Magisterarbeit, 2025
130 Seiten, Note: 1,0
Die vorliegende Masterarbeit rekonstruiert, welche Vorstellungen Drittklässler zum Erinnern im Kontext von Stolpersteinen äußern und prüft, inwiefern sich daran historische Sinnbildungsprozesse im Sinne des Hamburger Bildungsplans und des Perspektivrahmens Sachunterricht entfalten. Methodisch handelt es sich um eine explorative qualitative Studie, die in einer dritten Klasse einer Hamburger Grundschule mit 23 Kindern durchgeführt wurde.
1. Einleitung
Die Entwicklung und Weitergabe einer reflektierten Erinnerungskultur an die Zeit des Nationalsozialismus bildet eine zentrale und dauerhafte Aufgabe der Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolgern des Deutschen Reichs. Spätestens mit der Rede von Bundespräsident a.D. Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkrieges wurde sie als Aufgabe aller Bürger¹ anerkannt. Weizsäcker verlieh dieser Verpflichtung mit den Worten Ausdruck: „Erinnerung heißt eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, daß es einem Teil eines eigenen Inneren wird.“² Dieses Verständnis von Erinnerung als Teil der kollektiven wie individuellen Identität war eingebettet in eine gesellschaftliche Situation, in der eine breite Gemeinschaft von Zeitzeugen als lebendige Bezugspunkte des kommunikativen Gedächtnisses verfügbar war.
Heute, vier Jahrzehnte später, im Lichte des 80. Jahrestages der Befreiung von Auschwitz sind die Voraussetzung grundlegend andere. Mit dem sukzessiven Wegfall der Zeitzeugen rückt die Erinnerung an den Holocaust vom kommunikativen zum kulturellen Gedächtnis.³ Damit verändert sich die Form der Erinnerung. So tritt anstelle der unmittelbaren Begegnung ihre institutionalisierte und mediale Vermittlung. Eine zentrale Rolle als Speicher-und Vermittlungsinstanz des kulturellen Gedächtnisses kommt dabei der Schule zu. Sie steht vor der Aufgabe Erinnerungskultur in einer von Diversität geprägten Gesellschaft so zu gestalten, dass Kinder und Jugendliche unabhängig von familiären Bezügen zum Holocaust oder zu bundesrepublikanischen Erinnerungspraktiken Orientierung gewinnen können.⁴ Gegenwärtig gesellschaftliche Entwicklungen verdeutlichen die Dringlichkeit dieses Bildungsauftrags. Im Zuge des Pogroms der Hamas am 7. Oktober 2023 kam es auch in Deutschland zu einem massiven Anstieg antisemitischer Übergriffe und Diskriminierungen.⁵ Dabei finden diese unlängst in digitalen Räumen statt, wo parallel dazu lässich zu beobachten, dass in den Diskursen rund um Erinnerungskultur, rechte Akteure diese mit Begriffen wie „Schuldkult“ diffamieren und öffentlich einen „Schlussstrich“ fordern.⁷
Vor diesem Hintergrund wird die Schule als Ort historischer Wissensvermittlung herausgefordert, Lernumgebungen zu eröffnen, die diesen Entwicklungen entgegentreten und auf die Förderung eines „reflektierten Geschichtsbewusstseins“⁸ zielen, das Orientierung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht.⁹ Denn der bildungspolitische Auftrag ist spätestens seit dem KMK-Beschluss von 1997 klar.¹⁰ Dieser fordert eine intensive Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft als verpflichtete Aufgabe der Schule und wurde 2014 nochmals mit der Empfehlung „Erinnern für die Zukunft“¹¹ untermauert. Curricular ist die Behandlung des Themas Holocaust in Hamburg erst im Geschichtsunterricht ab der 9. Jahrgangsstufe vorgesehen.¹² Häufig sehen sich Geschichtslehrkräfte hier bereits gefestigten Geschichtsbildern der Schüler ausgesetzt, welche dann nur noch schwer zu revidieren sind.¹³ Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer Thematisierung bereits vor dem ersten Geschichtsunterricht, da auch Grundschulkinder schon früh von den genannten außerschulischen Einflussfaktoren geprägt werden.¹⁴ Gerade der Sachunterricht bietet durch seine Funktion als „Ausgangspunkt für das weiterführende Lernen“¹⁵ und seine vielperspektivischen Zugänge eine geeignete Fachlogik.¹⁶
1. Einleitung: Führt in die Relevanz einer reflektierten Erinnerungskultur zum Nationalsozialismus ein und beleuchtet die Herausforderung der Geschichtsvermittlung in der Grundschule.
