Masterarbeit, 2025
92 Seiten, Note: 1,3
Diese Masterarbeit untersucht, inwiefern ein selbstorganisierter und eigenverantwortlicher Umgang mit Lerngelegenheiten, Feedback und Prüfungskultur die Kompetenzentwicklung innerhalb einer subjektorientierten Erwachsenendidaktik im Ausbildungscoaching fördern kann. Sie analysiert die Transformation der Lehrkräfteausbildung im Land Brandenburg aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive.
2.1.1. Selbststeuerung und Selbstorganisation
"Die ständige Strukturveränderung eines Lebewesens unter Erhaltung seiner Autopoiese geschieht in jedem Augenblick und zugleich auf viele verschiedene Weisen. Das ist das Pulsieren allen Lebens.” (Maturana und Varela, 1987, S. 112)
In der Auseinandersetzung mit Lernprozessen werden nicht selten didaktische Prinzipien wie selbstgesteuertes, bzw. selbstorganisiertes Lernen verwendet und im Unterricht angebahnt, ohne kenntlich zu machen, auf welche Elemente sich der Terminus bezieht oder Gelingensfaktoren präventiv zu reflektieren. Darüber hinaus werden beide Begriffe, “selbstorganisiert" und "selbstgesteuert”, unreflektiert und synonym verwendet. Die Termini sind jedoch historisch aus unterschiedlichen Paradigmen erwachsen und bedürfen für eine konkrete Beschreibung einer differenzierteren Darstellung. Die Vorstellung einer Selbst- bzw. Fremdsteuerung entspringt der klassischen Kybernetik I, Formen der Selbst- bzw. Fremdorganisation hingegen der Kybernetik II (Synergetik, Autopoiesetheorie). Die Steuerung von Lernprozessen bezieht sich auf 4 Aspekte: die Lernziele, Lernstrategien, zielorientierte Kontrollprozesse wie Bewertung und Rückmeldungen, Offenheitsgrad von Lernzielen, Strategien und Kontrollprozessen (vgl. Neber, 1978, S. 40). Sofern diese vier Aspekte vom Lernenden selbst bestimmt werden, handelt es sich um selbstgesteuertes Lernen. Hieraus wird deutlich, dass es im Vorbereitungsdienst zu einer Vermischung kommt, da zumindest die Lernziele in Form eines Kompetenzprofils fremdgesetzt sind (vgl. Kompetenzprofil, Anhang 4).
Im Gegensatz zum mechanistischen Steuerungsansatz bezieht sich das Konzept der Selbstorganisation auf die Strukturbildung von selbst. Dazu wird im Folgenden die Selbstorganisationstheorie vorgestellt, um nachvollziehbar zu machen, weshalb Selbstorganisation Selbststeuerung grundiert, weshalb Lernerfolg unberechenbar scheint und wie Erpenbeck und Heyse zu der Feststellung gelangen, dass innere Dispositionen vor allem selbstorganisiert erworben werden (vgl. Erpenbeck und Heyse 2021, S. 133) Die Herleitung einer Selbstorganisationstheorie stellt bereits eine Komplexitätsreduktion dar, da es mehrere Theorien gibt. Selbstorganisationsprozesse konnten im frühen 20. Jahrhundert bei nichtlebenden Strukturen in thermodynamisch-mathematischen Experimenten sichtbar gemacht werden. Die Grenzen der Aussagekraft der beobachteten Strukturen in Bezug auf Selbstbezüglichkeit, Autonomie oder Kognition konnten erst in späteren Theorien verarbeitet werden. Eine verbreitete Vorstellung von einem System ist die geschlossene Abgrenzung gegenüber einem als außen deklarierten Bereich, oftmals dargestellt durch einen Kreis. Heinz von Foerster gelingt es an einem Beispiel den reinen Abstraktionswert von thermodynamisch geschlossenen Systemen darzustellen, „denn wenn wir um eine Katze oder um eine Maus eine energetisch undurchdringliche Hülle legen, so wird das, was innerhalb dieser Hülle sich befindet, nicht lange eine Katze oder Maus bleiben.“ (vgl. Foerster 1984, S. 12).
