Bachelorarbeit, 2020
52 Seiten, Note: 1,2
1 Einleitung
2 Historische Annäherung
2.1 Armenhilfe& Institutionalisierung
2.1.1 Social Settlements & Community Center
2.1.2 Community Action & Community Development als staatliche Ansätze..
2.1.3 Institutionalisierung in Deutschland
2.2 Arbeitskämpfe & soziale Bewegungen
2.2.1 Gewerkschaften &Arbeiter*innenbewegungen
2.2.2 Saul Alinsky
2.2.3 Soziale Bewegungen
3 Liberales Community Organizing
3.1 Allgemeine Charakteristika liberalen Community Organizings
3.1.1 Grundbegriffe
3.1.2 Methodisches Vorgehen
3.2 Wirkungsfelder & Formen liberalen Community Organizings
3.2.1 Nachbarschaftsentwicklung
3.2.2 Sozialplanung
3.2.3 Sozialer Aktivismus
4 Transformatives Community Organizing
4.1 Allgemeine Charakteristika transformativen Community Organizings
4.1.1 Politische Basisarbeit
4.1.2 Konfrontation
4.1.3 Solidarität
4.2 Gesellschafts- & Herrschaftskritik
4.2.1 Gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse
4.2.2 Analyse
4.2.3 Opposition
5 Die (Wieder-)Entdeckung von transformativem CO in Deutschland
5.1 Der theoretische Diskurs
5.2 Praktische Beispiele
5.2.1 Wilhelmsburg Solidarisch
5.2.2 Solidarisch in Gröpelingen
5.2.3 BASTA! Erwerbsloseninitiative Berlin
6 Transformatives Community Organizing & Soziale Arbeit
6.1 Gemeinsamkeiten & Widersprüche
6.1.1 Wirkungsbereich
6.1.2 Methoden & Vorgehen
6.1.3 Ziele & Herrschaftskritik
6.2 Potentiale
6.2.1 Partizipation
6.2.2 Politisches Empowerment
6.2.3 Nachhaltige Verbesserungen von Lebenslagen
7 Fazit
Literaturverzeichnis
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit Formen und Beispielen des transformativen Community Organizings und untersucht dabei die Fragen, inwiefern sie Potentiale für politisches Empowerment eröffnen und inwieweit sie sich mit SozialerArbeit in Verbindung bringen lassen.
Auf Grundlage einer historischen Annäherung an die Entstehungsgeschichte verschiedener Projekte des Community Organizings, wird transformatives Community Organizing in dieser Arbeit durch eine Abgrenzung von liberalen Formen charakterisiert, in ihrer aktuellen Relevanz beschrieben sowie ihr Verhältnis zur Sozialen Arbeit analysiert.
Die Ausführung verdeutlicht, dass das Verhältnis der Sozialen Arbeit zu transformativem Community Organizing aufgrund ihrer strukturellen Eingebundenheit in den Sozialstaat als problematisch zu bezeichnen ist und sich transformatives Community Organizing bewusst von Sozialer Arbeit abgrenzt. Dennoch werden auch Möglichkeiten einer kritisch-reflexiven Bezugnahme für die Soziale Arbeit ersichtlich. Diese könnten beispielsweise im Kontext des politischen Empowerments liegen, welches durch die explizit politische Basisarbeit, die konfrontative Ausrichtung und die basisdemokratische Organisationsstruktur im transformativen Community Organizing eröffnet werden.
