Magisterarbeit, 2008
124 Seiten, Note: 1
Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)
Verkleidung (Vorwort)
A – Umherschweifende Menge
1. Multitude: Körper und Karneval
1.1 Eine ontologische Definition der Multitude
1.2 Schauplatz der Metamorphosen
1.3 Körperpassagen
1.4 Kommunikation, Kooperation, Netzwerk
1.5 Das Kommune – zwischen Vielheit und Polyphonie
2. Im Geiste des Karnevals
2.1 (Post-)Operaismus oder: Verwandlungen und Auftritt neuer Subjekte
2.2 Situationistische Revolutionstheorie oder: Dialoge gegen das »Spektakel«
3. Exkurs Umberto Eco: Semiologische Guerilla und Karneval
4. General Intellect und sein „Ausflug“ in »polyphone Apparate«
B – Karneval im Dialog
5. Michail M. Bachtin
5.1 Intertextualität und Produktion
5.2 Bachtins Karneval (Rabelais und seine Welt)
5.3 Kommunikation und Chronotopos
5.4 Vielsprachigkeit, Vermengung und Körperdialog
5.5 Karneval: Perspektiven und Potentiale
6. Florens Christian Rang (Historische Psychologie des Karnevals)
7. Peter Weidkuhn (Fastnacht – Revolte – Revolution)
C – Karnevaleske Aussichten
8. Schlussbemerkungen
8.1 Maskierte Politik
8.2 Elektronischer Karneval
8.3 Über den Aschermittwoch hinaus
Die vorliegende Arbeit untersucht das Potenzial des Karnevalesken als politisches Phänomen und Modell für ein alternatives politisches Bewusstsein. Ziel ist es, karnevaleske Formen jenseits rein kulturwissenschaftlicher Betrachtungen zu systematisieren und ihre subversive Kraft im Kontext moderner Widerstandskulturen, der Multitude und der politischen Philosophie herauszuarbeiten.
1.1 Eine ontologische Definition der Multitude
Was ist überhaupt unter »Multitude« zu verstehen? „Multitude ist ein Immanenzbegriff, die Menge ein Ensemble von Singularitäten.“ Negri versucht eine ontologische Beschreibung anzubieten, in der er die Multitude in die Realität setzt, während in Negris Verständnis das Konzept »Volk« seine Transzendenz verliert. In der Tradition der Moderne erkennt er allgemein eine hegemonial gewordene Konzeption, die das Volk meist von der Transzendenz des Souveräns ausgehend bestimmt hat. Negri kritisiert den Begriff »Volk«. Der Abstraktion und transzendentalen Vereinheitlichung der Vielheit von Singularitäten zu einem Volk möchte Negri widersprechen. Denn das moderne Denken hat wiederum das Ensemble von Singularitäten aufgelöst, aus dem Volk wurde dann eine Masse von Individuen. In diesem Fall weist er darauf hin, dass die Vorstellung einer »Menge« von der Moderne mit Chaos und Krieg gleichgesetzt wurde. Dem Transzendenzdenken – inklusive Auflösung der Immanenzebene – kann Negri nicht folgen.
Er fordert »Singularitäten ohne Repräsentation«. Hinzu kommt, dass »Multitude« als Mengen- und Klassenbegriff zu verstehen ist. „Die Menge als Klasse muss allerdings anders begriffen werden als die Arbeiterklasse.“ Zwar ist die Menge immer produktiv und immer in Bewegung, doch steht sie in einem anderen Verhältnis zur Produktion und sozialen Kooperation.
„Versteht man Multitude als Klassenbegriff, so definiert sich Ausbeutung als Ausbeutung der Kooperation: Kooperation nicht der Individuen, sondern der Singularitäten, Ausbeutung der Gesamtheit der Singularitäten, der Netzwerke, aus denen sich diese Gesamtheit zusammensetzt, und der Gesamtheit, welche die Netzwerke umschließt.“
1. Multitude: Körper und Karneval: Führt in die Konzepte von Hardt und Negri ein und verortet die Multitude als ein durch den Karnevalesken potenziell geprägtes politisches Subjekt.
2. Im Geiste des Karnevals: Beleuchtet die theoretischen Ursprünge in operaistischen und situationistischen Strömungen, die Karneval als Werkzeug gegen das Spektakel verstehen.
3. Exkurs Umberto Eco: Semiologische Guerilla und Karneval: Untersucht Ecos Beitrag zur semiologischen Guerilla und die ambivalente Rolle des Karnevals in der Massenkommunikation.
4. General Intellect und sein „Ausflug“ in »polyphone Apparate«: Analysiert den General Intellect im Kontext der Multitude und die Rolle polyphoner Strukturen in der sprachlichen und sozialen Produktion.
5. Michail M. Bachtin: Zentrales Kapitel, das Bachtins Verständnis von Lachkultur, Dialogizität und Karneval als historisch gewachsenes, subversives Prinzip expliziert.
6. Florens Christian Rang (Historische Psychologie des Karnevals): Widmet sich der theoretischen Position Rangs, der Karneval mit Psychologie, Religion und einer "Tragödie der Freiheit" verknüpft.
7. Peter Weidkuhn (Fastnacht – Revolte – Revolution): Diskutiert Weidkuhns kulturanthropologische Sichtweise auf Fastnachtsrituale und deren potenzielle Instrumentalisierung als Ventilsitte.
8. Schlussbemerkungen: Fasst die karnevalesken Aussichten zusammen, von der Maskierung der Politik bis zur Relevanz elektronischer Netzwerke für den karnevalesken Widerstand.
Karnevaleskes, Multitude, Empire, Michail Bachtin, General Intellect, Politische Philosophie, Widerstandskultur, Situationismus, Polyphonie, Immaterielle Arbeit, Dialogizität, Grotesker Realismus, Subversion, Soziale Kooperation, Karneval
Die Arbeit untersucht die Wiederentdeckung karnevalesker Prinzipien innerhalb der politischen Philosophie und ihre Anwendung als Modell für ein zeitgemäßes politisches Bewusstsein und widerständiges Handeln.
Die Schwerpunkte liegen auf der Verbindung zwischen den Konzepten der Multitude (Hardt/Negri), der literaturtheoretischen Basis Bachtins, der situationistischen Kritik am Spektakel sowie ethnologischen Analysen zur Fastnacht.
Ziel ist es, den Karneval aus einer rein ästhetischen oder folkloristischen Nische in einen politischen Diskurs zu überführen und zu zeigen, wie karnevaleske Strukturen in moderne, netzwerkartige Widerstandsbewegungen einfließen können.
Der Autor nutzt einen diskursanalytischen und theoriegeschichtlichen Ansatz, wobei er verschiedene philosophische und kulturwissenschaftliche Quellen intertextuell miteinander in Dialog setzt.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Herleitung über die Multitude und den Operaismus, eine detaillierte Auseinandersetzung mit Michail Bachtin sowie eine kritische Prüfung der Positionen von Florens Christian Rang und Peter Weidkuhn.
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Karnevaleskes, Multitude, Dialogizität, Subversion, General Intellect und Politische Philosophie beschreiben.
Bachtins "grotesker Realismus" dient dem Autor als wichtiges Modell, um die Körperlichkeit und das unaufhörliche Werden der Multitude sowie die Aufhebung starrer Hierarchien zu veranschaulichen.
Authentischer Karneval wird als Instrument der Freiheit und Gegenkultur beschrieben, während der usurpierte Karneval als reines "Theater der Grausamkeit" oder systemstabilisierende "Ventilsitte" unter der Herrschaftsordnung betrachtet wird.
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