Masterarbeit, 2025
73 Seiten
Die vorliegende Masterarbeit verfolgt das Hauptziel, die empirische Evidenz und philosophischen Begründungen einer Willensfreiheit bei suizidbegehrenden Menschen eingehend zu analysieren. Sie untersucht, inwiefern der freie Wille bei der Entscheidung zum Suizid tatsächlich gegeben ist, insbesondere vor dem Hintergrund medizinischer und philosophischer Erkenntnisse.
2.1.1 Propädeutik: Begriffsbestimmung Freitod, Selbstmord, Suizid, Suizidversuch, Euthanasie, verschiedene Formen der Sterbehilfe
Während die Bezeichnung ‚Selbstmord‘ das schädliche (mörderische) Handeln gegen sich selbst und ‚Freitod‘ den selbstbestimmten Tod aus ‚freiem Willen‘ bezeichnet, erscheint der Begriff ‚Suizid‘ wertfreier (9-13). Die neologische Bezeichnung ‚Suizid‘ geht auf ‚sui caedes‘ (lateinisch für Selbsttötung‘) zurück und wurde erstmals vom Soziologen Emile Durkheim (1858-1917) im Jahr 1897 verwendet (9, 10). Im Folgenden nutze ich den Terminus ‚Suizid‘, es sei denn, Autoren selbst haben andere Begriffe eingesetzt. Probleme bestehen in Übersetzungen: So heißt David Humes Essay ursprünglich „On suicide“, was in der Regel mit „Über den Freitod“ übersetzt wird, während Emile Durkheims Buch im französischen Original „Le suicide“, in der englischen Übersetzung „On suicide“ und in der deutschen „Über den Selbstmord" heißt (9, 13). Der Terminus ‚Selbstmord‘ soll auf den katholischen Geistlichen Thomas Murner (1475–1537) zurückgehen, der ihn im Jahr 1514 verwendet hat (11,12). Er zeigt deutlich, dass im Kontext der christlichen Religionen negative moralische Werturteile über die suizidale Handlung bestehen. Nach dem heutigen Rechtsverständnis ist der Begriff auch sprachlogisch falsch, da Mord Heimtücke voraussetzt, die sich zwangsläufig gegen sich selbst nicht ausüben lässt (1). Genauso problematisch erscheint mir persönlich die Bezeichnung ‚Freitod‘, da diese eine absolute Freiheit der Willensentscheidung impliziert, die meiner Meinung nach gerade bei suizidalen Handlungen nicht vorliegt (siehe S. 37ff). Das Wort ‚Euthanasie‘, das eigentlich ‚schöner Tod‘ oder ‚gutes Sterben‘ bedeutet und in anderen Ländern ohne Probleme verwendet wird, ist in Deutschland schwierig einzusetzen, da es ein euphemistischer Ausdruck für die Krankenmorde der Nationalsozialisten ist. Der Psychiater Helmut Ehrhardt (1914–1997), der als junger Arzt am Erbgesundheitsgericht tätig und später Ordinarius für Forensik und Sozialpsychiatrie in Marburg war, äußerte sich 1965 ausführlich über den problematischen Begriff der Euthanasie (14). Der Psychiater Alfred Hoche (1865–1943) schrieb zusammen mit dem Staatsrechtswissenschaftler Karl Lorenz Binding (1841–1920), einem Angehörigen der Frankfurter Bierbrauerfamilie, 1920 die Publikation „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (15), das die ‚Blaupause‘ für die systematische Tötung von über 70 000 Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Behinderungen durch die Nationalsozialisten ab 1940 unter Leitung der Zentraldienststelle T4 darstellte. In ihrem Buch sprechen sich Hoche/Binding offen für die Tötung von geistig
1. Einführung und Zielsetzung der Arbeit: Dieses Kapitel stellt die Problemstellung des Suizids dar, beleuchtet historische und aktuelle Entwicklungen sowie die persönliche Motivation des Autors für die Arbeit.
2. Überblick über Terminologie und Sterbehilfe: In diesem Abschnitt werden die terminologischen Unterschiede und die aktuelle Rechtslage bezüglich Suizid und Sterbehilfe in Deutschland erläutert.
3. Philosophische Hauptpositionen zum Suizid: Dieses Kapitel skizziert historische Argumente pro und contra Suizid von antiken Philosophen bis zu zeitgenössischen Denkern.
