Bachelorarbeit, 2025
110 Seiten, Note: 1,7
Die vorliegende Bachelorarbeit zielt darauf ab, die Rolle sozialer Räume innerhalb von Pfadfinderschaften für die Identitätsentwicklung Jugendlicher zu untersuchen. Sie beleuchtet, wie non-formale Lernprozesse in diesem Kontext gestaltet und erlebt werden, um die Zusammenhänge zwischen theoretischen Konzepten und den subjektiven Erfahrungen Jugendlicher herauszuarbeiten.
Identitätsentwicklung nach Erving Goffman
Während non-formale Lernräume zentrale Handlungsfelder für Jugendliche darstellen, wird die Frage nach der Identitätsentwicklung theoretisch durch den Ansatz von Erving Goffman weiter fundiert.
Das Jugendalter bildet eine der zentralsten Phasen des Lebens im Hinblick auf die Entstehung und weitere Entwicklung der Identität. Es werden Weichen gestellt, die für den Entwicklungsverlauf von großer Bedeutung sind. Jugendliche sehen sich mit der Herausforderung konfrontiert, ein Teil der Gesellschaft zu werden, ihren Platz darin zu finden und somit ein stabiles Selbstbild zu erschaffen. Der US-amerikanische Soziologe Erving Goffman befasste sich mit diesen identitätsbildenden Prozessen und konzipierte die Theorie des Selbst und der Selbstdarstellung. Sein Fokus lag dabei auf der Bildung und Sicherung der Identität von Individuen, welche in einem sozialen Kontext interagieren (Salzborn, 2016, S. 198). Seiner Zeit war Goffman damit einer der führenden Vertreter des symbolischen Interaktionismus (Lenz & Hettlage, 2022, S. 70). Dieses Kapitel soll Goffmans Theorieansatz des Selbst darstellen, um ihn im Weiteren auf die Identitätsbildung bei Jugendlichen im Kontext von Pfadfinderschaften anwenden zu können.
Goffman orientiert sich in der Darstellung seiner Theorie an dem dramatischen Theater und nutzt begrifflichkeiten, welche aus diesem Zusammenhang stammen. In seinem Werk The Presentation of Self in Everyday Life (1956) im Deutschen Wir alle spielen Theater beschreibt er das soziale Leben mit dessen alltäglichen Interaktionen anhand einer Bühnenkonstruktion (Hoffmann & Sandhu, 2024, S. 51). Dieser dramaturgische Ansatz enthält die Perspektive auf Individuen, die in sozialer Interaktion eine Rolle spielen, um bei Interaktionspartnern einen Eindruck zu hinterlassen, von dem ausgegangen wird, dass dieser erwartet wird (Goffman, 1956, S. 10). Daraus lässt Goffmans Verständnis von Identität ableiten, dass diese kein festgelegtes und starres Konstrukt ist, sondern variabel in sozialen Interaktionen hergestellt wird, und je nach Kontext variieren und angepasst werden kann (Lenz & Hettlage, 2022, S. 27). Zentrale Begriffe die Goffman nutzt sind Vorderbühne, Hinterbühne, Fassade, Rolle, Eindruckssteuerung und das Selbst (Salzborn, 2016, S. 198).
