Examensarbeit, 2025
53 Seiten, Note: 1,8
Diese Abschlussarbeit untersucht die gesellschaftliche Tabuisierung von Sexualität und weiblichen Reifungsprozessen um 1800 am Beispiel von E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Die Königsbraut: Ein nach der Natur entworfenes Märchen“. Es wird analysiert, inwiefern die Vorstellungswelt der Protagonistin Anna ihre Entwicklung zur heiratsfähigen Frau fördert, ihre imaginäre Welt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität dient und das Kunstmärchen die weibliche Rolle in der damaligen Gesellschaft problematisiert.
DAS EINSÄTZEN DER MÖHRENPHANTASIE ALS VERDRÄNGUNG
Die Vereinigung von Diesseits und Jenseits erlebt Fräulein Ännchen durch ein Ereignis im Gemüsegarten. Anna erntet in einen scheinbar normalen Garten ihre Mohrrüben als plötzlich ein merkwürdiges Lachen aus der Erde ertönt:
Doch sowie sie zog, ließ sich ein seltsamer Ton vernehmen. – Man denke ja nicht an die Alraunwurzel und an das entsetzliche Gewinsel und Geheul, das, wenn man sie herauszieht aus der Erde, der aus der Erde zu kommen schien, glich einem feinen, freudigen Lachen. [...] ,I! – wer lacht denn da mich aus?‘⁵⁴
Obwohl sie dieses Lachen bemerkt, ignoriert sie es und zieht eine zarte Mohrrübe mit einem Ring aus der Erde, was für sie wie ein Wunder erscheint. Dieses Ereignis wird weder von Anna hinterfragt noch als etwas Unnatürliches wahrgenommen. Vielmehr werden die übernatürlichen Elemente einfach als Teil der Realität akzeptiert. Dadurch, dass dieser Fund als Wunder hingenommen wird, lässt sich nach Lüthi der Ring ebenfalls in ein anderes Merkmal einordnen und als isolierter Gegenstand betrachten, der nur durch weitere Handlungen seine Allverbundenheit erhält. Die wird durch die Situation ausgelöst als Anna diesen Ring nicht abziehen kann, weil er verzaubert ist.⁵⁵
Zugleich ist der Ort des Geschehens zu beleuchten, weil der Garten in Verbindung mit dem Ring eine symbolische Bedeutung hat. Aufgrund der Fruchtbarkeit seiner heranwachsenden Gaben gilt dieser als Symbol des weiblichen Körpers. Einerseits wird in der Liebesliteratur der Garten als literarischer Maßstab für Frau, Erotik und Paradies dargestellt. In dieser Hinsicht wird in der Liebessemantik auch die Vorstellung der Unschuld und Jungfräulichkeit zugeordnet. Andererseits kann ein Garten auch für Wissen und Erziehung stehen, was im Sinne der persönlichen Weiterentwicklung eines Kindes gilt. Hinzu kommt, dass ein Garten als verlorenes Paradies und Kindheit gedeutet wird, was auf den himmlischen Garten Eden zurückzuführen ist. Die neuzeitliche Gartensymbolik im Sinne des irdischen Paradieses steht allerdings für körperlicher Arbeit und Mühe. Zuletzt steht der Garten auch für Verwandlung wegen seiner Schöpfung und Vergänglichkeit.⁵⁶ In diesem Zusammenhang ist die Verbindung zwischen dem Gemüsegarten als Symbol und der sexuellen Reife von Anna herzustellen, die sich gerade in der Entwicklung vom Mädchen zur Frau befindet. Die Verbindung zwischen dem Garten und der Sexualität des Mädchens lässt sich folgendermaßen erklären: Ännchen pflegt und hegt ihren Gemüsegarten. Dieses Jahr ist er besonders ertragreich und bereit zum Ernten. Der Garten, der durch ihre Pflege floriert, spiegelt metaphorisch ihre persönliche Entwicklung wider. Die reife Ernte ist daher ein bildlicher Ausdruck für die Pubertät und den Übergang vom Kindsein zum Erwachsenen. So wie die Pflanzen unter ihrer Obhut wachsen, so schreitet sie den Weg zum Frausein. Das Ernten der Mohrrüben kann einerseits als Sinnbild für die Ernte ihrer eigenen Reife und Fruchtbarkeit verstanden werden. Andererseits verkörpert die Mohrrübe das Verlangen nach dem anderen Geschlecht.
Kapitel I. EINLEITUNG: Dieses Kapitel führt in die historische Auffassung von Onanie als Krankheit im 18. Jahrhundert ein und beleuchtet, wie E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Die Königsbraut“ weibliche Transitionsgeschichten im Kontext gesellschaftlicher Tabuisierung thematisiert.