4. Philosophische Konzepte und Voraussetzungen eines freien Willens: Hier werden verschiedene philosophische Konzepte des freien Willens, Willens- und Handlungsfreiheit und deren Relevanz für suizidales Verhalten diskutiert.
5. Empirische Untersuchungen und Faktoren des Suizids: Das Kapitel präsentiert empirische Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen, genetischen Faktoren und epidemiologischen Studien in Bezug auf Suizid, eingeleitet durch ein literarisches Beispiel.
6. Ältere Menschen und Suizid: Dieser Teil beleuchtet die spezifische Situation älterer Menschen, die Rolle von Depressionen bei Begleiterkrankungen und die Kontroverse um den Bilanzsuizid.
7. Psychische Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion: Hier wird die pathophysiologische Veränderungen der Gehirnfunktion bei psychischen und schweren körperlichen Erkrankungen im Kontext des Suizids erörtert.
8. Voraussetzungen eines freien Willens: Das Kapitel analysiert die Bedeutung veränderter Gehirnfunktionen für den freien Willen und führt kurz in die Philosophie des Geistes ein, inklusive eines holistischen Konzepts.
9. Effekte Palliativmedizin, um Suizide aufgrund von unerträglichen Leiden zu verhindern: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie Palliativmedizin Suizidwünsche bei unerträglichem Leid verhindern kann und welche Rolle Ärzte dabei spielen sollten.
10. Persönliches Resümee: Das Schlusskapitel fasst die Masterarbeit zusammen und reflektiert die persönliche Meinung des Autors als Arzt zum gesamten Thema.
11. Literatur: Dieses Kapitel listet alle in der Arbeit verwendeten wissenschaftlichen Quellen auf.
Suizid, Freier Wille, Sterbehilfe, Psychische Erkrankungen, Philosophie des Geistes, Determinismus, Kompatibilismus, Phänomenologie, Palliativmedizin, Suizidprävention, Ethik, Autonomie, Gehirnfunktion, Depression, Bilanzsuizid.
Die Arbeit analysiert medizinphilosophische Aspekte des Suizids und stellt die zentrale Frage, ob suizidbegehende Menschen tatsächlich einen freien Willen besitzen, um sich das Leben zu nehmen, unter Berücksichtigung empirischer und philosophischer Erkenntnisse.
Zentrale Themenfelder umfassen die Begriffsdefinitionen von Freitod, Selbstmord und Suizid, eine philosophiehistorische Betrachtung des Suizids, Konzepte des freien Willens, empirische und pathophysiologische Befunde zu psychischen und körperlichen Erkrankungen bei Suizidalität sowie die Rolle der Palliativmedizin.
Das primäre Ziel ist es, die empirische Evidenz und philosophischen Begründungen einer Willensfreiheit bei suizidbegehrenden Menschen näher zu analysieren.
Die Arbeit kombiniert philosophische Argumentation mit empirischen medizinischen und psychiatrischen Daten, um eine induktive Urteilsbildung zur Frage der Willensfreiheit bei suizidalen Handlungen zu ermöglichen.
Der Hauptteil behandelt die philosophischen Positionen zum Suizid (Pro und Contra), verschiedene Konzepte des freien Willens, empirische Untersuchungen zu psychischen Erkrankungen und Suizid, die Situation älterer Menschen sowie die Pathophysiologie psychischer Erkrankungen als Störung der Gehirnfunktion.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Suizid, Freier Wille, Sterbehilfe, Psychische Erkrankungen, Philosophie des Geistes, Determinismus und Palliativmedizin.
Der Begriff "Euthanasie", obwohl wörtlich "schöner Tod" bedeutend, ist in Deutschland aufgrund seiner euphemistischen Verwendung für die Krankenmorde der Nationalsozialisten schwierig einzusetzen und historisch belastet.
Der Autor vertritt die Auffassung, dass der überwiegende Anteil suizidbegehrender Menschen aufgrund psychischer und/oder organischer Erkrankungen eine gestörte Gehirnfunktion und somit einen stark eingeschränkten freien Willen hat.
Die Arbeit ist skeptisch gegenüber der Existenz eines "Bilanzsuizids" im Sinne einer rationalen, freien Entscheidung und postuliert, dass auch hier oft nicht erkannte psychische oder somatische Erkrankungen eine Rolle spielen.
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