Bachelorarbeit, 2024
59 Seiten, Note: 1,7
Geschichte Deutschlands - Nationalsozialismus, Zweiter Weltkrieg
Diese Arbeit untersucht die komplexen Gründe für den unterbliebenen Einsatz chemischer Kampfmittel durch das deutsche Militär an der Kriegsfront während des Zweiten Weltkrieges. Die zentrale Forschungsfrage lautet: "Warum setzte das deutsche Militär im Verlauf des 2. Weltkrieges an der Kriegsfront keine chemischen Kampfmittel ein und wie können die verschiedenen Begründungsansätze gewichtet werden?"
3.2. Neuentwickelte Kampfstoffe
Ab dem Zeitpunkt der „Machtübernahme“149 der Nationalsozialisten 1933 erforschten die Chemiker weiterhin die existierenden Kampfstoffe und entwickelten diese weiter. Da diese Kampfstoffe jedoch auch den etwaigen Kriegsgegnern zur Verfügung standen und sich die Militärs einig waren, dass die Effektivität der Gaswaffe maßgeblich auf dem Überraschungseffekt beruhte, wurden auch neue chemische Stoffe auf ihre militärische Einsetzbarkeit hin überprüft. Das erste neuartige Giftkampfmittel entsprang jedoch nicht den Laboratorien in der Spandauer Zitadelle. Ab 1935 existierte im Zuge der Gründung der Wehrmacht eine Verordnung, die besagte, dass alle Erfindungen, welche einen potentiellen militärischen Nutzen innehaben könnten, dem Heereswaffenamt gemeldet werden müssten.150 Bereits im Jahr 1934 erhielt Dr. Gerhard Schrader151, der leitende Chemiker des Laboratoriums des IG152-Farben-Konzerns, den Auftrag, ein Pflanzenschutzmittel herzustellen, das unabhängig von notwendigen Importen produziert werden konnte. Im Rahmen der Suche nach einer geeigneten Chemikalie wurden Experimente mit einem Phosphorsäureester153 durchgeführt. Schon nach wenigen Tests bemerkte Schrader, dass der Stoff „erhebliche Auswirkungen auf sein eigenes Arbeitsvermögen“154 ausübte und außerdem innerhalb von 20 Minuten alle in der Nähe des Einsatzortes lebenden Tiere starben. Im Rahmen der angesprochenen gesetzlichen Bestimmungen musste der Stoff nach diesen Vorfällen an das Heereswaffenamt gemeldet werden. Diese übernahmen ab 1937155 eine Kleinproduktion des Stoffes, der Tabun156 getauft wurde, und erforschten seine Toxizität. In Spandau waren ab 1937 die Chemiker damit beschäftigt, eine Möglichkeit der industriellen Fertigung zu finden, was ihnen 1939 gelang.157 Ab dem Moment des Kriegsausbruches wurden auch vermehrt Tests an Häftlingen in Konzentrationslagern durchgeführt.158 Entgegen der hauptsächlich159 im 1. WK eingesetzten Kampfstoffe handelt es sich bei Tabun um ein Nervengas. Diese wirken dahingehend grundsätzlich anders, als dass sie über die Haut oder über die Lunge aufgenommen, auch schon bei geringen Dosierungen starke Schädigungen der Nervenbahnen nach sich ziehen. Durch die blockierten Enzyme kann es zu keiner Signalübertragung zwischen den Nervenzellen kommen. Folge sind nachlassende Sehschärfe bis hin zu Blindheit, Atemnot und Beklemmungsgefühle sowie Krampfanfälle, die bei hohen Konzentrationen nach 5-10 Minuten zum Tod führen.160 Durch die Gasmasken der Alliierten konnte zumindest die schnelle Todeswirkung nach Inhalation aufgehalten werden. Dadurch, dass der Stoff jedoch geruchs- und geschmacklos war und die Aufnahme in den Körper unbemerkt geschah, wurde ihm ein enormes Potenzial161 im Kampfeinsatz beigemessen.162 Die letale Dosis (LD), das bedeutet die benötigte Menge, um einen Menschen zu töten, ist bei Tabun sehr gering. Dieser Wert belegt die enorme Toxizität des Stoffes. Ins Verhältnis mit den Kampfstoffen des 1. WK gesetzt ist Tabun 95-fach giftiger als Chlorgas und übertrifft die Toxizität des S-Lost um den Faktor acht.163 Dieser Umstand machte Tabun zu einem Kampfstoff, der im Falle eines Einsatzes sehr viele Todesopfer fordern konnte.
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik des chemischen Kampfmitteleinsatzes im Ersten Weltkrieg ein, beleuchtet die Zäsur, die der erste Giftgaseinsatz in Ypern darstellte, und stellt die zentrale Forschungsfrage der Arbeit vor.
