Bachelorarbeit, 2024
66 Seiten, Note: 2,3
Diese Bachelorarbeit hat das primäre Ziel, die Entwicklung und die Auswirkungen von institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem auf die Bildungschancen von Migrantenkindern seit den 1970er Jahren tiefgehend zu analysieren. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie haben sich die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem im Laufe der Geschichte bis heute entwickelt und welche Auswirkungen hatten diese auf die Bildungschancen von Migrantenkindern?“
3.1.1 Erste Phase der Beschulung: Integration auf Zeit
Zu Beginn der Beschulung von Kindern ausländischer Herkunft in Deutschland verfolgten die politisch Verantwortlichen das Ziel, den Schülerinnen und Schülern die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten ihrer Heimatländer zu bewahren. Aus diesem Grund wurden Kinder derselben Nationalität in separaten Klassen unterrichtet, wobei der Unterricht in ihrer Muttersprache durch Konsulatslehrerinnen und -lehrer stattfand, getrennt von den deutschen Schülerinnen und Schülern (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Diese Trennung im Bildungssystem wurde von Bildungspolitikern damit gerechtfertigt, dass man den Kindern die Möglichkeit erhalten wollte, in ihre Heimatländer zurückzukehren. Der muttersprachliche Unterricht wurde daher nicht als ein Schritt in Richtung einer multikulturellen Gesellschaft verstanden, sondern vielmehr als Mittel zur Vorbereitung auf eine mögliche Rückkehr der Gastarbeiterfamilien (vgl. Diefenbach, 2009, S. 154). Die Bildungspolitik war in dieser Phase stark von der Ausländerpolitik geprägt, die sich an den Bedürfnissen der ausländischen Arbeitskräfte orientierte (vgl. El-Mafaalani, 2020, S. 40).
Doch es zeigte sich, dass aus dem ursprünglich befristeten Aufenthalt vieler Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen eine dauerhafte Einwanderung wurde. Zwischen 1973 und 1979 stieg die Zahl der ausländischen Schülerinnen und Schüler in deutschen Schulen von etwa 300.000 auf 560.000 an, was einer Zunahme um das Anderthalbfache entspricht (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Es nahm einige Zeit in Anspruch, bis die Dringlichkeit dieser Entwicklung erkannt wurde. Ein Beispiel hierfür ist der Strukturplan für das Bildungswesen des Deutschen Bildungsrates von 1970, in dem die spezifischen schulischen Herausforderungen ausländischer Kinder und Jugendlicher völlig ignoriert wurden (vgl. Hopf, 1994, S. 368). Zu dieser Zeit war es noch weitgehend unvorstellbar, dass die Arbeitsmigrantinnen und -migranten mit ihren Familien langfristig in Deutschland bleiben würden und dass die Integration ihrer Kinder eine zentrale, dauerhafte Aufgabe für das Bildungssystem darstellen würde. Im Laufe der Zeit reagierten einige Bundesländer auf den demografischen Wandel in den Schulen, indem sie ihre ursprünglichen Bildungskonzepte aufgaben. So wurden die sogenannten „National- oder Übergangsklassen“, die ursprünglich zur Unterstützung der Rückkehroption eingerichtet wurden, aufgrund ihrer segregierenden Wirkung nach und nach abgeschafft. Während einige Bundesländer, wie Nordrhein-Westfalen, diesen Schritt schnell vollzogen, hielten andere, wie Bayern, über ein Jahrzehnt an diesem Modell fest, bevor es schließlich ebenfalls aufgegeben wurde (vgl. Fereidooni, 2010, S. 40). Diese „Nationalklassen“, in denen keine Deutschkenntnisse vermittelt wurde, hatten zur Folge, dass Schülerinnen und Schüler nicht-deutscher Herkunft mehrheitlich gezwungen waren beziehungsweise dazu angehalten wurden weiterführende Schulen mit förderpädagogischer Ausrichtung zu besuchen (vgl. Fereidooni, 2010, S. 42). Diese Entwicklung markiert einen Wendepunkt in der schulischen Integration von Kindern mit Migrationshintergrund, da immer deutlicher wurde, dass eine dauerhafte Lösung notwendig war, um die langfristige Integration dieser Kinder in das deutsche Bildungssystem und die Gesellschaft insgesamt sicherzustellen. Müller berichtete bereits 1974 in seinem Handbuch „Alarm für die Schule: Die Erziehung und Berufsbildung ausländischer Kinder drohen zu scheitern“:
Unsere Erziehungs- und Bildungssystem und darüber hinaus unsere Gesellschaft ist vor die Aufgabe gestellt, jetzt und in Zukunft Millionen ausländischer Arbeiter und ihre Familien zu integrieren. Die Gesellschaft und ihre Institutionen können sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Sie haben sie bisher nach Art und Graf so hinhaltend und abwehrend heruntergespielt, dass heute in der allernächsten Zukunft eine schwere und bedrohliche Hypothek abzutragen ist, die durch Ignorieren nur umso schneller weiterwächst (Müller, 1974, S. 9).