Das „Selbst“ wurde zu Beginn nun näherungsweise mit dem Begriff der Identität erklärt. Genauer wäre in diesem Zusammenhang die „gespielte Identität“. Das Selbst bildet kein festes Konstrukt ab, sondern ist das sich entwickelnde Produkt sozialer Interaktionen (Salzborn, 2016, S. 199). Die Entwicklung des Selbst entsteht durch die eigene Inszenierung und wie das Individuum gesehen werden will. Auf das Gezeigte erhält man von anderen eine gewisse Rückmeldung (Lenz & Hettlage, 2022, S. 229). Einerseits können Erwartungen anderer eingehalten werden, wodurch sich das Gezeigte mit hoher Wahrscheinlichkeit festigen wird. Andererseits kann das Gezeigte von Erwartungen widersprechen, was bewirken kann, dass diese Rolle vermindert inszeniert wird. Goffman spricht zudem nicht von einer einzigen Rolle, die in jedem sozialen Kontext gleich ist. Jede Rolle definiert sich zunächst über den Kontext, in dem das Individuum interagieren muss und kann möglicherweise auch schon gesellschaftlich definiert sein (Lenz & Hettlage, 2022, S. 229). Beispielsweise werden als PraktikantIn andere Erwartungen an das Individuum herangetragen als in der Rolle als Tochter oder Sohn. Die Gestaltung dieser Rollen wird auch „Ausdruckskontrolle“ genannt. Diese soll beschreiben, dass der Eindruck, den andere von einem selbst erhalten sollen, aktiv vom Individuum kontrolliert wird. Diese Steuerung wird bewusst eingesetzt, um ein bestimmtes Bild zu kreieren (Hoffmann & Sandhu, 2024, S. 52). Ein Mittel zur Aufrechterhaltung der inszenierten Rolle ist die „Fassade“. Dazu werden beispielsweise Kleidung, Sprache, Mimik, Gestik und das allgemeine Auftreten genutzt (Hoffmann & Sandhu, 2024, S. 51). Zu einem Vorstellungsgespräch wird üblicherweise formale Kleidung getragen und gewählte Sprache ohne alltägliche Floskeln verwendet. Bei einem Filmabend mit Freunden würde dem wahrscheinlich nicht viel Wert beigemessen werden. Dieses Wechselspiel zwischen Selbstbild und Fremdbild ist ein auf den Fall bezogener Unterschied, „Bühnen“ stattfinden, bei denen der Unterschied in der Intensität der Inszenierung liegt. Unterschieden werden zwischen „Vorderbühne“ und „Hinterbühne“ (Hoffmann & Sandhu, 2024, S. 53). Die Vorderbühne ist der Raum, in dem die inszenierte Selbstdarstellung stattfindet und Erwartungen erfüllt werden wollen.
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Forschungsarbeit ein, erläutert die Relevanz der Identitätsentwicklung Jugendlicher in sozialen Räumen, insbesondere im Kontext von Pfadfinderschaften, und stellt die zentrale Forschungsfrage vor.
2. Theoretische Sensibilisierung: Hier werden die theoretischen Grundlagen der Arbeit gelegt, indem Konzepte wie non-formales Lernen, Identitätsentwicklung, besonders nach Erving Goffman, und Entwicklungsaufgaben im Jugendalter detailliert beschrieben werden.
3. Forschungsstand: Das Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zu non-formalem Lernen, Identitätsentwicklung und Pfadfinderarbeit, um die Einbettung der Studie zu kontextualisieren.
4. Theoretische Verknüpfung im Kontext von Pfadfinderschaften: Dieses Kapitel stellt die theoretische Verbindung zwischen den Konzepten der Identitätsentwicklung und non-formalem Lernen mit dem spezifischen Kontext der Pfadfinderschaften her.
5. Methodik: Die methodischen Schritte der empirischen Untersuchung werden dargelegt, einschließlich des Forschungsdesigns, der Datenerhebung mittels qualitativer Interviews und der Datenanalyse nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Kuckartz.
6. Ergebnisse: In diesem Kapitel werden die aus der Datenanalyse gewonnenen Ergebnisse präsentiert, die nach Hauptkategorien wie non-formalem Lernen, Entwicklung, biografischer Identität, sozialer Rolle und sozialer Integration strukturiert sind.
7. Diskussion: Die erhobenen Ergebnisse werden hier im Kontext der theoretischen Grundlagen und des Forschungsstandes interpretiert und kritisch beleuchtet, um Antworten auf die Forschungsfrage zu geben.
