Magisterarbeit, 2004
127 Seiten, Note: 1,0
I. Einleitung
I.1. Der Stand der Kriegsursachenforschung
I.2. Ethnische Gruppen und gewaltsamer innerstaatlicher Konfliktaustrag: Empirische Ausgangsbeobachtungen
I.3. Fragestellung und Erkenntnisinteresse
I.4. Kausalverständnis
I.5. Struktur und Aufbau der Arbeit
II. Ethnische Identität und innerstaatlicher Krieg: Problemfälle sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung
II.1. Konflikt und Konfliktaustrag
II.2. Was ist ein gewaltsamer innerstaatlicher Konfliktaustrag?
II.2.1. Der Krieg der Worte um den Krieg der Waffen
II.2.2. Die Abhängige Variable: Der innerstaatliche Krieg
II.2.3. Ethnische Konflikte/ Kriege: Eine Klasse für sich ?
II.3. Identität und ethnische Identität: Ein Krieg um Begriffe
II.3.1. Identität
II.3.2. Persönliche und soziale Identitäten
II.3.3. Ethnien und ethnische Identität
III. Primordialismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus: Die Suche nach einer Theorie zu ethnischer Identität und Krieg
III.1. Der Primordialismus
III.1.1. Problemfelder primoridaler Ansätze
III.2. Der Instrumentalismus
III.2.1. Problemfelder instrumenteller Ansätze
III.3. Der Konstruktivismus
III.3.1. Problemfelder konstruktivistischer Ansätze
III.4. Wege zu einer neuen Theorie
III.4.1. Die Abduktion als Schlussverfahren
IV. Konzepte im Hinblick auf die Theoriebildung
IV.1. Divisible und Indivisible Conflicts
IV.2. Das Sicherheitsdilemma
IV.2.1. Anarchy is what ethnic groups make of it
IV.3. Security Communities und der kultivierte Konflikt
IV.4. Das Spiral Game
IV.5. Societal Securitization
IV.6. Identities, Narratives und Frames
IV.6.1. Identities
IV.6.2. Narratives
IV.6.3. Frames
IV.7. Emotionen: Angst
IV.8. Causal Ambiguity
IV.8.1. Causal Ambiguity und das Verhältnis von Angst und Sorge
IV.8.2. Ethnische Identität, Sorge und Angst: Ein komplexes Tipping Game?
V. Das theoretische Modell
V.1. Graphische Darstellung
V.2. Verbale Darstellung
V.3. Theoriedefizite
V.3.1. Das Problem der Analyseebenen
V.3.2. Das Akteur-Struktur Problem
V.4. Theoretisches Modell und Realität: Processtracing am Einzelfall
VI. Innerstaatlicher Krieg und das ehemalige Jugoslawien
VI.1. Jugoslawien: Eine Security Community?
VI.2. Serben und Albaner im Kosovo: Ein Spiral Same?
VI.3. Der Brennpunkt Kosovo: Ursprung eines Sicherheitsdilemmas
VI.3.1. Der Kosovo Boomerang: Ein interethnischer Machtkonflikt
VI.4. Serbische Eliten, politische Mythen und die Saat der Sorge
VI.5. Kroatische Handlungen und die Ernte der Angst
VII. Schlussbetrachtung
Die Arbeit untersucht die Verbindung zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag. Ziel ist es, durch die Entwicklung eines kausalen Modells aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen ethnische Identität eine zentrale Rolle bei der Eskalation von Konflikten spielt und warum dies der Fall ist, um ein besseres Verständnis für besonders gefährdete Gesellschaften zu entwickeln.
VI.3.1 DER „KOSOVO- BOOMERANG“: EIN INTERETHNISCHER MACHTKONFLIKT
Mit der unter Tito verabschiedeten jugoslawischen Verfassung von 1974 kam es zu einer in der jugoslawischen Nachkriegsgeschichte bis dahin nie gekannten Dezentralisierung der politischen Entscheidungen und einer Diffusion von Macht von der föderalen Ebene hinein in die Republiken und autonomen Provinzen Jugoslawiens. In der föderalen Entscheidungsfindung waren die sechs Republiken (Serbien, Kroatien, Slowenien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien) und die zwei autonomen Provinzen Serbiens (Vojvodina und Kosovo) gleichberechtigt vertreten. Alle bedeutsamen Entscheidungen auf föderaler Ebene mussten im Konsens getroffen werden und jede Republik und autonome Provinz hatte ein Vetorecht, mit der es Entscheidungen, die im Gegensatz zu den eigenen Interessen standen, abwehren konnte. Damit lässt sich das politische System Jugoslawiens nach 1974 durchaus als Institutionalisierung einer security community zwischen den einzelnen Ethnien begreifen, die einen Zustand von asecurity ermöglichte. Keine Ethnie konnte unilateral Entscheidungen durchsetzen, die die Sicherheit der anderen Ethnien hätten gefährden können.
Die ‚Rezentralisierung’ serbischer Herrschaft durch Annullierung der kosovarischen Autonomie, und damit die Verbesserung der serbischen Sicherheit, hatte aber noch einen sehr viel weiter reichenden Effekt, als möglicherweise durch Serbien bezweckt worden war: Sie höhlte die Verfassung von 1974 und damit die institutionelle Garantie interethnischen Vertrauens völlig aus. Im föderalen Präsidentschaftsrat kontrollierte Serbien neben der eigenen und der Montenegros nun auch zwei weitere und damit vier von acht Stimmen, was es in die Lage versetzte, jegliche Mehrheitsentscheidung zu blockieren.
