgen für das menschliche Selbstverständnis und die „Autonomie“ diskutieren.
Der Autor betont, dass der Übermensch bei Nietzsche letztlich unbestimmbar bleibt und eine instrumentelle Verwertung in optimierten technokratischen Systemen Nietzsches ursprüngliche Absichten verfehlt.
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