Bachelorarbeit, 2024
66 Seiten, Note: 1,0
Diese Bachelorarbeit befasst sich mit der kritischen Auseinandersetzung zwischen Sozialer Arbeit und Klassismus, um zu ergründen, inwieweit die Professionalisierung der Sozialen Arbeit klassistische Strukturen gegenüber ihrer Klientel beeinflusst und welche Auswirkungen dies auf den Beziehungsaufbau hat. Ziel ist es, die Verwobenheit von Sozialer Arbeit mit Armut, Klassenzugehörigkeiten und Klassismus zu beleuchten und mögliche Chancen und Risiken einer Professionalisierung offenzulegen.
1.1. Relevanz und Fragestellung
Armut, wie sie in westlichen Gesellschaften vorwiegend auftritt, spiegelt sich in ihrer Relativität. Ermessensgrundlage bilden die durchschnittlichen Lebensstandards der Gesellschaft; die Armut entsteht in dessen der Betroffene weniger als 60% des Medienwerts des Einkommens der Gesamtbevölkerung verfügt (Mielenz & Wüstendörfer, 2017, S.122). Die Hans Boeckler Stiftung (2023) verzeichnet, dass Deutschland bereits vor der Coronapandemie eine der höchsten Vermögensungleichheiten in der EU aufwies. Die Einkommensungleichheit ist innerhalb der jüngsten Krisen weiter gestiegen. Die Armutsquote stieg 2022 auf 16,8% und erreichte damit einen der höchsten Stände der letzten Jahre. Die genauen Auswirkungen der hohen Inflation auf die Ungleichheitsverteilung sind bislang noch nicht bekannt, allerdings zeigen erste monatliche Auffassungen, dass ärmere Haushalte deutlich stärker belastet werden.
Die Einkommensarmut umfasst mehr als den Mangel materieller Ressourcen, auch gesundheitliche Auswirkungen ergeben sich hieraus. Des Weiteren kämpfen Armutsbetroffene häufig mit Stigmatisierungsprozessen, die zum einen aus medialer Berichterstattung, gesellschaftlicher Lebenseinstellungen wie die des meritokratischen Leistungsideals und etwaigen weiteren Faktoren gründen, zum anderen im direkten Kontakt mit Dritten. Gerade wenn Betroffene Sozialhilfeleistungen in Anspruch nehmen, ist die Abwertung signifikant. Die Pauschalisierung als Sozialschmarotzer zu gelten, birgt dann neben der Entwertung der eigenen Person, auch die Scham, die Hilfen überhaupt erst in Anspruch zu nehmen. Entsprechend einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. kam heraus, dass viele die ihnen zugestandenen Leistung vornherein aus Angst der gesellschaftlichen Stigmatisierung nicht beantragen (Gerull, 2022, S.2-3).
Das Verhältnis von Sozialer Arbeit zur Armut kann als grundlegend hinsichtlich ihrer Verberuflichung verstanden werden. Ihre Entstehung kontextualisierte den damaligen Pauperismus, als staatliche Maßnahme, um dieser entgegenzuwirken. Seither konnte Soziale Arbeit umfassende Aufgabenfelder in ihrem Tätigkeitsbereich verorten; sie bildet ein facettenreiches, interdisziplinäres Berufsfeld. Die Definition des DBSH (2014) enthält hierbei das Grundsätzliche. Besonders relevant ist die Förderung sozialer Entwicklungen und Zusammenhalts „sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen". Als Grundlage werden die soziale Gerechtigkeit, Menschenrechte und die Achtung der Vielfalt genannt. Resultierend ist ein Teilbereich Sozialer Arbeit Diskriminierungsprozesse zu erkennen, zu intervenieren und diese aufzulösen.
Einleitung: Stellt die Relevanz von Klassismus und dessen Verbindung zur Sozialen Arbeit dar, formuliert die Forschungsfrage und umreißt den Aufbau der Arbeit.
Klassismus: Definiert Klassismus, beleuchtet seine Grundlagen und Funktionen auf Makro- (Marx) und Mikroebene (Bourdieu), sowie seine Konstruktionen und Facetten in der Gesellschaft.
