Bachelorarbeit, 2023
45 Seiten, Note: 1,3
Diese Bachelorarbeit untersucht kritisch die umstrittene Verbindung zwischen Artemisia Gentileschis Gemälde „Susanna und die Ältesten“ von 1610 und ihrer persönlichen Vergewaltigung im Jahr 1611. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob der biografische Bezug zu diesem traumatischen Ereignis die künstlerische Leistung der Malerin reduziert und ihre Darstellung von Susanna übermäßig auf ein Opfersein fokussiert, oder ob dieser Zusammenhang eine berechtigte feministische Interpretation ihrer Werke darstellt.
Problematik/ Kritik
„Before explaining much oft he painter's work by referring to a single incident in her life, even a plausibly traumatic one, scholars should examine very carfully what happened and especially what these events meight have meant in the context of their own culture.“
Dieses Zitat stammt von der Kunstprofessorin Elizabeth S. Cohen und macht das Dilemma deutlich, mit dem sich Historiker:innen und Schriftsteller:innen, ob Feminist:innen oder nicht, konfrontiert sehen, wenn sie sich mit einer längst verstorbenen Künstlerin befassen.
Oftmals werden moderne Ideen über Psychologie und Sexualität auf Menschen aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit übertragen, als wären sie zeitlos. Bei den Fragen des Selbst und des Geschlechts, die für die Interpretation von Artemisia von zentraler Bedeutung sind, müsse man laut Cohen berücksichtigen, wie die Europäer der frühen Neuzeit die Beziehungen zwischen Körper, Psyche und sozialer Persona verstanden.
Aufgrund der großen Unterschiede von Realitäten und Erwartungen zwischen der frühen Neuzeit und der Gegenwart, können wir die psychologischen Auswirkungen, die die Vergewaltigung auf Artemisia hatten, nur schwer nachvollziehen und einschätzen.
Es mag durchaus sein, so Cohen, dass Artemisia bei der Vergewaltigung Gefühle empfunden haben könnte, die wir aus heutiger Sicht als Angst, Scham, Wut oder Schuld interpretieren. Dennoch hing die Art und Weise, wie sie diese Gefühle erlebte, verstand und auf sie reagierte, von ihrem lokalen Kontext ab.
Im Vergleich zur gegenwärtigen Ideologie wurde der Körper in der frühen Neuzeit weniger eng mit dem Selbst identifiziert und war ebenso wenig zentral für die Konstruktion der Geschlechterordnung. Die soziale Persona war für sie im Gegensatz zur Verbindung zwischen körperlicher Integrität und psychischem Wohlbefinden deutlich relevanter.
Im 17. Jahrhundert dominierten Männer aufgrund ihrer vernünftigeren Natur und „by God's will“ die Frauen - politisch, rechtlich, familiär sowie intellektuell.
Welche Auswirkungen die vielen Ereignisse auf Artemisias Psyche, ihr Verständnis ihres Selbst und ihr Werk haben, ist fast unmöglich zu beurteilen, da es dafür nicht genügend Beweise gibt. Es liegen insgesamt drei Quellen vor, anhand dessen wir das Leben und Werk von Artemisia untersuchen können: die Biografie Artemisias, die ihr Zeitgenosse Vasari verfasste sowie andere Schriftsätze über Artemisia; die protokollierten Zeugenaussagen des Vergewaltigungsprozesses sowie ihre Gemälde und Motive. Dass Gentileschis Gemälde „Susanna und die Ältesten" anhand dieser Quellen mit ihrer Vergewaltigung 1611 und dem daraus resultierenden Prozess 1612 in Zusammenhang gebracht wurde, lenkte jedoch von ihrer künstlerischen Leistung ab. Warum es so problematisch ist, aus den drei oben erwähnten Quellen Annahmen und Schlüsse über Artemisias psychischen Zustand zu ziehen, wird im Folgenden dargelegt.
Dem weist Salomon darauf hin, dass die Biografie zwar einen privilegierten Platz in der Kunstgeschichte einnimmt, aber in Bezug auf das Geschlecht anders funktioniere. Die Details der Biografie eines Mannes werden als Maß des "Universellen", das für die gesamte Menschheit gilt, vermittelt. Im Gegensatz dazu werden die Details der Biografie einer Frau verwendet, um die Idee zu unterstreichen, dass sie eine Ausnahme ist; sie gelten nur, um sie zu einem interessanten Fall zu machen. Ihre Kunst wird auf eine visuelle Aufzeichnung ihrer persönlichen und psychologischen Beschaffenheit reduziert, wie es auch bei Artemisia Gentileschi der Fall ist. Ihre Gemälde, die zu einem großen Teil starke Frauen darstellen, werden im Zusammenhang mit ihrer Vergewaltigung gesehen und gedeutet. Solch ein biografischer Bezug wird bei männlichen Künstlern wie beispielsweise Caravaggio, der jemanden ermordete und nach dieser Logik ebenfalls biografische Züge in seine Werke einbinden müsste, nicht hergestellt. Salomon fasst treffend zusammen: „This compulsive biographism immediately sexualizes the subject and the artist to a degree that no longer allows us to see the painting as a work of „art“ in canonical terms.“
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Artemisia Gentileschi als wichtige Barockmalerin ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach der Verbindung zwischen ihrem Werk „Susanna und die Ältesten“ und ihrer Vergewaltigung vor.
2. Frauen und Künstlerinnen im 16. und 17. Jahrhundert: Hier werden die gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Bedingungen beleuchtet, unter denen Frauen und Künstlerinnen in der frühen Neuzeit lebten und arbeiteten.
