Examensarbeit, 2009
136 Seiten, Note: 1,0
1. Einblick
2. Die Konzeption des Todes im Kantatentext
2.1. „Komm du süße Todesstunde“
2.2. „Ach! Wer doch schon im Himmel wär! Wie dränget mich die böse Welt!“
2.3. „Der Tod ist mein Schlaf worden“
2.4. „Jesu, meines Todes Tod“
2.5. „Das offne Grab sieht greulich aus“
2.6. „Herr, wie du willt, so schicks mit mir im Leben und im Sterben“
2.7. „Kurz ist die Zeit, der Tod geschwind, bedenke dies, o Menschenkind!“
3. Die Chiffrierung des Todesbegriffes in Sprache und Musik
4. Musikalische Parameter zur Darstellung von Tod und Sterben …
4.1. … auf melodischer Ebene
4.2. … auf kontrapunktischer Ebene
4.3. … auf harmonischer Ebene
4.4. … auf metrisch-rhythmischer Ebene
4.5. … auf der Ebene musikalisch-rhetorischer Figuren
4.6. … auf der Ebene der Instrumentation
4.7. …auf der Ebene der kontrastierenden Verwendung einzelner Parameter
4.8. … auf der Ebene eines bildlichen Ideenkomplexes
5. Exkurs: Die Darstellung des Todes in den Kollektivsätzen
6. Der „Actus tragicus“ (BWV 106) als eine musikalische Darstellung des Todes
7. Fazit
8. Quellenverzeichnis
Die vorliegende Arbeit untersucht die vielfältige Darstellung von Tod und Sterben in den geistlichen Kantaten von Johann Sebastian Bach. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie der abstrakte Todesbegriff durch theologische Konzepte, barocke Textproduktion und spezifische musikalische Kompositionsparameter in den Kantaten realisiert und für den damaligen Rezipienten chiffriert wird.
2. Die Konzeption des Todes im Kantatentext
Wie anhand der eingangs erwähnten Textausschnitte illustriert, handelt es sich in den Bachschen Kantatentexten um eine äußerst heterogene Darstellung des Todes. In Anbetracht der Tatsache, dass es sich beim Tod immer um eine individuelle Erfahrung handelt, die von jedem Menschen anders empfunden wird, ist dies auch nicht weiter verwunderlich. Axmacher spricht hier von den „Erfahrungen des Todes, die in ihrer Widersprüchlichkeit nicht harmonisierbar sind.“
Ein weiterer Aspekt für die Vielfältigkeit der Todesdarstellungen erklärt sich aus der barocken Lebensvorstellung, für die die Polarität zwischen Tod und Leben kennzeichnend ist. Besonders unter den Eindrücken des Dreißigjährigen Krieges rückt die Thematik um die eigene Sterblichkeit und Vergänglichkeit in den Mittelpunkt des Lebensgefühls, so dass sich im säkularen Bereich eine reiche Tradition der Memento mori- und Vanitas-Gedanken entwickelt. Besch vergleicht die Baukunst des Barock mit ihrem elliptischen Grundriss um zwei Brennpunkte herum mit dem „ungeheure[n] dynamische[n] Schwung der barocken Lebenshaltung zwischen heißer Lebensliebe und düsterer Todeswitterung“.
Sowohl auf säkularer wie auch auf geistlicher Ebene erlangt dieses Gedankengut große Bedeutung, was sich in unzähligen Andachts- und Stundenbüchlein für „fromme Laien“ niederschlägt, die dazu dienen sollen, „den Tod im Leben einzuüben“. Eine Kunst des Sterbens, die Ars moriendi, entwickelt sich, um das Bedürfnis nach Sterbehilfe und Anleitung in der seelsorgerischen Notsituation des 14. und 15. Jahrhunderts durch besagte Literaturgattung aufzufangen. Der Kampf um Leben und Tod entscheidet sich nicht auf dem Sterbebett, sondern schon im Leben. Die Bereitschaft jederzeit zu sterben muss zu Lebzeiten eingeübt werden. So dass allgemeine Todesbetrachtungen und Mahnungen (Exhortationes), die unter der Überschrift der Memento mori zusammengefasst werden können, dem Menschen stets seine Sünde und Vergänglichkeit vor Augen halten. In ebendiese Tradition lassen sich einige der Kirchenkantaten Bachs stellen.