Über soziale Verwerfungen und die Entstehung der Gewerkschaftsbewegung im Zuge der Industrialisierung ab Ende des 19. Jahrhunderts; von seither stattfindenden Kämpfen gegen sozialräumliche Segregation und Benachteiligung von Stadtteilen; von der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ihrem erfolgreichen Aufbegehren gegen systematische gesellschaftliche Diskriminierungen; bis hin zu aktuellen Auseinandersetzungen um Wohnraum und ein Recht auf Stadt hierzulande: Unzählige Beispiele von Organisationen und Zusammenschlüssen von Menschen weltweit prägen die Geschichte und Gegenwart einer Theorie und Praxis, die sich als Community Organizing (CO) bezeichnen lässt (vgl. Maruschke 2014: 27-53). Auch wenn all diese Beispiele die Gemeinsamkeit eint, dass sich Menschen auf Grundlage kollektiv identifizierter Problemlagen zusammenschließen und organisieren, um so eine nachhaltige Verbesserung von Lebenslagen zu erreichen, handelt es sich bei CO um ein enorm diverses Feld (vgl. Rothschuh 2018: 792-794).1
Neben allgemeingültigen Themen wie unter anderem Macht, Organisationsgestaltung oder die Anwendung verschiedener Strategien und Taktiken, sind vor allem Fragen von Institutionalisierung und politischer Ausrichtung zentrale Differenzierungsmerkmale der verschiedenen Lesarten des Community Organizings. Die vielfältigen Inhalte und Zielsetzungen in diesem Kontext äußern sich zum Beispiel durch Organisationen, die auf Beteiligung durch- und Kooperation mit staatlichen Institutionen und politischen Entscheidungsträgerinnen setzen. Gleichzeitig existieren aber ebenso transformative Ansätze, welche selbstorganisiert geführte Kämpfe mit einer grundlegenden Gesellschaftskritik verbinden und dabei hohen Wert auf Basisdemokratie und Unabhängigkeit von staatlichen Strukturen legen (vgl. Müller/ Szynka 2014: 16-20, Maruschke 2014: 7-13). Solche Konzepte politischer und transformativer Basisorganisierung in Form von CO werden zunehmend im Zusammenhang sozialer Bewegungen diskutiert und intendieren hierbei, nachhaltige und massenhafte Mobilisierungs- und Organisierungseffekte zu erreichen. Letztlich wird sich hiermit erhofft, bestehende gesellschaftliche Verhältnisse ernsthaft herauszufordern (vgl. Kratzsch/ Maruschke 2016: 103-105). Ausdruck der Diversität innerhalb des Community Organizings ist oftmals auch das Verhältnis der unterschiedlichen Organisationen zur professionellen Sozialen Arbeit. Auch wenn CO insbesondere in Deutschland hauptsächlich innerhalb der Sozialen Arbeit verortet wird, lässt sich ihr Verhältnis zu derselbigen dennoch als ambivalent bezeichnen. Die Frage, ob Community Organizing als Form von Gemeinwesenarbeit verstanden werden sollte, wird kontrovers diskutiert (vgl. Rothschuh 2010: 26-29). Einerseits existieren insbesondere im Bereich der Gemeinwesenarbeit einige Berührungspunkte. So lässt sich CO auch politischer Bildungsarbeit zuordnen oder könnte der Sozialen Arbeit dabei behilflich sein „von einer Betreuungskultur zu einer Beteiligungskultur zu gelangen" (Fehren 2008: 181). Andererseits lasse sich anzweifeln, inwiefern Soziale Arbeit wirklich fundamentale soziale Veränderungen anstrebt. Auch das Verhältnis von Hauptamtlichen und Adressatinnen sowie die kooperative Haltung zu politischen Verantwortlichen seien in diesem Zusammenhang mögliche Unterschiede von Sozialer Arbeit und CO (vgl. Mohrlok et al 1993: 83-89). Nichtsdestotrotz gibt es nach Maruschke (2014) zunehmend auch Initiativen und Nachbarschaftsorganisationen, „die dem transformativen Community Organizing ähneln (...) und den Status Quo in der Stadt- und Sozialpolitik herausfordern" (Maruschke 2014: 74). Bei Problemen wie Mieterhöhungen und Zwangsräumungen oder im Kontext von Themen wie Erwerbslosigkeit und Rassismus: Die politische Basisorganisierung in Form des transformativen Organizings könne grundsätzlich eine Lösung sein, um Menschen langfristig zu politisieren, zu aktivieren und so die bestehenden Verhältnisse zu verändern (vgl. Maruschke 2016: 131-132).
Vor dem Hintergrund dieser angeführten historischen Bedeutung, Vielfalt und Komplexität, sowie der Relevanz für aktuelle politische und sozialarbeiterische Diskurse, beschäftigt sich diese Arbeit mit den Fragen, inwiefern Formen des transformativen Community Organizings Potentiale für politisches Empowermenferöffnen und inwieweit sie sich mit professioneller SozialerArbeit in Verbindung bringen lassen. Um einleitend einen Überblick über verschiedene exemplarische Organisationen und Entwicklungslinien im Kontext des Community Organizings zu bieten, erfolgt zunächst eine historische Annäherung an das CO. Durch die hierbei dargestellten Beispiele wird anschließend skizziert, welche zwei grundsätzlichen Lesarten von Community Organizing es zu differenzieren gilt. Im darauffolgenden Teil der Ausarbeitung soll dargelegt werden, inwiefern der Diskurs um transformatives Community Organizing hierzulande zunehmend wächst. Hierfür werden Beispiele aktueller Organisationen dargestellt, die mit ihrer Arbeit transformative CO-Ansätze in die Praxis umsetzen. Die hierdurch gewonnenen Erkenntnisse sollen im darauffolgenden Teil zur Auseinandersetzung mit der Frage überleiten, welche Ansatzpunkte, Widersprüche und Potentiale das Verhältnis von transformativem Community Organizing und Sozialer Arbeit in Deutschland bietet. Abschließend wird so eine Schlussbetrachtung ermöglicht, in der eine Beantwortung der Leitfragen dieser Arbeit enthalten ist. Für diese Arbeit werden englische Begriffe wie Community (dt. Gemeinschaft/Gemeinde) oder Organizing (dt. Organisierung) teils nicht übersetzt, da eine deutsche Übersetzung nicht mit den englischen Bezeichnungen äquivalent wäre.
