Bachelorarbeit, 2025
62 Seiten, Note: 2
c_1
2. Grundlagen der tiergestützten Arbeit
3. Vorentscheidungen zur Implementierung tiergestützter Pädagogik in der Kindertagesstätte
4. Pädagogische Umsetzung tiergestützter Pädagogik in der Kindertagesstätte
5. Evaluation und Qualität tiergestützter Pädagogik in der Kindertagesstätte
6. Fazit
Literaturverzeichnis
1 TGI nach Wohlfarth 2021
2 Zielgruppen & Zielsetzung TVT Merkblatt Nr. 131 2021, S.4
3 Biophiliekategorien lt. Kellert 1993 nach Vernooij/ Schneider 2018, S. 6-7
4 Einwirkbereiche TGI nach Vernooij 2015, eigene Darstellung
5 Effekte TGI nach Beetz 2024
6 Übertragungswege Tier - Mensch nach Lembke 2010
7 Interaktionsformen nach Vernooij/ Schneider 2018, S.156
8 PDCA- Zyklus nach Stangl 2025
9 Sieben Schritte Verfahren nach Tietze et al. 2017, eigene Darstellung
Die Interaktion zwischen Menschen und Tieren kann tiefgreifende, positive Auswirkung auf das emotionale, soziale und kognitive Wohlbefinden des Menschen haben. Mit Blick auf die Entwicklungsfenster der frühen Kindheit und die Aufgabe hier eine positive Entwicklung herbeizuführen, bietet diese Interaktion eine großartige Chance. Diese Beobachtung führt zu der Frage, wie tiergestützte Pädagogik erfolgreich in einer Kindertagesstätte implementiert werden kann. Die vorliegende Arbeit untersucht die Möglichkeit einer solchen Implementierung auf Grundlage umfassender Literaturrecherchen und dem Einbezug von Informationen von Dachverbänden und deren Fachgruppen. Die Entstehung tiergestützter Arbeit und ihre historische Entwicklung wird im Verlauf der Arbeit ebenso beleuchtet wie die Differenzierung der möglichen Einsatzfelder tiergestützter Arbeit, der Zielgruppen, der Ziele, der Wirkweisen und der zu erfüllenden Rahmenbedingungen. Die dabei vorrangig heraus gearbeiteten Rahmenbedingungen betreffen sowohl tierschutzrechtliche Gegebenheiten, welche erfüllt werden müssen als auch Rahmenbedingungen in der Kindertagesstätte und der beteiligten Personen selbst. Die zu erfüllenden Rahmenbedingungen in der Kindertagesstätte wiederum betreffen sowohl die Arbeit in der Erziehungs- und Bildungspartnerschaft mit den Erziehungsberechtigten als auch die Kommunikation mit dem Träger oder übergeordneten Behörden wie dem für die Betriebserlaubnis zuständigen Landesjugendamt. Zusätzlich dazu werden Themen wie Finanzierung, Möglichkeiten, Bedenken, mögliche Grenzen oder Einschränkungen, die Auswahl des richtigen Tieres, die Vorbereitung und Integration des Teams, die Erwartungen an Beobachtungen und Dokumentationen, Evaluationen und die mögliche konzeptionelle Einbindung fachlich beleuchtet. Das Ergebnis ist ein wissenschaftlich gestützter Leitfaden zur Implementierung tiergestützter Pädagogik in der Kindertagesstätte, ohne Festlegung auf eine bestimmte Tierart. Zugleich versteht sich die Arbeit auch als Handlungsempfehlung für pädagogische Fachkräfte, die sich in diesem Bereich mit validem Fachwissen weiterbilden möchten.
Schlüsselwörter
# tiergestützte Pädagogik # wissenschaftliche Grundlagen tiergestützter Arbeit # historische Entwicklung # Implementierung # Leitfaden # Elementarpädagogik
AAA Animal Assisted Activities
AAT Animal Assisted Therapy
bmfsfj Bundesministerium für Frauen, Senioren, Familie und Jugend
bspw. beispielsweise
BTI Bundesverband Tiergestützte Intervention
bzgl. bezüglich
bzw. beziehungsweise
ESAAT European Society for Animal Assisted Therapy
ebd. ebenda, ebendieser
et al. et alii, lateinisch `und andere`
evtl. eventuell
ggf. gegebenenfalls
HAS Human- Animal Studies
IAHAIO International Association of Human-Animal Interaction Organizations
IfSG Infektionsschutzgesetz
ISAAT International Society for Animal Assisted Therapy
Kita Kindertagesstätte
LMHV Lebensmittelhygieneverordnung
lt. laut
MTB Mensch-Tier-Beziehung
MTI Mensch- Tier-Interaktion
ÖKL österreichisches Kuratorium für Landtechnik und Landentwicklung, Wien
PDCA Plan Do Check Act-Zyklus
PR Public Relations
QM Qualitätsmanagement
SGB Sozialgesetzbuch
sic! lateinisch `so, wirklich so`
TGA Tiergestützte Aktivität
TGC Tiergestütztes Coaching
TGF Tiergestützte Förderung
TGI Tiergestützte Intervention
TGP Tiergestützte Pädagogik
TGT Tiergestützte Therapie
TierSchG Tierschutzgesetz
TVT Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz e.V.
