Magisterarbeit, 2009
95 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Nation und Vielvölkerreich in der Sowjetunion
3. Der Dekolonisationsprozess und die sowjetische Außenpolitik
4. Zwischen “sowjetischem” und “ausländischem” Orient: Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken als Vorbild für die Dritte Welt
5. Schluss
Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Geschichte der sowjetischen Beziehungen zur Dritten Welt nach 1953 stärker in die allgemeine Geschichte der Sowjetunion einzubinden und den Widerspruch zu untersuchen, warum die Sowjetunion als Vielvölkerreich die Idee der "nationalen Befreiung" in den europäischen Kolonien unterstützte.
1. Einleitung
Im Jahr 1957 kamen ungefähr 35000 Jugendliche aus aller Welt nach Moskau, um die Weltjugendfestspiele zu feiern. Nach Jahren extremer Isolation versuchte die Sowjetunion sich als ein offenes, gastfreundliches und multinationales Land zu präsentieren. Michel Ayih aus Ghana, der wenig später in Moskau studieren, sich aber sehr kritisch über seine Erfahrungen äußern würde, erinnert sich mit großer Begeisterung an die Weltjugendfestspiele:
“Mich überwältigte vor allem die Art, wie man uns Afrikaner behandelte. Überall nahm das schwarze Afrika einen Ehrenplatz ein...Das Wort Afrika auf unseren grellroten Transparenten steigerte unser Selbstbewußtsein. Hier war nichts von Rassendiskriminierung zu spüren. Im Gegenteil: unsere Volkstrachten, die wir voller Stolz trugen, machten uns zu besonders respektierten und offenbar geschätzten Gästen dieses Landes...Manchmal kam es vor, daß wir eine der vielen Veranstaltungen nur verspätet erreichten, aber jedesmal, wie von einer unsichtbaren Macht befohlen, erhoben sich alle Anwesenden spontan von ihren Sitzen. Sie unterbrachen ihre Feier, um uns – den Söhnen des schwarzen Afrika – minutenlang Beifall zu spenden.”
Das ganze Festival war national organisiert: jedes Volk führte seine nationalen Tänze auf, sang Nationallieder in verschiedenen Nationalsprachen, spazierte in nationalen Trachten durch Moskau – und zusammen feierte man die Völkerfreundschaft und sang den großen Hit des Festivals “pod moskovnye večera”. Was für die ausländischen Gäste galt, traf auch auf die Sowjetunion zu: die 2400 sowjetischen Künstler waren aus allen Republiken der Sowjetunion angereist und präsentierten ihre Nationalkulturen. Bei einem “Freundschaftswalzer” tanzten fünfzehn Paare in den jeweiligen Kostümen ihrer Republiken; es folgten Auftritte der Vertreter jeder einzelnen Republik und die Pravda ließ es sich nicht nehmen, die Völker der Sowjetunion, gekennzeichnet durch einige Elemente ihres „Nationalcharakters“, den Lesern vor Augen zu stellen: da gab es die “temperamentvollen Georgier”, die Moldawier, “deren Tänze das Blut zum Kochen bringen”, die “vor der Revolution so rückständigen” Tadžiken mit ihrem “nationalen Tanz”, der “Sjuzan”, nicht zu vergessen die Turkmenen mit ihrem unvergesslichen “Tanz der Teppichknüpfer”.
1. Einleitung: Die Einleitung thematisiert die Weltjugendfestspiele 1957 als Instrument zur Darstellung einer multinationalen Sowjetunion und skizziert das Forschungsziel, die Beziehungen zur Dritten Welt in die sowjetische Geschichte einzubetten.
2. Nation und Vielvölkerreich in der Sowjetunion: Dieses Kapitel behandelt die historische Entwicklung der sowjetischen Nationalitätenpolitik, insbesondere den Übergang von stalinistischen Methoden zur Chruščëv-Ära und dem Konzept des "Tauwetters".
3. Der Dekolonisationsprozess und die sowjetische Außenpolitik: Es wird die Reaktion der Sowjetunion auf den globalen Zerfall der europäischen Kolonialreiche und die damit verbundene Neuausrichtung der sowjetischen Außenpolitik in den 1950er Jahren untersucht.
4. Zwischen “sowjetischem” und “ausländischem” Orient: Die zentralasiatischen Sowjetrepubliken als Vorbild für die Dritte Welt: Das Kapitel analysiert die Rolle zentralasiatischer Kader als Vermittler und die Funktion des "Orients" als politisches Bindeglied zwischen der Sowjetunion und der Dritten Welt.
5. Schluss: Die Schlussbetrachtung fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert das Scheitern des sowjetischen "nation building"-Modells am Beispiel Afghanistans.
Sowjetunion, Dritte Welt, Dekolonisation, Nationalitätenpolitik, Chruščëv, Zentralasien, Internationalismus, Nationsbildung, Vielvölkerreich, Außenpolitik, Sozialismus, Kulturrevolution, Orientalistik, Identitätspolitik.
Die Arbeit untersucht das außenpolitische Engagement der Sowjetunion in der Dritten Welt während der Zeit der Dekolonisation und dessen enge Verknüpfung mit der sowjetischen Nationalitätenpolitik.
Die Schwerpunkte liegen auf dem sowjetischen Verständnis von Nation, der Rolle Zentralasiens als Vermittler sowie der Ausgestaltung des "sozialistischen Internationalismus" in der Praxis.
Die Arbeit hinterfragt, warum die Sowjetunion, selbst ein Vielvölkerreich, im 20. Jahrhundert eine der wichtigsten Unterstützerinnen der nationalen Befreiungsbewegungen in den Kolonien wurde.
Der Autor stützt sich auf eine tiefgehende Auswertung von Archivmaterialien, darunter Dokumente aus dem RGANI und GARF, ergänzt durch zeitgenössische Literatur und Autobiographien beteiligter Akteure.
Der Hauptteil analysiert die Entwicklung der Nationalitätenpolitik nach Stalins Tod, die sowjetische Reaktion auf den Dekolonisationsprozess nach 1955 und die konkrete Rolle zentralasiatischer Akteure bei der Gestaltung der Außenpolitik.
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Sowjetunion, Dritte Welt, Dekolonisation, Nationalitätenpolitik, Nationsbildung und Internationalismus geprägt.
Sie fungierten als "Orientspezialisten" und Musterbeispiele für einen erfolgreichen Aufbau nationaler Republiken, was die Sowjetunion als legitimen Akteur gegenüber Staaten der Dritten Welt positionieren sollte.
Der Autor stellt fest, dass die sowjetische Politik oft an kulturellen Missverständnissen und der mangelnden Flexibilität des sowjetischen Modells scheiterte, wobei sich die Sowjetunion zunehmend zum Ausrüster von Konflikten wandelte.
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