Bachelorarbeit, 2003
41 Seiten, Note: 1,3
1. Autismus und Kommunikation - ein Widerspruch?
1.1. Was heißt Autismus?
1.1.1. Medizinische Kriterien
1.1.2. Ätiologien
1.2 Was heißt Kommunikation?
1.2.1. Sprachliche Kommunikation
1.2.2. Nichtsprachliche Kommunikation
1.2.3. Gestützte Kommunikation nach Crossley
2. Gestützte Kommunikation und die Kontroverse
2.1. Standpunkte und kontrollierte Studien
2.1.1. Die Münchner Studie von Bundschuh und Basler-Eggen
2.1.2. Metaanalyse amerikanischer Studien nach Biermann
2.2. Diskussion der Studien und ihrer Ergebnisse
3. Erklärungsbausteine zu FC-Phänomenen
3.1. Verdeckter Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen
3.1.1. Kompensation: Vorstellungsschemata und Sprachschemata
3.1.2. Lesenlernen durch Berieselung
3.1.3. Innere Sprache als Brücke zwischen Denken und Äußerung
3.1.4. Innere Sprache über neuropsychologische Umwegprozesse
3.2. Mögliche Wirkungen von Stützung und Nähe
3.2.1. Stützung als krankengymnastische Intervention
3.2.2. Psychologie der Wechselwirkung von Nutzer und Facilitator
A. Der Clever-Hans-Effekt und ähnliches
B. Das Dialogische Prinzip
C. Social Facilitation
D. Behavioristisches, NLP
E. emotionale und verbale Stützung
3.2.3. Stützung als strukturelle Koppelung von Systemen
A. körperliche und psychische Grenzen
B. Zeitstrukturen
3.2.4. Verstehende Ansätze: Phänomenologie und Anthroposophie
4. Schlusswort
Die vorliegende Arbeit untersucht die Kontroverse um die "Gestützte Kommunikation" (Facilitated Communication, FC) bei autistischen Menschen. Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen der wissenschaftlichen Ablehnung aufgrund von Validierungsstudien und den berichteten Erfolgen der Nutzer zu verstehen sowie theoretische Erklärungsansätze für die beobachteten Phänomene aus verschiedenen Disziplinen zu diskutieren.
1.1. Was heißt Autismus?
Hört man den Begriff Autist, tauchen manchmal Bilder von in Ecken kauernden, schreienden, sich selbst rhythmisch schlagenden, völlig unzugänglichen und irgendwie befremdlichen menschlichen Wesen auf. Es gibt tatsächlich autistische Menschen mit solchen Symptombildern, doch den typischen Autisten stellen sie nicht dar - ganz einfach, weil es den typischen Autisten nicht gibt, da es sich um eine Spektrumserkrankung mit einer hohen Variationsbreite des Verhaltensspektrums handelt (KPM 2001, 18, 23, 27). Autismus - genauer: die autistische Störung - ist eine tief greifende Entwicklungsstörung, eine qualitative Veränderung der neurologisch-psychischen Entwicklung, die bereits in der frühen Kindheit auftritt und die ganze Persönlichkeit betrifft.
Als spezifisches Charakteristikum geben KUSCH&PETERMANN (2001, 22f.) eine allen Formen zugrunde liegende autistische soziale Dysfunktion an, die sich beispielsweise darin äußert, dass autistische Kinder kaum absichtsvoll kommunikativ interagieren, sondern Menschen wie Gegenstände und Gegenstände mit ungewöhnlicher Hingabe behandeln (hier scheint die Kontrollierbarkeit der Gegenstände und damit die Selbstdosierung des sensorischen Inputs eine Rolle zu spielen; KPM 2001, 113). Auch scheinen die Fähigkeit, sich in die Lage Anderer hinein zu versetzen, also die soziale Reziprozität bzw. die theory-of-mind (BARON-COHEN 1989) und triadische Interaktionen (wie die gemeinsame Aufmerksamkeit für ein Objekt oder eine Handlung) beeinträchtigt oder ganz zu fehlen (MUNDY&SIGMAN 1989 in KPM 2001, 108).
1. Autismus und Kommunikation - ein Widerspruch?: Definiert den Autismus als tief greifende Entwicklungsstörung und beleuchtet die Schwierigkeiten sowie Möglichkeiten der Kommunikation bei autistischen Menschen.
2. Gestützte Kommunikation und die Kontroverse: Erörtert die wissenschaftliche Debatte um die Validität der Gestützten Kommunikation (FC) durch die Gegenüberstellung verschiedener Studien und Kontroversen.
3. Erklärungsbausteine zu FC-Phänomenen: Untersucht theoretische Hintergründe, wie verdecktes Lernen von Sprache möglich ist und welche Rollen Stützung, Nähe und Systemkopplung dabei spielen.
4. Schlusswort: Führt die unterschiedlichen Perspektiven zusammen, plädiert für einen differenzierten Blick jenseits dichotomer Pole und betont die Bedeutung prozeduraler Auffassungen von Kommunikation.
Autismus, Gestützte Kommunikation, Facilitated Communication, Kommunikation, Sprachstörungen, Inklusion, Validierung, Autodidaktischer Spracherwerb, Innere Sprache, Systemtheorie, Stützung, Psychologie, Behindertenpädagogik, soziale Interaktion, Neurologie.
Die Arbeit behandelt die komplexe und kontroverse Thematik der Gestützten Kommunikation bei autistischen Menschen, wobei sowohl medizinische Grundlagen als auch die wissenschaftliche Debatte um die Validität der Methode beleuchtet werden.
Zu den zentralen Themen gehören das Verständnis von Autismus, die Definition von Kommunikation, die kritische Auseinandersetzung mit Validierungsstudien und die theoretische Herleitung der Wirkungsmechanismen von Stützung.
Das primäre Ziel ist es, den Widerspruch zwischen der negativen wissenschaftlichen Bewertung der Methode und der praktischen Erfahrung von Nutzern, die durch FC kommunizieren, durch verschiedene theoretische Modelle zu erklären.
Die Arbeit nutzt eine literaturbasierte Analyse, welche bestehende Studien, Konzepte und theoretische Ansätze aus Psychologie, Medizin, Pädagogik und Philosophie zusammenführt und kritisch diskutiert.
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse kontrollierter Studien zur FC, diskutiert Gründe für deren widersprüchliche Ergebnisse und erörtert theoretische Erklärungsbausteine für FC-Phänomene wie den verdeckten Spracherwerb und die Bedeutung von Stützung.
Wichtige Begriffe sind Autismus, Gestützte Kommunikation, Validierung, Sprachverarbeitung, Systemtheorie, soziale Interaktion und Autodidaktik.
Der Autor stützt sich auf die Annahme eines autodidaktischen Erwerbs durch "Berieselung" und den Aufbau innerer Sprache, die als Brücke zwischen Denken und Äußerung fungiert und durch die Umgebung, etwa mediale Einflüsse, strukturiert wird.
In Anlehnung an systemtheoretische Überlegungen wird die Stützung als Hilfe verstanden, die autistischen Personen einen psychisch repräsentierbaren Systemrand sowie Zeitstrukturen zur Verfügung stellt, um deren eigene, oft instabile innere Prozesse zu stabilisieren.
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