Examensarbeit, 2024
117 Seiten, Note: 1,0
Diese wissenschaftliche Hausarbeit widmet sich dem fundamentalen Ziel, Wege aufzuzeigen, wie Sprach- und Kommunikationsbarrieren bei Schüler:innen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) erfolgreich überwunden werden können. Angesichts der Verpflichtung Deutschlands zu einem inklusiven Bildungssystem ist es von entscheidender Bedeutung, adäquate Unterstützungsmöglichkeiten für diese heterogene Schülergruppe zu entwickeln und zu implementieren, um ihre Lebensqualität und gesellschaftliche Teilhabe zu verbessern.
2.3.1 Die autistische Wahrnehmung
Wahrnehmung entsteht ganz allgemein dann, wenn innere und äußere Reize auf unser Inneres einwirken. Auf Grundlage dieser Wahrnehmung bilden wir ein individuelles Abbild der Welt. Und auf dieses Abbild reagieren wir schließlich mit Verhalten. Erst dieses Verhalten wird dann wieder für Andere sichtbar und nach diesem Verhalten werden wir von unseren Mitmenschen dann beurteilt. Die Autorin Gee Vero beschreibt in der Monografie „Autismus verstehen“ (2020) die Besonderheiten ihrer autistischen Wahrnehmung. Aufgrund der Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen nicht-autistischen und autistischen Menschen fällt es Betroffenen schwerer, sich in andere hineinzuversetzen. Das Verhalten, welches aus einer anderen, autistischen Wahrnehmung resultiert, ist wiederum auch für neurotypische Menschen schwer nachzuvollziehen. Menschen mit ASS nehmen sensorische Reize anders und oft intensiver wahr. Jeder Reiz ist gleichwertig, es gibt weder wichtige noch unwichtige Reize. Reize werden daher vermehrt bewusst wahrgenommen und weniger stark vom Gehirn gefiltert. Girsberger (2016) beschreibt die autistische Wahrnehmung als eine bevorzugte Wahrnehmung von Details bzw. Einzelheiten. Deswegen nehmen Betroffene jedoch den Gesamtzusammenhang oft weniger ausgeprägt wahr. Manchmal kann dieser auch überhaupt nicht erkannt werden. Im vorherigen Kapitel wurde erläutert, dass Betroffene oft über geringerer Fähigkeiten der zentralen Kohärenz verfügen. Die detailreiche Wahrnehmung kann für bestimmte Tätigkeiten von Vorteil sein, denn durch sie können Details wahrgenommen werden, welche anderen Menschen entgehen. Vero (2020) konstatiert, dass die Intensität der Wahrnehmung von Menschen mit ASS stark schwanken kann. Im Extremfall erfolgt die Wahrnehmung sehr intensiv auf nur einem Sinneskanal und die anderen Sinneskanäle werden dafür kaum oder gar nicht genutzt. Diese Form der Wahrnehmung wird auch „mono wahrnehmen“ genannt. Die anderen Sinneskanäle funktionieren weiterhin, jedoch wird die Information überhaupt nicht mehr oder nur eingeschränkt übertragen. Auf dem einen Sinneskanal wird dafür bewusst und sehr intensiv wahrgenommen. Dadurch kann eine Reizüberflutung vermieden werden, allerdings kostet das Umschalten auf einen anderen Sinneskanal viel Energie und Zeit. Die Autorin Vero nimmt sowohl in großen Stresssituationen als auch in Situationen großer Entspannung auf nur einem Kanal wahr. Folglich ist sie, obwohl sie sehen kann, manchmal blind und obwohl sie hören kann, ist sie manchmal gehörlos. Von Mitmenschen kann ein solches Verhalten, wie das Nichtreagieren auf Ansprache, schnell als Trotz oder sogar Boshaftigkeit fehlinterpretiert werden. Girsberger (2016) erläutert ebenfalls, dass einige Betroffene mono wahrnehmen können, außerdem beschreibt er, dass Betroffene häufig einem Sinneskanal (meist dem visuellen) generell den Vorzug geben und andere Sinneskanäle dafür vernachlässigen. Eine weitere Besonderheit ist, dass die autistische Wahrnehmung nach Unterschieden sucht, während die neurotypische Wahrnehmung nach Gemeinsamkeiten sucht. Neurotypische Menschen können sich deswegen auch in neuen Situationen oft gut zurechtfinden. Sie können sich leicht an den Gemeinsamkeiten vergangener Situationen orientieren. Neue Situationen werden von Menschen mit ASS häufig als potenziell gefährlich eingestuft. Ihr System sucht nach Unterschieden und findet deswegen oft Unbekanntes, potenziell Gefährliches. Neue Situationen können daher schnell zu einer Überforderung führen. In überfordernden Situationen steigt das Stress-level enorm.
1. Einleitung: Führt in das Thema Autismus-Spektrum-Störung und Kommunikationsbarrieren ein und begründet die Relevanz der Arbeit für zukünftige Lehrkräfte im inklusiven Bildungssystem.
