Bachelorarbeit, 2025
51 Seiten, Note: 0,7
1. Einleitung
1.1. Der Aufbau der Arbeit
2. Theoretischer Rahmen
2.1 Nationalismus und Orthodoxie
2.2 Anti-Westliche Narrative und orthodoxe Kirchen
2.3 Vernacular Religion im Spannungsfeld von Orthodoxie und Nationalismus
3. Die Wechselwirkungen zwischen Nationalismus und Orthodoxie in Georgien
4. Methodik
4.1 Digitale Ethnographie: Das Forschungsfeld ,,Facebook’’
4.2 Methodisches Vorgehen
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal
5.1 Öffentliche Reaktionen
5.1.1 Kommentare
5.1.2 Mediale Rezeption
5.1.3 Die Reaktion der GOK
5.2. Zum Begriff des Sakrilegs im georgischen Kontext
5.3. Phalluskerze als sibilts’e?
6. Nationaltrachten als sakrale Objekte?
7. Diskussion
7.1. Wer bestimmt das Sakrale?
7.2. Politische Instrumentalisierung des religiösen Nationalismus und ihre diskursiven Effekte
8. Fazit
Die Bachelorarbeit untersucht das symbiotische Verhältnis zwischen Nationalismus und orthodoxer Religion in Georgien. Dabei wird analysiert, wie ursprünglich profane Symbole wie die georgische Nationaltracht durch gesellschaftliche Prozesse und politische Akteure sakralisiert werden und welche Rolle diese Sakralisierung in der Verbreitung anti-westlicher Diskurse spielt.
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal
Zwei Frauen betreten mit schwerem Atem einen Souvenirladen in der Altstadt von Tiflis. Mit einem Smartphone in der Hand und einem laufenden Livestream auf Facebook stellen sie sich als „Zivilaktivistinnen“ der Bewegung sakartvelo upirveles q’ovlisa vor - Khatia Janashia und Sidonia Khomeriki. Khatia richtet die Kamera auf ein Regal, das sie besonders ins Visier genommen hat. Zwischen georgischen Nationaltrachten, Flaggen und Kreuzen der hl. Königin Tamar, liegen phallusförmige Kerzen in bunten Farben.
„Warum bringen Sie so etwas hier rein?“29, ruft Khatia empört, während sie die Kamera auf die Kerzen hält. Im Hintergrund ist die leise Stimme Sidonias zu hören, die mit einer Verkäuferin spricht: „Haben Sie solche Dinge schon mal in Europa gesehen?“30 - fragt die Verkäuferin leicht ironisch. „Europa interessiert mich nicht. Ich lebe in Georgien!“31, unterbricht Sidonia laut, als hätte sie genau auf dieses Stichwort gewartet. „Leben Sie jetzt in Europa? Sind Sie in Europa?“32 Ihre Stimme wird lauter und lauter: „Sie reden, als ob Sie in Europa geboren und aufgewachsen wären.“33 Man merkt direkt, dass die beiden Aktivistinnen sich nicht unbedingt als Europäerinnen fühlen und auch nicht besonders pro-europäisch eingestellt sind, was die EU-Integration Georgiens angeht.
1. Einleitung: Einführung in das Forschungsthema der Symbiose von Nationalismus und Religion in Georgien und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
2. Theoretischer Rahmen: Diskussion wissenschaftlicher Konzepte zu Nationalismus, Orthodoxie und dem Begriff der vernacular religion im religiösen Kontext.
3. Die Wechselwirkungen zwischen Nationalismus und Orthodoxie in Georgien: Historische Rekonstruktion der engen Verflechtung von Staat, Kirche und nationaler Identität in Georgien.
4. Methodik: Erläuterung des qualitativen Ansatzes mittels digitaler Ethnographie auf Facebook und diskursanalytischer Methoden.
5. Fallbeispiel: Eine Phalluskerze in einem Tiflisser Souvenirladen als öffentlicher Skandal: Analyse einer konkret inszenierten Provokation, der Reaktionen darauf und der dahinterliegenden Begriffslogik von Sakralität.
6. Nationaltrachten als sakrale Objekte?: Historische Untersuchung der čokha als Identitätsmarker und deren Transformation zum sakralisierten Symbol.
7. Diskussion: Synthese der Ergebnisse hinsichtlich der Deutungshoheit über das Sakrale und der politischen Nutzung religiöser Narrative.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Dynamik zwischen Alltagspraxis, kirchlicher Integration und politischer Instrumentalisierung.
Nationalismus, Orthodoxie, Georgien, Sakralisierung, vernacular religion, Nationaltracht, čokha, anti-westliche Narrative, digitale Ethnographie, Diskursanalyse, Identität, Religion, Politik, Souvenirladen, religiöser Nationalismus.
Die Arbeit befasst sich mit dem komplexen und symbiotischen Verhältnis zwischen georgischem Nationalismus und der Georgisch-Orthodoxen Kirche.
Im Zentrum stehen die Sakralisierung nationaler Symbole, die Verbreitung anti-westlicher Narrative und die Rolle gelebter Religion (vernacular religion) bei gesellschaftlichen Konflikten.
Ziel ist es, exemplarisch aufzuzeigen, wie politisch motivierte Akteure religiöse Gefühle instrumentalisieren, um gesellschaftliche Diskurse zu dominieren.
Die Autorin nutzt einen interdisziplinären Ansatz, bestehend aus qualitativer Diskursanalyse, historischer Rekonstruktion und einer digitalen ethnographischen Untersuchung auf der Plattform Facebook.
Der Hauptteil analysiert ein konkretes Fallbeispiel (den Skandal um eine Phalluskerze in einem Souvenirladen) sowie die historische Entwicklung der georgischen Nationaltracht čokha.
Wichtige Begriffe sind unter anderem Nationalismus, Orthodoxie, Sakralisierung, Identitätspolitik und vernacular religion.
Die Arbeit zeigt, dass offizielle kirchliche Institutionen oft erst auf Entwicklungen reagieren, die in der sogenannten vernacular religion (gelebten Religion) entstanden sind, um diese anschließend zu legitimieren oder zu steuern.
Sie wird von Aktivistinnen als Symbol für eine vermeintliche „Verderbtheit“ Europas instrumentalisiert, die im direkten Widerspruch zu den als sakral definierten Werten der georgischen Nation steht.
Facebook dient als Hauptplattform für die Mobilisierung nationalistischer Gruppen, die durch die gezielte Verbreitung von Inhalten und die Inszenierung von Skandalen gesellschaftliche Stimmung erzeugen.
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