Bachelorarbeit, 2022
47 Seiten, Note: 1,0
Diese Bachelorarbeit untersucht die Charakteristika des Berufsfeldes der Berliner Dienstmädchen zum Ende des 19. Jahrhunderts. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf deren Herkunft, Arbeits- und Lebensverhältnissen sowie dem sozioökonomischen Status, um zu klären, ob der Beruf des Dienstmädchens zum sozialen Aufstieg verhalf.
3.3 Motive zur Landflucht
Die Frauen vom Land waren in den meisten Fällen gezwungen, einer unqualifizierten Erwerbsarbeit nachzugehen. Eine Weiterbildung in Form eines Besuchs der höheren Schule oder einer Berufsausbildung war für den Großteil der Familien ökonomisch nicht tragbar und wurde, wenn es finanziell irgendwie möglich war, den Söhnen zuteil.69 Zudem erbte in Norddeutschland der älteste Sohn den Bauern- oder Gutshof. Die Berufsaussichten der jungen Frauen waren daher auf die ländliche Dienstbotenstellung begrenzt, auf eine Stelle als Tagelöhnerin, die städtische Dienstbotenstellung oder die Fabrikarbeit.70 Die Fabrikarbeit brach meistens als Option weg, da sie entsprechend der geschlechterspezifischen Arbeitsteilung als unweiblich und Hort der Unmoral und Sittenlosigkeit galt.71
Aufgrund der „Leutenot“ auf dem Land wäre es ein Leichtes gewesen, die ländliche Dienstbotenarbeit oder die Berufstätigkeit als Tagelöhnerin zu ergreifen. Dennoch wurden diese ländlichen Arbeitsformen im 19. Jahrhundert kaum mehr ausgewählt, da die Arbeit als hart und eintönig galt. Die ständige Be- und Überlastung in ihrer Kindheit führte dazu, dass die jungen Frauen die ländliche Umgebung verlassen wollten. Trotz hoher Belastung war die Arbeit auf dem Land finanziell nicht lukrativ. Dadurch avancierte der Dienstbotenberuf in der Stadt zunehmend zur wichtigsten Berufsoption.72
Des Weiteren besuchten städtische Dienstmädchen ihre Familien regelmäßig auf dem Land. Bei der zeitweiligen Heimkehr werteten die Dienstmädchen ihren eigenen Status auf, indem sie meist sehr positiv über ihren Beruf und ihr neues städtisches Leben berichteten. Gleichzeitig trugen sie feinere Kleidung und adaptierten zum Teil die bürgerliche Etikette. Dieser Sachverhalt führte dazu, dass der Mythos entstand, die Arbeit in der Stadt sei leichter und vornehmer.73
Zudem gingen von dem rasanten Wachstum der Stadt, dem urbanen Lebensstil und dem technischen Fortschritt eine gewisse Faszination aus. Das Leben in der Großstadt war anders als das bekannte Umfeld. Die Stadt bot im Gegensatz zum Land ein großes Kultur- und Unterhaltungsangebot. Ergo wurde das Stadtleben als spannend und abwechslungsreich charakterisiert, da es zahlreiche Vergnügungsmöglichkeiten offerierte.74
Des Weiteren bot der Beruf des städtischen Dienstmädchens scheinbar leichte Integrationsbedingungen. Die jungen Frauen mussten sich nicht auf dem umkämpften Wohnungsmarkt durchsetzen, da die Unterkunft von den Herrschaften gestellt wurde.75 Zudem war seit 1872 in den ländlichen Volksschulen der Hauswirtschaftsunterricht obligatorisch. Dieser Unterricht und die Hausarbeit in der Herkunftsfamilie sollten die Dienstmädchen für die Arbeit im bürgerlichen Haushalt ausreichend qualifizieren, sodass keine zusätzliche Ausbildung nötig war. Die jungen Frauen und ihre Familien versprachen sich daher, dass der Akkulturationsprozess vergleichsweise einfach verlaufen würde.76
1 Einleitung: Stellt die Relevanz des Themas „Berliner Dienstmädchen zum Ende des 19. Jahrhunderts“ dar, skizziert die Forschungslücke und die Forschungsfragen zu Herkunft, Lebensverhältnissen und sozioökonomischen Aufstiegschancen.
2 Transformationsprozesse im 19. Jahrhundert: Erörtert relevante wirtschaftliche, soziale und strukturelle Veränderungen des 19. Jahrhunderts, die das Berufsfeld und den Alltag der Dienstmädchen prägten, einschließlich des Wandels von der Feudal- zur Klassengesellschaft und des Berliner Bevölkerungswachstums.
