Bachelorarbeit, 2024
55 Seiten
Diese Bachelorarbeit untersucht, ob der traditionelle jüdische Erzählwitz in modernen Spielfilmen weiterlebt und welche Formen seine Adaption an die neuen Medien annimmt. Die zentrale Forschungsfrage ist, ob und wie jüdischer Humor mittels moderner Filmtechniken Ausdruck finden kann.
3. Der jüdische Witz
Chaya Ostrower betont, dass der Begriff "jüdischer Humor" noch schwieriger zu fassen ist als der Begriff des Humors selbst (Ostrower, 2018, S. 19). Sie beschreibt jüdischen Humor als "Ergebnis einer von ständiger Qual, Ablehnung und Verzweiflung geprägten jüdischen Geschichte" (Ostrower, 2018, S. 21) und führt aus, dass jüdischer Humor aus dem "Bedürfnis, die tragische Wirklichkeit zu verzerren und zu verändern" entspringt (Ostrower, 2018, S. 22). Zudem argumentiert sie, dass jüdischer Humor immer einen "Bezug zu jüdischen Bräuchen und Namen, zum Aufbau des Jiddischen und zu jüdischen Stereotypen" hat (Ostrower, 2018, S. 19).
Sigmund Freud hingegen betont in seiner Analyse, dass bei vielen jüdischen Witzen das Beiwerk jüdisch, der Kern hingegen „allgemein menschlich“ ist (Freud,1970, S. 28). Diese Unterscheidung wirft die Frage auf, ob jüdischer Humor von Nichtjuden überhaupt verstanden werden kann. In diesem Zusammenhang zitiert Ostrower Israel Zangwill, der sagt, dass eine Geschichte dann typisch jüdisch wird, wenn "kein Goi [gemeint ist ein Nichtjude] sie verstehen kann und ein Jude sie wiedererkennen würde" (Ostrower, 2018, S. 19).
Viele jüdische Witze befassen sich tatsächlich mit jüdischen Bräuchen und Inhalten, deren Komik nur vollständig verstanden werden kann, wenn man in einem jüdischen Kulturkreis aufgewachsen ist. Ein Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung als Person jüdischer Herkunft verdeutlicht dies: In dem Film "Annie Hall" von Woody Allen macht Alvys Vater, ein säkularisierter Jude, der Mutter Vorwürfe, weil sie das Hausmädchen entlassen hat, nachdem dieses die Mutter bestohlen hatte. Alvys Vater weist darauf hin, dass das Hausmädchen es als Farbige besonders schwer habe und bei wem sie denn sonst stehlen sollte, wenn nicht bei ihnen. Diese Szene mag auch für Nichtjuden witzig sein, aber da ich in einem jüdischen Umfeld aufgewachsen und mit der jüdischen Religion vertraut bin, verstehe ich den hohen Stellenwert, den Gerechtigkeit und Wohlfahrt im Judentum haben, so hoch, dass sie oft in jüdischen Witzen parodiert und dabei gleichzeitig betont werden. Ich erkenne darin eine Botschaft, die Nichtjuden möglicherweise nicht auf den ersten Blick verstehen oder ihr nicht die gleiche Bedeutung beimessen würden. Dennoch man hätte die Figur auch durch einen Christen oder Atheisten ersetzen können, und der Witz wäre weiterhin verständlich gewesen. Diese Beispiele zeigen, dass jüdischer Humor sowohl spezifisch als auch universell sein kann, wobei tiefere Ebenen der Komik oft nur innerhalb des jüdischen Kulturkreises vollständig erfasst werden können.
