Masterarbeit, 2019
81 Seiten, Note: 1,5
Diese Masterarbeit untersucht die Rolle der Madres de Plaza de Mayo im Prozess der Überwindung der argentinischen Militärdiktatur von 1976 bis 1983. Dabei wird analysiert, inwiefern die Bewegung der Mütter die staatlich gesteuerte Transitional-Justice-Politik in ihrem Sinngehalt erweiterte und somit als Katalysator für eine "von unten" gesteuerte Demokratisierung fungierte.
2.1) Erzwungenes Verschwindenlassen (Desaparición forzada)
Das erzwungene Verschwindenlassen stellt eine Maßnahme staatlich organisierter Repression dar, bei der die anvisierten Personen im Zuge einer verdeckten Operation verschleppt, gefoltert und anschließend ermordet werden. Dabei ist es die Klandestinität des Vorgehens, die die Rekonstruktion des Tathergangs erschwert. Das Unterdrückungsinstrument richtet sich primär gegen die politische Opposition eines autoritären Regimes. Jener Praxis können unter willkürlichen Vorzeichen jedoch auch Teile der Zivilgesellschaft zum Opfer fallen, die die bestehenden Strukturen gar nicht anfechten. Während der Ursprung dieses Mechanismus im Dritten Reich verortet wird, prägte sich der Eigenbegriff Desaparecido als Bezeichnung für diejenigen Personen ein, die der Anwendung jenes Unterdrückungsinstrumentes durch die lateinamerikanischen Militärregierungen der 1970er- und 1980er-Jahre zum Opfer fielen.
Neben dem hohen Maß an Systematik, das den Gebrauch jenes Instrumentes politischer Gewalt kennzeichnet, sticht insbesondere der entmenschlichende Diskurs derjenigen Akteure hervor, die sich dieser Praxis annahmen. Die bei einer Pressekonferenz 1979 getätigte Aussage des argentinischen (Ex-)Juntachefs Rafael Videla verdeutlicht den genannten Aspekt: „Er ist eine unbekannte Größe, [...] ein Körperloser. Er existiert nicht, weder tot noch lebendig. Er ist verschwunden.“ Auch Veronica Abrego sieht im Zusammenhang mit dem Verschwindenlassen durch die argentinischen (Para-)Militärs einen diskursiven Charakter von Diskriminierung, durch die den Opfern ihr Sein abgesprochen werde. Die Praxis sei in diesem Zusammenhang außerdem als Gegensatz zur Identitätsbildung zu begreifen: „Hier wurde der Eigenname vom Körper getrennt, die persönliche Lebensgeschichte der familiären Genealogie entrissen, das Individuum aus dem Kollektiv des Staates geworfen."
Deutlich wird, dass jene Maßnahme sich nicht bloß durch das Vorhaben definiert, diejenigen Personen physisch aus Staat und Gesellschaft zu entfernen, die den propagierten Leitbildern nicht entsprechen. Der Umstand, dass das Stadium des Verschwundenseins so lange anhält, bis der Körper des Toten als greifbarer Beweis auftaucht, ist auf der einen Seite zwar mit der Idee einer systematischen Spurenverwischung verbunden: Gewalteinwirkungen durch systemnahe Täter*innen werden durch das Regime aktiv geleugnet und verschleiert. Die Tatsache, dass der vergangene Tathergang bis zum Fund der Leiche nicht rekonstruiert werden kann, lenkt den Blick der Untersuchungen darüber hinaus jedoch auf eine zusätzliche Ebene an Akteur*innen. Das Repressionsinstrument zeichnete sich insbesondere durch Folgewirkungen für die Angehörigen der Verschwundenen, demnach durch die Beeinflussung des Verbliebenen aus. Die Betrachtung eben jener Gruppe verweist dabei auf die psychologische Kriegsführung, die insbesondere in den diktatorischen Gesellschaften Lateinamerikas im 20. Jahrhundert praktiziert wurde: Dadurch, dass die Angehörigen nichts über den tatsächlichen und aktuellen Aufenthaltsort ihrer verschwundenen Familienmitglieder wussten und keinerlei Auskünfte von staatlichen Instanzen erhielten, sollten diese zivilgesellschaftlichen Mitspieler*innen nachhaltig demoralisiert werden.
