Bachelorarbeit, 2024
104 Seiten, Note: 1,7
Das primäre Ziel dieser Arbeit ist es, im Rahmen einer qualitativ-empirischen Studie zu untersuchen, inwiefern sich kleine, mittelgroße und große eigentümergeführte Familienunternehmen der deutschen Industrie aus der Sicht systemischer Berater in der Beratung voneinander unterscheiden. Die Forschungsarbeit strebt danach, das vorhandene theoretische Wissen zu erweitern und praxisrelevante Implikationen für die systemische Beratung dieser speziellen Unternehmensform abzuleiten.
Das Familienunternehmen – die Kopplung zweier sozialer Systeme
Die Unterschiede zwischen Organisationen und Familien rühren daher, „dass Mitgliedschaft (und damit auch Nichtmitgliedschaft) unterschiedlich bestimmt werden“ (Kühl, 2019, S. 104). Um es auf einen verkürzenden Nenner zu bringen: „Organisationssysteme“, so Luhmann, „bilden sich immer dann, wenn Eintritt ins System und Austritt aus dem System als entscheidbar vorausgesetzt […] werden können“ (Luhmann, 2019, S. 200). In eine Familie wird man dagegen entweder hineingeboren oder infolge eines juristischen Vorgangs wie einer Heirat aufgenommen (Brückner, 2018, S. 25). Eine solche Beziehung kann zwar prinzipiell auch aufgekündigt werden, doch ist dies nicht ohne Weiteres möglich (Kühl, 2019, S. 102–104). Hinzu kommt, dass es sich bei Organisationen und Familien um soziale Systeme handelt, „die unterschiedliche Funktionen erfüllen und dementsprechend unterschiedlichen Formen von Rationalität folgen“ (Simon, 2012, S. 19). Vereinfacht gesagt: „Unternehmen […] sind sachorientiert, Familien […] sind personenorientiert (Simon, 2012, S. 20). Die daraus resultierenden Logiken lassen sich wie folgt umreißen: Während in Organisationen vor allem das Erwirtschaften von Gewinnen im Vordergrund steht und ihre Mitglieder prinzipiell austauschbar sind (Brückner, 2018, S. 26), steht „in der Familie […] die Person des einzelnen Familienmitglieds im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, nicht ihre Funktion oder Nützlichkeit“ (Simon, 2012, S. 28).
In Familienunternehmen bilden diese beiden sozialen Systeme mit ihren unterschiedlichen Funktionslogiken eine koevolutionäre Einheit (Simon, 2012, S. 23). Sie sind füreinander relevante Umwelten, die einander wechselseitig in ihrer Entwicklung beeinflussen (Simon, 2012, S. 22–23).11 Die Familienmitglieder, die im Familienunternehmen tätig sind, „stehen vor der permanenten Herausforderung, die paradoxen Handlungsaufforderungen zu bewältigen, die sich aus den widersprüchlichen Rationalitäten von Familie und Unternehmen ergeben“ (Simon, 2012, S. 32). Diese „‚pragmatischen Paradoxien‘“ (Watzlawick et al., 1967, zitiert nach Simon, 2012, S. 29) zeichnen sich dadurch aus, dass sie logisch nicht gelöst werden können (Simon, 2012, S. 29). Mit anderen Worten: „Pragmatische Paradoxien führen stets zur Unentscheidbarkeit, d. h. einer Situation, in der nicht mithilfe irgendwelcher Tools ‚errechnet‘ oder von irgendwelchen Fachleuten gesagt werden kann, was getan werden muss“ (Simon, 2012, S. 31).
Wer es mit Familienunternehmen zu tun hat, sollte anerkennen, dass beide Rationalitäten ihre Daseinsberechtigung haben (Simon, 2012, S. 19). Die Aufgabe muss sein, die sich hieraus ergebenden Paradoxien nicht nur auszuhalten, sondern bewusst anzunehmen (Simon, 2012, S. 39). Das legt die Empfehlung nahe, sich dieser Aufgabe auch als Berater von Familienunternehmen zu stellen (Plate & Groth, 2007, S. 262).
Kapitel 1 Einführung: Dieses Kapitel stellt die Relevanz des Themas dar, formuliert die Forschungsfrage zur systemischen Beratung in eigentümergeführten Familienunternehmen und gibt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit.