3 Die Herkunft der Berliner Dienstmädchen: Untersucht die geografische und sozioökonomische Herkunft der Dienstmädchen sowie die Motive, die junge Frauen zum Verlassen ihrer Heimat und zur Migration nach Berlin bewogen haben.
4 Die Arbeits- und Lebensverhältnisse der Berliner Dienstmädchen: Rekonstruiert den Berufsalltag der Dienstmädchen anhand von Faktoren wie Berufsverbreitung, Arbeitszeit, Arbeitsaufgaben, Freizeit, Bezahlung und Wohnverhältnisse, um Einblicke in ihre Lebensumstände zu geben.
5 Der sozioökonomische Status der Berliner Dienstmädchen: Analysiert Heiratsverhalten, Ansehen, Klassenzugehörigkeit, Erwerbstätigkeit und Familienleben, um Chancen und Grenzen des sozialen Aufstiegs der Dienstmädchen zu bewerten.
6 Fazit: Fasst die Hauptergebnisse der Untersuchung zusammen, beleuchtet die Rolle der Dienstmädchen im Kontext der Industrialisierung und Urbanisierung und bewertet ihre tatsächlichen Aufstiegschancen.
Berliner Dienstmädchen, 19. Jahrhundert, Urbanisierung, Arbeitsverhältnisse, Lebensverhältnisse, Sozioökonomischer Status, Landflucht, Bürgertum, Frauenarbeit, Gesindeordnung, Sozialer Aufstieg, Rollenbild, Haushalt, Berlin, Industrielle Revolution
Die Arbeit befasst sich mit den Berliner Dienstmädchen am Ende des 19. Jahrhunderts, insbesondere mit ihrer Herkunft, ihren Lebens- und Arbeitsverhältnissen sowie ihren Möglichkeiten zum sozialen Aufstieg.
Zentrale Themenfelder sind die sozioökonomischen Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts, die Urbanisierung Berlins, die Herkunft und Motive der Dienstmädchen, ihre Arbeits- und Lebensbedingungen und ihr sozioökonomischer Status inklusive Heiratsverhalten und Aufstiegschancen.
Das primäre Ziel ist es, den Beruf des Dienstmädchens in Berlin um 1900 zu charakterisieren und zu untersuchen, ob dieser Beruf den Dienstmädchen zu einem sozioökonomischen Aufstieg verhalf.
Die Arbeit verwendet eine historische Analyse, basierend auf der Auswertung von zeitgenössischen Quellen, Studien und historischen Veröffentlichungen, um die Lebenswelten der Dienstmädchen zu rekonstruieren und zu bewerten.
Der Hauptteil behandelt die Transformationsprozesse des 19. Jahrhunderts, die Herkunft der Berliner Dienstmädchen, ihre Arbeits- und Lebensverhältnisse sowie ihren sozioökonomischen Status und ihre Aufstiegschancen.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Berliner Dienstmädchen, 19. Jahrhundert, Urbanisierung, Arbeitsverhältnisse, Lebensverhältnisse, Sozioökonomischer Status, Landflucht, Bürgertum, Frauenarbeit, Gesindeordnung und Sozialer Aufstieg.
Junge Frauen vom Land waren oft zu unqualifizierter Erwerbsarbeit gezwungen und hatten begrenzte Berufsaussichten. Der Dienstmädchenberuf in der Stadt wurde als wichtigste Berufsoption angesehen, da er ein besseres Leben versprach, leichtere Integration bot und von der Faszination des städtischen Lebens angezogen wurde.
Die Hängeböden waren eine weit verbreitete, aber prekäre Form der Unterbringung für Dienstmädchen in Berlin. Sie waren meist klein, schlecht belüftet und boten kaum Privatsphäre, wurden aber oft als Teil des Lohns akzeptiert, da sie die Wohnungssuche in der Stadt erleichterten.
Dienstmädchen heirateten überwiegend Arbeiter und Handwerker, seltener niedere Beamte oder Kleinhändler. Die Ehe diente primär der Absicherung und dem Ausstieg aus dem Dienstverhältnis, weniger dem direkten sozialen Aufstieg in das Bürgertum, obwohl sie ihren Kindern bessere Perspektiven eröffnete.
Die bürgerlichen Geschlechtercharaktere des 19. Jahrhunderts schrieben dem Mann die Öffentlichkeit und Erwerbsarbeit zu, während die Frau auf die private Reproduktion und Hausarbeit reduziert wurde. Dies führte dazu, dass die schwere körperliche Hausarbeit an Dienstmädchen delegiert und ihre Arbeit gesellschaftlich abgewertet wurde, obwohl sie für das Bürgertum unerlässlich war.
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