Einleitend lässt sich mit Peter Szynka (2011) verdeutlichen, weshalb eine historische Annäherung für ein Verständnis von CO von Bedeutung ist: ,, Um Community Organizing richtig zu verstehen, ist es sinnvoll sich den historischen Entstehungskontext (...) zu vergegenwärtigen.“ (Szynka 2011: 7) Auch wenn Community Organizing als Begriff und Diskurs erst ab den 1930er Jahren nachhaltig etabliert wurde, reicht der Entstehungskontext des Feldes deutlich länger zurück (vgl. Szynka 2014: 11). Ursprünge von CO lassen sich nämlich bereits im Kontext der Industrialisierung ab Mitte des 19. Jahrhunderts ausmachen. Die Industrialisierung brachte für Arbeiterinnen eine Zunahme von Arbeitsbedingungen mit sich, die durch hohes Arbeitsvolumen, lange Arbeitszeiten sowie niedrige Entlohnung gekennzeichnet waren. Fehlende soziale Absicherungssysteme und rechtliche Regulierungen paarten sich mit oftmals miserablen Wohnbedingungen. Zudem prägten seit langem rassistische und sexistische Diskriminierungen sozialer und juristischer Art die amerikanische Gesellschaft. Vor diesem Hintergrund entstanden in Großstädten zugleich erste Organisationsformen auf nachbarschaftlicher Ebene, die die eben benannten Zustände politisch zu bearbeiten versuchten (vgl. Maruschke 2014: 27). Grundsätzlich lassen sich seit diesem Ausgangspunkt existierende Beispiele von CO-Organisationen als sehr vielfältig beschreiben und nicht selten werden sie unter anderen Begrifflichkeiten wie zum Beispiel ,, Neighborhood Organizing “ geführt (vgl. Mohrlok et al. 1993: 22-23). Diese angedeutete Vielfalt reicht damals wie heute von Ansätzen zivilgesellschaftlicher und staatlicher Art, über sozialarbeiterische Formen der Armenhilfe und Wohlfahrtsarbeit, bis hin zu revolutionären Organisationen aus der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung (vgl. Maruschke 2014: 27-53). In Deutschland begann die Rezeption des Konzepts erst nach dem Zweiten Weltkrieg und hat hauptsächlich innerhalb der Sozialen Arbeit stattgefunden. Die hiesigen Diskussionen wurden außerdem meist von amerikanischen Ansätzen und professionellen Organizern beeinflusst. Der praktische und theoretische Ursprung von CO ist folglich grundsätzlich in den Vereinigten Staaten zu verorten (vgl. Stock 2016: 169, Renner/ Penta 2014: 4346).
Im Folgenden sollen diese vielfältigen und komplexen Entwicklungstendenzen des Community Organizings anhand exemplarischer Beispiele skizziert werden, vorerst ohne dabei eine genauere Analyse der differierenden Ansätze vorzunehmen. Auch wenn sich die Ausführung hauptsächlich auf amerikanische Beispiele bezieht, werden ebenso Verbindungen zu hiesigen Beispielen hergestellt.
Als Antwort auf die beschriebenen sozialen Verwerfungen im Zuge der Industrialisierung entstanden in einigen amerikanischen Großstädten Projekte der Armenhilfe, die neue Ansätze einer Arbeit in benachteiligten Stadtquartieren etablierten und als Formen von Community Organizing bezeichnet werden können. (vgl. Mohrlock et al. 1993: 22-25, Maruschke 2014: 28-29). Bei diesen Projekten derArmenhilfe ließen sich zunehmende Professionalisierungstendenzen feststellen, welche im Folgenden skizziert werden sollen.
