Diplomarbeit, 2003
317 Seiten
Diese Arbeit untersucht die spezifische Thematik des Nachrichtenreferats der Wiener Gestapoleitstelle und die Rolle ihrer Spitzel. Ziel ist es, die Entstehung und Wirkungsweise der Gestapo im Allgemeinen sowie die Rolle von Denunzianten und Spitzeln zu analysieren, um das Wirken Lambert Leutgebs und seiner V-Leute im größeren Kontext des NS-Terrorregimes in Österreich zu verstehen und neuere historische Erkenntnisse zur "Allmacht" der Gestapo und der Mitwirkung der Bevölkerung aufzuzeigen.
1. Biographie Otto Hartmanns
Fritz Lehmann, Schauspieler am Burgtheater wie Hartmann, gab über diesen zu Protokoll: „Über die politische Vergangenheit Hartmann weiss ich, daß er früher Mitglied des Heimatschutzes war und in dieser Eigenschaft stets in der Heimatschutzu niform herumgelaufen ist. Er war auch Angehöriger des S.K. (Sturmkorps) [...]. Dortselbst schon hat er im Auftrage der Vaterländischen Front innerhalb des Burgtheaters das gesamte Künstlerpersonal zu bespitzeln wer für die Vaterlän dische Front sei und wer NSDAP-Mitglied sei. Die Anzeigen waren aber mehr als lau und haben niemals zu einem positiven Erfolg gegen die Nationalsozia listen geführt. Als im Jahre 1938 der Umbruch kam und die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, erschien plötzlich Otto Hartmann in weißen Hemd mit schwarzer Krawatte und Hakenkreuzbinde und geschultertem Gewehr vor dem Gebäude der Vaterländischen Front am Hof, und ist dort Wache gestanden. [...] Befragt von verschiedenen Personen wieso er heute Nationalsozialist sei, erklärte er immer wieder, daß sei eben die große Kunst ein gewisses Doppel spiel zu treiben und ich bin ja nach wie vor ein vaterländisch eingestellter Ös terreicher und habe mich blos als Tarnung um weiter für Österreich arbeiten zu können, in die NSDAP-Kreise eingeschlichen.“
In der gegen ihn eingeleiteten Voruntersuchung nennt Hartmann auch einen anderen Grund für sein opportunistisches Verhalten: „In den ersten Tagen nach dem Umbruch 1938 habe ich unter anderem [...] in Erfahrung gebracht, dass gegen mich wegen meiner früheren politischen Tätig keit eine Disziplinaruntersuchung eingeleitet wurde und dass daher eine Ver tragserneuerung für mich sehr in Frage gestellt sei. Ich bemühte mich darauf hin [...] in die SA, die meiner Meinung nach als die harmloseste aller National sozialistischen Organisationen erschien aufgenommen zu werden. [...] und so gelang es mir auch bei der SA Standarte 81 als SA Anwärter aufgenommen zu werden. [...] Ich möchte darauf hinweisen, dass ich alleinstehend bin und es einem Schauspieler nicht so leicht ist ein neues Engagement zu erhalten und die Verträge bereits längere Zeit vorher abgeschlossen müssen. Ich wäre also im Falle einer Entlassung bzw Kündigung vor dem Nichts gestan den.“
TEIL I: ALLGEMEINE ASPEKTE: Dieser Teil beleuchtet die Entstehung und Wirkungsweise der Gestapo, ihre Geschichte vor 1933 und die Zentralisierung der politischen Polizei. Er analysiert zudem die Begriffe Denunziation, Spitzel und Konfidenten sowie die historische Einschätzung der "Allmacht" der Gestapo.
TEIL II: ZUR BIOGRAPHIE UND TÄTIGKEIT DES WIENER GESTAPOBEAMTEN LAMBERT LEUTGEB: Dieses Kapitel widmet sich der detaillierten Biographie Lambert Leutgebs, seiner Laufbahn in der österreichischen Staatspolizei und später als Leiter des Nachrichtenreferats der Wiener Gestapoleitstelle. Es untersucht die Auswirkungen des "Anschlusses" auf den österreichischen Polizeiapparat und Leutgebs Rolle bei der Formierung des Konfidentenapparates.