Die Erkenntnisse der Thermodynamik des 19. Jahrhunderts basieren auf der Vorstellung eben dieser isolierten Systeme. Dabei können Aussagen getroffen werden, wie sich ein thermodynamisches Gleichgewicht einstellt, nicht jedoch, wie sich das Verhalten der Systembestandteile koordiniert. Mathematische Vorarbeiten durch Alan Turing ermöglichten in den 1960er Jahren Ilya Prigogine, seine Erkenntnisse zu dissipativen Strukturen in offenen Systemen darzustellen. Nach Überwindung einer zunächst zufälligen, chaotisch- ungeordneten Anordnung bilden diese unwiderruflich geordnete Strukturen. Prigogines Entdeckung, 1977 mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt, ist insofern als grundlegend zu bezeichnen als die Verhaltenskoordinierung von Molekülen einer Flüssigkeit nach Energiezufuhr von außen auch auf atmosphärische und wirtschaftliche Systembildungsprozesse Anwendung fand. Prigogine schränkte jedoch jegliche Vorstellung von linearer Kausalität ein, da gleiche Interventionen von außen zu vielen verschiedenen dissipativen Strukturen führen können: „Geringfügige Unterschiede können weitreichende Auswirkungen haben. Die Randbedingungen stellten daher notwendige, aber nicht hinreichende Bedingungen für das Auftreten einer Struktur dar. Wir müssen die jeweiligen Prozesse berücksichtigen, die dazu führen, daß von mehreren möglichen Strukturen eine bestimmte ,gewählt wird. Das ist einer der Gründe, warum wir solchen Systemen eine gewisse ,Autonomie oder ,Selbstorganisation' zuschreiben müssen.“ (Prigogine/Stengers 1993, S. 90 f.) Die Selbstorganisation besteht darin, dass die Systembestandteile sich aufgrund einer ihnen inneren Logik zu einer Struktur ordnen, indem sie Verhaltensweisen kommunizieren und koordinieren, die zu emergenten Eigenschaften des Gesamtsystems führt. Der Physiker Hermann Haken griff die Erkenntnisse auf und und übertrug das Konzept auf auf die inneren Dispositionen, auf welche die nach Haken bezeichneten Ordner, bzw. Werte wirken, und infolgedessen Selbstorganisation eingrenzen (vgl. Haken, 1996). Hakens Begriff der Synergetik scheint sehr passend gewählt, da auch die Einzelelemente wiederum zur Entstehung der übergeordneten Werte, bzw,. Ordner, beitragen. Es handelt sich um eine sich jeweils rückwirkende Wechselbeziehung: "Wie die [...] Theorie zeigte, wird die Ordnung in den verschiedenen Systemen durch ganz bestimmte Veränderliche, die so genannten Ordner, bestimmt. Im Beispiel des Laserlichts ist die Lichtwelle ein solcher Ordner. Diese kann die Bewegung der Elektronen in den Atomen in ihren Bann zwingen, [...] sie versklavt die Atome. Umgekehrt kommt das Lichtfeld erst durch die Lichtausstrahlung der Atome zustande, so daß wir eine zirkulare Kausalität vor uns haben. Das Verhalten des einen bedingt das Verhalten des andern.“ (Haken 1981, S. 67 f.) Hakens gelingt es, Grundlagen und Erkenntnisse der Thermodynamik zur Organisation auf lebende Systeme zu übertragen und hieraus eine interdisziplinäre Theorie zu entwickeln, die letztlich auch unsere Vorstellung von den Beziehungen sozialer Systeme, auch in der Lehrkräfteausbildung, prägt. Auch für Erpenbeck und Heyse sind es die Werte, welche die individuelle Selbstorganisationsfähigkeit einschließlich der emergenten Strukturbildung stark beeinflussen (vgl. Erpenbeck und Heyse, 1996). Selbststeuerung verstehen die Autoren als zielorientiertes und innengeleitetes Lernen. Im Gegensatz dazu bezeichnen sie Lernen als selbstorganisiert, “wenn wechselnd Lernziele, Operationen, Strategien, Kontrollprozesse und ihre Offenheit vom lernenden System selbst so angegangen und bewältigt werden, daß sich dabei die Systemdispositionen erweitern und vertiefen, wenn es primär um diese Erweiterung und Vertiefung geht.” (vgl. Erpenbeck und Heyse (2021), S. 132). Die Vielzahl an Handlungsmöglichkeiten und Kontingenz im Verhalten des Individuums widersprechen einer externen Steuerung, was ihre Vorstellung von Selbstorganisation notwendig macht. Unter einer veränderlichen Disposition verstehen sie somit die innere Bereitschaft und Kompetenz der Individuen (vgl. ebd. S. 137).
1. Einleitung: Dieses Kapitel erörtert die allgegenwärtige Bedeutung des Verantwortungsbegriffs, die historische Debatte um Steuerung in der Pädagogik und die aktuellen Herausforderungen der Lehrkräfteausbildung im Kontext des Lehrkräftemangels in Brandenburg, die zur Forschungsfrage führen.
2. Theoretischer Teil: systemtheoretische Auseinandersetzung: Hier werden zentrale Begriffe wie Selbststeuerung, Selbstorganisation, Ermöglichungsdidaktik, Vertrauen und Verantwortung aus systemisch-konstruktivistischer Perspektive definiert. Es wird das Konzept des Ausbildungscoachings im Vorbereitungsdienst in Brandenburg vorgestellt und die angewandte wissenschaftliche Methode (Dokumentenanalyse/qualitative Inhaltsanalyse) erläutert.