z.B. zum Beispiel
Die vorliegende Bachelorarbeit behandelt die Frage, wie die Implementierung tiergestützter Pädagogik in eine Kindertagesstätte gelingen kann. Ausschlaggebend zur Themenfindung war die eigene, durch den Dachverband International Society for Animal Assisted, kurz ISAAT[1], zertifizierte Zusatzausbildung der Autorin selbst zur Fachkraft für Tiergestützte Interventionen und Pädagogik. Im Verlauf dieser Ausbildung konnte die Autorin immer wieder feststellen, wie viel Scharlatanerie im Bereich der tiergestützten Arbeit betrieben wird und die Qualität der angebotenen tiergestützten Arbeit oft mangelhaft ist. Sei es einfach aus mangelnder Information im Vorfeld einer vermeintlichen Ausbildung oder aus reiner Profitgier. Die unprofessionelle Ausführung vieler tiergestützten Angebote wiegt umso schwerer, da gerade dieser Bereich der Pädagogik in den letzten Jahren einen enormen Boom erfahren hat. Eine mögliche Ursache für den starken Anstieg tiergestützter Angebote liegt sicher darin begründet, dass es immer mehr Studien gibt, welche den positiven Effekt von Tieren auf Menschen belegen. Tiere können soziale Fähigkeiten fördern, emotional unterstützen und Stress reduzieren. Gerade Letzteres ist in unserer schnelllebigen Zeit ein starkes Argument. Auch auf die Kleinsten der Gesellschaft zeigt der Druck der Zeit Wirkung. Diese Beobachtung und das zunehmende Verlangen der Pädagogik nach ganzheitlichen Förderungsansätzen führen unweigerlich zu einer tierunterstützten Pädagogik. Welche Gründe nun zu einer bereits erwähnten mängelbehafteten Ausgangsbasis der tiergestützten Arbeit führen, ist von Fall zu Fall sicher unterschiedlich zu bewerten. Dennoch ist die Folge zumeist eine fehlerhafte Durchführung, welche im besten Fall ohne Wirkung bleibt, zumeist jedoch geeignet ist Schäden unterschiedlichsten Ausmaßes bei Menschen oder Tieren hervorzurufen. Um die tiergestützte Pädagogik als spezielles Gebiet soll es in dieser Arbeit gehen, da die Autorin selbst eine pädagogische Grundprofession innehat. Der Begriff Kindertagesstätte, kurz Kita, hier Synonym verwendet zu Elementarpädagogik, wird unter der Leserschaft dieser Arbeit von der Autorin per se als bekannt vorausgesetzt, da es sich um eine Facharbeit im Bereich Sozialwissenschaften handelt. Daher erschien es zulässig, die behandelte Altersklasse im Rahmen der hier dargestellten Kindertagesbetreuungsform erst unter den Punkten drei und vier näher zu erläutern. Ziel dieser Arbeit ist es, den Mehrwert tiergestützte Pädagogik sowohl für Fachkräfte als auch für Außenstehende wie Erziehungsberechtigte oder Träger aufzuzeigen. Zudem soll den Fachkräften einen wissenschaftlich fundierten Leitfaden an die Hand geben werden, welcher ihnen bei der gelingenden Implementierung einer solchen Pädagogik wegweisend zur Seite steht. Die Vorgehensweise dieser Arbeit beruht auf einer umfassenden Literaturrecherche. Diese Methode ermöglicht eine Analyse der Wirkmechanismen und Voraussetzungen für die erfolgreiche Implementierung tiergestützter Pädagogik in einer Kita. Die Arbeit ist in insgesamt sechs Kapitel gegliedert, um eine strukturierte und umfassende Auseinandersetzung mit dem Thema zu gewährleisten. Kapitel eins ist diese Einleitung, welche die Leserschafft in das Thema der Arbeit und die ausschlaggebenden Gründe dieser einführt. Kapitel zwei befasst sich mit den Grundlagen der tiergestützten Arbeit, wie zum Beispiel der historischen Entwicklung und dem gegenwärtigen Stand, der Unterscheidung und Definition verschiedener Einsatzgebiete, der Definition wichtiger Fachtermini, mit Effekten und Wirkweisen. Hintergrund dieser historischen Recherche ist die Annahme der Autorin, dass die Umsetzung umso besser gelingt, je größer das eigene Verständnis für und das Wissen um die Zusammenhänge ist. Ihrer persönlichen Erfahrung nach schafft Wissen Sicherheit, wovon sie auch in diesem Fall ausgeht. Im weiteren Verlauf der Arbeit werden die notwendigen Schritte für die erfolgreiche Implementierung in der Kita selbst beleuchtet. So behandelt Kapitel drei die Vorentscheidungen, die dem tiergestützten Einsatz in der Kita als Planung vorausgehen müssen. Dieses Kapitel stellt heraus, welche Schritte nötig sind, um von der Idee in die Praxis zu gelangen und dabei eine gute strukturelle Qualität zu gewährleisten. Dabei ist der Autorin in Hinblick auf die wissenschaftliche Erarbeitung die literaturgestützte Untermauerung der einzelnen Schritte und die Beachtung der geltenden rechtlichen und ethischen Vorgaben besonders wichtig, da dies den Unterschied zur Arbeit aus dem Gefühl heraus darstellt. Kapitel vier behandelt den Prozess selbst, die praktische, pädagogische Umsetzung im Kindergarten und bezieht sich dabei sowohl auf Methoden und Material als auch auf Vorbereitung oder Umsetzung bei Mensch und Tier. Ganz konkret werden hier die Zielsetzung und Möglichkeiten der Zielerreichung behandelt, ebenso wie mögliche Gegenanzeigen, der Umgang mit diesen und möglichen Dokumentationsmöglichkeiten. Kapitel fünf behandelt die Möglichkeit der Evaluation, welche im Sinne des Bildungsauftrages, den die Kindertagesstätte als Bildungseinrichtung verfolgt gesetzlich ebenso verpflichtend ist, wie für die Umsetzung einer fachlich fundierten Umsetzung tiergestützter Arbeit im Sinne der Dachverbände ISAAT, der European Society for Animal Assisted Therapy, kurz ESAAT[2] und des Bundesverbandes Tiergestützter Interventionen, kurz BTI[3]. Das Fazit am Ende der Arbeit fasst die wichtigsten Erkenntnisse zusammen und gibt einen zusammenfassenden Überblick über die nachhaltige Verwendungsmöglichkeiten der vorliegenden Bachelorarbeit als Handlungsempfehlung für pädagogische Fachkräfte und als Leitfaden zur Implementierung.
