Bachelorarbeit, 2022
36 Seiten, Note: 1,3
Die vorliegende Arbeit untersucht die Konfrontation zwischen Jacques Derrida und Giorgio Agamben im Diskurs über Biopolitik, um zukünftige Beiträge zu diesem Feld aufzuzeigen. Im Mittelpunkt steht die Analyse von Derridas Kritik an Agamben hinsichtlich des Begriffs des Lebens und der Rolle der Tiere in der westlichen Philosophiegeschichte.
Begriff und Dekonstruktion der Souveränität
Patton (2017) nimmt eine Unterscheidung in Derridas Souveränitätsbegriff vor, wozu er die Begriffe ,actual‘ und ,pure‘ benutzt (S. 17). Mit aktualer Souveränität bezeichnet er die Verwirklichung der Souveränität in real existierenden Staaten (Patton, 2014, S. 168). Reine Souveränität hingegen definiert er als die Idee oder Vorstellung einer ungeteilten Souveränität, die als bedingungslose Quelle von Macht und Autorität gelte (Patton, 2014, S. 168). Diese Unterscheidung halte ich konzeptuell für sinnvoll, wichtig ist jedoch zu betonen, dass die aktuale Souveränität bei Derrida unauflöslich mit der reinen Souveränität verbunden ist. Dies liegt laut ihm daran, dass die phantasmatische Selbstdarstellung der aktualen Souveränität als reine Souveränität die Realität jeder ontotheologischen Souveränität ausmache. Im Souveränitätsbegriff Derridas kann nämlich keine strikte Dichotomie zwischen der materiellen Faktizität souveräner Macht und der symbolischen Inszenierung dieser Macht vorgenommen werden. Die Souveränität ist für ihn ein Phantasma, jedoch bestehe ihre Macht in der Realität dieses Phantasmas. Da Derrida die Souveränität als Phantasma oder Simulakrum auffasst, ist ein zentrales Element der Souveränität der Rückgriff auf die Fiktion.
Daher rückt Derrida die Souveränität in die Nähe von fiktionalen Sprechakten, die er auch als Fabeln bezeichnet. So interpretiert er z. B. Jean de La Fontaines „La raison du plus fort est toujours la meilleure“ als nachträgliche Rechtfertigung der Gewalt durch das Recht (La Fontaine, zitiert in TS1, S. 292). Es zeigt sich also, dass die Erzählung laut Derrida zwar der Wissensvermittlung dienen kann, das Fabelhafte des Erzählens könne jedoch auch eine korrumpierende Vermittlung implizieren (Siekmann, 2017, S. 251). Dementsprechend ließe sich die Erzählung als „konstitutive Struktur“ der Souveränität verstehen (TS1, S. 398). Ich werde dafür argumentieren, Derridas Dekonstruktion der aktualen Souveränität als das Aufzeigen ihrer Abhängigkeit von der Fiktion, genauer von der Inszenierung als reine Souveränität, zu beschreiben. Was Derrida aufzeigt, ist, wie in dieser narrativen Strategie selbst schon die Dekonstruktion der Souveränität geschieht. Im vorliegenden Abschnitt sollen erste Ansatzpunkte aufgezeigt werden, die dazu beitragen, Derridas Beschreibung der fiktiven Konstitution und der damit einhergehenden Dekonstruktion der Souveränität nachzuvollziehen.
Die nationalstaatliche Souveränität ist nach Derrida konzeptuell verbunden mit der Souveränität des Subjekts (Leitch, 2007, S. 235). Denn die Fähigkeit zur vernünftigen Politik wurde in den dominanten okzidentalen Diskursen stets als das dem Menschen Eigentümliche definiert, was darauf basiert, dass dieser in einer Relation zum logos oder zur rationalen Sprache stehe (so bei Aristoteles, Hobbes, Lacan etc.). Die nationalstaatliche Souveränität hänge also von der Idee des souveränen Subjekts ab, das in einer bestimmten Relation zur Sprache stehe, sei dies als Verfügung über die Sprache, wie bei Aristoteles, oder als Unterwerfung des Subjekts unter den Signifikanten, wie bei Lacan.
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in Jacques Derridas Beschäftigung mit der Animalität und seiner Kritik an Giorgio Agamben ein, wobei es das Hauptziel der Arbeit – die Konfrontation der beiden Autoren und einen Ausblick auf die Biopolitik – darlegt und die relevanten Seminare Derridas vorstellt.
2. Begriff und Dekonstruktion der Souveränität: Hier wird Derridas Verständnis von Souveränität erläutert, das diese als Simulakrum begreift und ihre Legitimation durch fiktive Merkmale einer ontotheologischen Souveränität herstellt, eng verbunden mit der Souveränität des Subjekts.