2. Theoretischer Rahmen: Erarbeitet die wissenschaftlichen Grundlagen von Erinnerungskultur, Geschichtskultur und frühem historischen Lernen, wobei die Stolpersteine als zentrales Lernobjekt eingeführt werden.
3. Methodik: Beschreibt das explorative qualitative Forschungsdesign, die Durchführung von Kreisgesprächen mit Drittklässlern und die angewandte qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring.
4. Ergebnisse: Präsentiert die durch die Analyse gewonnenen Kategorien kindlicher Erinnerungsvorstellungen, darunter emotionale Selektivität, moralisches und geteiltes Erinnern sowie transgenerationale Weitergabe.
5. Diskussion: Erörtert die Forschungsergebnisse im Kontext der Forschungsfragen und des Bildungsplans, bewertet das Potenzial der Methode "Philosophieren mit Kindern" und diskutiert die Grenzen der Studie.
6. Fazit und Ausblick: Fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und leitet daraus Implikationen für die weitere Forschung und die didaktische Praxis ab.
Erinnerungskultur, Historisches Lernen, Sachunterricht, Stolpersteine, Philosophieren mit Kindern, Holocaust, Nationalsozialismus, Grundschule, qualitative Forschung, Erinnerungsvorstellungen, historische Sinnbildung, Gedenkpraxis, Moralisches Erinnern, Transgenerationale Weitergabe
Diese Masterarbeit untersucht, wie Grundschulkinder der dritten Klasse das Erinnern im Kontext von Stolpersteinen wahrnehmen und welche Vorstellungen sie dazu entwickeln, um historische Sinnbildungsprozesse im Sachunterricht zu fördern.
Die Arbeit befasst sich mit kindlichen Erinnerungsvorstellungen, dem Phänomen der Stolpersteine als Lernobjekt, historischem Lernen im Sachunterricht und der Methode des Philosophierens mit Kindern.
Das primäre Ziel ist es, zu rekonstruieren, welche Erinnerungsvorstellungen Drittklässler zu Stolpersteinen artikulieren und inwiefern diese zur Entwicklung historischer Sinnbildungsprozesse beitragen.
Die Studie verwendet ein exploratives qualitatives Forschungsdesign mit Kreisgesprächen als Erhebungsmethode und einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring zur Auswertung.
Der Hauptteil der Arbeit behandelt den theoretischen Rahmen des historischen Lernens und der Erinnerungskultur, das methodische Vorgehen der Studie, die Ergebnisse der Kategorienbildung kindlicher Erinnerungsvorstellungen und eine detaillierte Diskussion der Befunde.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Erinnerungskultur, Historisches Lernen, Sachunterricht, Stolpersteine, Philosophieren mit Kindern, Holocaust und qualitative Forschung.
Stolpersteine dienen als konkrete, lokal verankerte Gedenkobjekte, die einen niedrigschwelligen Zugang zur Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus im direkten Lebensumfeld der Kinder ermöglichen.
Das "Philosophieren mit Kindern" wird als dialogische Erhebungsmethode eingesetzt, die es ermöglicht, die komplexen und vielschichtigen Erinnerungsvorstellungen der Kinder offenzulegen und ihre Perspektiven auf historische Ereignisse zu erfassen.
Die Studie identifizierte Kategorien wie emotionale Selektivität, moralisches Erinnern, gesellschaftlich geteiltes Erinnern, transgenerationale Weitergabe, historische Orientierung und Reflexion über Gedenkpraxis.
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