Der Einsatz von Tieren im Elementarbereich erfordert Vorbereitung. Im ersten Schritt muss Überzeugungsarbeit geleistet werden. Kollegen, Träger, übergeordnete Institutionen und Erziehungsberechtigte sind hier zu involvieren. Um zu verhindern, dass statt Überzeugung eine Art Überredung stattfindet, gilt es selbst umfassend informiert zu sein und diese Informationen zu vermitteln. Zur Erarbeitung der eigenen qualitativ hochwertigen Informationen sind in diesem Kapitel die Eckpunkte der historischen Entwicklung und die spezifischen Fachtermini ausführlich beschrieben.
Die Verbindung zwischen Menschen und Tieren geht zurück bis in das frühste Zeitalter der Evolution. Anfangs als Konkurrent bei der Nahrungssuche und als Fleischlieferant gejagt, entwickelten sich Wildtiere in Jahrhunderten und Jahrtausenden über domestizierte Weggefährten bis hin zu dem komplexen Stand, den Tiere in der heutigen Gesellschaft besitzen (vgl. Peters 2023). Heute sind Tiere aus unserer Kultur nicht mehr wegzudenken, sondern bereichern diese in mehrfacher Hinsicht. Ethisch nicht unbedenklich beispielsweise in Bereichen wie Tierversuchen, Tierzucht und Tierhaltung mit unterschiedlichen Zielsetzungen, zu Jagdzwecken, in Zirkus oder in Zoos. Aber vor allem auch die Haltung von Tieren als Haustier gewann im Laufe der historischen Entwicklung immer mehr an Bedeutung, womit auch die historische Entwicklung der tiergestützten Arbeit einhergeht. Eine geschichtliche Beschäftigung mit tiergestützter Arbeit kommt nicht um die Verortung in der angelsächsischen Welt herum. Hier integrierten Familien nachweislich bereits im neunten Jahrhundert Tiere im Sinne einer `Therapie naturelle´ fest in die Betreuung von Menschen mit Behinderungen (vgl. Turner et al. 2021). Auch vom York Retreat, einem psychiatrischen Krankenhaus aus dem 18. Jahrhundert ist bekannt, dass psychisch kranken Menschen mit dem Ziel der Selbstwirksamkeitsförderung Tiere zur Versorgung gegeben wurden (vgl. Turner et al. 2021). In Deutschland kam es im 19. Jahrhundert in der Anstalt Bethel zur Gründung eines Zentrums für behinderte Menschen und Anfallskranke, welches „von Anfang an auf die heilenden Kräfte von Tieren vertraute und Hunde und Katzen, Schafe und Ziegen erlaubte“ (Greiffenhagen 1991, S.14). Die Weiterentwicklung dieses Zentrums und die Tatsache, dass Tiere in dieser Einrichtung noch immer eine zentrale Rolle spielen, stützt die Vermutung, dass das tiergestützte Konzept ein erfolgreicher Ansatz ist. Diese und weitere Versuche tiergestützter Arbeit wurden selten dokumentiert und nie evaluiert. Sie sind daher zwar anführbare Beispiele, aber für die wissenschaftliche Erforschung des Feldes der tiergestützten Arbeit wenig hilfreich. Auch vereinzelte Artikel, wie der von James Bossard im Jahre 1944 über die positiven Effekte und den therapeutischen Wert eines Hundes als Haustier, stießen zwar auf großes öffentliches Interesse, veränderten aber wenig an der wissenschaftlichen Erforschung. Erst verschiedene Publikationen des amerikanischen Kinderpsychologen Boris Levinson, wie `The dog as a Co-Therapist´ von 1962, `Pet oriented Child Psychatrie´ aus dem Jahr 1969 und `Pets, child development and mental illness´ von 1970 führten dazu, dass Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen die Wirkweisen tiergestützter Arbeit wahrnahmen und begannen, diese näher zu erforschen (vgl. Vernooij/Schneider 2018, S.26). Greiffenhagen benennt in ihrem Werk Boris Levinson als Begründer der tiergestützten Therapie, da er der Erste war, der gezielt ein Tier in seiner therapeutischen Arbeit als Türöffner eingesetzt hat (vgl. ebd. 1991, S.15). Andere Quellen berichten allerdings von Pionierarbeit im Jahr 1947 durch die von Dr. Sam Ross gegründeten Green Chimneys Farm (vgl. Wibbecke 2013, S.89). In Ausführungen von Andrea Beetz ist zu erfahren, dass auf dieser Farm die therapeutische Behandlung von Kindern Ziel der Arbeit war. Zeitgleich wurden auf dieser Farm ca. 60 Meilen nördlich von New York City viele Tiere beherbergt, welche erst unbewusst auf die Klienten wirkten und später bewusst mit dieser Zielsetzung eingesetzt wurden (vgl. Beetz, 2003b). Auch Sigmund Freud setzte seine Hunde in seinen Therapiesitzungen ein. Nach Recherchen Compitus geschah dies ursprünglich zu seiner