Masterarbeit, 2016
96 Seiten, Note: 2,1
Diese Masterarbeit untersucht und erklärt das unterschiedliche Verhalten Russlands hinsichtlich der Ukraine-Krise und der NATO-Osterweiterung durch einen vergleichenden Theorietest. Die zentrale Forschungsfrage lautet, wie sich Russlands militärische Intervention im Falle der Ukraine-Krise und seine Nicht-Intervention bei der NATO-Osterweiterung aus Sicht dreier Theorien der Internationalen Beziehungen (IB) erklären lassen. Dabei wird ein "Verhaltenskontrast" des Akteurs Russland in zwei ähnlichen Ausgangslagen analysiert.
2.1.1 Der strukturelle Realismus von Waltz
Kenneth N. Waltz gilt mit seinem Werk Theory of International Politics als Begründer des neorealistischen Paradigmas und gleichzeitig als der prägendste Vertreter dieser Theorieschule (Ditzel u. Hoegerle 2011, S. 15). Kaum eine andere Theorieströmung hat sich als derart bedeutsam für die Disziplin der Internationalen Beziehungen erwiesen wie der Neorealismus (Schörnig 2010, S. 65). Wie bei den meisten anderen IB-Theorien, so liegt auch dem strukturellen Realismus von Waltz die fundamentale Frage zu Grunde, warum sich Staat A gegenüber Staat B auf eine bestimmte Weise verhält.
Im Unterschied zu traditionellen Realisten wie Morgenthau oder Kissinger versucht der Neorealismus nicht mehr anthropologisch zu argumentieren, sondern vielmehr die Gründe und Ursachen für Konflikte in Anarchie bedingten Handlungszwängen zu suchen, die sich aus der Struktur des internationalen Systems ergeben (Ditzel u. Hoegerle 2011, S. 15). Der Ansatz von Waltz ist somit auf der dritten Analyseebene (third image) gelagert, also auf der Ebene des internationalen Systems. Die Akteursebene (first image) ist für Waltz kein methodisch akzeptabler Ausgangspunkt, da diese Ebene aus historischer Perspektiv einer andauernden Fluktuation unterworfen ist (vgl. Waltz, zitiert nach Siedschlag 1997, S. 88) und somit der notwendigen Konstanz entbehrt, um als erklärende Variable fungieren zu können (Siedschlag 1997, S. 88). Daher misst er der Ebene des internationalen Systems die Stellung einer unabhängigen Variablen bei, da ihre anarchische Organisation gewissermaßen eine transepochale Konstante darstellt (vgl. Waltz, zitiert nach Siedschlag 1997, S. 88).
Somit ist der Waltz'sche Neorealismus eine wirkliche Theorie der internationalen Politik, ganz im Gegensatz zum klassischen Realismus von Morgenthau, der seiner Auffassung nach, vielmehr eine Theorie der Außenpolitik darstellt (vgl. Waltz, zitiert nach Siedschlag 1997, S. 89). „Er [der Waltz'sche Neorealismus; der Verf.] schließt in seinen Erklärungen von der Struktur des internationalen Systems auf das Verhalten der Staaten und wird daher oft auch als struktureller Realismus bezeichnet“ (Schörnig 2010, S. 66; Hervorhebung i.O.).
Mit dem internationalen System ist wiederum das Kollektiv souveräner Staaten gemeint (Hartmann 2009, S. 29). Eine der grundlegenden Leistungen des Waltz'schen Neorealismus ist es, in diesem Staatenkollektiv eine Struktur zu erkennen (Hartmann 2009, S. 29). Waltz sieht in diesem System souveräner Staaten Kräfte am Werk, die analog zu den Mechanismen des Marktes, das Verhalten der Einheiten von außen bestimmen, ohne dass diese sich solchen Einflüssen auf lange Sicht entziehen könnten (Schörnig 2010, S. 70). Das Anliegen seines strukturellen Ansatzes ist es, „[...] allgemeine Tendenzen und Zwänge zu identifizieren (Waltz spricht von „systemischen Effekten‘), die für alle Staaten gleichermaßen zu berücksichtigen seien“ (Schörnig 2010, S. 71; Hervorhebung i.O.). Bei systemadäquatem Verhalten der Staaten garantiert die von ihm identifizierte systemische Struktur Sicherheit (Hartmann 2009, S. 29). Somit identifiziert er systemische Handlungszwänge, die maßgeblich für das Verhalten der Staaten sind.
Kapitel 1: Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Forschungsfrage ein, die das divergierende Verhalten Russlands in der Ukraine-Krise und bei der NATO-Osterweiterung anhand von drei Theorien der Internationalen Beziehungen erklären soll.
