Diplomarbeit, 2010
178 Seiten, Note: 1,3
1 Einführung in die Problematik des sexuellen Missbrauchs
1.1 Einleitung
1.2 Definition
1.2.1 Begriffliche Abgrenzung
1.2.2 Differenzierung der Definitionen hinsichtlich der Bedeutungsreichweite
1.2.3 Kategorisierungsversuche im Hinblick auf unterschiedliche Blickwinkel und Bedeutungsschwerpunkte
1.2.4 Gemeinsame Elemente
1.2.5 Fazit und für die Arbeit relevante Definition
2 Ursachen sexuellen Missbrauchs – Erklärungsmodelle
2.1 Traditionelle Erklärungsansätze
2.1.1 Grundannahmen
2.1.2 Bewertung und Kritik traditioneller Erklärungsansätze
2.2 Familiendynamische Ansätze
2.2.1 Grundannahmen
2.2.2 Bewertung und Kritik familiendynamischer Erklärungsansätze
2.3 Feministisches Ursachenverständnis
2.3.1 Patriarchale Gesellschaftsstrukturen, Geschlechtsrollen und sexuelle Gewalt
2.3.2 Bewertung und Kritik des feministischen Ursachenverständnisses
2.4 Modell der vier Voraussetzungen nach David Finkelhor
2.4.1 Motivation
2.4.2 Innere Hemmungen
2.4.3 Äußere Hemmungen
2.4.4 Widerstand des Kindes
2.4.5 Schlussfolgerungen und Bewertung
2.5 Drei-Perspektiven-Modell sexueller Gewalt
2.5.1 Handlungsmotivation und tatbeeinflussende Repräsentationen
2.5.2 Kosten- Nutzen-Kalkulation
2.5.3 Tabellarische Übersicht
2.5.4 Verhältnis zwischen patriarchalischer Gesellschaftsstruktur, Individuum und sexuellem Missbrauch
3 Epidemiologie sexuellen Missbrauchs von Kindern
3.1 Inzidenz und Dunkelziffer
3.2 Prävalenz
3.2.1 Forschungsmethodische Probleme
3.2.2 Wichtige Prävalenzstudien
3.2.3 Fazit
4 Umstände und Hintergründe sexuellen Missbrauchs von Kindern
4.1 Bekanntschaftsgrad zwischen Opfern und Tätern
4.2 Dauer bei innerfamilialem und außerfamilialem sexuellen Missbrauch
4.3 Art der sexuellen Übergriffe
4.4 Alter der Opfer
4.5 Soziale Hintergründe
4.5.1 Schichtzugehörigkeit
4.5.2 Elterliche Bildung
4.5.3 Regionale Herkunft
4.6 Familiäre Hintergründe
4.7 Regeln und Einstellungen innerhalb der Familie
5 Täterstrategien
5.1 Kontaktaufnahme und Auswahl der Opfer
5.2 Emotionale Zuwendung und körperliche Gewalt
5.3 Strategien der sexuellen Annährung
5.4 Täuschung der Wahrnehmung des Opfers
5.5 Sexueller Missbrauch als Geheimnis
5.6 Isolation und Schuldzuweisung
6 Psychodynamik des Opfers
6.1 Vertrauensverlust
6.2 Sprachlosigkeit
6.3 Schuld- und Schamgefühle
6.4 Angst und Ohnmacht
6.5 Die Beziehung zur Mutter – Ein Exkurs ins mütterliche Erleben innerfamilialen sexuellen Missbrauchs
6.5.1 Konfrontation mit dem Missbrauch
6.5.2 Soziale und ökonomische Konsequenzen
6.5.3 Wahrnehmung des Missbrauchs
6.5.4 Eigene Gewalt- und Missbrauchserfahrungen
6.5.5 Beziehung zwischen Opfer und Mutter
6.5.6 Erwartungen an die Mütter
6.6 Beziehung zwischen Opfer und Geschwistern
7 Intervention bei sexuellem Missbrauch
7.1 Voraussetzungen zur Intervention
7.2 Leitlinien und Vorgehen
7.3 Umgang mit dem betroffenen Kind
7.3.1 Das Gespräch mit dem Kind
7.4 Fazit
8 Prävention
8.1 Ebenen der Prävention
8.2 Konsequenzen bisheriger Überlegungen für die Präventionsarbeit
8.2.1 Ursachen sexuellen Missbrauchs von Kindern
8.2.2 Risikofaktoren
8.2.3 Zielgruppen und Zielrichtungen
8.3 Präventionsarbeit mit Kindern
8.3.1 Wandel der Präventionskonzepte
8.3.2 Vorbedingungen präventiver Arbeit mit Kindern