eigenen Beruhigung im Umgang mit schwierigen Patienten. Dabei stellte er aber sehr rasch fest, dass sowohl er als Therapeut als auch der Patient entspannter wirkten, wenn Tiere im Raum waren und dass gerade Kinder und Jugendliche eher im Beisein seines Hundes dazu in der Lage waren, über schwierige Themen zu sprechen (vgl. Compitus 2023, S.13). Seine dazu verschriftlichen Dokumentationen wurden allerdings nie in großem Umfang für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Einzelfallbeispiele lassen sich noch weitere in der Fachliteratur zu den historischen Ursprüngen der tiergestützten Arbeit finden. Die Häufung der Berichte indes war es, die zum Interesse der Wissenschaft führte und die wissenschaftliche Erforschung und Evaluation antrieb. Das internationale Interesse der Fachwelt lag anfangs hauptsächlich im therapeutischen Bereich und mit großem Augenmerk auf Tieren wie Pferden oder Hunden. Die erste dokumentierte Definition im Bereich der tiergestützten Interventionen legte im Jahre 1966 die amerikanische Organisation Delta Society vor und unterschied darin zwischen Animal Assisted Therapy, kurz AAT, übersetzt tiergestützter Therapie und Animal Assisted Activities, kurz AAA, übersetzt tiergestützter Aktivität (vgl. Beetz et al. 2021, S.18). Dabei umfasst die AAT den zielgerichteten Tiereinsatz im professionellen therapeutischen Kontext und die AAA den nicht zielgerichteten Tiereinsatz durch Ehrenamtliche. Im deutschen Sprachraum wurde die Unterscheidung der Tiergestützten Therapie (TGT) und der Tiergestützten Aktivität (TGA) noch um die der Tiergestützten Pädagogik (TGP) und von Otterstedt noch um die Tiergestützte Förderung (TGF) erweitert. Dabei verstand Otterstedt unter TGF eine Form der angeregten, zielgerichteten Interaktion zwischen Mensch und Tier ohne pädagogischen oder therapeutischen Beruf (vgl. Otterstedt 2017, S.11). Im Jahr 1990 wurde in Seattle von führenden Wissenschaftlern und Akteuren im Bereich der tiergestützten Arbeit die International Association of Human Animal Interaktion Organisation, kurz IAHAIO, gegründet. Die IAHAIO wurde zur führenden globalen Vereinigung mit der Zielsetzung der Förderung des Gebietes der Mensch-Tier-Interaktion, der Förderung der Erforschung in diesem Bereich und der Förderung qualitativer Aus- & Fortbildung im tiergestützten Bereich (vgl. IAHAIO 2018). Als ebenfalls nennenswerte Dachverbände folgte 2004 in Wien die Gründung der ESAAT, der European Society for Animal Assisted Therapy und im Jahr 2006 in Zürich die Gründung der ISAAT, der International Society for Animal Assisted Therapy. Auch die Zielsetzung der ESAAT und der ISAAT betrafen und betreffen noch immer überwiegend die Qualitätssteigerung und die Qualitätssicherung sowohl in der Praxis der tiergestützten Arbeit als auch in der Aus- und Weiterbildung im tiergestützten Bereich. Im März 2013 gründete die IAHAIO eine Arbeitsgemeinschaft aus nominierten Akademikern, Veterinärmedizinern und Praktizierenden aus verschiedenen Ländern mit Expertisen im Fachgebiet Mensch-Tier-Interaktion gründete mit dem Ziel global gültige Eckpunkte und Definitionen im Bereich der tiergestützten Intervention zu erarbeiten. Hieraus resultiere das white paper, auch Weissbuch von 2014 und seine überarbeitete Form von 2018. In diesem Weissbuch finden sich differenziertere Definitionen der Unterscheidungsformen der tiergestützten Arbeit.
Die IAHAIO unterscheidet dabei Tiergestützte Interventionen (TGI), Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP), Tiergestütztes Coaching (TGC) und Tiergestützte Aktivität (TGA). Diese Definitionen sind Grundlage der tiergestützten Arbeit und nach Beetz et al. (2021) wie folgt:
„Tiergestützte Intervention (TGI): Eine Tiergestützte Intervention ist der Oberbegriff für alle zielgerichteten und strukturierten Interventionen, die bewusst Tiere in die Gesundheitsfürsorge, Pädagogik und Soziale Arbeit einbeziehen und integrieren, um psychische, kognitive oder soziale Verbesserungen beim Menschen zu erreichen. Tiergestützte Interventionen beziehen Teams von Mensch und Tier in formale Ansätze wie Tiergestützte Therapie (TGT), Tiergestützte Pädagogik (TGP) und Tiergestütztes Coaching (TGC), sowie, unter bestimmten Voraussetzungen, auch Tiergestützte Aktivitäten (TGA) ein.