TEIL III: KURZBIOGRAPHIEN EINIGER BEDEUTENDER SPITZEL DES WIENER NACHRICHTENREFERATS UND EIN INTERPRETATIONSVERSUCH DER BEWEGGRÜNDE IHRES HANDELNS: Hier werden die Lebenswege und Motivationen ausgewählter Hauptkonfidenten wie Otto Hartmann, Kurt Koppel und Grete Kahane beleuchtet. Es wird versucht, ihre Handlungen und Beweggründe zu interpretieren und ihre Rolle als "Zwischenwesen" zwischen Opfern und Tätern zu analysieren.
TEIL IV: GEDANKEN ZU OPFERN UND TÄTERN: Dieser Teil reflektiert über die Beziehung zwischen Opfern und Tätern im NS-Regime, die verschiedenen Arten des Verrats und die Schwierigkeiten der historischen Aufarbeitung. Es wird der Umgang des österreichischen Justizapparates nach 1945 mit NS-Verbrechern und die Rolle des "Kalten Krieges" dabei erörtert.
Gestapo, Wien, Lambert Leutgeb, Spitzel, Konfidenten, Denunziation, NS-Herrschaft, Widerstand, Biographie, Justiz, Nachkriegszeit, Opfer, Täter, Austrofaschismus, Staatspolizei.
Diese Arbeit untersucht das Nachrichtenreferat der Wiener Gestapoleitstelle und die Rolle ihrer Spitzel. Sie beleuchtet die Gestapo im Allgemeinen, ihre Entstehung und Wirkungsweise, um Lambert Leutgebs Tätigkeit und die Funktion seiner V-Leute im größeren Kontext des NS-Terrorregimes in Österreich zu verstehen.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Geschichte und Organisation der Gestapo, die Biographien von Gestapobeamten und Spitzeln, die Mechanismen von Denunziation und Verrat, sowie der Umgang der Justiz mit NS-Verbrechern nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich.
Das primäre Ziel ist es, die Verwicklung Lambert Leutgebs als Leiter des Nachrichtenreferats der Wiener Gestapoleitstelle in die Unterwanderung von Widerstandsorganisationen durch V-Leute aufzuzeigen und die Beweggründe dieser Spitzel zu interpretieren, wobei der Mythos der "Allmacht" der Gestapo hinterfragt wird.
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte Analyse von Akten aus Volksgerichtsverfahren, Gauakten, Polizeiberichten und biografisch-narrativen Interviews, um die Persönlichkeiten und Handlungsweisen der Beteiligten zu beleuchten.
Der Hauptteil behandelt die allgemeinen Aspekte der Gestapo, die Biographie und Tätigkeit von Lambert Leutgeb, detaillierte Kurzbiographien seiner bedeutendsten Spitzel sowie eine tiefgehende Auseinandersetzung mit der Täter-Opfer-Problematik und der Nachkriegsjustiz.
Gestapo, Wien, Lambert Leutgeb, Spitzel, Konfidenten, Denunziation, NS-Herrschaft, Widerstand, Biographie, Justiz, Nachkriegszeit, Opfer, Täter, Austrofaschismus, Staatspolizei.
Nach 1945 war die Thematik der Konfidenten und Denunzianten lange tabuisiert, oft auf eine "Quellennot" zurückgeführt oder durch die heroisierende Überlieferung des Widerstandes in den Hintergrund gedrängt. Erst in den letzten zehn Jahren gab es verstärkt Untersuchungen dazu.
Otto Hartmann agierte als "qualifizierter Anzeiger" und Agent Provocateur für die Gestapo, insbesondere in der "Österreichischen Freiheitsbewegung". Seine Motive werden auf ein enormes Geltungsbedürfnis und ein tiefsitzendes Minderwertigkeitsgefühl zurückgeführt, das er durch seine Tätigkeit zu kompensieren versuchte.
Die "Schutzhaft", ursprünglich eine kurzzeitige polizeiliche Verwahrung, wurde im NS-Regime zu einer präventiven Polizeimaßnahme gegen "staatsfeindliche Elemente" ausgeweitet, wodurch Personen beliebig lange ohne Rechtsmittel in Haft gehalten und oft in Konzentrationslager eingewiesen werden konnten.
Der "Kalte Krieg" führte zu einer Relativierung der Verfolgung von NS-Tätern. Politische Interessen, insbesondere das Buhlen um Wählerstimmen ehemaliger NSDAP-Mitglieder, und eine zunehmende Verharmlosung der Delikte bewirkten eine schwindende Strafverfolgung und Milderung der Urteile.
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