Ein Beispiel für solche Ansätze der Armenhilfe in benachteiligten Stadtquartieren ist die sogenannte „Settlement Bewegung“, die in den 1880er Jahren entstand. Überwiegend junge, weibliche und gebildete Menschen entschlossen sich dabei in ärmere Stadtteile zu ziehen, „Gemeindezentren“ (Social Settlements) aufzubauen und somit vor Ort mit den marginalisierten Anwohnerinnen zu arbeiten (vgl. Mohrlok et al. 1993: 24). Als bekanntestes Beispiel eines Settlements lässt sich das „Hull Hous e“ um Jane Addams in einem Armenviertel Chicagos anführen. Das 1889 gegründete Hull House stellte einen Treffpunkt in der Nachbarschaft dar, in welchem im Laufe der Zeit verschiedene Austauschs-, Bildungs- und Versorgungsangebote entstanden. Zudem wurden durch die Leiterinnen Sozialraum- und Bedarfsanalysen vorgenommen, um so die Ausrichtung auf Bedürfnisse und Wünsche der Anwohnerinnen zu forcieren. Ziel dieses Ansatzes war es, Menschen im Viertel zusammenzubringen, Bildungsangebote zu schaffen, gemeinschaftliche Ideen zur Verbesserung der Lebenslagen zu entwickeln und Selbsthilfe zu fördern. Letztlich sollten vor allem auch politisch Verantwortliche auf Probleme im Quartier aufmerksam gemacht werden, um so deren Bearbeitung zu einzufordern (vgl. Steffens 2019: 1-2). Insgesamt lasse sich die SettlementBewegung auch deshalb mit Mohrlock et al. (1993) als eher reformistisch einschätzen, da sie die Soziale Ordnung nie als Ganzes in Frage gestellt habe und politische Arbeit zunehmend einer professionalisierten Betreuung von Notlagen nachgeordnet wurde. DieserTrend setzt sich dann mit der massenhaften Entstehung von professionell geführten „Community Centers“ fort, deren Fokus in der Bereitstellung von sozialen- und Freizeitangeboten bestand (vgl. Mohrlok et al. 1993: 24-26, Maruschke 2014: 29). Gleichzeitig fanden durch diese eher professionell geführten Beispiele „(...) wesentliche Aspekte von CO von Beginn an Eingang in die Lehre und Praxis der Sozialarbeit in den USA.“ (Mohrlock et al. 1993: 25) Des Weiteren brachten die erkennbaren
Professionalisierungstendenzen mit der Zeit auch eine Zunahme von offiziellen Berufsausbildungsgängen zu „Community Organizern“ mit sich (vgl. ebd.: 65-67). Durch die Soziale Gemeinwesenarbeit und den daraus erzielten Effekten, erkannte zunehmend auch der Staat Potentiale von Maßnahmen in benachteiligten Stadtteilen. Auch der durch soziale Bewegungen ausgelöste Druck auf eine Beseitigung der grassierenden Armut und Diskriminierungen, verstärkte den Bedarf staatlichen Handelns. So wurden zunehmend staatlich geförderte und geführte CO-Programme in den USA etabliert (vgl. Maruschke 2014: 31-33).
Exemplarisch für staatliche Ansätze von Community Organizing steht zum Beispiel das sogenannte „Community Action Program“, welches 1963 durch die amerikanische Regierung initiiert wurde und im Rahmen des ausgerufenen „War on Poverty“ einzuordnen ist. Das Programm führte zum großflächigen Einsatz sozialstaatlicher Ressourcen in Armenquartieren und dem Aufbau von „Community Action Agencies“, die vor Ort eine Partizipation von Anwohnerinnen bei Verwendung staatlicher Gelder umsetzen sollten (vgl. Goldstein 2012: 11-12, Maruschke 2014: 31-33). Solch eine niedrigschwellige Form der Einbindung marginalisierter Bevölkerungsteile in politische Entscheidungsprozesse von Stadtteilen etablierte sich fortan in den USA und begründete die Idee des sogenannten „Community Developments“. Schwerpunkt dieses oftmals mit CO in Verbindung gebrachten Konzepts war vor allem die ökonomische Entwicklung und Aufwertung benachteiligter Gemeinden, ursprünglich im ländlichen Raum. Es beruhte aber ebenso auf der Einbindung der lokalen Bevölkerung an diesem Prozess (vgl. Mohrlok et al. 1993: 38-39). Als in den 1980er Jahren unter einer konservativen Regierung Bürgerinnenpartizipation zunehmend weniger politisch gewollt war, führte dies für Eric Mann (2011) zur Tatsache, dass der Anspruch der meisten Nachbarschaftsorganisationen auf Konfrontation mit politischen Verantwortlichen aufgegeben wurde: „Labour and community Organizers began talking about (...) a „seat at the table“ rather than concrete demands and political independence, and „public-privat partnerships" rather than a challenge to the profit motive and corporate power." (Mann 2011 a: xiv)