Tiergestützte Therapie (TGT): Tiergestützte Therapie ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte therapeutische Intervention, die von professionell im Gesundheitswesen, der Pädagogik oder der Sozialen Arbeit ausgebildeten Personen im Rahmen ihrer Praxis angeleitet oder durchgeführt wird. Fortschritte im Rahmen der Intervention werden gemessen und professionell dokumentiert. TGT wird von beruflich qualifizierten Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebietes durchgeführt und/oder angeleitet. TGT strebt die Verbesserung physischer, kognitiver, verhaltensbezogener und/oder sozio-emotionaler Funktionen bei individuellen Klienten an. Die Fachkraft, welche TGT durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Pädagogik (TGP) oder auch Tiergestützte Erziehung: Tiergestützte Pädagogik (TGP) ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte Intervention, die von in allgemeiner Pädagogik oder Sonderpädagogik qualifizierten Lehrpersonen, professionellen Pädagogen oder gleich qualifizierten Personen angeleitet und/oder durchgeführt wird. Der Fokus der Aktivitäten liegt auf akademischen Zielen, auf prosozialen Fertigkeiten und kognitiven Funktionen. Fortschritte werden gemessen und dokumentiert. Die Fachkraft, welche TGP durchführt, einschließlich der regulären Lehrkraft (oder des Betreuers der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/ der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestütztes Coaching (TGC): Tiergestütztes Coaching ist eine zielgerichtete, geplante und strukturierte tiergestützte Intervention, die von einer professionell ausgebildeten Coachingfachperson durchgeführt und/oder angeleitet wird. Die Fortschritte im Rahmen der Intervention werden gemessen und professionell dokumentiert. TGC wird von beruflich (durch Lizenz, Hochschulabschluss oder Äquivalent) qualifizierte Personen im Rahmen ihrer Praxis innerhalb ihres Fachgebietes durchgeführt und/oder angeleitet. TGC strebt die Verbesserung von persönlichem inneren Wachstum, eine Verbesserung der sozialen und/oder sozio-emotionalen Funktionen individueller Coachee(s) an und bietet Unterstützung bei gruppenbildenden Prozessen. Die Fachkraft, welche TGC durchführt (oder der Betreuer der Tiere unter Supervision dieser Fachkraft) muss adäquate Kenntnisse über das Verhalten, die Bedürfnisse, die Gesundheit und die Indikatoren/der Regulation von Stress der beteiligten Tiere besitzen.
Tiergestützte Aktivitäten (TGA): TGA sind geplante und zielorientierte informelle Interaktionen/ Besuche, die von Mensch-Tier-Teams mit motivationalen, erzieherischen/ bildenden oder entspannungs- und erholungsfördernden Zielsetzungen durchgeführt werden. Die Mensch-Tier-Teams müssen wenigstens ein einführendes Training, eine Vorbereitung und eine Beurteilung durchlaufen haben, um im Rahmen von informellen Besuchen aktiv zu werden. Mensch-Tier-Teams, die TGA anbieten, können auch formal und direkt mit einem professionell qualifizierten Anbieter von gesundheitsfördernden, pädagogischen oder sozialen Leistungen hinsichtlich spezifischer und dokumentierter Zielsetzung zusammenarbeiten. In diesem Fall arbeiten sie im Rahmen einer TGT oder TGP, die von einer professionellen, einschlägig ausgebildeten Fachkraft in ihrem jeweiligen Fachgebiet durchgeführt wird.“ (Beetz et al. 2021, S18-21).
In einem Artikel der Fachzeitschrift `tiergestützte Therapie, Pädagogik & Fördermaßnahmen´ im Jahr 2021 stellt Dr. Rainer Wohlfarth, Gründungsmitglied und Vorstand der ISAAT nochmals deutlich heraus, dass tiergestützte Interventionen kein eigenständiges Berufsbild darstellen, sondern „der Einbezug von Tieren in eine Intervention eine über die jeweilige Grundprofession hinausgehender Ansatz darstellt“ (Wohlfarth 2021). Dies stellt er in diesem Artikel auch bildlich dar, wobei die vertikalen Pfeiler die Grundprofession und die horizontale Verbindung den individuellen tiergestützten Einsatz darstellen.

1 TGI nach Wohlfarth 2021
Sowohl die Unterscheidung der Begrifflichkeiten nach dem white paper der IAHAIO als auch die bildliche Darstellung Dr. Rainer Wohlfarths legt den Schluss nahe, dass die Zielgruppe der tiergestützten Intervention sich an der Zielgruppe der jeweiligen Profession orientiert. Ein sehr anschaulicher Überblick über Zielpersonen und Zielsetzung der unterschiedlichen Bereiche der TGI findet sich im Merkblatt Nr. 131 der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz[4] (vgl. TVT).

2 Zielgruppen & Zielsetzung TVT Merkblatt Nr. 131 2021, S.4
Innerhalb der eigenen Klientel der Grundprofession der Fachkraft, muss diese entscheiden, ob die Arbeit mit dem jeweiligen Klienten in Form einer tiergestützten Interaktion unterstützt werden kann und sollte. Dieser Entscheidung zu Grunde liegt das Wissen über mögliche Ausschlusskriterien im Klienten selbst und um die Wirkweisen der Tiere. Nur das umfassende Wissen um die Hintergründe sichert den qualitativen Einsatz.
Die Voraussetzung, um die Effekte tiergestützter Interventionen erforschen zu können und infolgedessen gezielt einsetzen zu können, ist das Verständnis des Aufbaus der Mensch-Tier-Beziehung, kurz MTB. Vor allem vier Erklärungsansätze werden zur Klärung dieses Beziehungsgefüges in der Fachwelt herangezogen. Diese vier Modelle werden im Folgenden zusammengefasst erläutert, da diese für das Verständnis der Effekte tiergestützter Arbeit zum Basiswissen gehören (vgl. Vernooij/ Schneider 2018, S.XV).