In ihrem Buch "Der jüdische Witz" definiert die Kulturwissenschaftlerin Salcia Landmann den jüdischen Witz als "heiter hingenommene Trauer über die Antinomien und Aporien des Daseins" (Landmann, 2009, S. 13). Sie führt weiter aus: "Wenn ich meine Meinung über den jüdischen Witz in eine Formel zu kleiden hätte, die einigermaßen in die Nähe des Wesentlichen treffen könnte, würde ich sagen, dass er immer wieder aufzeigt, dass gerade in einer am eindringlichsten mit dem Handwerkzeug der Logik begriffenen Welt die Gleichungen, die ohne Rest aufgehen, nicht stimmen können" (ebenda). Salcia Landmann betont, dass der jüdische Witz in der Witzliteratur eine besondere Stellung einnimmt, da er "das Ergebnis von einzigartigen Umständen und Voraussetzungen auf religiösem, historischen, geistigem und sozialem Gebiet ist, die besonders geeignet waren, Witze von ungewöhnlicher Tiefe und Schärfe zu erzeugen" (Landmann, 2009, S. 16). Weiter führt sie an, dass der jüdische Witz über Jahrhunderte die einzige "Waffe des jüdischen Volkes" gewesen ist, ohne die die Juden ihre misslichen Zustände nicht hätten überstehen können (ebenda). Sie fügt jedoch hinzu, dass der jüdische Witz, wie das europäische Judentum, heute "nur noch eine historische Erscheinung" sei, da mit der gesellschaftlichen Gleichstellung und der Gründung des Staates Israel keine Notwendigkeit in der Herausbildung jüdischer Witze mehr bestünde (Landmann, 2009, S. 17).
1. Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Relevanz des Themas "jüdischer Humor" vor und formuliert die zentrale Forschungsfrage nach dessen Eingang in den modernen Spielfilm.
2. Gibt es einen jüdischen Humor?: Hier wird die Kontroverse um die Definition von jüdischem Humor beleuchtet und verschiedene Humortheorien wie die Überlegenheits-, Inkongruenz- und Erleichterungstheorie erläutert.
3. Der jüdische Witz: Dieses Kapitel definiert den jüdischen Witz, beschreibt seine Entstehungsgeschichte, den Unterschied zum "Judenwitz" und analysiert den Sarkasmus bei Heinrich Heine sowie die talmudische Diskurskultur als Grundlage.
4. Psychoanalytische Perspektive: Es wird Sigmund Freuds psychoanalytischer Ansatz zum Witz, seine Beziehung zum Unbewussten, die Traumarbeit und die Triebtheorie als Basis für Humor erläutert.
5. Witztechniken: Dieses Kapitel beschreibt und illustriert spezifische Witztechniken wie Doppelsinn, Verschiebung und Darstellung durch das Gegenteil anhand von Beispielen und Bezügen zur jüdischen Lebenswirklichkeit.
6. Der Unterschied zwischen jüdischem Witz und Judenwitz: Hier wird klar zwischen jüdischem Witz als selbstironischem und antisemitischem Judenwitz als diffamierendem Humor unterschieden und die Bedeutung des Kontextes hervorgehoben.
7. Selbstironie: Dieses Kapitel behandelt Selbstironie als psychologischen Abwehrmechanismus zur Bewältigung von Schwierigkeiten, zur Förderung sozialer Bindungen und zur Akzeptanz menschlicher Schwächen, auch im jüdischen Kontext.
8. Schwarzer Humor: Es wird die Funktion von schwarzem Humor als Überlebensmechanismus der jüdischen Bevölkerung, insbesondere im Kontext des Holocaust, anhand von Zeitzeugenberichten analysiert.
9. Das Verhältnis zu Gott und der Religion: Dieses Kapitel untersucht, wie jüdische Witze religiöse Konstrukte hinterfragen, Gott vermenschlichen und als Ventil zur Bewältigung existenzieller Fragen dienen, wobei die Bindung zum Glauben erhalten bleibt.
10. Jüdische Gedanken- und Lebenswirklichkeiten: Hier wird der Einfluss von jüdischen Autoren wie Franz Kafka, seiner Biografie und Werke wie "Ein Bericht für eine Akademie" und "Der Prozess" auf den jüdischen Humor und dessen Motive untersucht.
11. Zusammenfassung der Charakteristika: Dieses Kapitel fasst die zentralen Merkmale des jüdischen Witzes zusammen, darunter seine sarkastische, selbstironische, universalkritische und optimistische Natur sowie die verwendeten Witztechniken.