1) Einleitung: Dieses Kapitel führt thematisch in die Arbeit ein, erläutert ihre Struktur und begründet das methodische Vorgehen sowie die Literatur- und Quellenauswahl.
2) Theorien, Phänomene und Definitionen: Hier werden zentrale Begriffe wie das erzwungene Verschwindenlassen und geschlechterspezifische Phänomene (Machismo, Marianismo, Political Motherhood) sowie das Konzept der Transitional Justice theoretisch gefasst und analysiert.
3) Die argentinische Militärdiktatur (1976-1983): Dieses Kapitel beleuchtet den historischen Kontext der Diktatur, ihren Charakter, die Suche nach den Verschwundenen durch die Madres de Plaza de Mayo und die Umstände ihres Endes.
4) Die Madres de Plaza de Mayo und die argentinische Transitional-Justice-Politik: Hier wird der Einfluss der Madres auf die argentinische Politik der Vergangenheitsbewältigung unter den Regierungen Alfonsín und Menem detailliert untersucht.
5) Fazit und Ausblick: Das Schlusskapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und bietet einen Ausblick auf die nachhaltige Bedeutung des Protests der Madres de Plaza de Mayo und die zukünftige Forschung zur Transitional Justice.
Femininer Protest, Transitional Justice, Madres de Plaza de Mayo, argentinische Militärdiktatur, Verschwindenlassen, Menschenrechte, Geschlechterrollen, Erinnerungskultur, Vergangenheitsbewältigung, Zivilgesellschaft, Political Motherhood, Desaparecidos, Marianismo, Machismo, Impunidad
Die Arbeit untersucht die Rolle des femininen Protests, insbesondere der Madres de Plaza de Mayo, als Katalysator für die Aufarbeitung der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) und die Entwicklung der Transitional Justice.
Zentrale Themenfelder sind das erzwungene Verschwindenlassen, geschlechterspezifische Phänomene in repressiven Gesellschaften, Transitional Justice, die argentinische Militärdiktatur und die Politik der Vergangenheitsbewältigung in der Postdiktatur.
Die Arbeit fragt nach der Rolle der Madres de Plaza de Mayo im Prozess der Überwindung der argentinischen Militärdiktatur und inwiefern sie die staatlich gesteuerte Transitional-Justice-Politik erweiterten.
Die Arbeit verfolgt ein interdisziplinäres Vorgehen, das Elemente der Gewaltforschung, Diktaturforschung und Sozialen Bewegungsforschung kombiniert, wobei Gender als zentrale Analysekategorie dient.
Der Hauptteil behandelt die theoretischen Grundlagen des Verschwindenlassens und der Transitional Justice, die Merkmale der argentinischen Militärdiktatur sowie die Mobilisierung und den Einfluss der Madres de Plaza de Mayo auf die staatliche Vergangenheitsbewältigung.
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Femininer Protest, Transitional Justice, Madres de Plaza de Mayo, argentinische Militärdiktatur, Verschwindenlassen und Erinnerungskultur charakterisiert.
Ihr Protest wurde geduldet, weil er auf ihrer apolitisch konnotierten Genderrolle als Mütter basierte und ihre gewaltfreien Aktionen die Diktatur nicht direkt konfrontierten, was als "List" gegenüber dem patriarchalen System diente.
Die Madres lehnten die "Theorie der zwei Dämonen" ab, die den Terror von linker und rechter Seite gleichsetzte, und trugen durch eigene Publikationen und Proteste dazu bei, ihre alternative Version der Wahrheit über die Menschenrechtsverletzungen im kollektiven Gedächtnis zu verankern.
Ein zentrales Symbol waren die weißen Kopftücher ("Pañuelos"), auf denen die Namen und Verschwindedaten ihrer Kinder vermerkt waren. Dies diente als stilistisches Gegenstück zur Praxis des Verschwindenlassens, die den Opfern ihre Identität raubte, und sollte die persönliche Biografie jedes Verschwundenen sichtbar machen.
Das Geständnis des Korvettenkapitäns Adolfo Scilingo über die "Todesflüge" stärkte die moralische Delegitimierung des Militärs und reaktivierte das öffentliche Interesse am Kampf der Madres für Wahrheit und Gerechtigkeit, insbesondere der Forderung nach Beendigung der Straflosigkeit.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

