Bachelorarbeit, 2021
75 Seiten, Note: 1,0
Diese Arbeit widmet sich der vergleichenden Analyse deutschsprachiger Abschiedsbriefe aus dem 18. Jahrhundert und der heutigen Zeit, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten in ihrer Form, Funktion und sprachlichen Gestaltung herauszuarbeiten. Die zentrale Forschungsfrage lautet demnach: Wie unterscheiden sich zeitgenössische Abschiedsbriefe von ebensolchen des 18. Jahrhunderts und welche literarische Bedeutung lässt sich ihnen zuschreiben?
3.2.3 Werthers Abschiedsbrief
Die zeitgenössischen Rezensionen des Abschiedsbriefes von Werther an Lotte fokussierten sich vor allen Dingen auf die Authentizität des Schreibens, wobei die diesbezüglichen Urteile un- terschiedlich ausfielen (vgl. Schlinzig 2012:224). Die expliziten Formulierungen sowie der In- halt des Briefes sind zwar fiktional, könnten jedoch angelehnt an das realhistorische Original sein. Diese Annahme gründet auf einen Brief an Goethe aus dem Jahr 1772 (vgl. Paulin 1999:93). Die folgende Analyse, die sich vor allen Dingen auf den Inhalt des Briefes fokussiert, kann Anhaltspunkte für die inhaltliche Analyse von realhistorischen Abschiedsbriefen geben. Zunächst lässt sich festhalten, dass Werther mehrere Abschiedsbriefe hinterließ (vgl. Goethe 2019:104). Zwei sind an Lotte gerichtet und wurden scheinbar morgens bzw. spät abends ver- fasst. Die sprachliche Gestaltung der Botschaft verändert sich in ihrem typisch empfindsamen Duktus gegenüber vorherigen Briefen des Werther nicht. Aufgrund von zahlreichen Ausrufen, Emphasen, Ellipsen, Parenthesen, rhetorischen Fragen, Wiederholungen und der dementspre- chend zugrundeliegenden konzeptionellen Mündlichkeit erfüllt der Brief alle zuvor aufgeführ- ten Gellertʻschen Kriterien eines gelungenen Briefes (vgl. Schlinzig 2012:210). In allererster Linie wirkt der Brief wie die natürliche Abbildung des Gefühlszustandes des Verfassenden vor dessen Tod. Folgende Textstelle eignet sich als Beleg für die vorangegangenen Thesen:
„Und was ist das, dass Albert dein Mann ist? Mann! Das wäre denn für diese Welt – und für diese Welt Sünde, dass ich dich liebe, dass ich dich aus seinen Armen in die meinigen reißen möchte? Sünde? [...] Du bist von diesem Augenblicke mein! Mein, o Lotte! Ich geh voran!" (Goethe 2019:100)
Bezogen auf den Inhalt des Briefes lässt sich zunächst feststellen, dass er auf die Lesenden sehr verworren wirkt, was sich ebenfalls mit den Gellert‘schen Vorstellungen deckt. Zu Beginn phi- losophiert Werther über die Bedeutung des Wortes Sterben und drückt seine Unwissenheit über die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins aus. Er zeigt sich ungläubig in Anbetracht der Tatsache, dass er im Moment des Verfassens lebendig ist und schon bald danach tot sein wird. Daraufhin bittet der Titelheld um Vergebung für den Kuss der Kommunizierenden bei deren letztem Treffen. Zugleich zeigt er sich jedoch aufgrund seiner Empfindung nach besagtem Kuss ihrer Liebe sicher und beschreibt enthusiastisch, welch Gefühlsströmungen ihn während des Kusses erfasst haben, weshalb seine Reue diesbezüglich unglaubhaft wirkt. Darauf bezogen zeigt er sich überzeugt vom ewigen Bestehen ihrer Liebe zueinander, die aller Vergänglichkeit zum Trotz bestehen bleibt. Infolgedessen kommt Werther darauf zu sprechen, dass die Gesell- schaft sein Verlangen nach Lotte als Sünde begreift. Er fügt sich dieser normativen Verurtei- lung und begreift seinen Suizid als Strafe für diese Sünde. Es wirkt jedoch nicht so, als blicke der Werther reuevoll auf seine Gefühle und sein Verhalten in der Vergangenheit. Stattdessen
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Abschiedsbriefe ein, beleuchtet deren historische und gesellschaftliche Bedeutung und stellt die Forschungsfrage der Arbeit vor.
2 Terminologie: Hier werden die Schlüsselbegriffe „Brief" und „Abschiedsbrief" definiert und ihre Ambivalenz sowie historische Entwicklung in der deutschen und englischen Sprache erörtert.