Erich Fromm führte den Begriff Biophilie terminologisch bereits als „die leidenschaftliche Liebe zum Leben und allem Lebendigen; sie ist der Wunsch, das Wachstum zu fördern, ob es sich nun um einen Menschen, eine Pflanze, eine Idee oder eine soziale Gruppe handelt“ (Fromm 1974, S.331), ein. Die Biophilie-Hypothese geht auf den Evolutions- und Soziobiologen Edward O. Wilson zurück, welcher diese in den 1980er Jahren entwickelte und in seinem Werk `Biophilia: The Human Bond with other species´ im Jahr 1984 veröffentlicht. Nach Wesenberg beschreibt er Biophilie „als menschliche Affinität zu Leben und lebensähnlichen Prozessen“ (Wesenberg 2020, S.21), also „als angeborene Neigung des Menschen, sich Leben und lebensähnlichen Prozessen zuzuwenden“ (ebd. 2020, S.21), wobei sich kein literarischer Nachweis führen lässt, dass Wilson von den Ausführungen Fromms gewusst hat. Wesenberg führt weiter aus, dass der Mensch sich Wilson zu Folge bereits von frühster Kindheit an von allem Lebendigen angezogen fühlt und folglich die Beschäftigung mit der belebten Umwelt immer stärker von Interesse ist als die mit der unbelebten Umwelt. Eine intensivierte Auseinandersetzung mit der Biophilie Hypothese fand durch Wilson und Stephen Kellert statt, woraus neun fundamentale Kategorien resultierten, welche die biologische Grundlage der Verbundenheit zwischen Mensch und Tier darstellen. Diese neun Kategorien sind der utilitaristische Aspekt, der naturalistische Aspekt, der ökologisch-wissenschaftliche Aspekt, der ästhetische Aspekt, der symbolische Aspekt, der humanistische Aspekt, der moralische Aspekt, der dominierende Aspekt und der negativistische Aspekt.
Da jeder dieser Aspekte bei Betrachtung der Beschreibung und der Wirkung in einer Verbindung zur tiergestützten Intervention steht, wurden sie von Vernooij und Schneider in einer tabellarischen Übersicht dargestellt (vgl. Vernooij/Schneider 2018, S.6-7). Diese Übersicht soll zum besseren Verständnis auch Teil dieser Arbeit sein.

3 Biophiliekategorien lt. Kellert 1993 nach Vernooij/ Schneider 2018, S. 6-7
Deutlich wird hier, dass die Biophilie Hypothese jedwede Art der Bezugnahme zur Natur meint. Dies schließt also Empfindungen wie Ekel, Angst oder den Wunsch etwas Lebendiges zu dominieren oder zu benutzen nicht aus (vgl. Beetz et al. 2021, S.28). Erhard Olbrich beschreibt Biophilie als „die dem Menschen inhärente Affinität zur Vielfalt von Lebewesen in ihrer Umwelt ebenso wie zu ökologischen Settings, welche die Entwicklung von Leben ermöglichen“ (Olbrich 2003, S.69). Mit diesem Verständnis von Biophilie erklärt Olbrich die Wirkung von Tieren in Therapie und Erziehung damit, dass sich Tiere zu vielfältig „evolutionär bedeutsam gewordene Beziehungsobjekte in einem System oder besser: in einem Gefüge der ständigen Transaktionen, das individuelles Leben erst ermöglicht“ (Olbrich 2003, S.73) entwickelt haben.
Ein weiterer Erklärungsansatz für die Mensch-Tier-Beziehung ist die Du-Evidenz. Geprägt wurde der Begriff Du-Evidenz nach Vernooij und Schneider 1922 von Karl Bühler in Bezug auf den zwischenmenschlichen Bereich. „Er verstand darunter die Fähigkeit und das Bewusstsein eines Menschen, eine andere Person als Individuum, als „Du“ wahrzunehmen und zu respektieren“ (Vernooij/Schneider 2018, S.7). Im Bereich der Tiergestützten Interventionen bezeichnet die Du-Evidenz „die Tatsache, dass zwischen Menschen und höheren Tieren Beziehungen möglich sind, die denen entsprechen, die Menschen unter sich beziehungsweise Tiere unter sich kennen.“ (Greiffenhagen/Buck-Werner 2012, S.22). Schon Gotthard Teutsch erklärt den Ansatz der Du-Evidenz im Lexikon der Tierethik von 1987 als die Voraussetzung sozialer Mensch-Tier-Beziehungen: „Du-Evidenz bedeutet, daß einem Lebewesen ein zunächst beliebiges anderes Lebewesen durch intensive Begegnung zum individuellen, unverwechselbaren und insofern auch unersetzlichen Partner wird. Du-Evidenz ist sowohl gegenseitig wie auch einseitig möglich und setzt keine rational verarbeitete Wahrnehmung des anderen voraus, sondern beruht auf Erleben und Emotion, also Möglichkeiten und Fähigkeiten, die schon beim Kleinkind und beim Säugetier gegeben sind. Auf der gleichen Basis der Emotionalität beruht das der Du-Evidenz notwendigerweise komplementäre Ich-Bewußtsein, das aus dem Erleben und Erfahren eines `Du` notwendigerweise entsteht.“ (Teutsch 1987). Die Du-Evidenz ist somit „ein Erklärungsmodell dafür, wie wir wissen oder zumindest erahnen können, wie andere fühlen, denken und handeln. (….) Ohne Zuwendung und Zuneigung könnte die Tiergestützte Therapie nicht funktionieren.“ (Germann-Tillman et al. 2019, S.30). Die Du-Evidenz scheint also weniger auf der kognitiven, als vielmehr auf der emotionalen Ebene zu wirken, was wiederum die Folgerung nahelegt, dass sie „möglicherweise eine Voraussetzung für die Fähigkeit ist, Empathie, Mitgefühl für ein anderes Lebewesen empfinden zu können“ (Vernooij/Schneider 2018, S.8). Dennoch ist ein Mindestmaß an Kommunikation vorausgesetzt, welche gelingen kann, wenn „die neurophysiologischen Wahrnehmungs-, Deutungs- und Reaktionspotentiale und -mechanismen der beteiligten Spezies sich ähneln“ (Wesenberg 2020, S.25). Nach Kurt Kotrschal „wird wechselseitiges Verstehen durch die gemeinsamen Prinzipien der Organisation von Verhalten, Persönlichkeitsstruktur und Stressbewältigung begünstigt“ (Kotrschal 2009, S.66). Demnach haben sowohl Mensch wie auch Tier im Laufe der Evolution so genannte Social Tools entwickelt, welche diesen Beziehungsaufbau begünstigen.