1. Einleitung: Skizziert die Rolle des deutschen Bildungssystems bei der sozialen Integration und dem Bildungserfolg von Migrantenkindern und beleuchtet die tief verwurzelten strukturellen Barrieren, die trotz Reformen fortbestehen.
2. Theoretischer Rahmen: Definiert Schlüsselbegriffe wie „institutionelle Benachteiligung“, „Migration“ und „Bildungssystem“, um die Mechanismen von Bildungsungleichheit zu analysieren.
3. Analyse struktureller Barrieren in Deutschland in der Geschichte bis in die Gegenwart: Untersucht die historische Entwicklung der Bildungspolitik für Migrantenkinder seit den 1970er Jahren, einschließlich der Beschulungsphasen für Gastarbeiterkinder und der Herausforderungen durch Flüchtlingswellen.
4. Empirische Grundlagen: Schulleistungsstudien: Präsentiert internationale Vergleichsstudien wie PISA und IGLU, um Bildungsungleichheiten in Deutschland, insbesondere den Einfluss des sozioökonomischen Status auf Leistung, zu beleuchten.
5. Die Herkunftseffekte: Erläutert primäre und sekundäre Herkunftseffekte, die Bildungsungleichheiten bei Kindern mit Migrationshintergrund beeinflussen, und analysiert deren Auswirkungen in Kindertageseinrichtungen und bei Übergangssituationen.
6. Skandinavische Bildungssysteme und Schulen in Deutschland: Vergleicht das deutsche Bildungssystem mit den inklusiveren skandinavischen Modellen, um Unterschiede in der Bildungs- und Sozialpolitik sowie deren Auswirkungen auf Chancengleichheit aufzuzeigen.
7. Schlussfolgerung: Fasst die Erkenntnisse über institutionelle und strukturelle Barrieren, frühe Selektion und Sprachdominanz zusammen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsbedarfe und mögliche Entwicklungen.
Institutionelle Benachteiligung, Migrantenkinder, Bildungssystem, Strukturelle Barrieren, Deutschland, Chancengleichheit, PISA-Studie, Herkunftseffekte, Sozioökonomischer Status, Integration, Flüchtlingswellen, Kompensatorische Bildungsmaßnahmen, Interkulturelle Pädagogik, Selektion, Sprachförderung.
Die Arbeit analysiert institutionelle und strukturelle Barrieren im deutschen Bildungssystem, die die Bildungschancen von Migrantenkindern nachhaltig beeinträchtigen.
Zentrale Themen sind die historische Entwicklung der Bildungspolitik für Migranten, primäre und sekundäre Herkunftseffekte, der Einfluss des sozioökonomischen Status sowie Vergleiche mit skandinavischen Bildungssystemen.
Die Forschungsfrage lautet: „Wie haben sich die institutionellen und strukturellen Barrieren im deutschen Bildungssystem im Laufe der Geschichte bis heute entwickelt und welche Auswirkungen hatten diese auf die Bildungschancen von Migrantenkindern?“ Das Ziel ist eine umfassende Analyse dieser Barrieren.
Die Arbeit verwendet eine analytische Methode, die auf der Auswertung von Studien und Berichten basiert, insbesondere internationaler Vergleichsstudien wie PISA und IGLU, sowie historischen Analysen der Bildungspolitik.
Der Hauptteil behandelt die Definition zentraler Begriffe, die historische Entwicklung struktureller Barrieren, die Rolle von Schulleistungsstudien (PISA) und die Analyse von primären und sekundären Herkunftseffekten sowie einen Vergleich mit skandinavischen Bildungssystemen.
Schlüsselwörter sind Institutionelle Benachteiligung, Migrantenkinder, Bildungssystem, Strukturelle Barrieren, Chancengleichheit, PISA-Studie, Herkunftseffekte, Integration, Flüchtlingswellen.
Anfangs zielte die Bildungspolitik auf "Integration auf Zeit" mit separaten muttersprachlichen Klassen ab, um eine mögliche Rückkehr zu ermöglichen, ignorierte aber die dauerhafte Einwanderung und führte zu Benachteiligung.
Primäre Herkunftseffekte beziehen sich auf unterschiedliche Ausgangsbedingungen und Lernvoraussetzungen aufgrund des familiären Hintergrunds, während sekundäre Effekte die von der sozialen Herkunft beeinflussten Bildungsentscheidungen betreffen, unabhängig von der tatsächlichen Leistung.
Skandinavische Systeme setzen auf Inklusion, längere gemeinsame Lernzeiten, umfassende staatliche Verantwortung und gezielte Förderung in Muttersprache und Zweitsprache, um soziale Ungleichheiten abzubauen, während das deutsche System stärker selektiv ist.
Die PISA-Studien haben Bildungsungleichheiten in Deutschland sichtbar gemacht und zu einem verstärkten öffentlichen Bewusstsein sowie Reformbemühungen geführt, um die Bildungsqualität und Chancengleichheit zu verbessern.
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