3 Abschiedsbriefe im „Jahrhundert des Briefes": Das Kapitel untersucht die Rolle des Briefes im 18. Jahrhundert, analysiert den damaligen Suiziddiskurs in Gesellschaft und Literatur und führt qualitative Analysen realhistorischer Abschiedsbriefe dieser Epoche durch.
4 Abschiedsbriefe seit dem Ende der Moderne: Dieses Kapitel befasst sich mit der veränderten Bedeutung des Briefes seit den 1970er Jahren, dem modernen Suiziddiskurs in Gesellschaft und Literatur und präsentiert qualitative Analysen aktueller Abschiedsbriefe.
5 Gegenüberstellung der Erkenntnisse aus den qualitativen Analysen: Es werden die Ergebnisse der qualitativen Analysen beider Epochen gegenübergestellt, um prototypische Merkmale, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Abschiedsbriefe herauszuarbeiten.
6 Literarischer Wert von Abschiedsbriefen: Dieses Kapitel diskutiert die Frage, inwiefern realhistorische Abschiedsbriefe einen literarischen Wert besitzen können, basierend auf dem weiten und engen Literaturbegriff.
7 Schluss: Das Schlusskapitel fasst die zentralen Erkenntnisse der vergleichenden Analyse zusammen und formuliert abschließende Gedanken zur literarischen Bedeutung von Abschiedsbriefen sowie Anregungen für zukünftige Forschung.
Abschiedsbriefe, Suizid, Briefkultur, 18. Jahrhundert, Moderne, Vergleichende Analyse, Textlinguistik, Literatur, Selbsttötung, Briefkonventionen, Empfindsamkeit, Aufklärung, Narrativ, Authentizität, Forschungsfrage
Diese Arbeit befasst sich grundsätzlich mit der vergleichenden Analyse deutschsprachiger Abschiedsbriefe aus zwei verschiedenen Epochen: dem 18. Jahrhundert und der heutigen Zeit, um deren Entwicklung in Form, Funktion und sprachlicher Gestaltung zu untersuchen.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Textform des Briefes und ihre historische Entwicklung, den gesellschaftlichen und literarischen Diskurs um Suizid sowie die textlinguistische Untersuchung realhistorischer Abschiedsbriefe.
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, wie sich zeitgenössische Abschiedsbriefe von denen des 18. Jahrhunderts unterscheiden und welcher literarische Bedeutung ihnen zugeschrieben werden kann.
Die Arbeit verwendet eine qualitative Analyse ausgewählter Abschiedsbriefe, die textlinguistische Gesichtspunkte fokussiert, um formale, inhaltliche und sprachlich-stilistische Tendenzen zu erfassen.
Der Hauptteil behandelt die Bedeutung der Briefkultur in beiden Epochen, den gesellschaftlichen und literarischen Umgang mit Suizid und Abschiedsbriefen in historischen und modernen Kontexten und führt detaillierte qualitative Analysen von exemplarischen Abschiedsbriefen durch.
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Abschiedsbriefe, Suizid, Briefkultur, Vergleichende Analyse, Textlinguistik und Epochenvergleich charakterisiert.
Während im 18. Jahrhundert eine tiefe Spaltung der Gesellschaft und oft eine moralische Verurteilung des Suizids herrschte, kennzeichnen die Neuzeit eine zunehmende Enttabuisierung und Versachlichung, mit Fokus auf Ursachen und Prävention statt moralischer Bewertung, auch wenn Suizid noch immer ein Tabuthema ist.
Goethes Roman enthält den wohl berühmtesten literarischen Abschiedsbrief und löste im 18. Jahrhundert einen großen Medienskandal aus, beeinflusste maßgeblich den gesellschaftlichen Suiziddiskurs und diente als Referenz für die Analyse fiktionaler Abschiedsbriefe, die jedoch stark von realhistorischen abweichen.
Abschiedsbriefe des 18. Jahrhunderts waren oft umfangreich, detailliert begründend, zeugten von Textplanung und einem gehobenen Stil, der sich an zeitgenössischen Briefkonventionen orientierte; moderne Abschiedsbriefe sind hingegen meist kürzer, pragmatischer, oft impulsiver und weisen einen einfacheren, umgangssprachlichen Stil auf.
Ja, Abschiedsbriefe können literarischen Wert haben, insbesondere wenn sie stilisierte Sprache, ästhetische Mittel oder philosophische Reflexionen nutzen und über ihren rein pragmatischen Zweck hinaus eine tiefere Wirkung beim Lesenden erzielen, wie oft bei historischen Abschiedsbriefen der Fall ist, besonders durch ihre Veröffentlichung in Anthologien.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