3. Praktischer Teil: Handlungsempfehlungen: Aufbauend auf dem theoretischen Teil und der Analyse werden konkrete Handlungsempfehlungen für die Gestaltung des Vorbereitungsdienstes abgeleitet, insbesondere im Hinblick auf die Rollenklarheit der Ausbildenden, die Konzeption des Mentorats an Schulen und eine Neuausrichtung der Prüfungskultur.
4. Fazit: Das Fazit beantwortet die Forschungsfragen, indem es hervorhebt, dass selbstorganisiertes und eigenverantwortliches Lernen maßgeblich zur Kompetenzentwicklung beiträgt, sofern das System Eigenverantwortung zulässt und Fremdsteuerung reduziert wird. Es betont die Notwendigkeit einer systemischen Weiterentwicklung der Lehrkräfteausbildung.
5. Literaturverzeichnis: Dieses Kapitel listet alle in der Masterarbeit zitierten wissenschaftlichen Quellen und Literatur auf.
Anhang: Der Anhang enthält ergänzende Materialien, darunter Statistiken zum Lehrkräftemangel in Deutschland und Brandenburg sowie weitere Dokumente, die das Ausbildungscoaching-Konzept untermauern oder kritisieren.
Selbstorganisation, Selbststeuerung, Verantwortung, Vertrauen, Ermöglichungsdidaktik, Lehrkräfteausbildung, Brandenburg, Ausbildungscoaching, Systemtheorie, Konstruktivismus, Kompetenzentwicklung, Prüfungskultur, Mentoring, qualitative Inhaltsanalyse, Transformationsprozess.
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie viel Fremdorganisation die Selbstorganisation in der Lehrkräfteausbildung benötigt. Sie untersucht die Transformation der Lehrkräfteausbildung im Land Brandenburg aus einer systemisch-konstruktivistischen Perspektive, mit einem besonderen Fokus auf selbstorganisiertes und eigenverantwortliches Lernen.
Zu den zentralen Themenfeldern gehören der Verantwortungsbegriff, Selbststeuerung und Selbstorganisation, Ermöglichungsdidaktik, Vertrauen, das Konzept des Ausbildungscoachings im Vorbereitungsdienst sowie die Rolle der Prüfungskultur.
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: Inwiefern fördert ein selbstorganisiert- eigenverantwortlicher Umgang mit formalen Lerngelegenheiten, Feedback- und Prüfungskultur die Kompetenzentwicklung innerhalb einer subjektorientierten Erwachsenendidaktik im Ausbildungscoaching?
Die Arbeit verwendet eine systemische Dokumentenanalyse in Kombination mit einer qualitativen Inhaltsanalyse, um die zugrunde liegenden Konzepte und ihre Auswirkungen auf die Lehrkräfteausbildung zu untersuchen.
Der Hauptteil der Arbeit behandelt eine detaillierte systemtheoretische Auseinandersetzung mit zentralen Begriffen wie Selbststeuerung, Selbstorganisation, Ermöglichungsdidaktik, Vertrauen und Verantwortung. Zudem wird das Ausbildungscoaching im Vorbereitungsdienst Brandenburgs samt Menschenbild und Lehr-Lernverständnis dargestellt.
Schlüsselwörter wie Selbstorganisation, Verantwortung, Ermöglichungsdidaktik, Lehrkräfteausbildung und Ausbildungscoaching charakterisieren die zentrale Ausrichtung der Arbeit.
Die Arbeit kritisiert die derzeitige Prüfungskultur, da sie oft auf festgelegte Ausbildungszeiten und vorhersagbare Ergebnisse ausgerichtet ist, was die Homogenisierung von Entwicklungsgeschwindigkeiten und die Unterbindung individueller Kompetenzentwicklungen zur Folge haben kann. Sie argumentiert, dass dies im Widerspruch zu einem eigenverantwortlichen Lernansatz steht.
Vertrauen wird als eine entscheidende Haltung verstanden, die die Komplexität reduziert und es ermöglicht, dass Lernende Verantwortung übernehmen. Ein "Vorvertrauen" der Ausbildenden kann einen informellen Vertrag initiieren, der die LiA intrinsisch dazu motiviert, einer eigenverantwortlichen Gestaltung des Vorbereitungsdienstes nachzukommen.
Die Ermöglichungsdidaktik stellt einen Gegenentwurf zur Erzeugungsdidaktik dar. Sie verzichtet auf Ergebnisverantwortung und fokussiert auf die Bereitstellung von Bedingungen, die ein selbstorganisiertes Lernen und die individuelle Aneignung von Kompetenzen fördern, anstatt Wissen linear zu vermitteln.
Die Arbeit betont, dass eine Vermischung von Beratungs- und Bewertungsfunktionen bei den Ausbildenden das Vertrauen der LiA mindern und die Wahrnehmung von Rückmeldungen erschweren kann. Eine klare Trennung dieser Rollen – beispielsweise durch unabhängige Prüfende – könnte die Eigenverantwortung der LiA stärken und die Wirksamkeit der Begleitung erhöhen.
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