Die Bindungstheorie geht zurück auf Bowlby und Ainsworth und behandelte den Kontakt zwischen dem Kind und seiner primären Bezugsperson. Zusammengefasst von Rauh besagt das Konzept der Bindungstheorie, „dass die frühen sozial-emotionalen Interaktionserfahrungen eine Erwartungsfolie oder ein Erwartungsmodell für künftige Beziehungen zu möglichen Vertrauenspersonen bilden. Dieses anfängliche Arbeitsmodell reichert sich im Verlauf der Entwicklung des Kindes an; bei bedeutsamen emotionalen Erfahrungen kann es sich verändern“ (Rauh 2002, S.201). Die in den Forschungen zur Bindung klassifizierten Bindungsstile unterscheiden zwischen sicherer Bindung und unsicherer Bindung. Die unsichere Bindung wiederrum kennt drei Bindungstypen. Die unsicher-ambivalente Bindung, die unsicher-vermeidende Bindung und das desorientierte/desorganisierte Bindungsmodell (vgl. Siegler et al. 2020, S.449-460). Eine der führenden deutschen Wissenschaftlerinnen auf dem Gebiet der tiergestützten Intervention, Prof. Dr. Andrea Beetz hat die Bindungstheorie auf die Mensch-Tier-Beziehung übertragen. Dieser Übertrag stützt sich vor allem auf zwei Pfeiler. Zum ersten auf die Annahme, dass Tiere für den Menschen und zeitgleich auch Menschen für das Tier, Bindungsobjekte darstellen und zum zweiten darauf, dass positive Bindungserfahrungen mit einem Tier möglicherweise auf die soziale Situation mit Menschen übertragen werden könnten (vgl. Beetz 2003a, S.81). Eine naheliegende Schlussfolgerung daraus, welche auch Vernooij und Schneider gezogen haben ist, „dass in der Mensch-Tier- Beziehung ein mögliches, bisher kaum systematisch untersuchtes und genutztes Potential für Bindungserfahrungen, insbesondere von Kindern, liegen könnte, mit dessen Hilfe ungünstige Bindungsmuster beeinflusst und modifiziert werden könnten“ (Vernooij/Schneider 2018, S.11). Beetz geht davon aus, dass ein Tier ein Bindungsbedürfnis in einem subjektiv als vergleichbar empfundenen Ausmaß erfüllen kann, wie dies eine sichere Bindungsfigur nach Bowlby tut. Dies ist ihrer Ansicht nach darauf zurückzuführen, dass Tiere das Verhalten und die Emotionen von Menschen sehr viel direkter und ehrlicher spiegeln, als dies Menschen tun und dabei auch keinerlei Rücksicht auf eine kognitive Wertung nehmen. Damit wird das Tier zu einem zuverlässigen und empathischen Interaktionspartner und somit zu einem sicheren Bezugspunkt, was wiederum positive Effekte bezüglich sozialer und emotionaler Kompetenzen erklärt. (vgl. Beetz 2003a, S.82-83).