3. Leben und Werk von Artemisia Gentileschi: Das Kapitel gibt einen detaillierten Einblick in Gentileschis Biografie, ihren Aufstieg als anerkannte Malerin und den dokumentierten Verlauf ihres Vergewaltigungsprozesses.
4. Susanna-Erzählung: Dieses Kapitel befasst sich mit der biblischen Geschichte der Susanna und ihrer visuellen Umsetzung in der Bildenden Kunst des 16. und 17. Jahrhunderts, wobei auch feministische Diskurse zur Thematik berücksichtigt werden.
5. Artemisia Gentileschis “Susanna und die Ältesten”: Der Hauptteil der Arbeit analysiert und interpretiert Gentileschis Gemälde von 1610 hinsichtlich seiner Ikonografie und der Interpretationen, insbesondere jener von Mary D. Garrard, und diskutiert kritisch biografische Bezüge.
6. Fazit: Das Fazit zieht Schlussfolgerungen über das Ausmaß, in dem persönliche Erfahrungen Gentileschis Kunst beeinflussten, und würdigt die Rolle der feministischen Forschung bei der Wiederentdeckung ihres Werkes.
Artemisia Gentileschi, Susanna und die Ältesten, Barockmalerei, Feminismus, Kunstgeschichte, Vergewaltigung, biografische Interpretation, Ikonografie, Frauen in der Kunst, 17. Jahrhundert, Geschlechterrollen, Trauma, Kunstkritik, Mary D. Garrard, frühe Neuzeit.
Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Leben und Werk der Barockmalerin Artemisia Gentileschi, insbesondere mit ihrem Gemälde „Susanna und die Ältesten“ von 1610, und analysiert kritisch die Verbindung zwischen ihrem künstlerischen Schaffen und ihrer persönlichen Erfahrung der Vergewaltigung im Kontext feministischer Diskurse.
Die zentralen Themenfelder sind die Rolle von Frauen und Künstlerinnen im Barock, die biblische Susanna-Erzählung und ihre künstlerische Rezeption, die ikonografische Analyse von Gentileschis „Susanna und die Ältesten“, sowie die feministische Kunstgeschichte und die Problematik biografischer Interpretationen von Kunstwerken.
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten, ob der Bezug zwischen Artemisia Gentileschis Vergewaltigung und ihrem Werk „Susanna und die Ältesten“ gerechtfertigt ist oder ob dieser Zusammenhang ihre künstlerische Leistung auf ein Opfersein reduziert.
Die Arbeit verwendet eine kunsthistorische Analyse, eine feministische Diskursanalyse und eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Quellen (Biografien, Gerichtsprotokolle, Gemälde) zur Interpretation von Gentileschis Werk.
Der Hauptteil behandelt die Stellung von Frauen und Künstlerinnen in der Zeit Gentileschis, ihr Leben und der Vergewaltigungsprozess, die biblische Susanna-Erzählung in der Kunstgeschichte und eine detaillierte ikonografische sowie feministische Interpretation ihres Gemäldes „Susanna und die Ältesten“.
Schlüsselwörter wie Artemisia Gentileschi, Susanna und die Ältesten, Barockmalerei, Feminismus, Kunstgeschichte, Vergewaltigung, biografische Interpretation und Frauen in der Kunst charakterisieren die Arbeit.
Artemisia Gentileschi fokussiert in ihrer Susanna-Darstellung auf die Notlage und emotionale Verzweiflung der Heldin, anstatt sie als sexuell verfügbares Objekt darzustellen, wie es bei vielen männlichen Künstlern der Zeit üblich war. Sie vermeidet das Venus-Modell und nutzt Gesten von hoher Ernsthaftigkeit.
Im feministischen Diskurs wird Gentileschis Biografie, insbesondere ihre Vergewaltigung, oft als Schlüssel zur Interpretation ihrer Werke gesehen, die heroische Frauenfiguren darstellen. Dies wird jedoch kritisch hinterfragt, um eine Reduzierung ihrer künstlerischen Leistung auf ein persönliches Trauma zu vermeiden.
Die chronologische Abfolge ist entscheidend, da das Gemälde vor der dokumentierten Vergewaltigung entstand. Dies wirft Fragen auf, inwieweit das Trauma tatsächlich das Werk beeinflusst haben kann oder ob spätere Interpretationen einen unzutreffenden biografischen Bezug herstellen.
Die "Sibillinische Folter" waren Daumenschrauben, die während des Prozesses gegen Agostino Tassi bei Artemisia Gentileschi angewendet wurden. Diese Folter diente als eine Art Lügendetektor und sollte die Glaubwürdigkeit ihrer Aussage unterstreichen, um ihre Gewinnchancen im Prozess zu erhöhen und ihren Ruf wiederherzustellen.
Der GRIN Verlag hat sich seit 1998 auf die Veröffentlichung akademischer eBooks und Bücher spezialisiert. Der GRIN Verlag steht damit als erstes Unternehmen für User Generated Quality Content. Die Verlagsseiten GRIN.com, Hausarbeiten.de und Diplomarbeiten24 bieten für Hochschullehrer, Absolventen und Studenten die ideale Plattform, wissenschaftliche Texte wie Hausarbeiten, Referate, Bachelorarbeiten, Masterarbeiten, Diplomarbeiten, Dissertationen und wissenschaftliche Aufsätze einem breiten Publikum zu präsentieren.
Kostenfreie Veröffentlichung: Hausarbeit, Bachelorarbeit, Diplomarbeit, Dissertation, Masterarbeit, Interpretation oder Referat jetzt veröffentlichen!