8.3.3 Zentrale Themenbereiche und Ziele präventiver Arbeit
8.3.4 Sexualerziehung und Thematisierung des Missbrauchs
8.4 Wirksamkeit der Prävention
8.4.1 Ergebnisse der Evaluationsstudien von Präventionsprojekten mit Kindern – Tabellarische Übersicht
8.4.2 Meta-Analyse
8.4.3 Zusammenfassung der Evaluationsergebnisse zur Wirksamkeit der Prävention mit Kindern
8.4.4 Ausblick
8.4.5 Kritik an Präventionsprogrammen mit Kindern
8.5 Präventive Elternbildung
8.5.1 Grundlagen der Elternbildung
8.5.2 Inhalte und Ziele der Elternbildung
8.5.3 Strukturelle und institutionelle Anforderungen
8.6 Täterprävention
8.6.1 Inhalte und Ziele der Täterprävention
8.7 Perspektiven der Prävention
9 Schlussbemerkung
Die vorliegende Diplomarbeit untersucht die Bedeutung des innerfamilialen sexuellen Missbrauchs von Mädchen durch (Stief-)Väter für die Arbeit in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern. Zentrale Forschungsfrage ist, welche Bedeutung diese Thematik für die soziale Arbeit hat und welche Interventions- sowie Präventionsmöglichkeiten sich für Fachkräfte ergeben, um betroffene Mädchen effektiv zu unterstützen und Missbrauch langfristig zu verhindern.
1.1 Einleitung
„Er zog mich an einem Nachmittag, als er frei hatte und Lou mit Mama in der Stadt war, am Arm in die Küche rein und machte die Vorhänge zu, da wußte ich schon, was kommt. Das war mein Signal, der Auftakt, bei mir ging der Vorhang nicht auf, sondern zu. Ich saß im Zwielicht vor ihm auf einem Stuhl und dachte, das müsse doch draußen einer sehen, da muß sich doch irgendein Mensch sorgen, wenn der Vorhang einer Küche tagsüber zugeht und nach einer halben Stunde wieder aufgeht, da muß doch einer kommen und klingeln, mich befreien mit einem Ton […] und der [Vater; D.H.] erzählte mir derweil mit seinem Gummigesicht, daß ich mittlerweile ins Gefängnis kommen würde, mit dem, was ich da mit ihm mache, und er dann leider fortlaufen müsse und daß sie die Kinder wirklich hinter Gitter sperren, und ich stellte mir vor, wie meine Arme durch Eisenstäbe fuchteln. Aber die Gefahr sei nicht so groß, sagte er, wenn ich den Mund halten würde und ihm zeigen, wie lieb ich ihn hab, und er zeige mir dafür die schönsten Dinge, ich solle nur fein artig mein Höschen ausziehn und ihm meine Muschi zeigen. Ich lernte von meinem Vater, was ein Kitzler ist und wie man mit dem Finger daran spielt, und er freute sich so sehr wenn ich das tat, vor ihm, dass er mich seinen liebsten Schatz nannte. […] Ich wußte nicht, warum das so war. Warum sich mein Vater zuweilen auflöste und meinen Mund voll Spukke [sic!] laufen ließ, warum es nicht klingelte und warum die Polizei schon auf mich lauerte.“ (Dirks 2008, S.56 f.; Einfügungen und Auslassungen: D.H.)
Der sexuelle Missbrauch von Kindern ist lange ein Tabuthema gewesen. Erst seit Beginn der 1980er Jahre ist die Problematik infolge der Frauenbewegung und den damit verbundenen Äußerungen betroffener Frauen zunehmend zum Gegenstand gesellschaftlicher, wissenschaftlicher und politischer Diskussion geworden.
1 Einführung in die Problematik des sexuellen Missbrauchs: Dieses Kapitel definiert den Begriff des sexuellen Missbrauchs und grenzt ihn von verwandten Termini ab, um eine Grundlage für die weitere wissenschaftliche Analyse zu schaffen.