Kapitel 2: Denkschulen der Internationalen Beziehungen: Hier werden der Neorealismus (nach Waltz), der Liberalismus (Theorie des Demokratischen Friedens) und der Konstruktivismus (nach Wendt) als analytische Rahmen vorgestellt, ihre Kernannahmen erläutert und ihre Relevanz für die Forschungsfrage begründet.
Kapitel 3: Die NATO-Osterweiterung: Dieses Kapitel beleuchtet die Hintergründe und den Verlauf der NATO-Osterweiterung und analysiert, warum Russland in diesem Fall keine militärischen Gegenmaßnahmen ergriffen hat, wobei die Erklärungsansätze des Neorealismus, Liberalismus und Konstruktivismus angewendet werden.
Kapitel 4: Die Ukraine-Krise: Es wird die Ukraine-Krise, einschließlich der Annexion der Krim und der Destabilisierung der Ostukraine, dargestellt und das Verhalten Russlands in diesem Kontext erneut mit den drei IB-Theorieschulen analysiert, um die Gründe für die Intervention zu ergründen.
Kapitel 5: Fazit: Das Schlusskapitel vergleicht die Erklärungsleistungen der drei Theorien für den "Verhaltenskontrast" Russlands, identifiziert den Konstruktivismus als den plausibelsten Erklärungsansatz für die untersuchten Fälle und plädiert für einen Theorienpluralismus in der Konfliktforschung.
Russland, Ukraine-Krise, NATO-Osterweiterung, Neorealismus, Liberalismus, Konstruktivismus, Internationale Beziehungen, Außenpolitik, Machtpolitik, Identität, Sicherheitsdilemma, Demokratischer Frieden, Intervention, Nicht-Intervention, Balance of Power, Verhaltenskontrast
Die Arbeit untersucht das unterschiedliche Verhalten Russlands in zwei sicherheitspolitisch relevanten Situationen – der NATO-Osterweiterung und der Ukraine-Krise – und versucht, diesen "Verhaltenskontrast" mithilfe von drei Denkschulen der Internationalen Beziehungen zu erklären.
Zentrale Themenfelder sind die Analyse von Russlands Außenpolitik, die Auswirkungen der NATO-Osterweiterung, die Ursachen und Dynamiken der Ukraine-Krise sowie die Anwendung und der Vergleich von neorealistischen, liberalistischen und konstruktivistischen Theorien.
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: "Wie lässt sich aus der Sicht der drei IB-Theorieschulen das unterschiedliche Verhalten Russlands hinsichtlich der Ukraine-Krise und der NATO-Osterweiterung erklären?"
Die Arbeit verwendet einen vergleichenden Theorietest, bei dem die drei IB-Theorien (Neorealismus, Liberalismus, Konstruktivismus) auf zwei konkrete Fälle (NATO-Osterweiterung und Ukraine-Krise) angewendet werden, um ihre Erklärungsleistungen zu evaluieren.
Der Hauptteil der Arbeit stellt die drei Denkschulen des Neorealismus, Liberalismus und Konstruktivismus detailliert vor und wendet sie anschließend jeweils auf die NATO-Osterweiterung (Kapitel 3) und die Ukraine-Krise (Kapitel 4) an, um Russlands Verhalten zu analysieren.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Russland, Ukraine-Krise, NATO-Osterweiterung, Neorealismus, Liberalismus, Konstruktivismus, Internationale Beziehungen, Außenpolitik, Machtpolitik und Identität.
Laut der konstruktivistischen Hypothese intervenierte Russland in der Ukraine, weil deren Herauslösung aus dem russischen Einflussbereich als signifikante Beschädigung der nationalen Identität wahrgenommen wurde. Bei der NATO-Osterweiterung wurde eine solche Identitätsbeschädigung der ehemaligen Satellitenstaaten als weniger gravierend erachtet.
Die Arbeit stellt fest, dass sich die innere Verfasstheit Russlands über die Zeit von eher demokratischen zu autokratischen Strukturen gewandelt hat, was laut dem liberalistischen Ansatz eine zunehmende Bereitschaft zu gewaltsamen externen Handlungen, wie der Intervention in der Ukraine, wahrscheinlicher macht.
Die Hauptkritik am Konstruktivismus ist seine mangelhafte Prognosefähigkeit und die Tendenz zur "a posteriori-Beliebigkeit", was bedeutet, dass er im Nachhinein fast jedes Verhalten erklären kann, aber Schwierigkeiten hat, zukünftige Handlungen vorherzusagen oder falsifizierbare Hypothesen zu entwickeln.
Der Waltz'sche Neorealismus konzentriert sich auf die systemische Ebene und ignoriert die innere Verfasstheit der Staaten, im Gegensatz zu akteurszentrierten Ansätzen wie dem Gilpin'schen ökonomischen Realismus oder multiperspektivischen Ansätzen wie dem synoptischen Realismus, der auch Wahrnehmung und Interpretation einbezieht.
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