Magisterarbeit, 1981
65 Seiten, Note: gut
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, nicht "Les Illustres Françoises" als Kunstwerk zu analysieren, sondern aus rezeptionsästhetischer Perspektive darzustellen, wie sich das Werk dem Leser der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts präsentierte und in dessen Lebenswelt verortete. Die zentrale Forschungsfrage untersucht somit das komplexe Verhältnis zwischen dem Text und seinem historischen Leser, abseits der Autor-Text- oder Text-Text-Beziehungen, und erweitert den Kontext auf einen Teilbereich der allgemeinen Geschichtsschreibung.
Liebe
Der alte Dupuis entwirft ein Bild vom Verhalten der Französinnen in Liebesangelegenheiten. Er als Franzose halte nichts von erzwungener Keuschheit; allein freiwillige Zurückhaltung habe Wert. In anderen Ländern (Spanien, Portugal, Italien, Türkei) sei sie erzwungen, dort zeigten die Frauen bei der erstbesten Gelegenheit Schwäche, und in Italien und Spanien gebe es deshalb mehr libertins als in Frankreich (S. 46 f.). Ähnlich äußert sich Terny. Er kommt zu dem Schluss, dass der Liebhaber um so größere Fortschritte macht, wenn eine Liebesbeziehung schriftlich aufrecht erhalten werden muss, nachdem er mit der im Kloster befindlichen Mlle de Bernay hat korrespondieren müssen. Dass sein Schluss richtig ist, gesteht seine Frau indirekt ein, indem sie nicht anwesend sein will, wenn ihre brieflichen Liebesgeständnisse verlesen werden (S. 137).
In der selbstauferlegten Zurückhaltung der Französinnen sieht der alte Dupuis ihren Vorzug:
La véritable vertu d'une fille consiste a être tentée & a ne pas succomber à la tentation (s. 47).
Das Ergreifen der Initiative sei Sache des Mannes (sagen der alte Dupuis S. 47 und Angélique S. 75).
Den Vorgang von Versuchung und Zurückweisung finden wir bei fast allen Heldinnen der sieben Geschichten (nicht bei Mlle Fenouil, Geschichte 3)31, auf diese innere Kraft scheint sich der Titel Les Illustres Françoises zu beziehen32, und diese Kraft erlaubt es ihnen auch, auf affektiertes Sich-Zieren zu verzichten, wie Des Frans es beschreibt:
Elle ne fit point ces façons qui s'observent parmi les précieuses, & celles qui scavent assez mal vivre pour faire à contretems les civiles (S. 291).
Mlle Fenouil entspricht diesem Bild nicht. In Zugzwang geraten, unternimmt sie die ersten Schritte (S. 177) und schläft mit Jussy, ohne mit ihm getraut zu sein. Jedoch berechtigen sie ihre Treue und Beständigkeit, in den Kreis der "illustres françoises" aufgenommen zu werden (vgl. S. LX und S. 203 f.).
Aus Erfahrung weiß der alte Dupuis festzustellen, dass die erste Begeisterung für die Geliebte recht schnell nachlassen und die Liebe zu einem körperlichen Akt verkommen kann, da zu schnelles Nachgeben der Frau dem Manne die Freude verleide. Schuld sei die Geliebte, wenn sie den Liebesschwüren des drängenden Liebhabers Glauben schenke. Beteuerungen und schriftliche Versprechungen seien dann nicht mehr ver- bindlich. So habe er seine Frau nur geheiratet, weil sie seine Tochter erwartet habe, weil er Angst vor dem Jenseits gehabt habe und weil er nicht gesund und daher nicht bei klarem Verstand gewesen sei. Seine Ehe sei dementsprechend unglücklich gewe- sen (S. 24 f.).
Dupuis nimmt sich zum gültigen Maßstab, um Des Ronais zu beurteilen: "Je juge de lui par moi-même" (S. 24). Die Art der Ankündigung der ersten Geschichte in der Préface, nämlich dass der alte Dupuis Recht habe (S. LIX 1.), lässt annehmen, dass seine Meinungen als gültig anzusehen sind. Eine ähnliche Auffassung ist bei Terny Anlass für einen Scherz: Nach seiner Heirat sei ihm seine Frau nicht mehr schön erschienen (S. 130). Auch Des Ronais scheint derselben Ansicht zu sein: Was der alte Dupuis als "faveur prématurée" (S. 24) bezeichnet, klassifiziert er als (ihm allerdings nicht gewährte) "faveurs criminelles" (S. 27)33.