Einfach ausgedrückt entfachte Serbien in seinem Bestreben, das Sicherheitsdilemma mit den Albanern des Kosovo aufzulösen, ein weiteres und bedeutend größeres Sicherheitsdilemma zwischen sich selbst und allen anderen Republiken, indem es die gesamtjugoslawische Verfassung als Institution der security community zwischen den Ethnien antastete. Denn wer konnte den anderen Ethnien nach der militärischen Besetzung und Entrechtung des Kosovo nun noch die Gewaltfreiheit Serbiens garantieren? Wer konnte garantieren, dass Serbien nicht auch versuchen würde den Status der Republiken anzutasten? Ohne das Instrument der Verfassung von 1974 war die security sommunity Jugoslawiens de facto zerbrochen und ein Sicherheitsdilemma zwischen Belgrad und den Republiken, verstärkt durch ein Problem von credible commitments, musste folgen.
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Kriegsursachenforschung ein, stellt das Problem der unzureichenden Erklärung innerstaatlicher Konflikte dar und formuliert die zentrale Fragestellung der Arbeit.
II. Ethnische Identität und innerstaatlicher Krieg: Problemfälle sozialwissenschaftlicher Begriffsbildung: Hier werden zentrale Begriffe wie Konflikt, innerstaatlicher Krieg und ethnische Identität begrifflich geschärft und für die Analyse konzeptualisiert.
III. Primordialismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus: Die Suche nach einer Theorie zu ethnischer Identität und Krieg: Dieses Kapitel diskutiert und kritisiert bestehende theoretische Ansätze und leitet zur Notwendigkeit der Entwicklung eines eigenen Modells über.
IV. Konzepte im Hinblick auf die Theoriebildung: Hier werden verschiedene theoretische Konzepte, wie das Sicherheitsdilemma, Securitization und das Spiral Game, vorgestellt, die als Bausteine für das eigene Modell dienen.
V. Das theoretische Modell: Das Kapitel integriert die zuvor diskutierten Konzepte zu einem einheitlichen theoretischen Modell, das den Zusammenhang von Identität, Emotionen und Krieg in einem kausalen Mechanismus darstellt.
VI. Innerstaatlicher Krieg und das ehemalige Jugoslawien: Anhand einer Fallstudie zum Zerfall Jugoslawiens wird das theoretische Modell empirisch geprüft und auf seine Plausibilität hin untersucht.
VII. Schlussbetrachtung: Das letzte Kapitel diskutiert die Ergebnisse und zieht ein Fazit über die Bedeutung ethnischer Identität und Angst für die Eskalation innerstaatlicher Kriege.
Innerstaatlicher Krieg, ethnische Identität, Sicherheitsdilemma, Security Community, Securitization, Spiral Game, Machtkonflikt, kollektive Mobilisierung, Jugoslawien, Angst, Sorge, Kausaler Mechanismus, Prozessanalyse, Politische Mythen, Framing.
Die Arbeit untersucht, warum und unter welchen Bedingungen ethnische Identität in innerstaatlichen Konflikten eine Rolle spielt und wie diese Identität zur Eskalation von Gewalt beitragen kann.
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Schnittstelle von Kriegsursachenforschung, Identitätspolitik, Sicherheitsdilemmata in heterogenen Gesellschaften und der Rolle von Emotionen bei der Mobilisierung von Massen.
Die zentrale Frage lautet: Welche Verbindung besteht zwischen ethnischer Identität und dem gewaltsamen innerstaatlichen Konfliktaustrag, und warum ist dies der Fall?
Die Arbeit entwickelt ein theoretisches Modell mittels Abduktion und unterzieht dieses Modell einer Einzelfallstudie (Process Tracing) am Beispiel des ehemaligen Jugoslawien.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Aufarbeitung bestehender Ansätze (Primordialismus, Instrumentalismus, Konstruktivismus), die Entwicklung eines eigenen Kausalmodells unter Einbeziehung von Sicherheitskonzepten und Emotionstheorien sowie die empirische Fallanalyse.
Zu den prägenden Begriffen gehören insbesondere die Begriffe Sicherheitsdilemma, Securitization, ethnische Identität, Spiral Game und die Analyse der Rolle von Angst und Sorge.
Jugoslawien gilt als ein "starker Test" für das Modell, da es trotz anfänglicher Anzeichen einer funktionierenden "Security Community" in einen gewaltsamen Zerfallsprozess mündete, was die theoretische Relevanz des Modells bei der Erklärung von Wandlungsprozessen unterstreicht.
Angst wird nicht als irrationales Element, sondern als funktionaler Mechanismus verstanden, der in Situationen existentieller Bedrohung das Überleben als Ziel aktiviert und rationale Handlungen, wie den Griff zu den Waffen, innerhalb eines Sicherheitsdilemmas legitimiert.
Ihre Konzepte, insbesondere "Societal Security" und der "Speech Act" der Sekurisierung, bieten einen innovativen Rahmen, um zu verstehen, wie Eliten gesellschaftliche Bedrohungswahrnehmungen konstruieren.
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