Diplomarbeit, 2003
109 Seiten, Note: 1,0
Didaktik für das Fach Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft
Das Hauptziel dieser Diplomarbeit ist es, die Diskrepanzen zwischen der Darstellung der deutschen Tempora, insbesondere Perfekt und Präteritum, in gängigen Schulbüchern und dem aktuellen Stand der linguistischen Forschung aufzuzeigen. Die Arbeit hinterfragt traditionelle Lehrmeinungen kritisch und bietet Anregungen für eine didaktisch angemessene Vermittlung dieser sprachlichen Phänomene im schulischen Deutschunterricht.
2.2.1 Tempus oder Aspekt?
Ob das deutsche Perfekt Tempus oder doch Aspekt, keines von beidem oder gar beides zugleich ist, ist eine der umstrittensten prinzipiellen Fragen der Tempus- und Aspektliteratur der letzten Jahre. THIEROFF stellt in diesem Zusammenhang fest, dass das Perfekt in den meisten Grammatiken zwar wie ein Aspekt beschrieben, jedoch nicht als solcher bzw. trotzdem als Tempus bezeichnet wird. So findet man in der vierten Auflage der DUDEN-Grammatik von 1984 unter der Überschrift „Funktionsbestimmung der Tempora“ [Hervorh. v. Verf.] folgende Erläuterung zum Perfekt: „Das Perfekt stellt den Abschluß oder Vollzug eines Geschehens (einer Handlung) als eine im Sprechzeitpunkt gegebene Tatsache oder Eigenschaft fest. Daneben kann es den Abschluß oder Vollzug auch für einen Zeitpunkt in der Zukunft feststellen.“ ERBEN bezeichnet das Perfekt als „einen Vollzug feststellende ‘Urteilsform’“.
Dieser „Vollzugs-Charakter“ des Perfekts begegnet uns auch in einem Aufsatz von Peter KRÄMER in der Zeitschrift informationen zur deutschdidaktik, in dem eindeutig darauf hingewiesen wird, dass „die Verwendung einer perfektiven Form die Vorstellung eines Vollzugs hervorruft“. Weiters werde „der Zeitbezug ausschließlich durch zusätzliche Zeitangaben hergestellt“. Folgende Beispiele sollen dies illustrieren:
Gestern hat es geregnet/ist es kalt gewesen. (vergangen)
Verzeihen Sie, dass ich soeben auf Sie wie auf einen
Fremden zugegangen bin, ich habe Sie eben erst erkannt. (gegenwärtig)
Nächste Woche hat sie es geschafft/sind wir hoffentlich
schon wohlbehalten in unserem Urlaubsort angekommen. (künftig)
Auch KILLINGER ordnet in „Gestalten und Verstehen 1“ das Perfekt einer „Vollzugsstufe“ zu, führt aber dazu lediglich aus, dass dieses für „Geschehen/Sein, das sich schon vorher ereignet hat“, verwendet werde. Einig sind sich die meisten Autoren also offenbar darin, dass das Perfekt eine aspektuelle Bedeutung „Vollzug“ haben kann, jedoch gibt es divergente Anschauungen bezüglich einer etwaigen temporalen Semantik. Der Begriff „Aspekt“ stammt ursprünglich aus der Slawistik und umfasst nach einer Bedeutungserweiterung mittlerweile „alle finiten inhärenten Verbformen, die weder in der Tempus-, noch in der Moduskategorisierung erfaßt werden können“. Die ursprüngliche slawische Aspekt-Opposition perfektiv – imperfektiv liegt im Deutschen nicht vor, so dass Sätze wie „Als ich ankam, kochte sie Tee“ keine verschiedenen Verbformen und somit „eine Ambiguität aufweisen, die in anderen Sprachen nicht vorkommt“ und nur durch Zusätze wie „gerade“ bzw. „sofort“ aufgehoben werden kann, die jedoch nicht obligatorisch sind.
Kapitel 1: Problemabriss: Das Kapitel führt in die aktuelle Debatte um die Kategorie Tempus in der Linguistik ein, wobei die Vielfalt und Uneinigkeit bezüglich der Anzahl und Funktionen der Tempora im Deutschen beleuchtet werden.
Kapitel 2: Das Perfekt in Schule und Forschung: Dieses Kapitel untersucht die schulische Darstellung des Perfekts als Vergangenheitstempus und die wissenschaftliche Debatte, ob es sich um ein Tempus, einen Aspekt oder beides handelt, wobei die kontextabhängige Natur seiner Semantik betont wird.
Kapitel 3: Das Präteritum in Schule und Forschung: Es wird die schulische Vermittlung des Präteritums als schriftliches Erzähltempus analysiert und die Forschung diskutiert, die seine Funktion als reines Vergangenheitstempus in Frage stellt.
Kapitel 4: Doppelte Perfektbildungen: Das Kapitel beleuchtet die bislang in Schulbüchern vernachlässigten doppelten Perfektbildungen und ihre Funktion, insbesondere zur Bezeichnung von Vorvergangenheit, oft im Konjunktiv.