In Deutschland, wo CO von Beginn an hauptsächlich innerhalb der Sozialen Arbeit und öffentlicher Institutionen diskutiert wurde, galt CO klassischerweise eher als sozialarbeiterisches Instrument und Methode der Gemeinwesenarbeit. CO hatte dabei großen Einfluss auf die Entwicklung und das theoretische Selbstverständnis von Gemeinwesenarbeit (vgl. Fehren 2014: 59-60). Es entstanden im Laufe der Zeit beispielsweise professionsbezogene Institute wie das Forum für „Community Organizing (FOCO)“, das „Deutsche Institut für Community Organizing (DICO)", oder auch praktische Ansätze in Stadtteilen wie das Quartiersmanagement im Rahmen des Bund-Länder Programms „Soziale Stadt" (vgl. Stock 2016: 168-171). Neben diesem sozialarbeiterischen Bezug wurde CO in Deutschland ab den 1990er Jahren auch verstärkt als Form der politischen Bürgerinnenbeteiligung diskutiert. In diesem Zusammenhang entstanden verschiedenste, maßgeblich von Professionellen und politischen Verantwortlichen initiierte Bürgerinnenplattformen, wie zum Beispiel die Berliner Plattform „WIN- Wir in Neukölln", welche zu Themen wie Arbeitsqualifizierung für junge Erwachsene oder öffentliche Sicherheit arbeitete (vgl. Renner/ Penta 2014: 46-49). Michael Rotschuh (2013) beschreibt den Ansatz solcher Plattformen wie folgt: „Bürgerplattformen schaffen Beziehungen zwischen Organisationen der Zivilgesellschaft wie Kirchen und Verbänden sowie deren Mitgliedern und treten als Verhandlungspartner gegenüber Organisationen des Marktes und der Politik auf.“ (Rotschuh 2013: 380) Deshalb lasse sich aber auch die Gefahr einer „Vereinnahmung als Teil einer Regierungsführung“ (Rothschuh 2013: 380) konstatieren.
Die zunehmenden sozialen Verwerfungen und gesellschaftlichen Widersprüche ab Beginn der Industrialisierung (siehe Kapitel 2) begründeten seither auch konfrontative bis revolutionäre Formen von Basisorganisierung und Community Organizing. Ursprünge dessen lassen sich bereits Ende des 19. Jahrhunderts bei organisierten Arbeitskämpfen ausmachen und erlebten größeren Aufschwung im Zuge der, von der Weltwirtschaftskrise geprägten, 1930er Jahre. Mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre erlangten konfrontative Ansätze von CO dann besondere Bedeutung (vgl. DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 41-43, 51-56).
Maruschke (2014) führt als Beispiel für erste Formen konfrontativen, transformativen Community Organzings die in den 1880er Jahren bis zu 800.000 Mitglieder zählende Gewerkschaft „Knights of Labor" in den USA an. Knights of Labor praktizierte Organisierungsarbeit von Menschen unterschiedlichen Geschlechts, Ethnizität und Bildungsniveaus und nutzte hierfür maßgeblich die Nachbarschaftsebene. Intern beabsichtigte man, diesen Prozess durch Versammlungen und Abstimmungen demokratisch zu gestalten. Neben der Organisierung von Arbeiterinnen, wurden konfrontative Formen des Arbeitskampfes wie zum Beispiel Streiks und Blockaden angewandt. Besonders an Knights of Labour war zudem, dass man, im Gegensatz zu vielen anderen Gewerkschaften, auf eine ernsthafte Basisarbeit setzte und dabei eine grundlegende Kritik des Kapitalismus vertrat (vgl. Maruschke 2014: 43-44). Als sich die US-amerikanische Gesellschaft in den 1930er Jahren einer schweren Wirtschaftskrise ausgesetzt sah und weite Teile der Bevölkerung arbeitslos wurden, entwickelten sich aus der Gewerkschaftsbewegung heraus weitere Formen des Community Organizings, die für die Entwicklung des Konzepts von großer Bedeutung wurden. Von kommunistischen bis zu religiösen Organisationen: Viele Gruppierungen versuchten kollektive
Organisierungsformen, Problemdefinitionen sowie pragmatische oder konfrontative Lösungsstrategien als Antwort auf die desaströse soziale Lage im Land zu finden (vgl. DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 46-47). Als Beispiel für solche Organisierungsversuche lassen sich zum Beispiel die überwiegend durch die kommunistische Partei landesweit initiierten Arbeitslosenräte nennen. Diese organisierten durch Versammlungen arbeitslose Menschen in Straßenzügen, Nachbarschaften und Städten. Es folgten Aktionen wie die Verhinderung von Räumungen, Kampagnen gegen die rassistische Lynchjustiz oder solche für finanzielle Unterstützung Bedürftiger. Neben lokalen Organisationsformen und Aktionen gründeten die Arbeitslosenräte auch landesweite Zusammenschlüsse. Die Arbeit wurde dabei maßgeblich von Organizer*innen angetrieben, Inhalte und Aktionsformen jedoch basisdemokratisch bestimmt. Insgesamt erreichten die Arbeitslosenräte politische und finanzielle Zugeständnisse durch die Regierung, die bis dato noch nicht durch Basisorganisationen erreicht wurden (vgl. Maruschke 2014: 44-48). Nichtsdestotrotz waren ihr klar ideologischer Ursprung sowie ihre Verbindung zur kommunistischen Partei auch Gegenstand von Kritik, wie DeFilippis, Fisher und Shragge hervorheben: „The crippling flaws in Communist organizing in the 1930s rested in the antidemocratic manipulation oflocal efforts in order to support ideological and international campaign developed by or with the consent of operatives in the USSR.“ (DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 48) In diesem Kontext erwähnenswert ist zudem, dass zu dieser Zeit auch in Deutschland die kommunistische Partei versuchte, derartige Nachbarschaftsorganisationen aufzubauen (vgl. Maruschke 2014: 73).
