Magisterarbeit, 2006
90 Seiten, Note: 1,00
1. EINLEITUNG
2. WISSENSCHAFTSHISTORISCHER KONTEXT
2.1 Die experimentelle Erforschung des Unbewussten
2.1.1 Wilhelm Wundt: Theorie der Sinneswahrnehmung
2.1.2 Wilhelm Wundt: Erinnerungsvorgänge
2.2 Die klinische Erforschung des Unbewussten
2.2.1 Pierre Janet: L’état mental des Hystériques
2.2.2 Pierre Janet: L’Automatisme Psychologique
2.2.3 Josef Breuer/ Sigmund Freud: Studien über Hysterie
2.2.4 Max Dessoir: Das Doppel-Ich
2.3 Die Psychologie des Unbewussten in der Literaturwissenschaft
2.3.1 Hermann Bahr: Die neue Psychologie
2.3.2 Hermann Bahr: Die Überwindung des Naturalismus und Heinrich Mann: Neue Romantik
3. ANALYSE
3.1 Eine Erinnerung (1894) – Erinnerungsbewältigung
3.2 Ist sie’s? (1894) und Das Stelldichein (1897) – Wahrnehmung, Erinnerung, Imagination
3.3 Die Gemme (1896) – Verwirrspiel von Identitäten
3.4 Contessina (1894) – Erinnerungsbewahrung durch Verweigerung der Gegenwart
3.5 Geschichten aus Rocca de’ Fichi (1896) – Person und pathologischer Zustand als Erinnerungsbewahrung
3.6 Das gestohlene Dokument (1896) – Identitätsgebung durch pathologischen Selbstbezug
4. ERGEBNIS
Die vorliegende Arbeit untersucht die ästhetische Aufnahme und literarische Verarbeitung des zeitgenössischen psychologischen Diskurses, insbesondere der experimentellen Psychologie und der entstehenden Psychoanalyse, im Frühwerk Heinrich Manns zwischen 1894 und 1897, mit einem besonderen Fokus auf die Themen Erinnerung und Identität.
1. EINLEITUNG
Der Siegeszug der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert wirkte sich auch auf das geisti ge Leben aus. Literatur und Poetik waren vom naturwissenschaftlichen Denken beeinflusst. In den achtziger Jahren kam in der Literatur wie in der Wissenschaft ein starkes Interesse an Psychologie, insbesondere Psychopathologie auf. Die Schriftsteller verwendeten psychi atrische Quellen, es kam zu einer Literarisierung der Psychologie.
Diese Aufnahme des wissenschaftlichen, insbesondere des psychologischen Diskur ses, der sich in den achtziger und neunziger Jahren zwischen der experimentellen Psycho logie und einer im Werden begriffenen Psychoanalyse bewegte, in den ästhetischen soll in Erzählungen aus Heinrich Manns Frühwerk von 1894-97 untersucht werden. Leitend dabei sind die Themen Erinnerung und Identität.
Zunächst wird ein wissenschaftshistorischer Kontext hergestellt durch Texte aus der experimentellen und klinischen Forschung, die sich mit dem Unbewussten, dem Bewusst sein, der Erinnerung oder der Wahrnehmung beschäftigen. Wissenschaftsgeschichte und Erzählungen Heinrich Manns sollen anschließend in einer Analyse aufeinander bezogen werden. Es wird untersucht, wie Heinrich Mann die Wissenschaft aufgenommen und verar beitet hat, wie die Wissenschaft in den Erzählungen integriert ist. Wesentlich ist dabei die Frage, welche Konsequenzen das Zusammenwirken von Psychologie und Literatur auf lite rarische Techniken hat. Um mögliche poetologische Entwicklungen herauszuarbeiten, folgt die Untersuchung weitgehend der chronologischen Reihenfolge der Erzählungen.
1. EINLEITUNG: Einleitung in die Themenfelder Psychologie und Identität im Frühwerk von Heinrich Mann.
2. WISSENSCHAFTSHISTORISCHER KONTEXT: Übersicht über die psychologischen Grundlagen der Zeit, von Wundts experimenteller Psychologie bis zu Freuds und Janets klinischen Studien.
3. ANALYSE: Detaillierte Untersuchung spezifischer Erzählungen Heinrich Manns unter Anwendung psychologischer Theoriekonzepte.
4. ERGEBNIS: Zusammenfassende Darstellung der Bedeutung der zeitgenössischen Wissenschaft für das literarische Schaffen von Heinrich Mann.
Heinrich Mann, Frühwerk, Psychologie, Psychopathologie, Erinnerung, Identität, Unbewusstes, Hysterie, Psychoanalyse, Wahrnehmung, Wahrnehmungspsychologie, Doppelgänger, Nervöse Romantik, Literaturwissenschaft, Moderne
Die Arbeit analysiert, wie Heinrich Mann in seinem Frühwerk (1894-1897) zeitgenössische psychologische Theorien und wissenschaftliche Diskurse in seine literarischen Erzählungen integriert hat.
Die zentralen Themen sind das Unbewusste, das Phänomen der Erinnerung, die Konstruktion von Identität sowie die Auswirkungen von psychologischen Zuständen auf literarische Erzähltechniken.
Das Ziel ist es, den Einfluss wissenschaftshistorischer Kontexte – insbesondere von Wilhelm Wundt, Pierre Janet, Sigmund Freud und Max Dessoir – auf Heinrich Manns poetologische Entwicklung und seine Erzählweise herauszuarbeiten.
Es erfolgt eine wissenschaftshistorische Kontextualisierung, gefolgt von einer textanalytischen Untersuchung, die literarische Strukturen mit den psychologischen Konzepten der damaligen Zeit (z.B. Dissoziation, Trauma, kathartische Methode) in Bezug setzt.
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse ausgewählter Erzählungen, in denen Heinrich Mann Themen wie pathologische Zustände, Doppelgänger-Motive und die Identitätsstiftung durch subjektive Wahrnehmung thematisiert.
Wichtige Begriffe sind Psychogramm, Femme Fragile, Erinnerungsbewältigung, Bewusstseinsspaltung und die Literarisierung psychologischer Krankheitsbilder.
Ein Trauma führt laut den analysierten Theorien und Erzählungen oft zur Spaltung des Bewusstseins oder zu einer fixen Idee, die das Handeln der Figur im Nachhinein steuert und die Gegenwart der Figur in der Vergangenheit gefangen hält.
Die Gemme dient als Kristallisationspunkt für Identitätszuweisungen; sie fixiert die abgebildete Figur als ein Bild und führt zu einer Spaltung zwischen der realen Person und der Projektion, was die Identitätssuche der männlichen Protagonisten nachhaltig beeinflusst.
Der Selbstmord wird als einziger Ausweg dargestellt, um der durch die Mutter aufgezwungenen Identität der Vergangenheit zu entkommen und eine eigene, wenn auch tragische, Identität zu behaupten.
Es werden zwei Kategorien unterschieden: der externe Doppelgänger, der durch Projektion einer verschütteten Erinnerung oder Imagination entsteht, und der pathologische interne Doppelgänger, der aus einer Bewusstseinsspaltung innerhalb einer Person resultiert.
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