Masterarbeit, 2018
72 Seiten, Note: 1,3
Diese Masterarbeit analysiert den deutschen Spielfilm "Romeos" hinsichtlich der Darstellung von trans* und des Lebens von Trans*-Personen. Die zentrale Forschungsfrage untersucht, welche Effekte die im Film gewählte Repräsentation auf Trans*-Personen verschiedener Verortungen hat, mit der Hauptthese, dass diese Darstellung sowohl Räume öffnet als auch schließt und somit problematische Ausschlüsse erzeugt. Die Arbeit beleuchtet, inwiefern das im Film gezeichnete Bild von Trans*-Personen heteronormativen Erwartungen entspricht.
4.4 Zweigeschlechtlichkeit und (binäre) Transition
Lukas wird als eine binär verortete Trans*-Person, also als Trans*-Mann hergestellt. Wir sehen ihn in seinem Videotagebuch Testosteron nehmen (Min. 0.27 bis 1.08), er zeigt ein großes Unbehagen, aufgrund seines weiblichen Personenstandes im Mädchenwohnheim untergebracht zu sein (Min. 3.35) und als seine beste Freundin Ine ihm sagt, er würde stinken, antwortet er begeistert, dies sei „Männerschweiß“ (Min. 23.38). Lukas wird in seinem Videotagebuch (als solches erkennbar durch schwarze Balken am oberen und unteren Bildrand, wie auch dadurch, dass Lukas sprachlich direkt eine potentielle Zuschauer_innenschaft adressiert und diese durch direkten Blick in die Kamera anspricht (Abb.1), als Mann eingeführt; als Mensch, der nicht männlicher sein könnte. Und als Trans*-Person, die nicht deutlicher trans* sein könnte – wird doch als Einstiegsszene gewählt, wie er sich eine Testosteronspritze setzt (Min. 0.27 bis 1.08). Dies wird in Min. 3.35 auch durch die Farbgebung unterstrichen: Das Schwesternwohnheim ist in warmen Orange- und Gelbtönen gehalten. Lukas trägt ein kühl wirkendes blau-grünes Oberteil. Dadurch wird der Ort als weiblich, Lukas als männlich hergestellt und Lukas auch optisch als Fremdkörper markiert (Abb. 2).
Lukas wird auf diese Weise auf eine seiner Eigenschaften reduziert: auf trans*. Letztlich bestätigt diese Darstellung von Lukas die Idee der Zweigeschlechtlichkeit auf zwei verschiedene Weisen. Im ersten Schritt wird die Sichtweise reproduziert, es gäbe zwei voneinander unterschiedliche Geschlechter: Männer und Frauen. Im zweiten Schritt wird gezeigt: Das soziale Geschlecht ist ausschlaggebend dafür, welches Geschlecht jemand hat. Denn auch wenn Lukas aufgrund seines Körpers bei der Geburt das Geschlecht Frau zugewiesen wurde, wird er aufgrund seines männlichen sozialen Geschlechts als Mann eingeführt. Lukas wird also nicht als Cis-Person konstruiert, bei der soziales Geschlecht und körperliches Geschlecht angeblich übereinstimmen, aber als die davon kleinstmögliche Abweichung: Eine Person, die im „falschen Körper“ geboren ist. Und wie bereits in der ersten Szene gezeigt wurde, bedient sich Lukas der Möglichkeiten der Medizin, um diese Abweichung von der Zweigeschlechtlichkeit zu minimieren.
Teil dieser sogenannten „Wrong Body Story“ (vgl. Gressgård 2010, S. 544) (auch als „richtige Seele im falschen Körper“ beschrieben (Adamietz 2001, S. 154)) ist die Herstellung der Person (hier: von Lukas) als stereotyp im sogenannten Zielgeschlecht. Dies soll einerseits beweisen, dass die Person tatsächlich das Geschlecht ist, dass sie vorgibt, zu sein, tatsächlich das soziale Geschlecht hat, in dem die Person anerkannt werden möchte. Daher muss Lukas beweisen, dass er ein echter Mann ist: Lukas beschäftigt sich hauptsächlich mit Sport. Wir sehen ihn morgens um 6.15 Uhr noch bevor der Wecker klingelt mit Hanteln trainieren (Min. 4.59 bis 5.19, Min. 21.29 bis 22.06 und Min. 52.51 bis 53.21). Akribisch beobachtet er seinen sich verändernden Körper. Wir sehen ihn Oberschenkel, Bizeps, Hintern messen (Min. 5.20 bis 6.01) und seinen Haarwuchs beobachten (ab Min. 5.52, Min. 40.18 und Min. 40.26). Hier zeigt sich, dass und wie die heterosexuelle Matrix sich biegen muss, um Trans*-Personen zu integrieren, ohne ihre Normen zur Diskussion zu stellen: Bei der Geburt eines Kindes wird der Körper als das geschlechtsvorgebende Kriterium angelegt. Die „Wrong Body Story" erlaubt jedoch eine Abweichung davon, die zur Folge hat, dass das soziale Geschlecht den Ausschlag gibt. Trotzdem sehen wir im Film, wie der Körper im Fokus steht und eine Norm erfüllen soll, die er nur mit Aufwand erfüllen kann: Hormone, OPs und Training sollen den Körper dem gewünschten Zielkörper so nah wie möglich anpassen. Der Körper wird so zu einem Objekt, das geformt wird. Diese Objektifizierung wird im Film auch durch den Bildausschnitt deutlich: Im Zeitfenster zwischen Min. 40.18 und 40.36 sehen wir, wie Lukas seinen Haarwuchs beobachtet und wie er versucht, seine Prä-OP-Brust flachzudrücken (Abb. 3).