Auch aus Abgrenzung gegenüber solch klar ideologisch ausgerichteten Organisationen begann in den 1930er Jahren Saul D. Alinsky (1909-1972) die Geschichte des Community Organizings nachhaltig zu prägen. Der aus einem Armenviertel Chicagos stammende Soziologe beschäftigte sich früh mit sozialen Problemlagen und verschrieb sich einem Engagement derer Bearbeitung. Nach seinem Studium der Soziologie und Kriminologie begann er mit dem Aufbau einer Organisation in dem besonders von sozialen Problemen gebeutelten Chicagoer Stadtteil Back of the Yards (vgl. Szynka 2014: 11-15). Seine Stadtteil- und Nachbarschaftsorganisation „Back-of-the-Yards Neighboorhood Council (BYNC)“ erweiterte gewerkschaftliche Ansätze von Organizing zum Beispiel dadurch, dass ihr Schwerpunkt „nicht der Produktionssektor (Betrieb), sondern der Reproduktionsbereich (das Leben im Stadtteil) (...)“ (Stock 2019: 168) war. Der BYNC bestand aus 127 Vereinen und Organisationen und versuchte Vertreterinnen von Interessensgruppen wie Kirchen, Gewerkschaften oder unterschiedlicher ethnischer Bevölkerungsgruppen zu einer gemeinschaftlichen und demokratischen Bearbeitung kollektiver Problemlagen zusammenzubringen (vgl. Szynka 2014: 13). Alinsky gründete mit der Zeit diverse solcher Organisationen, in welchen professionell ausgebildete Organizerinnen stets eine wichtige Rolle einnahmen. Zunächst kümmerten sie sich um die Sicherstellung von Infrastruktur wie beispielsweise Räumlichkeiten und finanzieller Unterstützung durch nichtstaatliche Akteurinnen. Anschließend erfolgte im Stadtteil der Aufbau von Zusammenschlüssen, die nach gemeinsamer Identifikation der Problemlagen und Bedarfe entsprechende Verantwortliche ausmachten und bei ihnen durch meist konfrontative Aktionsformen Veränderungen einforderten (vgl. Maruschke 2014: 29-30). Dieser, oftmals als „Organisation von Organisationen“ bezeichnete Ansatz von CO, lässt sich außerdem durch eine Abgrenzung von Wohlfahrtsorganisationen und Sozialer Arbeit charakterisieren. Alinsky warf ihnen vor „(...) „welfare colonialism" zu betreiben und paternalistisch zu sein" (Huber 2010: 32), wohingegen in seinen Bürgerinnenplattformen „Lösungen (...) durch Beteiligung der Bürger von unten erarbeitet werden und nicht von außen oder oben implementiert werden." (ebd.: 32) Bis heute gilt Saul D. Alinsky als zentraler Begründer des Community Organizings. Seine Organisationen und Publikationen wie „Rules for Radicals" (1970) erlangten internationale Bekanntheit, ebenso gründete er ein wichtiges Ausbildungsinstitut für Community Organizer (vgl. Szynka 2014: 11-15). Auch wenn sich Alinsky als „radikal“ und konfrontativ bezeichnete, wurde sein Ansatz von unterschiedlichen Wissenschaftlerinnen und Aktivistinnen kritisiert. Hauptgegenstände der Kritik waren seine Ablehnung von ideologisch geprägter Systemkritik, dass seine Organisationen auf finanzieller Förderung durch Kirchen und Stiftungen beruhten, sie nur Kämpfe mit Aussicht auf Erfolg führten und ihre Tätigkeit lediglich auf einzelne Stadtteile beschränkt war (vgl. Maruschke 2014: 34-39).