Kapitel 5: Perfekt und Präteritum im Konjunktiv: Hier werden die Funktionen von Perfekt und Präteritum im Konjunktiv, insbesondere in der indirekten Rede, untersucht, wobei ihre Rolle als reine Vergangenheitstempora in diesem Modus als problematisch dargestellt wird.
Kapitel 6: Das Plusquamperfekt: Die Darstellung des Plusquamperfekts in Schulbüchern als "Vorvergangenheit" wird kritisiert und durch Beispiele belegt, dass es auch als "Nachvergangenheit" oder mit Zukunftsbezug verwendet werden kann.
Kapitel 7: Die „Vergangenheitstempora“ im Passiv: Dieses Kapitel analysiert die Passivformen der Tempora, wobei eine temporale Restriktion von Perfekt und Präteritum im Zustandspassiv als bemerkenswertes Phänomen hervorgehoben wird.
Kapitel 8: Deiktische Tempusfunktionen: Es wird argumentiert, dass die Semantik der Tempora stark kontextabhängig ist und nicht isoliert von sprachlichen und außersprachlichen Faktoren betrachtet werden kann.
Kapitel 9: Die Temporalität von Modalverben: Hier wird die Rolle von Modalverben bei der Zeitreferenz untersucht, die nicht nur Modalität, sondern auch temporalen Bezug ausdrücken können.
Kapitel 10: Tempora und temporale Adverbien: Das Kapitel zeigt, dass Temporaladverbien oft eine überschätzte Rolle bei der zeitlichen Zuordnung spielen und deren Bedeutung stark vom Kontext abhängt.
Kapitel 11: Konsequenzen für die Unterrichtspraxis: Abschließend werden konkrete Vorschläge für eine modernere Didaktik des Tempussystems gemacht, die literarische Interpretation und textgestalterische Mittel stärker berücksichtigt.
Tempus, Perfekt, Präteritum, Didaktik, Linguistik, Schulgrammatik, Aspekt, Modalverben, Passiv, Temporaladverbien, Konjunktiv, Textlinguistik, Sprachgebrauch, Gegenwartsrelevanz, Vorvergangenheit, Deutschunterricht
Diese Arbeit befasst sich mit der Darstellung des deutschen Tempussystems, insbesondere des Perfekts und Präteritums, in Schulbüchern im Vergleich zu den Erkenntnissen der modernen Linguistik.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Semantik und Funktionen von Perfekt, Präteritum und Plusquamperfekt, deren Verwendung in verschiedenen grammatischen Strukturen (Konjunktiv, Passiv, mit Modalverben und Temporaladverbien) sowie die didaktischen Implikationen für den Deutschunterricht.
Das primäre Ziel ist die kritische Überprüfung, ob die schulisch postulierten Theorien zum Tempussystem den tatsächlichen sprachlichen Gegebenheiten gerecht werden, und darauf aufbauend Anregungen für eine zweckmäßigere Vermittlung zu liefern.
Die Arbeit verwendet eine vergleichende Analyse von Schulbüchern und linguistischer Fachliteratur, ergänzt durch die Untersuchung von Textbeispielen und die Auswertung von Umfrage- und Korpusanalysen zum Sprachgebrauch.
Im Hauptteil werden detailliert die verschiedenen Tempora (Perfekt, Präteritum, Plusquamperfekt) in Hinblick auf ihre Darstellung in der Schule und ihre Funktionen in der Forschung analysiert, einschließlich ihrer Verwendung im Konjunktiv, Passiv und in Verbindung mit Modalverben und Temporaladverbien.
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Tempus, Perfekt, Präteritum, Didaktik, Linguistik, Schulgrammatik, Aspekt, Modalverben, Passiv, Temporaladverbien, Konjunktiv, Textlinguistik, Sprachgebrauch, Gegenwartsrelevanz und Vorvergangenheit charakterisiert.
Die Arbeit kritisiert, dass die Projektion des lateinischen Tempussystems auf das Deutsche zu häufigen Fehlinterpretationen führt, da die deutsche Sprache eigene Normen und Entwicklungen aufweist.
Das Perfekt II wird als eigenständige Form beschrieben, die eine Lücke im Tempussystem schließt, indem es die Bezeichnung der Vorvergangenheit ermöglicht, insbesondere im Konjunktiv, und einen tatsächlichen Vollzug ausdrückt.
Die Arbeit hebt hervor, dass die Temporalität einer Aussage nicht ausschließlich durch die Tempusform selbst, sondern maßgeblich durch den sprachlichen und außersprachlichen Kontext, Modalverben und Temporaladverbien bestimmt wird.
Es wird empfohlen, literarische Tempuswechsel zu deuten, textgestalterische Mittel zur zeitlichen Zuordnung zu erschließen und ein reflektierteres Korrekturvorgehen zu entwickeln, das stilistische und textpragmatische Faktoren berücksichtigt.
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