1 Einleitung: Die Einleitung stellt den Film "Romeos" als den ersten deutschen Film vor, der eine junge erwachsene Trans*-Person als Hauptcharakter zeigt. Sie formuliert die Forschungsfrage nach der Darstellung von trans* im Film und deren Effekten auf Trans*-Personen und führt die theoretischen Rahmenwerke von Judith Butler sowie den Toleranzdiskurs ein.
2 Begriffsklärungen: Dieses Kapitel klärt zentrale Begriffe wie trans*, Transsexualismus, Transgender, Cis, Trans*-Mann und Trans*-Frau. Es erörtert zudem die Repräsentation und Repräsentationskritik im Kontext der medialen Darstellung von Geschlecht und sexueller Identität.
3 Von Subjekten, Autonomie und Toleranz: Hier werden Judith Butlers Theorien zur Subjektivierung, Performativität und Geschlechtermelancholie dargelegt, um zu zeigen, unter welchen Voraussetzungen Personen als "Subjekte" anerkannt werden. Ergänzend wird das Konzept des Toleranzdiskurses nach Gressgård und Brown diskutiert, das die gesellschaftliche Organisation von Abweichung beleuchtet.
4 Transnormativität im Film Romeos: Der Hauptteil analysiert den Film "Romeos" im Hinblick auf die Konstruktion von Transnormativität. Es werden die Inhaltsangabe gegeben, das methodische Vorgehen erläutert und die Darstellung von Zweigeschlechtlichkeit, binärer Transition, Pathologisierung sowie die Stigmatisierung von trans* im Film untersucht. Das Kapitel schließt mit einer Suche nach subversiven Momenten der Darstellung.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und bewertet die Darstellung von trans* im Film "Romeos". Es diskutiert, inwiefern der Film Normativität etabliert, gleichzeitig aber auch Räume für diskriminierende Erfahrungen aufzeigt und sich als Beitrag im "culture war" um die Existenzberechtigung und Toleranz von normkonformen Trans*-Personen positioniert.
Transnormativität, Film Romeos, Trans*-Personen, Repräsentation, Subjektivierung, Performativität, Geschlechtermelancholie, Toleranzdiskurs, Zweigeschlechtlichkeit, binäre Transition, Pathologisierung, Stigmatisierung, Gender Studies, Queer Cinema, Männlichkeitskonstruktion
Die Arbeit analysiert die Darstellung von trans* im Film "Romeos" und untersucht, welche Auswirkungen die im Film gewählte Repräsentation auf Trans*-Personen hat, insbesondere ob sie Räume öffnet oder schließt.
Zentrale Themenfelder sind die Analyse von Transnormativität in Filmen, Subjektivierungstheorien (Judith Butler), der Toleranzdiskurs, Repräsentationskritik, sowie die Darstellung von Zweigeschlechtlichkeit, binärer Transition, Pathologisierung und Stigmatisierung von Trans* im Filmkontext.
Das primäre Ziel ist es zu untersuchen, wie trans* und ein Leben als Trans*-Person im Film "Romeos" dargestellt werden und welche Effekte diese Repräsentation auf Trans*-Personen verschiedener Verortungen hat. Es wird hinterfragt, inwiefern das Bild der Heteronormativität entspricht und Ausschlüsse erzeugt.
Im Analyseteil der Arbeit wird eine Kombination aus der dokumentarischen Methode der Videointerpretation nach Bohnsack und der systematischen Filmanalyse nach Korte angewendet, wobei der Fokus auf den Dialogen und Filmstilmitteln liegt.
Der Hauptteil der Arbeit behandelt die Transnormativität im Film "Romeos", inklusive einer Inhaltsangabe, der Einordnung ins Genre, dem methodischen Vorgehen sowie detaillierten Analysen zu Zweigeschlechtlichkeit, binärer Transition, Pathologisierung, Stigmatisierung und subversiven Momenten.
Schlüsselwörter, die die Arbeit charakterisieren, sind: Transnormativität, Film Romeos, Trans*-Personen, Repräsentation, Subjektivierung, Performativität, Geschlechtermelancholie, Toleranzdiskurs, Zweigeschlechtlichkeit, binäre Transition, Pathologisierung, Stigmatisierung, Gender Studies, Queer Cinema, Männlichkeitskonstruktion.
Lukas wird als binär verortete Trans*-Person (Trans*-Mann) konstruiert, deren Leben und Körper auf die "Wrong Body Story" reduziert werden. Seine Darstellung konzentriert sich darauf, wie er durch medizinische Maßnahmen und stereotype männliche Performance versucht, die Abweichung von der Zweigeschlechtlichkeit zu minimieren und als "echter Mann" anerkannt zu werden.
Die "Wrong Body Story" ist ein zentrales Element der Darstellung, das die Vorstellung vom "falschen Körper" reproduziert. Sie zwingt Trans*-Personen dazu, ihr Geschlecht und ihre Identität stereotyp im Zielgeschlecht zu performen, um gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten, indem der Körper als Objekt geformt wird.
Ein subversiver Moment ist, dass Lukas auf den ersten Blick nicht als trans* oder schwul erkennbar ist, was heteronormative Vorurteile herausfordert. Ein weiterer ist die Konstruktion von Lukas als schwul. Diese Momente werden jedoch durch die Besetzung durch einen Cis-Mann und die Einführung der Figur Jaqueline, die Fabios schwule Verortung in Frage stellt, untergraben und verlieren an konsequentem subversivem Potential.
Die ursprüngliche FSK-Einstufung ab 16 Jahren wurde damit begründet, dass Homosexualität und Trans*-Sein als zu "normal" dargestellt würden, was junge Zuschauer_innen desorientieren könnte. Dies zeigt, dass die Darstellung queerer Lebenswelten im Mainstream als radikal wahrgenommen wurde.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