Nachdem CO also lange als Wohlfahrts- und Gemeinwesenarbeit oder in Form von Bürgerinnenplattformen wie bei Alinksy betrachtet wurde, waren es Soziale Bewegungen wie die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die eine weitere Entwicklungslinie des CO begründeten (vgl. Rotschuh 2014: 23). Eric Mann (2011b) sieht mit der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung einen zentralen Ausgangspunkt für Formen transformativem Community Organizings. Als Beispiel führt er unter anderem die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung an, in deren Kontext unzählige Basisorganisationen entstanden, die viele von Rassismus betroffene Menschen zusammenbrachten und politisierten. Es folgten dann Kampagnen, konfrontative Aktionen wie der berühmte Montgomery Bus Boykott (1955) und schließlich revolutionäre Erfolge und Zugeständnisse seitens der Politik wie der Civil Rights Act (1964), durch welche Wahl- und Bürgerrechte für die schwarze Bevölkerung erstmals rechtlich festgeschrieben wurden (vgl. Mann 2011b: 1-2). Auch DeFilippis, Fisher und Shragge (2010) stützen diese Einschätzung und sehen Beispiele für CO-Ansätze unter anderem beim Student Nonviolent Coordinating Committee oder der Black Panther Party (vgl. DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 51). Auch in jüngerer Vergangenheit lassen sich Beispiele von CO finden, die aus Sozialen Bewegungen heraus entstanden. Eines dieser Beispiele ist das Strategy Center aus Los Angeles. Gegründet um „(...) fortschrittliche Konzepte und transformatives Organizing wieder mit ihren positiven Auswirkungen zur Geltung zu bringen" (Mann 2011b: 3), folgte 1992 der Start eines Projekts namens ,, Bus Riders Union (BRU)". Diese ca. 3000 Mitglieder zählende Gewerkschaft für Nutzerinnen des öffentlichen Nahverkehrs nahm den schlechten Zustand von Bussen, ein mangelhaftes Nahverkehrsnetz sowie zunehmende Preiserhöhungen zum Anlass, auf Grundlage von Befragungen und Kampagnenarbeit, Nahverkehrsnutzerinnen zu organisieren. Letztlich gelang es durch massenhafte und konfrontative Protestformen die politischen Verantwortlichen zum Handeln zu bewegen, sodass ca. 2,5 Milliarden Dollar öffentliche Gelder in das städtische Nahverkehrsunternehmen investiert worden (vgl. Maruschke 2014: 56, Mann 2011b: 3-4). Auch in Deutschland lassen sich Verbindungen zwischen Sozialen Bewegungen und CO ausmachen, zum Beispiel bei der Anti-Atombewegung oder dem Hamburger Bündnis „Recht auf Stadt“, welches seit dem Jahr 2009, 50 Nachbarschaftsorganisationen und Initiativen vereint und unter anderem durch Vernetzungsarbeit und Protestformen zu stadtpolitischen Themen arbeitet (vgl. Rothschuh 2014: 28-29).
Aus den in Kapitel 2 dargestellten Entwicklungslinien und Beispielen im Kontext von CO geht hervor, dass es sich bei CO um ein Feld handelt, in welchem unterschiedliche Ansätze, Begründungen und politische Ausrichtungen von Organisationen existieren. Inwiefern lassen sich in Anbetracht dieser Erkenntnis also verschiedene Formen von CO beschreiben und wie können sie voneinander abgegrenzt werden?
In Anlehnung an Robert Maruschke (2014) wird transformatives CO im Folgenden in Abgrenzung zu liberalen Formen von CO definiert, wodurch „das Spannungsfeld zwischen Revolution und Herrschaftssicherung“ (Maruschke 2014: 8) deutlich wird, in welchem sich Community Organizing grundsätzlich bewegt. Wichtig hervorzuheben ist, dass es in den geläufigen CO-Konzepten einige Grundbegriffe gibt, deren Vergegenwärtigung ein erstes Verständnis von CO fördert, nichtjedoch die Besonderheiten des transformativen CO darlegt (vgl. Müller/ Szynka 2014: 1618). Nachdem vorweg eine Darstellung dieser allgemeinen Charakteristika und Wirkungsfelder des klassisch-liberalen CO-Verständnisses erfolgt, widmet sich das darauffolgende Kapitel der Betrachtung des transformativen CO-Ansatzes.