3. Souveränität, Animalität und Bestialität: Dieser Abschnitt zeigt, wie souveräne Macht mit Tieren verknüpft ist, indem sie einerseits Tiere als Antimodell und Modell nutzt und andererseits die Souveränität des Menschen durch Abgrenzung von der Animalität konstituiert, was Derridas Verständnis von Biopolitik offenbart.
4. Agamben: zōé, bíos und das nackte Leben: Das Kapitel erklärt Agambens zentrale Lebensbegriffe zōé, bíos und das nackte Leben, wie sie in seinem Werk "Homo sacer" verwendet werden, und beleuchtet sein Geschichtsverständnis bezüglich der Verbindung von Biopolitik und Souveränität.
5. Derridas Kritik an Agamben: Dieser Teil befasst sich mit Derridas konkreter Kritik an Agambens "Homo sacer", insbesondere hinsichtlich der vermeintlichen Striktheit der Trennung von zōé und bíos bei Aristoteles und Agambens linearem Geschichtsverständnis der Biopolitik.
6. Verantwortung vor dem Unähnlichen: Es wird erörtert, wie Derrida eine Vision einer Ethik jenseits von Souveränität anbietet, die auf einer bedingungslosen Verantwortung gegenüber dem unähnlichen Anderen, einschließlich Tieren, basiert und die Rolle der Poesie als Diskursform in diesem Kontext hervorhebt.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Derrida Souveränität als Simulakrum und ihre Macht als Inszenierung versteht, wobei die Bestialität als Herrschaft über die Animalität ein zentrales Element darstellt, und schlägt zukünftige Forschungsansätze für die Biopolitik vor, die Agambens und Foucaults Theorien miteinbeziehen.
Jacques Derrida, Giorgio Agamben, Souveränität, Biopolitik, Dekonstruktion, Animalität, Bestialität, zōé, bíos, nacktes Leben, Phantasma, Simulakrum, Verantwortung, Poesie, Anthropozentrismus
Diese Arbeit befasst sich mit der Auseinandersetzung zwischen Jacques Derrida und Giorgio Agamben über die Biopolitik, insbesondere im Hinblick auf die Rolle der Animalität und die Dekonstruktion von Souveränitätsbegriffen in der westlichen Philosophie.
Die zentralen Themenfelder sind die Dekonstruktion der Souveränität, die Bedeutung von Animalität und Bestialität, Giorgio Agambens Konzepte von zōé, bíos und dem nackten Leben sowie Derridas Kritik an diesen Theorien und die Entwicklung einer Ethik der Verantwortung.
Das primäre Ziel der Arbeit ist es, die Konfrontation zwischen Derrida und Agamben zu entfalten, um daraus einen Ausblick für zukünftige Beiträge zum Diskurs über die Biopolitik zu gewinnen.
Die Arbeit verwendet eine kritische Analyse und Dekonstruktion philosophischer Konzepte, insbesondere der Souveränität und Biopolitik, durch die Lektüre und Interpretation der Werke von Jacques Derrida und Giorgio Agamben.
Der Hauptteil behandelt die Konzepte der Souveränität bei Derrida, ihre Verbindung zu Animalität und Bestialität, Agambens Lebensbegriffe und Derridas spezifische Kritikpunkte an Agamben, bevor er eine Vision bedingungsloser Verantwortung gegenüber dem Unähnlichen entwickelt.
Die Arbeit wird charakterisiert durch Schlüsselwörter wie Souveränität, Biopolitik, Animalität, Dekonstruktion, Agamben, Derrida, nacktes Leben, zōé, bíos, Phantasma, Simulakrum, Verantwortung und Poesie.
Derrida versteht Biopolitik als stets mit der Souveränität verbunden und erweitert sie im Gegensatz zu Foucault und Agamben explizit auf tatsächliche Tiere, nicht nur auf menschliches Leben, und sieht in der Gewalt gegenüber Animalität eine Kernstruktur der Souveränität.
Für Derrida bietet die Poesie einen Ausweg aus der souveränen, autoaffektiven Fabel, indem sie einen Diskurs ermöglicht, in dem Tieren als Anderen ihre Zeit gegeben und sie nicht gewaltsam angeeignet oder geopfert werden, und somit eine Möglichkeit zur Begegnung mit dem Ungleichen darstellt.
Derrida begreift die Bestialität des Souveräns als dessen Herrschaft über die Animalität. Er zeigt, dass die souveräne Macht, ob königlich oder volksbasiert, Gewalt ausübt und Lebewesen (oft Tiere) ausschließt, um ihre eigene Macht zu inszenieren und zu legitimieren.
Derrida kritisiert Agambens Geschichtsverständnis als zu linear und monokausal, da es die Entwicklung der Biopolitik von der Antike bis zur Moderne als eine stetige, zunehmende Macht über das Leben darstellt, ohne genügend Raum für Brüche oder die Singularität von Ereignissen zu lassen.
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