2. Autismus-Spektrum-Störung: Beschreibt kennzeichnende Aspekte von ASS aus Außen- und Innenperspektive, einschließlich Diagnosekriterien der Klassifikationssysteme (DSM-5, ICD-10/11) und möglichen biologischen und psychologischen Ursachen.
3. Kommunikation und Sprache im Spektrum: Betrachtet Kommunikation und Sprache anhand von Modellen (Organon-Modell, Vier-Seiten-Modell) und legt die spezifische Sprachentwicklung sowie sprachliche und kommunikative Besonderheiten bei ASS dar.
4. Schüler:innen mit ASS im inklusiven Unterricht: Bezieht sich auf den schulischen Kontext, beleuchtet inklusiven Unterricht und Sprachförderung sowie ein Rahmenmodell zur schulischen Förderung von Kindern und Jugendlichen mit ASS.
5. Sprach- und Kommunikationsförderung: Stellt verschiedene Vorgehensweisen und Ansätze zur Sprach- und Kommunikationsförderung für Schüler:innen mit ASS vor, strukturiert nach Sprachaufbau, Sprachverständnis und Sprachanwendung, inklusive Unterstützter Kommunikation und TEACCH-Ansatz.
6. Kommunikativer Austausch: Zeigt Unterstützungsmöglichkeiten für den kommunikativen Austausch auf und gibt Hinweise für Kommunikationspartner wie Lehrkräfte, Schulbegleitungen und Mitschüler:innen, um Barrieren abzubauen.
7. Zusammenfassung und Ausblick: Fasst die wichtigsten Ergebnisse der Arbeit zusammen und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsbedarfe und die Relevanz von Akzeptanz und Verständnis für ein freundliches Klima des Miteinanders.
Autismus-Spektrum-Störung (ASS), Kommunikationsbarrieren, Sprachförderung, Inklusiver Unterricht, Autistische Wahrnehmung, Autistisches Denken, Soziale Interaktion, Unterstützte Kommunikation (UK), TEACCH-Ansatz, Lehrkräfte, Schulbegleitung, Peer-Beziehung, Pronominale Umkehr, Echolalien, Sprachverständnis
Diese Arbeit befasst sich mit der Überwindung von Sprach- und Kommunikationsbarrieren bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) im Kontext des inklusiven Unterrichts.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Autismus-Spektrum-Störung, die Kommunikation und Sprache im Spektrum, den inklusiven Unterricht für Schüler:innen mit ASS sowie spezifische Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten.
Das primäre Ziel ist es, mittels eines Literaturreviews verschiedene Möglichkeiten aufzuzeigen, mit deren Hilfe die Sprach- und Kommunikationsbarrieren von Schüler:innen mit ASS überwunden werden können.
Die Arbeit basiert auf einem Literaturreview, um verschiedene Ansätze und Forschungsergebnisse systematisch darzustellen und zu analysieren.
Der Hauptteil behandelt die Definition, Ätiologie und Innenperspektive der ASS, Kommunikation und Sprache im Spektrum, inklusiven Unterricht, sowie detaillierte Sprach- und Kommunikationsförderungsansätze und Unterstützungsmöglichkeiten für Kommunikationspartner.
Schlüsselwörter sind: Autismus-Spektrum-Störung (ASS), Kommunikationsbarrieren, Sprachförderung, Inklusiver Unterricht, Autistische Wahrnehmung, TEACCH-Ansatz.
Autistische Menschen nehmen sensorische Reize oft anders und intensiver wahr, fokussieren sich bevorzugt auf Details und haben Schwierigkeiten, den Gesamtzusammenhang zu erkennen. Ihre Wahrnehmung kann "mono" sein, indem sie sich stark auf einen Sinneskanal konzentrieren, während neurotypische Menschen eher nach Gemeinsamkeiten suchen und eine ganzheitlichere Wahrnehmung haben.
Typische sprachliche Auffälligkeiten können Echolalien (wörtliches Wiederholen), Pronominale Umkehr (Verwechslung von "ich" und "du"), eine ungewöhnliche Prosodie (monotone oder abgehackte Sprachmelodie) und ein wörtliches Sprachverständnis sein, das Schwierigkeiten beim Verstehen von Ironie oder Metaphern mit sich bringt.
Kommunikationshilfen wie PECS (Picture Exchange Communication System) und Gebärden dienen als Ersatz- oder Unterstützungssprache für Menschen mit stark eingeschränkter Lautsprache. Sie helfen, Wünsche und Bedürfnisse auszudrücken, fördern das Prinzip der Kommunikation und können sogar den Aufbau verbaler Sprache anbahnen.
Diese Modelle dienen dazu, die Funktionen und Ebenen der Sprache und Kommunikation allgemein zu verstehen. Im Kontext von ASS helfen sie zu analysieren, wo bei Betroffenen Schwierigkeiten auftreten, beispielsweise im Gebrauch der Appellfunktion oder in der Interpretation aller vier Seiten einer Nachricht (Sachebene, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell), da oft das intuitive Verständnis für soziale Aspekte der Kommunikation fehlt.
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