2. Vorgeschichte: Hier wird die Historie chemischer Waffen vor dem Ersten Weltkrieg erörtert, internationale Verbote wie die Haager Konvention behandelt und die militärische Wirksamkeit des Gaskrieges im Ersten Weltkrieg kritisch hinterfragt.
3. Chemische Waffen im Nationalsozialismus 1933-1945: Dieses Kapitel widmet sich den deutschen Vorbereitungen zur chemischen Kriegsführung, der Entwicklung neuartiger Kampfstoffe wie Tabun und Sarin, sowie deren Einsatz in Konzentrations- und Vernichtungslagern statt an der Front.
4. Untersuchung der Thesen zur Begründung des unterlassenen Gaseinsatzes: Der Hauptteil der Arbeit analysiert acht gängige Historikerhypothesen, die den unterlassenen deutschen Gaseinsatz im Zweiten Weltkrieg erklären sollen, und prüft deren Stichhaltigkeit anhand von Primär- und Sekundärquellen.
5. Fazit: Das Fazit fasst die komplexen und multifaktoriellen Gründe für den Nicht-Einsatz chemischer Waffen an der Front im Zweiten Weltkrieg zusammen, betont die Bedeutung der gegenseitigen Abschreckung und widerlegt einfache Erklärungsansätze.
Deutscher Verzicht, chemische Kampfmittel, Zweiter Weltkrieg, Gaseinsatz, Historikerhypothesen, Nationalsozialismus, Giftgas, Tabun, Sarin, Abschreckung, Gasschutz, Kriegsführung, chemische Rüstung, Fritz Haber, Ypern.
Diese Arbeit untersucht die komplexen Gründe und Historikerhypothesen, die erklären, warum Deutschland im Zweiten Weltkrieg trotz der Entwicklung hochgiftiger chemischer Kampfstoffe diese nicht an der Kriegsfront eingesetzt hat.
Die zentralen Themenfelder umfassen die Geschichte der chemischen Kriegsführung, die Entwicklung und das Potenzial von Kampfstoffen im Nationalsozialismus, die Bewertung der militärischen Wirksamkeit, moralische Aspekte, Hitlers persönliche Erfahrungen, Produktionsschwierigkeiten, die Kriegsform, gegenseitige Abschreckung, Gasschutzmaßnahmen und die Rolle internationaler Verträge.
Das primäre Ziel ist es, die Forschungsfrage zu beantworten: "Warum setzte das deutsche Militär im Verlauf des 2. Weltkrieges an der Kriegsfront keine chemischen Kampfmittel ein und wie können die verschiedenen Begründungsansätze gewichtet werden?"
Die Arbeit analysiert historische Primär- und Sekundärquellen tiefgehend, um die existierenden Historikerhypothesen kritisch zu prüfen und eine differenzierte Diskursanalyse der Gründe für den unterlassenen Gaseinsatz zu erstellen.
Der Hauptteil gliedert sich in eine chronologische Betrachtung der Vorgeschichte chemischer Waffen, die Entwicklungen in Deutschland während des Nationalsozialismus (inklusive neuartiger Kampfstoffe und deren Einsatz in Lagern) und eine detaillierte Untersuchung der verschiedenen Thesen zum unterlassenen Gaseinsatz.
Schlüsselwörter, die die Arbeit charakterisieren, sind: Deutscher Verzicht, chemische Kampfmittel, Zweiter Weltkrieg, Gaseinsatz, Historikerhypothesen, Nationalsozialismus, Giftgas, Tabun, Sarin, Abschreckung und Gasschutz.
Fritz Haber war eine zentrale Figur in der Entwicklung des Chlorgases im Ersten Weltkrieg und wurde später als "Vater des Gaskrieges" bezeichnet. Seine Arbeit hatte maßgeblichen Einfluss auf die militärische Nutzung von Chemie.
Tabun und Sarin waren hochtoxische Nervengase, die deutlich giftiger als die Kampfstoffe des Ersten Weltkriegs waren und geruchlos über Haut und Lunge wirken konnten. Dies verschaffte Deutschland einen qualitativen Vorsprung gegenüber den Alliierten, die keine äquivalenten Mittel besaßen.
Hitlers persönliche Erfahrung einer Lost-Vergiftung im Ersten Weltkrieg wird von einigen Historikern als prägendes "Schlüsselerlebnis" angesehen, das seine ablehnende Haltung gegenüber chemischen Waffen im Zweiten Weltkrieg beeinflusst haben könnte. Die Arbeit bewertet diesen Einfluss jedoch als gering.
Die alliierte Lufthoheit war ein entscheidender Faktor, da sie einen wirksamen Vergeltungsschlag der Alliierten mit Giftgas gegen deutsche Städte ermöglicht hätte. Die Angst vor dieser Vergeltung und die unzureichenden deutschen Gasschutzmaßnahmen trugen maßgeblich zur Abschreckung bei.
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