Magisterarbeit, 2010
94 Seiten, Note: 1,0
Philosophie - Philosophie außerhalb der abendländischen Tradition
I Einleitung
II Einführung
Über den Charakter der Wissenschaft im Islam
III Zur Hermeneutik des Qur'ān
1. Warum Hermeneutik und nicht Tafsīr?
Exkurs – Über die Methode des Tafsīr
2. Über die „drei Hörer“
2.1. Die ersten Hörer
2.2. Übergang von der mündlichen zur Schriftkultur
Exkurs – Über Oralität und Literalität
2.2.1 Tafsīr und Ta'wīl
3. Der moderne Mensch
IV Überlegungen zu den Begrifflichkeiten
1. Einführung in die Problematik
2. Klärung der Begriffe „QUR'ĀN“ und „MUṢḤĀF“
3. Text und Kontext
4. Das Wort – WAHY
V Perspektiven
1. Die Konvergenzphilosophie
1.1 Die Methoden der Oralität
1.1.1 Primäre Methoden der Oralität
1.1.2 Mediation
1.1.3 Inspiration
1.1.4 Initiation
1.2 Die Konvergenzprinzipien
2. Die Išārī-Exegese
3. Ausblick und Fazit
Diese Arbeit untersucht die Möglichkeiten einer hermeneutischen Neuausrichtung im Umgang mit dem Qur'ān, indem sie die historische Kluft zwischen mündlicher Überlieferung und schriftlicher Fixierung analysiert. Ziel ist es, philosophische Ansätze zu explorieren, die eine Konvergenz von Oralität und Literalität ermöglichen, um den Bedürfnissen des modernen Menschen bei der Interpretation des heiligen Textes gerecht zu werden.
EXKURS – ÜBER DIE METHODE DES TAFSĪR
Die Wissenschaft, die sich mit der Auslegung des Qur'ān beschäftigt, nennt man Tafsīr. Das Wort Tafsīr leitet sich aus dem Stamm f-s-r ab und bedeutet soviel wie „aufdecken“ oder „deutlich machen“. In diesem Sinn wird z.B. in Vers 25:33 verwendet, wo geschrieben steht: „Und sie bringen dir kein Gleichnis vor, ohne dass wir dir die Wahrheit und die beste Deutung bringen würden.“
Wenn oben die Idee verworfen wurde, dass es im Islam keine „historisch-kritische“ Exegese gäbe, so wurde dies vor allem mit Hinblick auf die Methoden des Tafsīr ausgesprochen. Der exakte Wortlaut des Qur'ān war den Muslimen seit Anbeginn der ersten Offenbarung die heiligste und wichtigste Sache und macht das Fundament ihres ganzen Credos aus. Der Grund für diese äußerste Sensibilität liegt in der Folge des bisher Gesagten auf der Hand und wurde von Toshihiko Izutsu äußerst prägnant und schlagend ausformuliert: „Islam arose when God spoke.“
Man muss sich immer wieder verdeutlichen, dass der Qur'ān für den Muslim nicht nur ein Gebetsbuch oder ähnliches ist, sondern Gottes höchsteigenes Wort – seine höchstpersönliche Anrede an den Menschen. Nicht zuletzt aus diesem Grund waren die Muslime schon jeher sehr Sprachfixiert. So nimmt es also kein Wunder, dass die Wissenschaft der Sprache einen zentralen Platz in den Tafsīr-Werken einnimmt. So schreibt Zarkašī (gest. 794/ 1391) in seinem Burhān: „Um die Ziele dieser Wissenschaft zu erreichen, nimmt die Tafsīr-Wissenschaft die Dienste folgender Wissenschaftsbereiche in Anspruch: Lexik, Grammatik, Morphologie, Rhetorik, die Methodenlehre der islamischen Rechtswissenschaft“
Einleitung: Diese Einleitung beleuchtet das gestiegene Interesse am Islam in der westlichen Welt und formuliert die grundlegende Forschungsfrage nach einer geeigneten Hermeneutik des Qur'ān.
Einführung: Der Abschnitt diskutiert das Selbstverständnis der Wissenschaften im Islam und grenzt das hermeneutische Erkenntnisinteresse vom rein empirischen Wissensdrang ab.
Zur Hermeneutik des Qur'ān: Hier werden die historischen Entwicklungen der Auslegungstradition nachgezeichnet, insbesondere der Wandel vom oralen Verständnis hin zur schriftlichen Fixierung und die Bedeutung der „drei Hörer“.
Überlegungen zu den Begrifflichkeiten: Dieses Kapitel widmet sich der begrifflichen Schärfung der zentralen Termini „Qur'ān“, „Muṣḥāf“ und „Wahy“, um ein präziseres Verständnis für die textuellen Grundlagen zu schaffen.
Perspektiven: Der abschließende Teil schlägt eine „Konvergenzphilosophie“ vor, welche die Methoden der Oralität und Literalität theoretisch und praktisch zusammenführen soll, ergänzt durch einen Blick auf die mystische Išārī-Exegese.
Qur'ān, Tafsīr, Ta'wīl, Hermeneutik, Oralität, Literalität, Exegese, Muṣḥāf, Offenbarung, Konvergenzphilosophie, Wahy, Išārī-Exegese, Religionsphilosophie, Islamwissenschaft, Sprachhermeneutik.
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen Untersuchung der qur'ānischen Hermeneutik und der Frage, wie die Konvergenz von mündlichen und schriftlichen Interpretationsmethoden das Textverständnis bereichern kann.
Die zentralen Felder sind die Geschichte des Tafsīr, die Unterscheidung zwischen dem Qur'ān als Wort Gottes und dem Muṣḥāf als physischem Text sowie die Integration oraler Traditionen in moderne Auslegungsmethoden.
Das primäre Ziel ist es, eine hermeneutische Herangehensweise zu entwickeln, die dem oralen Charakter der qur'ānischen Offenbarung in einer heute hochgradig von Schriftkultur geprägten Welt gerecht wird.
Die Arbeit nutzt einen hermeneutisch-philosophischen Ansatz, der historische Exegese-Methoden analysiert und sie mit zeitgenössischen Ansätzen der Konvergenzphilosophie vergleicht.
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung der Auslegungsdisziplinen, die Problematik der Begriffsbildung im Kontext der Moderne und die philosophische Begründung der Konvergenz von Mündlichkeit und Schriftlichkeit.
Begriffe wie Tafsīr, Konvergenz, Oralität, Literalität, Išārī-Exegese und Hermeneutik sind für das Verständnis der Argumentationslinie zentral.
Tafsīr wird historisch als die äußere, erklärende Auslegung verstanden, während Ta'wīl stärker auf die Deutung innerer, metaphorischer Bedeutungsschichten zielt.
Der moderne Mensch steht vor der Herausforderung, dass die traditionelle Exegese oft keine befriedigenden Antworten auf seine heutigen, lebensweltlichen Fragen liefert, weshalb eine hermeneutische Neubesinnung gefordert wird.
Die Išārī-Exegese dient als Beispiel dafür, wie der mystische Zugang über das unmittelbare „Erleben“ und „Kosten“ (ad-dawq) neue Erkenntnisebenen erschließt, die konzeptionell mit der Konvergenz von Denktraditionen korrespondieren können.
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