Erstmals beschrieben von dem italienischen Wissenschaftler Giacomo Rizzolatti und seinen Mitarbeitern in Untersuchungen bei Affen, machte der Neurowissenschaftler Prof. Dr. med. Joachim Bauer in verschiedenen seinen populärwissenschaftlichen Büchern auf Spiegelneuronen und ihre Bedeutung für die menschliche Empathie in der Öffentlichkeit aufmerksam (vgl. Bauer 2004; Bauer 2006). Er beschreibt Spiegelneuronen als die „wichtigsten Utensilien im Gepäck für die Reise durch das Leben. Ohne Spiegelneuronen kein Kontakt, keine Spontaneität und kein emotionales Verstehen“ (Bauer 2006, S.57). Er beschreibt weiter, dass Rizzolatti und Luppino 2001 in ihrer Grundlagenforschung als Erste die motorischen Spiegelneuronennetze untersucht haben und zeigen konnten, dass die Spiegelneuronen der prämotorischen Hirnrinde sowohl bei Affen als auch bei Menschen nur angesprochen wurden, wenn „ein biologischer Akteur, also eine lebende handelnde Person beobachtet wird“ (Bauer 2006, S.38), wobei er unter dem Kreis der lebenden Personen auch Akteure nahestehender anderer Spezies einschließt. Auch Germann-Tillmann et al. verfolgen diese Theorie als einen möglichen Wirkmechanismus der MTB aufgrund beobachteter Hinweise auf „Empathie und Resonanz mit Tieren, die gerade eine bestimmte Emotion zeigen oder Schmerz haben (Germann-Tillmann et al. 2019, S 33). Beetz et al. fassen dies wie folgt zusammen: „Spiegelneuronen bilden ein weiteres wichtiges, reflexartiges System für Gruppensynchronisation, Stimmungsübertragung und die Basis für Empathie. Sie sind Teil des prämotorischen Kortexes der Säugetiere und werden nicht nur beim Ausführen einer eigenen Handlung aktiv, sondern auch, wenn dieselbe Handlung bei jemand anderem wahrgenommen wird. […] Spiegelneuronen bilden vermutlich die Grundlage, sich in andere hineinversetzen zu können, also emotional empathisch zu sein“ (Beetz et al. 2021, S.30). Frick Tanner und Tanner-Frick führen dazu aus, dass „Aufarbeitungs- und Informationssysteme werten aufgrund von Vorerfahrungen Absichten oder Empfindungen anderer Menschen sowie uns nahestehender Tiere aus. Das emotionale Verstehen und die Resonanz (Sympathieeffekt) lassen sich in einer gegebenen Situation nicht bewusst planen oder willentlich herstellen.“ (Frick Tanner/ Tanner-Frick 2016, S.32). Diese Bedeutung der Spiegelneuronen für die Mensch-Tier-Beziehung kann sowohl positive Effekte, wie beispielsweise Beruhigung oder Stimmungsverbesserungen als auch negative Effekte im Sinne der wechselseitigen Übertragung emotionaler Stresssituationen hervorrufen. Hier zeichnet sich bereits sehr deutlich ab, dass ein verantwortungsbewusster Umgang der Fachkraft beinhaltet, den eingesetzten Tieren immer Ausweichmöglichkeiten in emotional belastenden Situationen zu bieten (vgl. Frick Tanner/Tanner-Frick 2016, S.33-34). Zusammengefasst ergibt sich aus der bisherigen Forschung zu den Spiegelneuronen für die Mensch-Tier-Beziehung, dass „Tiere mithilfe der Spiegelneurone Verhalten und eventuell sogar Stimmungen von Menschen spiegeln können, dass dadurch möglicherweise beim Menschen der Eindruck entsteht, vom Tier verstanden zu werden, dass auf dieser Basis die Mensch-Tier-Beziehung intensiviert wird“ (Vernooij/Schneider 2018, S.13).
Die Möglichkeiten dessen, was durch tiergestützte Interventionen erreicht werden kann, sind vielfältig. Im Allgemeinen lässt sich zusammenfassen, dass jedwede Form der Intervention, sei sie pädagogischer, psychologischer oder therapeutischer Art, auf Entwicklungsprozesse wirken soll. Diese sollen unterstützt, gefördert und angeregt werden. Stagnierte Entwicklungsprozesse sollen wieder aktiviert oder fehlgelaufene Entwicklungsprozesse korrigiert werden (vgl. Vernooij/Schneider 2018, S.77). Diese Zielsetzung gilt auch für die tiergestützte Intervention, wobei hier das Tier die Methode darstellt, um positive emotionale Erlebnisse zu vermitteln. Die sechs wesentlichen, von tiergestützten Interventionen erreichbaren Entwicklungsbereiche hat Vernooij im folgendem Schaubild übersichtlich zusammengestellt (vgl. Vernooij 2015).

4 Einwirkbereiche TGI nach Vernooij 2015, eigene Darstellung
Mittlerweile gibt es über die Effekte, welche Tierkontakt auf Menschen hat, zahlreiche Studien und Dokumentationen. Beetz hat 70 solcher Studien hinsichtlich der psychologischen, sozialen und physiologischen Effekte tiergestützter Interaktionen zusammengefasst und diese Zusammenfassung in einer Publikation des Kita Fachtexte Portal 2024 wie folgt veröffentlicht:

5 Effekte TGI nach Beetz 2024
Otterstedt schreibt dazu: „Der heilende Prozess in der Interaktion zwischen Tier und Mensch beeinflusst unser ganzes Sein. So werden unser Körper (z.B. Muskelspannung), unser Geist (z.B. Gedächtnistraining), unsere Seele (z.B. Artikulation der Gefühle) und unsere sozialen Talente gleichermaßen angesprochen. “ (Otterstedt 2001, S.27). Wurde in den Anfängen der tiergestützten Arbeit hauptsächlich auf die heilende und korrigierende Wirkung tiergestützter Interventionen gesetzt, so gewinnt der tiergestützte Einsatz in den vergangenen Jahren im Bereich der Pädagogik eine immer größer werdende Bedeutung. Das vorrangige Ziel ist hier, die Entwicklung mit Hilfe der Tiere von Anfang an zu fördern und zu unterstützen, kurz tiergestützt zu arbeiten. „Auf eine einfache und sehr natürliche Art können Kinder in der Interaktion mit Tieren verspüren, dass sie über Kompetenzen verfügen, dass diese Kompetenzen aber auch ihre Grenzen haben. Wahrscheinlich ist ein realistisches Bild von den eigenen Stärken und von den eigenen Schwächen wertvoller als die bloße Akzentuierung der positiven Aspekte des eigenen Könnens.“ (vgl. Schwarzkopf/Olbrich 2003, S.264). Diese Erkenntnisse und Annahmen führen zu der Zielsetzung, tiergestützte Pädagogik bereits in Kindertagesstätten zu implementieren.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

