Magisterarbeit, 2010
218 Seiten, Note: sehr gut
1. Teil
Einleitung
1 Kindesaussetzung in der Geschichte der Menschheit – die Wahrheit
1.1 Das Verstoßen eines Jungen in der Tierwelt
1.2 Das Aussetzen eines Menschen in prähistorischer Zeit
1.3 Kindesaussetzung in der Antike
1.3.1 Häufigkeit der Kindesaussetzung
1.3.2 Die Familie in der Antike als Hintergrund der Kindesaussetzung
1.3.3 Motive für eine Kindesaussetzung in der Antike
1.3.3.1 Wirtschaftliche Gründe
1.3.3.2 Missbildungen und körperliche Gebrechen
1.3.3.3 Das Aussetzen von Mädchen
1.3.3.4 Das Aussetzen von Zwillingen
1.3.3.5 Illegitime Kinder
1.3.3.6 Oblatio puerorum – die Opferung oder Darbietung der Kinder an Gott oder die Götter
1.3.4 Die Rechtsform der Kindesaussetzung
1.3.5 Kritik an der Aussetzungspraxis in der Antike
1.3.5.1 Emotionale und ethische Gründe
1.3.5.2 Sorge um den Fortbestand des eigenen Volkes und Furcht vor der Übermacht feindlicher Völker
1.3.5.3 Verbot der Kindesaussetzung und -tötung bei den Juden
1.3.5.4 Kritik an der Kindesaussetzung im frühen Christentum
1.4 Kindesaussetzung im Mittelalter
1.4.1 Findelkinder
1.4.2 Oblatio puerorum im Mittelalter
1.4.3 Verkauf von Kindern
1.4.4 Kindesmord
1.5 Das Findelwesen zur Zeit der Aufklärung und die Entwicklung bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts am Beispiel des Gebär- und Findelhauses in Wien
1.6 Kindereuthanasie zur Zeit des Nationalsozialismus
1.7 Kindesaussetzung und Kindestötung heute
1.7.1 Die Situation heute in Österreich
1.7.2 Kindesaussetzung und Kindestötung weltweit
2. Teil
Einleitung
2 Kindesaussetzung in der Mythologie – Aussetzungs- und Ursprungsmythen
2.1 Tiere im Aussetzungsmythos
2.2 Göttlicher Schutz
2.3 Zieheltern
2.4 Erkennen der wahren Identität
2.5 Erfüllung einer Prophezeiung
2.6 Gründe für eine Aussetzung in der Mythologie
2.6.1 Aussetzen eines Kindes aus wirtschaftlichen Gründen
2.6.2 Aussetzen eines Kindes wegen einer Behinderung (oder unschönem Äußeren)
2.6.3 Unerwünschte Mädchen
2.6.4 Mythische Zwillinge, die ausgesetzt werden
2.6.5 Aussetzen eines Kindes nach einer Weissagung und die Angst vor gefährlichem Nachwuchs
2.6.6 „Illegitime“ Schwangerschaften
2.6.6.1 Aussetzen eines Kindes durch den Vater der Kindesmutter
2.6.6.2 Aussetzen des Neugeborenen durch die Kindessmutter
2.6.7 Aussetzung aus Furcht vor der Rache Heras
2.6.8 Aussetzung ohne klar ersichtlichem Motiv
2.6.9 Historische Personen
3. Teil
Zusammenfassung und Resümee
3.1 Die Wahrheit
3.2 Der Aussetzungsmythos
3.2.1 Eine Aussetzung zu überleben macht stark
3.2.2 Tiere im Aussetzungsmythos
3.2.3 Vornehme Abkunft
3.2.4 Die Auffindung der Kinder – Die Rolle der Hirten und Fischer
3.3 Spuren bis in unsere Zeit
3.3.1 Redewendungen
3.3.2 Sagen
3.3.3 Märchen
3.4 Schlussworte
Die Arbeit untersucht die historische und mythologische Praxis der Kindesaussetzung. Ziel ist es, die soziokulturellen Hintergründe zu beleuchten, Motive für diese Praktiken in verschiedenen Zeitepochen zu identifizieren und die Frage zu klären, inwiefern Realität und Mythos miteinander verknüpft sind.