Kapitel II. KUNSTMÄRCHEN ALS WEGWEISER ZUR SELBSTFINDUNG: WEIBLICHE ENTWICKLUNG: Hier wird die sprachgeschichtliche Entwicklung des Märchenbegriffs dargelegt und die psychologische Tiefe sowie die Rolle des Kunstmärchens bei der Verarbeitung von Lebenskrisen und der Selbstfindung hervorgehoben.
Kapitel III. FRÄULEIN ÄNNCHENS MÖHRENPHANTASIE ALS ALTERNATIVE REALITÄT: Dieses Kapitel analysiert das Kunstmärchen „Die Königsbraut“ im Detail, wobei der Fokus auf Annas Entwicklung, ihre imaginäre Welt als Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität und die Rollen der männlichen Figuren in ihrer Transitionsphase liegt.
Kapitel IV. EIN VERGLEICH IM KONTEXT DER GESELLSCHAFTLICHEN ROLLE DER FRAU: Die Ergebnisse der Analyse werden hier mit den gesellschaftlichen und moralischen Normen des 18. Jahrhunderts verglichen, insbesondere in Bezug auf Mädchenerziehung, die Frauenrolle in der Eheschließung und die Tabuisierung von Sexualität.
Kapitel V. SCHLUSSBETRACHTUNG: Eine Zusammenfassung der wesentlichen Erkenntnisse zu Annas Entwicklung, der Funktion ihrer Vorstellungswelt und der Problematisierung der weiblichen Rolle im 18. Jahrhundert wird geboten, ergänzt durch einen Ausblick auf zukünftige Forschungsansätze.
E.T.A. Hoffmann, Die Königsbraut, Kunstmärchen, weibliche Entwicklung, Transitionsgeschichte, Sexualität, 18. Jahrhundert, Phantasie, Selbstfindung, Märchenanalyse, Gesellschaftliche Normen, Weibliche Rolle, Onanie, Körperlichkeit, Symbolik.
Die Arbeit untersucht weibliche Transitionsgeschichten im Kunstmärchen „Die Königsbraut“ von E.T.A. Hoffmann, unter besonderer Berücksichtigung der gesellschaftlichen Tabuisierung von Sexualität im 18. Jahrhundert.
Zentrale Themenfelder sind die weibliche Entwicklung vom Mädchen zur Frau, die Rolle der Phantasie bei der sexuellen Selbstfindung, die gesellschaftliche Stellung der Frau um 1800 und die tiefenpsychologische Bedeutung von Märchen.
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, inwiefern die Vorstellungswelt der Protagonistin ihre Entwicklung zur heiratsfähigen Frau fördert, die imaginäre Welt zur Auseinandersetzung mit der eigenen Sexualität dient und das Kunstmärchen die weibliche Rolle in der Gesellschaft um 1800 problematisiert.
Die Arbeit nutzt die Märchentheorie von Max Lüthi als Analysewerkzeug, ergänzt durch Marcella Schäfers Werk über die psychologische Funktion von Märchen zur Bearbeitung von Lebenskrisen.
Im Hauptteil wird E.T.A. Hoffmanns Kunstmärchen „Die Königsbraut“ detailliert analysiert, wobei Annas Möhrenphantasie als alternative Realität und der Vergleich der weiblichen Rolle im Kontext der gesellschaftlichen Normen des 18. Jahrhunderts im Mittelpunkt stehen.
E.T.A. Hoffmann, Die Königsbraut, Kunstmärchen, weibliche Entwicklung, Transitionsgeschichte, Sexualität, 18. Jahrhundert, Phantasie, Selbstfindung, Märchenanalyse.
Die Möhrenphantasie wird als eine imaginative Welt gedeutet, in der Anna ihre sexuelle Reife und das Verlangen nach dem anderen Geschlecht verarbeitet und die als Mittel zur Verdrängung gesellschaftlicher Zwänge dient.
Der Gemüsegarten symbolisiert Annas weiblichen Körper, Fruchtbarkeit und sexuelle Reife, während der Ring als magischer Verlobungsring den Beginn ihrer unumgänglichen Transitionsphase und die Dauer ihrer Möhrenphantasie kennzeichnet.
Das Märchen problematisiert die begrenzten Freiheiten und Rollenerwartungen für junge Frauen um 1800, indem es Annas inneren Widerstand durch ihre Phantasiewelt darstellt und die gesellschaftliche Tabuisierung weiblicher Sexualität kritisch hinterfragt.
Daucus Carota symbolisiert einerseits eine groteske Karikatur des Männlichen und einen dämonischen Verführer, andererseits aber auch eine Projektion einer unbewussten Onaniephantasie und dient als Katalysator für Annas Reifungsprozess.
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