Einleitung: Stellt die Beliebtheit von "Les Illustres Françoises" im 18. Jahrhundert vor und erläutert die Untersuchungsabsicht der Arbeit.
I. Untersuchungsabsicht: Erklärt, dass die Arbeit sich auf einen rezeptionsästhetischen Ansatz konzentriert, um das Verhältnis des Textes zu seinem Leser in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu analysieren.
II. Les Illustres Françoises: Beschreibt die Struktur des Romans, seine Rahmenhandlung und die sieben darin verschachtelten Geschichten sowie die evozierten außerliterarischen Themen.
III. Das Verhältnis des Textes zum impliziten Leser: Untersucht, wie der Erzähler den impliziten Leser durch Anreden, die Mobilisierung von Emotionen und Erfahrungen sowie die Herausforderung des Urteils anspricht und einen Eindruck von Wahrhaftigkeit erzeugt.
IV. Die Illustres Françoises in der Welt ihres historischen Lesers in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts: Analysiert den literarischen und lebensweltlichen Standort des Werks, versucht eine Leserbestimmung und vergleicht die im Roman angebotenen Normen mit dem Erwartungshorizont der historischen Leserschaft.
V. Die Rezeption: Dokumentiert die Verbreitung des Werks, zeitgenössische Kritiken und die produktive Rezeption, einschließlich Neuauflagen, Übersetzungen und Einfluss auf andere Autoren.
Schluss: Fasst zusammen, dass das Werk eine breite Leserschaft erreichte, indem es dem Selbstbewusstsein des Bürgertums entsprach, jedoch später aufgrund stilistischer Mängel an Erfolg verlor.
Robert Challe, Les Illustres Françoises, Rezeptionsästhetik, 18. Jahrhundert, impliziter Leser, historischer Leser, Roman, bürgerliche Literatur, Moral, Tugend, Liebe, Gesellschaftliches Verhalten, Glaube, Weltverständnis, Authentizität, Französische Aufklärung
Die Arbeit untersucht, wie Robert Challes "Les Illustres Françoises" von seinen Lesern in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgenommen wurde, unter Berücksichtigung des literarischen und gesellschaftlichen Kontexts der Zeit.
Zentrale Themenfelder sind die Rezeptionsästhetik des Romans, das Verhältnis zwischen Text und Leser, die im Werk vermittelten lebensweltlichen Normen sowie der historische und literarische Standort des Buches.
Das primäre Ziel ist es, aus rezeptionsästhetischer Sicht darzustellen, wie sich "Les Illustres Françoises" dem Leser des frühen 18. Jahrhunderts präsentierte und in dessen Welt eingliederte, anstatt das Werk als reines Kunstwerk zu analysieren.
Die Arbeit verwendet einen rezeptionsästhetischen Ansatz, der die Wahrnehmung und Interpretation des Textes durch seine historischen Leser in den Mittelpunkt rückt.
Der Hauptteil behandelt das Verhältnis des Textes zum impliziten Leser, die Mobilisierung des Lesers durch emotionale Anteilnahme und Erfahrung, die Rolle der "Illustres Françoises" in der Welt ihres historischen Lesers und ihre spezifische Rezeption.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Robert Challe, Les Illustres Françoises, Rezeptionsästhetik, 18. Jahrhundert, impliziter Leser und historische Leserschaft.
Der Erzähler betont in "Les Illustres Françoises" die Authentizität der Geschichten, indem er sie auf wahren Begebenheiten beruhen lässt und sogar Mängel in Stil oder Konstruktion mit dieser behaupteten Wahrhaftigkeit rechtfertigt.
Der alte Dupuis vertritt eine Auffassung von Liebe, die freiwillige Zurückhaltung bei Frauen wertschätzt und schnelles Nachgeben als Ursache für nachlassende Zuneigung sieht; seine Ansichten zur Doppelmoral werden teilweise als gültiger Maßstab für die Beurteilung anderer Figuren herangezogen.
Anfänglich wurde das Werk als Unterhaltung und Bestätigung des bürgerlichen Selbstbewusstseins positiv aufgenommen; später jedoch, im Zuge der Aufklärung, nahm die Wertschätzung ab, da stilistische Mängel und die Form zunehmend kritisiert wurden.
Zeitgenössische Kritiker bemängelten den Stil und die bürgerliche Tonalität des Werkes, obwohl sie ihm einen moralischen Gehalt und die Fähigkeit zur emotionalen Einbeziehung des Lesers zugestanden.
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