8. Methodenkritik: Dieses Kapitel setzt sich kritisch mit den angewandten Forschungsmethoden auseinander und diskutiert deren Stärken und Limitationen im Hinblick auf die Validität und Reliabilität der Ergebnisse.
9. Fazit: Das Fazit fasst die wichtigsten Erkenntnisse der Arbeit zusammen, gibt eine abschließende Antwort auf die Forschungsfrage und bietet einen Ausblick auf mögliche weitere Forschungsperspektiven.
10. Literaturverzeichnis: Hier sind alle in der Arbeit zitierten und herangezogenen wissenschaftlichen Publikationen und Quellen aufgeführt.
11. Anhang: Der Anhang enthält ergänzende Materialien zur Studie, wie den Interviewleitfaden und anonymisierte Transkripte der durchgeführten Interviews.
Identitätsentwicklung, soziale Räume, non-formales Lernen, Jugendalter, Pfadfinderschaften, empirische Untersuchung, qualitative Forschung, Erving Goffman, Rollenwechsel, soziale Integration, Gemeinschaftsgefühl, Symbole und Rituale, Selbstkonzept, Verantwortung, Peer-Group.
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle sozialer Räume in Pfadfinderschaften für die Identitätsentwicklung Jugendlicher und wie non-formale Lernprozesse in diesem Kontext stattfinden und erlebt werden.
Zentrale Themenfelder sind die Identitätsentwicklung im Jugendalter, non-formales Lernen, soziale Räume, die Theorie von Erving Goffman und die spezifischen Erfahrungen innerhalb von Pfadfinderschaften.
Das primäre Ziel ist die Identifizierung von Faktoren innerhalb der Pfadfinderarbeit, die zur Identitätsentwicklung Jugendlicher beitragen. Die Forschungsfrage lautet: „Welche Rolle spielen die sozialen Räume von Pfadfinderschaften in der Identitätsentwicklung Jugendlicher, und wie werden dabei non-formale Lernprozesse gestaltet und erfahren?“
Die Arbeit verwendet eine qualitative Forschungsmethodik, die auf halbstrukturierten Interviews basiert und deren Daten mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz ausgewertet werden.
Der Hauptteil der Arbeit behandelt die theoretischen Grundlagen (non-formales Lernen, Identitätsentwicklung nach Goffman), den Forschungsstand, die angewandte Methodik und präsentiert detailliert die empirischen Ergebnisse der Untersuchung.
Schlüsselwörter wie Identitätsentwicklung, soziale Räume, non-formales Lernen, Jugendalter, Pfadfinderschaften und qualitative Forschung charakterisieren die Arbeit.
Die Pfadfinderarbeit trägt durch die Bereitstellung von sozialen Räumen, die Förderung von Verantwortung und Partizipation, das Erleben von Rollenwechseln sowie die Ausbildung von Gemeinschaftsgefühl und die Vermittlung von Werten zur Identitätsentwicklung bei, wie die Ergebnisse der Studie zeigen.
Symbole und Rituale spielen eine wichtige Rolle bei der Stärkung des Gemeinschaftsgefühls und der Zugehörigkeit innerhalb der Pfadfinderschaft. Sie tragen dazu bei, gemeinsame Identitäten zu konstruieren und Erfahrungen zu strukturieren.
Die Pfadfinderarbeit wurde aufgrund ihres Charakters als non-formaler Lernraum und ihrer Relevanz für die soziale und identitätsbildende Entwicklung von Jugendlichen als geeigneter Untersuchungsgegenstand gewählt, um die spezifischen Dynamiken in diesem Kontext zu analysieren.
Die Anwendung von Goffmans Theorie ermöglicht ein tiefgehendes Verständnis der Selbstdarstellung und Rollenfindung Jugendlicher in sozialen Interaktionen. Eine Herausforderung könnte die Komplexität sein, Goffmans mikrosoziologische Ansätze auf gruppenbasierte non-formale Kontexte zu übertragen und dabei individuelle sowie kollektive Identitätsbildung zu berücksichtigen.
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