1.3.3 Motive für eine Kindesaussetzung in der Antike
Aus der Zeit um 1300 v. Chr. stammt eine Hieroglyphenschrift, die heute im Museum von Leiden aufbewahrt wird. Darin wird eine Hungersnot für die Ermordung und das Aussetzen von Kindern verantwortlich gemacht: „[…]Es ist doch so, es ist doch so: Aus Jammer werden Kinder auf die Straße geworfen oder in der Wüste ausgesetzt oder in einem Körbchen den Krokodilen des Nils geopfert“ (Vgl. Vardiman 1982, 121)
Wirtschaftliche Gründe im weitesten Sinn scheinen immer die Hauptursachen gewesen zu sein, Kinder entweder überhaupt nicht entstehen zu lassen, sie also zu verhüten, sie abzutreiben, sie auszusetzen oder gar zu töten. Das kann Armut in der Familie sein, sei sie nun selbst verschuldet oder durch einen Schicksalsschlag verursacht, oder eine allgemeine Verarmung des Staates. Wirtschaftliche Not und in der Folge Hunger war bei allen Völkern des Altertums - und ist es in vielen Teilen der Erde heute noch – der häufigste Grund, Kinder auszusetzen.
Hesiod rät den Menschen, sich durch harte Arbeit und kluge Vorratswirtschaft vor Hunger zu schützen: „[…] Arbeite, hochgeborener Perses, damit dich der Hunger hasse, doch liebe Demeter, die Göttin mit herrlichem Kranze, und die Erhabene dir mit Nahrung fülle die Scheuer! Hunger ist ja doch immer des Arbeitsscheuen Begleiter.[…]“(Hes. erg. 298-301) Oder: „[…] Wer das Vorhandene mehrt, verdrängt den brennenden Hunger, Und der Vorrat, den einer im Hause bewahrt, hat keinen gereut noch […]“ (Hes. erg. 362-263)
Herodot schreibt im 5. Jahrhundert v. Chr. über dieses Problem: „Die Armut war Griechenlands ständige Begleiterin“ (Hdt. 7, 102, 1)
1 Kindesaussetzung in der Geschichte der Menschheit – die Wahrheit: Untersuchung der soziologischen und wirtschaftlichen Hintergründe der Kindesaussetzung von der Urgeschichte bis in die Neuzeit.
2 Kindesaussetzung in der Mythologie – Aussetzungs- und Ursprungsmythen: Analyse der mythologischen Erzählungen über Heroen und Götter, die ausgesetzt wurden, um ihr Schicksal zu erfüllen.
3 Zusammenfassung und Resümee: Synthese der Ergebnisse, die eine erschreckende Kontinuität in den Gründen für Kindesaussetzung aufzeigt, ungeachtet der gesellschaftlichen Fortschritte.
Kindesaussetzung, Mythologie, Antike, Sozialgeschichte, Kindesmord, Aussetzungsmythen, Findelwesen, Kindereuthanasie, Göttersagen, Heldensagen, Familienpolitik, Pränataldiagnostik, Geburtenkontrolle, Wirtschaftsnot, Kinderschutz
Die Arbeit analysiert das Phänomen der Kindesaussetzung sowohl aus einer historisch-realen Perspektive als auch durch die Betrachtung mythologischer Überlieferungen.
Die Schwerpunkte liegen auf den sozioökonomischen Gründen, der historischen Entwicklung (Antike bis heute) sowie der psychologischen und mythologischen Funktion von Aussetzungsmythen.
Das Ziel ist es, Parallelen und Unterschiede zwischen der realen Praxis der Kindesaussetzung und deren literarischer Verarbeitung im Mythos aufzuzeigen und ein Verständnis für die gesellschaftlichen Strukturen zu entwickeln, die dieses Handeln bedingten.
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse antiker Quellen, historischer Dokumente sowie eine ikonographische Untersuchung archäologischer Funde (Vasenbilder, Reliefs).
Der Hauptteil gliedert sich in zwei große Bereiche: Teil 1 dokumentiert die Realgeschichte von der prähistorischen Zeit über die Antike und das Mittelalter bis zur Kindereuthanasie im Nationalsozialismus und der heutigen Situation. Teil 2 untersucht spezifische Aussetzungsmythen (z.B. Zeus, Ödipus, Paris) und deren kunsthistorische Rezeption.
Schlüsselbegriffe sind Kindesaussetzung, Mythologie, Antike, Kindesmord, Kindereuthanasie und die Rolle der Frau in patriarchalischen Systemen.
Hirten und Fischer fungieren als göttlich auserwählte Retter, die durch ihre einfache Herkunft und ihre Herzensbildung den Kontrast zum oft grausamen Adel bilden und so das Überleben des Findlings sichern.
Im Mythos dienten Orakelsprüche oft als auslösender Faktor für die Aussetzung, da Herrscher durch das Verstoßen des Kindes versuchen, ihr vom Schicksal vorherbestimmtes Ende abzuwenden.
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