1. Einblick: Einführung in die thematische Vielfalt der Todesdarstellung in Bachs Kantaten und Skizzierung der methodischen Vorgehensweise.
2. Die Konzeption des Todes im Kantatentext: Analyse der theologischen und literarischen Grundlagen sowie der verschiedenen barocken Todeskonzeptionen.
3. Die Chiffrierung des Todesbegriffes in Sprache und Musik: Untersuchung der Mechanismen der Textproduktion und der musikalischen Verweisstruktur.
4. Musikalische Parameter zur Darstellung von Tod und Sterben …: Detaillierte Analyse musikalischer Mittel wie Melodik, Harmonik, Rhythmik und Instrumentation zur Abbildung des Todes.
5. Exkurs: Die Darstellung des Todes in den Kollektivsätzen: Erörterung der Darstellung des Todes in Chören und Chorsätzen im Gegensatz zur solistischen Reflexion.
6. Der „Actus tragicus“ (BWV 106) als eine musikalische Darstellung des Todes: Betrachtung der Trauerkantate als zentrales Fallbeispiel für die musikalische Todesdarstellung.
7. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der musikalischen Realisierung des Todes als "musizierte Ars moriendi".
8. Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Musikalien und Literatur.
Johann Sebastian Bach, Kirchenkantaten, Tod, Sterben, Ars moriendi, Memento mori, Vanitas, Barock, Theologie, Musiksprache, musikalische Rhetorik, Actus tragicus, Glaubensgewissheit, Sterbebereitung, Jenseitssehnsucht.
Die Arbeit untersucht, wie Johann Sebastian Bach das komplexe Thema Tod und Sterben in seinen geistlichen Kirchenkantaten sowohl textlich als auch musikalisch verarbeitet und interpretiert.
Zentrale Themen sind die barocke Lebensphilosophie (Memento mori, Vanitas), die theologische Einordnung des Sterbens (Ars moriendi) und die Verbindung zwischen textlicher Aussage und musikalischer Ausgestaltung.
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Bach durch spezifische musikalische "Chiffren" und Rhetorik den abstrakten Todesbegriff für den Hörer konkretisiert und dabei eine christlich geprägte Deutung zwischen Todesfurcht und Auferstehungshoffnung vermittelt.
Es handelt sich um eine musikwissenschaftliche Analyse, die theologische Kontexte einbezieht und durch die Untersuchung zahlreicher Kantatenbeispiele und Partiturausschnitte eine Kategorisierung der musikalischen Darstellungsmittel vornimmt.
Der Hauptteil gliedert sich in die textliche Konzeption des Todes, die allgemeine Chiffrierung in Sprache und Musik, die detaillierte Analyse musikalischer Parameter (Melodik, Harmonik, Rhythmik etc.) sowie einen Exkurs zu Chorsätzen und eine Fallstudie zum "Actus tragicus".
Die wichtigsten Begriffe umfassen Bachs Kantaten, Tod und Sterben, Ars moriendi, Barock, musikalische Rhetorik und die theologische Ausdeutung von Tod und Ewigkeit.
Bach nutzt hierfür kontrastierende Mittel: Während Todesangst oft durch dissonante Intervallfolgen, Chromatik und "sperrige" Rhythmik dargestellt wird, manifestiert sich die Todessehnsucht meist in innigeren, teils liedhaften Melodien, die das Ziel der Gemeinschaft mit Christus (Unio mystica) betonen.
Der "Actus tragicus" (BWV 106) dient als zentrales, großformatiges Fallbeispiel, da in diesem frühen Werk die musikalische Einheit von Text und Musik besonders stark ausgeprägt ist und sich hier viele der in anderen Kantaten nur fragmentarisch auftretenden Todeschiffren gebündelt finden.
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