Profession Soziale Arbeit: Skizziert die historische Entwicklung der Sozialen Arbeit, beschreibt ihren Gegenstand und ihre Funktionen, das Doppel- und Tripelmandat sowie Theorien der Professionalisierung und deren Implikationen für die Praxis.
Verstrickungen zwischen Sozialer Arbeit und Klassismus: Analysiert, wie Soziale Arbeit Klassismen reproduziert und welche Folgen dies für die Profession und die Beziehungsgestaltung zur Klientel hat.
Chancen: Zeigt Möglichkeiten auf, wie Soziale Arbeit durch Öffentlichkeitsarbeit und Antidiskriminierungsmaßnahmen zur Sensibilisierung und Destabilisierung klassistischer Ideologien beitragen kann.
Diskussion: Erörtert die komplexen Wechselwirkungen zwischen Strukturen und individuellen Handlungs- und Denkschemata im Kontext der Professionalisierung Sozialer Arbeit und den daraus resultierenden Auswirkungen auf Klassismen.
Fazit: Fasst die reziproke Verwobenheit von Klassismus und Sozialer Arbeit zusammen, betont die Notwendigkeit der Aufklärung über Legitimationsprinzipien und zeigt Grenzen und weiterführende Anregungen der Arbeit auf.
Klassismus, Machtstrukturen, Distinktion, Professionalisierung, Soziale Arbeit, Armut, Diskriminierung, soziale Ungleichheit, Habitus, Bourdieu, Marx, Kapitalismus, Beziehungsgestaltung, Antidiskriminierung, Chancengleichheit, Selbstbestimmung.
Die Arbeit befasst sich mit dem Konzept des Klassismus – der Diskriminierung aufgrund sozialer Herkunft und Position – und untersucht dessen Verwobenheit mit der Sozialen Arbeit, insbesondere im Kontext ihrer Professionalisierung.
Zentrale Themenfelder sind Klassismus als Diskriminierungsform, die Professionalisierung der Sozialen Arbeit, Machtstrukturen und soziale Ungleichheit nach Marx und Bourdieu, sowie deren Auswirkungen auf die Beziehungsgestaltung in der Praxis.
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, inwieweit die Professionalisierung der Sozialen Arbeit klassistische Strukturen gegenüber ihrer Klientel beeinflusst und wie sich dies auf den Beziehungsaufbau auswirkt.
Die Arbeit verwendet eine (teilsystematische) literarische Methode, da das Thema komplex ist und die vorhandene wissenschaftliche Literatur begrenzt ist.
Der Hauptteil behandelt die Grundlagen des Klassismus, die Profession der Sozialen Arbeit in ihrer historischen Entwicklung und ihren Funktionen, die Verstrickungen zwischen Sozialer Arbeit und Klassismus sowie mögliche Chancen zur Bekämpfung von Klassismus.
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Klassismus, Machtstrukturen, Distinktion, Professionalisierung, Soziale Arbeit, Armut und Diskriminierung charakterisiert.
Soziale Arbeit kann klassistische Strukturen reproduzieren, indem sie normierende Maßnahmen anwendet, die zur Anpassung der Klientel an gesellschaftliche Normen führen, und indem sie herrschende Ideologien (wie Naturalisierung oder Meritokratie) unreflektiert in ihre Praxis übernimmt.
Öffentlichkeitsarbeit ist eine zentrale Chance der Professionalisierung, um die Gesellschaft für Klassismus zu sensibilisieren und die Legitimationsprinzipien der Diskriminierung in Frage zu stellen, insbesondere durch Medienpräsenz und fachpolitische Veranstaltungen.
Eine steigende Professionalisierung könnte zu einem erhöhten Machtgefälle zwischen Sozialarbeitenden und Klientel führen, die Distanz vergrößern und die Akzeptanz von Hilfsangeboten verringern, wenn klassistische Vorurteile unreflektiert übernommen werden.
Dem Gefühl der Scham kann begegnet werden, indem Sozialarbeitende eine erhöhte Habitussensibilität entwickeln, Interaktionen auf Augenhöhe fördern und Anerkennung statt Schuldzuweisung vermitteln, um Explorationsprozesse anzuregen und positive Beziehungserfahrungen zu ermöglichen.
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