12. Jüdischer Witz im modernen Spielfilm: Es wird erörtert, wie jüdischer Humor in modernen Spielfilmen, insbesondere durch postmoderne Erzählweisen und Verfremdungseffekte, dargestellt wird, mit einem Fokus auf Woody Allens "Annie Hall".
13. Projekterläuterung und Beantwortung der Fragestellung: In diesem Kapitel wird das eigene Filmprojekt des Autors vorgestellt, das die Überführung jüdischer Witze in den modernen Spielfilm illustriert und die Forschungsfrage beantwortet.
Jüdischer Humor, Spielfilm, Witz, Humor, Komik, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Heinrich Heine, Franz Kafka, Verfremdungseffekte, Selbstironie, Schwarzer Humor, Talmudische Diskurskultur, Woody Allen, Antisemitismus
Die Arbeit untersucht, wie jüdischer Humor, insbesondere der jüdische Erzählwitz, in modernen Spielfilmen Eingang findet und welche stilistischen sowie inhaltlichen Anpassungen dabei vorgenommen werden.
Zentrale Themenfelder sind Humortheorien, die Entstehungsgeschichte und Techniken des jüdischen Witzes, die psychoanalytische Perspektive Freuds, die Rolle jüdischer Autoren wie Heine und Kafka, sowie die Analyse des jüdischen Humors in postmodernen Spielfilmen.
Das primäre Ziel ist es, die Frage zu beantworten, ob der jüdische Erzählwitz in modernen Medien weiterleben kann und ob eine Adaption des traditionellen Erzählwitzes im modernen Spielfilm in einer anderen Form möglich ist.
Die Arbeit verwendet eine Kombination aus kulturwissenschaftlicher Analyse, psychoanalytischen Betrachtungen und literaturwissenschaftlichen Interpretationen, um jüdischen Humor und seine Darstellung in verschiedenen Medien zu untersuchen.
Im Hauptteil werden detailliert die verschiedenen Humortheorien, die Entstehungsgeschichte des jüdischen Witzes, Freuds psychoanalytische Perspektive, spezifische Witztechniken, der Unterschied zwischen jüdischem Witz und Judenwitz, Selbstironie, Schwarzer Humor, das Verhältnis zu Gott und der Religion sowie jüdische Gedanken- und Lebenswirklichkeiten anhand von Heine und Kafka behandelt.
Jüdischer Humor, Spielfilm, Witz, Humor, Komik, Psychoanalyse, Sigmund Freud, Heinrich Heine, Franz Kafka, Verfremdungseffekte, Selbstironie, Schwarzer Humor, Talmudische Diskurskultur, Woody Allen, Antisemitismus.
Der jüdische Witz ist laut der Arbeit selbstironisch und kritisiert eigene Schwächen oder bedient sich antisemitischer Klischees, um Antisemiten zuvorzukommen. Der Judenwitz hingegen ist antisemitisch, da er Vorurteile und Klischees bestätigen und diffamieren möchte.
Freuds Psychoanalyse, insbesondere seine Theorie der "Witzarbeit" und Konzepte wie Traumarbeit und Trieblehre, dient als theoretisches Fundament, um die psychologischen Mechanismen des jüdischen Witzes und dessen Funktion als Ventil für aufgestaute Energie zu verstehen.
Die Komik in Kafkas Werk entsteht oft aus dem Kontrast zwischen Erwartetem und Tatsächlichem, der Herabsetzung von Autoritäten oder der ironischen Befolgung von Regeln bis ins Absurde, wie beispielsweise in Witzen über Namensänderungen oder der Darstellung Gregor Samsas.
Moderne Spielfilme nutzen postmoderne Erzählweisen, nichtlineare Handlungsstrukturen, episodisches Erzählen, Verfremdungseffekte durch Voice-Over oder den direkten Blick in die Kamera, sowie die Vermischung von Genres, um den jüdischen Humor und seine Botschaften zu vermitteln.
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