Kapitel 2 Theoretischer Hintergrund: Es erläutert zentrale Begriffe wie Mittelstand und Familienunternehmen, zeichnet die Entwicklung der Organisationsberatung nach und beleuchtet die systemische Organisationsberatung auf Basis von Luhmanns Systemtheorie mit speziellem Fokus auf Familienunternehmen als gekoppelte soziale Systeme.
Kapitel 3 Forschungsfragen: Aus dem aufgezeigten Forschungsdesiderat werden die spezifischen Haupt- und Unterforschungsfragen abgeleitet, die die Unterschiede in der systemischen Beratung von Familienunternehmen verschiedener Größen aus Sicht der Berater untersuchen.
Kapitel 4 Empirische Untersuchung: Hier wird die durchgeführte qualitative empirische Studie detailliert beschrieben, inklusive des Forschungsansatzes, des Untersuchungsdesigns, der Gestaltung der Experteninterviews, der Stichprobenbeschreibung, der Datenerhebung und -analyse sowie der präsentierten Untersuchungsergebnisse.
Kapitel 5 Diskussion und Interpretation: In diesem Kapitel werden die empirischen Ergebnisse mit dem theoretischen Hintergrund in Beziehung gesetzt, die Forschungsfragen beantwortet und praxisorientierte Implikationen für die systemische Beratung von Familienunternehmen abgeleitet.
Kapitel 6 Zusammenfassung: Das letzte Kapitel bietet eine kritische Würdigung der Studienergebnisse, fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und beleuchtet mögliche Anknüpfungspunkte für zukünftige Forschungsprojekte.
Systemische Beratung, Familienunternehmen, Organisationsberatung, Unternehmensgröße, Qualitative Forschung, Experteninterviews, Luhmann, Paradoxien, Deutschland, Wirtschaftspsychologie, Change Management, Nachfolge, Beratungspraxis, Mittelstand, Management.
Diese Arbeit analysiert die systemische Beratung in deutschen Familienunternehmen, wobei sie sich auf die Differenzen, Chancen und Herausforderungen konzentriert, die sich aus der Sicht systemischer Berater ergeben.
Die zentralen Themenfelder umfassen die systemische Organisationsberatung, die spezifischen Merkmale von Familienunternehmen, deren Besonderheiten in der Beratung und die Rolle der Unternehmensgröße dabei.
Das primäre Ziel ist es, herauszufinden, inwiefern sich kleine, mittelgroße und große eigentümergeführte Familienunternehmen der deutschen Industrie aus Sicht systemischer Berater in der Beratung voneinander unterscheiden.
Es wird eine qualitativ-empirische Studie unter Verwendung von leitfadengestützten problemzentrierten Experteninterviews mit systemischen Beratern durchgeführt und mittels zusammenfassender qualitativer Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet.
Der Hauptteil der Arbeit behandelt den theoretischen Hintergrund der systemischen Beratung und Familienunternehmen, die Forschungsfragen sowie die detaillierte Beschreibung der empirischen Untersuchung und deren Ergebnisse.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie systemische Beratung, Familienunternehmen, Organisationsberatung, Unternehmensgröße, qualitative Forschung, Experteninterviews und Paradoxien.
Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass aus Sicht der Berater die Unternehmensgröße keinen ausschlaggebenden Einfluss auf die Beratungsbereitschaft oder das methodische Vorgehen hat, obwohl einige größenbezogene Tendenzen im Beratungsalltag beobachtet wurden.
Familienunternehmen sind oft zurückhaltend, weil sie Probleme lieber selbst lösen, den Verlust der familiären Privatheit fürchten, wenig Erfahrung mit Beratung haben und Gefühle von Schuld oder Scham empfinden, wenn sie Unterstützung suchen.
Aus der engen Kopplung von Familie und Unternehmen ergeben sich oft "pragmatische Paradoxien" aufgrund widersprüchlicher emotionaler und rationaler Logiken, die nicht einfach logisch zu lösen sind und spezifische Beratungskonzepte erfordern.
Berater sollten die Zurückhaltung von Familienunternehmen verstehen, flexible und bedürfnisorientierte Ansätze anbieten und die Bedeutung persönlicher Empfehlungen bei der Akquise berücksichtigen, da der Beratungsansatz oft zweitrangig ist.
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