Magisterarbeit, 2010
92 Seiten, Note: 1,0
1. Einleitung
2. Forschungslage
3. Le mal du siècle: Die nervöse Epoche
3.1. Kurze Einführung in die Geschichte der Hysterie
3.2. Hysterie um 1900: Eine Modekrankheit?
3.3. Beziehung zwischen Literatur und Psychologie: Schnitzler und Freud
4. Sehen und Gesehen-Werden
4.1. Der männliche Blick
4.1.1. Die „schöne Leiche“: Die Frau als männliches Kunstprodukt
4.1.1.1 „Ich habe noch nie einen so schönen Körper gesehen.“ Voyeurismus bei Fräulein Else
4.1.1.2. Die „schöne Unbekannte“: Die Frau als männliches Blickobjekt
4.2. La grande simulatrice
4.2.1. Hysterie als wahre Lüge: Inszenierung und Schauspiel
4.2.2 Theater, Karneval und Masken: Rollenwechsel als Symptom der Hysterie
4.2.2.1. Else: Dirne oder Luder
4.2.2.2. Albertine: Heilige oder Hure
4.3. Fräulein Else und das Spiegelbild: Identitätssuche und Selbsterkenntnis
5. Der soziale Tod: Hysterie als Sozialkritik
5.1. „Du willst wirklich nicht mehr weiterspielen, Else?“ Elses Selbstauslöschung: Ein Scheitern an der Gesellschaft
5.2. Marianne und Anna O.
6. Männliche Hysterie und Geschlechterwandel
6.1. „Hast du Courage?“
6.1.1. „Was gehen mich denn die anderen Leute an?“ Öffentlichkeit und Anonymität bei Leutnant Gustl
6.1.2. Fridolins hysterische Nachtwanderung
7. Sprache und Sprachverlust: Die stumme Sprache der Hysterie
7.1. Der innere Monolog: Eine „literarische Psychoanalyse“? – Elses „soziale Sprachlosigkeit“ und Gustls erzwungenes Redeverbot
8. Die Zeitkritik Schnitzlers im Hinblick auf den Hysteriediskurs: Rebellion und Emanzipation
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Hysterie im literarischen Werk Arthur Schnitzlers im Kontext der Wiener Jahrhundertwende. Ziel ist es, die Hysterie nicht als rein medizinisches oder weibliches Phänomen zu begreifen, sondern als eine Reaktion auf gesellschaftliche Zwänge, Geschlechterrollen und Identitätskrisen bei sowohl weiblichen als auch männlichen Figuren.
4.1.1.1 „Ich habe noch nie einen so schönen Körper gesehen.“ Voyeurismus bei Fräulein Else
Die Verbindung zwischen Weiblichkeit, Tod und Kunst ist in Fräulein Else in vielfältiger Ausprägung nachweisbar. Else befindet sich in einer Notlage, die ihr keinen anderen Ausweg mehr lässt, als den ihr unsympathischen Dorsday um Geld anzuflehen. Dieser nutzt das Dilemma Elses aus und fordert von ihr eine Gegenleistung für seine Großzügigkeit: Else soll sich ihm eine Viertelstunde nackt zeigen, damit er ihren Körper, ganz im Sinne seiner Tätigkeit als Kunsthändler, wie ein Gemälde betrachten kann, ohne sie jedoch anzurühren. Dorsday ist ein Geschäftsmann, der im Gegensatz zu Else gelernt hat, dass „alles auf der Welt [seinen] Preis hat und dass einer, der sein Geld verschenkt, […] ein ausgemachter Narr ist.“92, der den Warenwert Elses wie den eines Gemäldes schätzt und sie damit zur Ware degradiert und auf die gleiche Ebene wie die eines Kunstgegenstandes setzt.
Else selbst hat dieses Prinzip des Sich-Verkaufens erkannt: „Nein, Paul, auch für dreißigtausend Gulden kannst du von mir nichts haben. Niemand. Aber für eine Million? – Für ein Palais? Für eine Perlenschnur? […] Nun, wie wär’s, Papa, wenn ich mich heut Abend versteigerte?“ (FE 22) Ihre Weiblichkeit ist das einzige Kapital, aus dem Else Profit schlagen kann, da sie keine Bildung genossen hat und auch von ihrer sich in finanzieller Not befindlichen Familie keine Unterstützung erwarten kann. Die Funktionalisierung der weiblichen Schönheit zu einer ästhetischen Kunstproduktion findet am Beispiel der von Dorsday verlangten Inszenierung Elses ihren höchsten Ausdruck. Nicht nur die Frau selbst, sondern auch die Kunst steht im Dienste des Mannes, der sich an ihr ergötzt und sie nach seinen Wünschen formt und zurechtbiegt.93 Es ist unübersehbar, dass Schnitzler sich bei der von Dorsday verlangten Inszenierung weiblicher Nacktheit an der aufkommenden Freikörperkultur, an den Nackttänzen einer Josephine Baker und an den Photografien aus der Iconographie Photographique Charcots hat inspirieren lassen.