2 Ursachen sexuellen Missbrauchs – Erklärungsmodelle: Hier werden verschiedene Erklärungsansätze für den sexuellen Missbrauch diskutiert, wobei das „Drei-Perspektiven-Modell“ als zentraler theoretischer Rahmen für Intervention und Prävention eingeführt wird.
3 Epidemiologie sexuellen Missbrauchs von Kindern: Das Kapitel befasst sich mit der statistischen Erfassung des Missbrauchs, insbesondere der Problematik von Inzidenz, Prävalenz und der hohen Dunkelziffer.
4 Umstände und Hintergründe sexuellen Missbrauchs von Kindern: Hier werden soziale und familiäre Faktoren wie Täter-Opfer-Bekanntschaft, Schichtzugehörigkeit und die Bedeutung von „broken homes“ analysiert.
5 Täterstrategien: Dieses Kapitel erläutert die bewussten Vorgehensweisen von Tätern, wie die Auswahl der Opfer, die emotionale Manipulation und die Sicherung der Geheimhaltung.
6 Psychodynamik des Opfers: Hier wird das psychische Erleben der Opfer beleuchtet, einschließlich Vertrauensverlust, Schuld- und Schamgefühlen sowie der besonderen Dynamik in der Mutter-Kind-Beziehung.
7 Intervention bei sexuellem Missbrauch: Das Kapitel bietet konkrete Leitlinien für die sozialpädagogische Praxis beim Verdacht auf Missbrauch, inklusive der Gesprächsführung mit dem Kind.
8 Prävention: Hier werden Ebenen, Zielgruppen und Wirksamkeit von Präventionsprogrammen diskutiert, wobei der Fokus auf einem erzieherischen Gesamtkonzept statt punktueller Maßnahmen liegt.
9 Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert die Notwendigkeit eines interdisziplinären, kooperativen Vorgehens und einer strukturellen Verankerung von Prävention in Institutionen.
Sexueller Missbrauch, innerfamilialer Missbrauch, Sozialpädagogik, Prävention, Intervention, Täterstrategien, Machtgefälle, Dunkelziffer, Opfererleben, Kinderschutz, Elternbildung, Drei-Perspektiven-Modell, Vertrauensverlust, Schuldgefühle, Mädchenschutz.
Die Arbeit analysiert die Bedeutung des innerfamilialen sexuellen Missbrauchs von Mädchen durch Väter oder Stiefväter und zeigt auf, wie sozialpädagogische Arbeitsfelder professionell mit dieser Problematik umgehen können.
Die zentralen Felder sind die theoretischen Erklärungsmodelle des Missbrauchs, die Psychodynamik der betroffenen Mädchen, die strategische Vorgehensweise von Tätern sowie die Möglichkeiten der Intervention und Prävention in sozialen Einrichtungen.
Das Ziel ist es, die spezifische Problematik des innerfamilialen Missbrauchs zu durchdringen und daraus Handlungsleitlinien für die Soziale Arbeit abzuleiten, um den Schutz betroffener Kinder zu gewährleisten.
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf einer umfassenden Literaturrecherche, der Auswertung empirischer Studien und der Anwendung sozialwissenschaftlicher Modelle zur Erklärung von Gewalt und Machtstrukturen basiert.
Der Hauptteil gliedert sich in die Ursachenanalyse (Erklärungsmodelle), die Epidemiologie, die Untersuchung familiärer und sozialer Hintergründe, die Analyse von Täterstrategien sowie die Entwicklung von Interventions- und Präventionskonzepten.
Die Arbeit fokussiert auf Begriffe wie innerfamilialer Missbrauch, Prävention, Täterstrategien, Kinderschutz, Machtverhältnisse und die sozialpädagogische Interventionspraxis.
Die Täter-Perspektive fragt nach Faktoren, die sexuelle Gewalt fördern oder hemmen, während die Opfer-Perspektive die Bedingungen untersucht, die den Widerstand des Kindes erschweren oder begünstigen.
Die Mutter steht oft in einer psychologisch ambivalenten Situation zwischen der emotionalen Bindung an den Partner und der Fürsorgepflicht für ihr Kind. Die Arbeit betont, dass Mütter ebenfalls Unterstützung benötigen, um aus ihrer oft traumatisierten Lage heraus das Kind besser schützen zu können.
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