1. Einleitung: Die Einleitung verortet das Phänomen Hysterie im gesellschaftlichen Kontext der Wiener Jahrhundertwende und definiert das Forschungsziel sowie die Auswahl der untersuchten Werke.
2. Forschungslage: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Schnitzlers Werk und verdeutlicht die Notwendigkeit einer neuen Hysterieanalyse.
3. Le mal du siècle: Die nervöse Epoche: Es wird die historische Entwicklung des Hysteriebegriffs von der Antike bis zur Psychoanalyse Freuds nachgezeichnet und als kulturelles Phänomen der Zeit gedeutet.
4. Sehen und Gesehen-Werden: Hier wird der männliche Blick als Instrument der Objektivierung analysiert, wobei die Darstellung der Frau als Kunstobjekt und die weibliche Inszenierung im Zentrum stehen.
5. Der soziale Tod: Hysterie als Sozialkritik: Das Kapitel untersucht Hysterie als Ausdruck von Sozialkritik und das Scheitern weiblicher Identitätsentwürfe an gesellschaftlichen Normen.
6. Männliche Hysterie und Geschlechterwandel: Hier steht die männliche Hysterie im Fokus, wobei Identitätskrisen von Männern angesichts des Geschlechterwandels und militärischer Ehrbegriffe analysiert werden.
7. Sprache und Sprachverlust: Die stumme Sprache der Hysterie: Die Analyse konzentriert sich auf den inneren Monolog als literarisches Mittel zur Darstellung von Sprachlosigkeit und psychischen Konflikten.
8. Die Zeitkritik Schnitzlers im Hinblick auf den Hysteriediskurs: Rebellion und Emanzipation: Das abschließende Kapitel resümiert Schnitzlers Rolle als scharfsinniger Gesellschaftskritiker und bewertet das subversive Potenzial seiner literarischen Hysteriedarstellungen.
Hysterie, Arthur Schnitzler, Wiener Jahrhundertwende, Psychoanalyse, Geschlechterrollen, Männlicher Blick, Identitätssuche, Leutnant Gustl, Fräulein Else, Traumnovelle, Innere Monolog, Sozialkritik, Femme fatale, Körperlichkeit, Emanzipation
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Hysterie bei Arthur Schnitzler, eingebettet in den soziokulturellen Kontext der Wiener Jahrhundertwende und dessen Auswirkungen auf das Individuum.
Die Arbeit fokussiert sich auf Geschlechterverhältnisse, den "männlichen Blick", Identitätskrisen, die Funktion der Hysterie als Sozialkritik sowie das Verhältnis zwischen Psychoanalyse und Literatur.
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, Hysterie nicht als biologische Krankheit, sondern als gesellschaftlich bedingtes Phänomen und als Form des Protests bzw. der Identitätsstiftung innerhalb der untersuchten Novellen zu verstehen.
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Text-Diskurs mit psychoanalytischen Theorien der Zeit sowie soziologischen Ansätzen zum Geschlechterverhältnis kombiniert.
Im Hauptteil erfolgt eine detaillierte Untersuchung spezifischer Figuren aus den Novellen "Fräulein Else", "Leutnant Gustl" und der "Traumnovelle" hinsichtlich ihrer hysterischen Symptomatik und Identität.
Die Arbeit wird wesentlich durch Begriffe wie Hysterie, Geschlechterrollen, Maskerade, innerer Monolog, Identitätssuche und Gesellschaftskritik charakterisiert.
Die Arbeit sieht Schnitzler als fortschrittlichen Zeitgenossen Freuds, der zwar von der Psychoanalyse inspiriert ist, deren universalen Deutungsanspruch jedoch kritisiert und durch eine individuellere, literarische Sicht auf die menschliche Psyche ersetzt.
Die Autorin möchte das Missverständnis korrigieren, dass Hysterie ein rein weibliches Phänomen sei, und aufzeigen, dass auch Männer unter den gesellschaftlichen Zwängen und dem Geschlechterwandel der Zeit leiden.
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