Zunächst muss verdeutlicht werden, was unter dem Begriff „liberal“ zu verstehen ist. Auch wenn sich in der Literatur zu CO kaum explizit darauf bezogen wird, bietet der Begriff dennoch eine Grundlage zur Differenzierung verschiedener politischer Ausrichtungen von Community-Organisationen (vgl. Maruschke 2014: 8-9). Grundsätzlich gebe es in US-amerikanischen und deutschen Diskursen ein unterschiedliches Verständnis. Während in den USA liberal eher ein progressives politisches Handeln beschreibt, welches Freiheitsrechte von Bürgerinnen vor staatlichen Eingriffen schützt, meint der Begriff in Deutschland ein hauptsächlich auf Interessen von Privatwirtschaft und deren Profiten fokussiertes politisches Vorgehen. Des Weiteren seien in Deutschland partizipative Instrumente der Bürgerinnenbeteiligung und Interessenvertretung weniger im gesellschaftlichen und politischen System verankert. So werde zum Beispiel eine Bearbeitung sozialer Probleme eher als Aufgabe gewählter politischer Vertreterinnen und des Sozialstaats angesehen (vgl. Mohrlok et al. 1993: 11-18). Gemein sei den Liberalismus-Verständnissen in den USA und Deutschlands aber grundlegend, dass nie eine Infragestellung des Kapitalismus und der damit einhergehenden Herrschaftsverhältnisse vorgenommen wird. Dies spiegele sich dann in Community-Organisationen wider, die mit ihrer Arbeit keine grundlegende Transformation sozialer Verhältnisse anstreben und deshalb als liberal zu bezeichnen sind (vgl. Maruschke 2014: 9-10). Oder wie Fisher und DeFilippis (2015) argumentieren: „Decades of neoliberal politics have narrowed the framework for community efforts and many have adapted to a highly market- centred and constrained context.“ (Fisher/ DeFilipps 2015: 367)
Das geläufige, liberale Verständnis von CO basiert häufig auf den in Kapitel 2.3 beschriebenen Ansätzen Saul Alinskys. Hierin existieren einige zentrale Grundbegriffe sowie Charakteristiken, die in den verschiedenen Organisationen von Relevanz sind. Zudem werden häufig schematische bis methodische Schritte angeführt, welche bei CO-Prozessen stattfinden.
Mit Müller und Szynka (2014) handelt es sich bei den zentralen Grundbegriffen im CO um Macht, öffentliche Beziehungen, Organisation, Strategien und Taktiken sowie Fragen nach Ethik und Demokratie. Macht ist im CO grundsätzlich positiv besetzt, denn es gehe darum, marginalisierte Individuen und Gruppen von Menschen, die eigentlich kaum über Einfluss auf ihre Lebenssituation verfügen, durch kollektives Handeln Macht und somit Einfluss zu verschaffen (vgl. Mülller/ Szynka 2014: 16). Mit Alinsky ist in dem Sinne eine „Macht der Menschen (organized people)“ (Alinsky 1941: 808 zit. nach Szynka 2011: 15) gemeint, welche größer werde, je mehr Menschen sich zusammenschließen. Hierbei haben meist sogenannte „leaders“, also Führungspersönlichkeiten aus den verschiedenen Betroffenengruppen, eine wichtige Bedeutung (vgl. Müller/ Szynka 2014: 17). CO lebt zudem vom Aufbau öffentlicher und sozialer Beziehungen. Dies geschehe durch persönliche Gespräche, Versammlungen und Diskussionen. So könne Vertrauen, Solidarität und ein gegenseitiges Verständnis gefördert, sowie eine Vernetzung der unterschiedlichen Akteurinnen in einer Nachbarschaft erreicht werden (vgl. Rotschuh 2013: 377). Die verschiedenen Organisationen im Kontext von CO sehen sich zudem mit Fragen von anzuwendenden Strategien und Taktiken konfrontiert. Hierbei gehe es beispielsweise darum, möglichst effizient die vorhandenen Ressourcen und Möglichkeiten zu nutzen. Außerdem gehe es um die Frage, welche Aktionsformen gewählt werden. Häufig handele es sich hierbei auch um konfliktreiche Aktionsformen, die Druck und eine Gegenreaktion auslösen sollen, zum Beispiel, indem sie sich direkt an einzelne Verantwortliche für Problemlagen richten (vgl. Müller/ Szynka 2014: 17-18). Dieser Ansatz im CO werde häufig für zu aggressiv empfunden, sei aber stets an demokratischen Werten und einer Verbesserung des Systems durch demokratische Auseinandersetzungen interessiert (vgl. ebd.: 17-18). An dieser Stelle ließe sich jedoch auch die Frage aufwerfen, inwiefern offen diskriminierende und reaktionäre Initiativen wie beispielsweise solche, die sich gegen die Errichtung von Geflüchtetenunterkünften2 richten, demokratietheoretisch zu bewerten sind. Zusammenfassend vertritt auch Stefan Huber (2010) diese angeführten Grundgedanken und Charakteristika von CO. Für ihn will CO „(...) politische Bildungsarbeit leisten, in dem es belastbare Beziehungen zwischen den unterschiedlichsten Bevölkerungs- und Interessensgruppen aufbaut und diese zum selbstständigen politischen Handeln animiert." (Huber 2010: 38) Die
Organisationen würden stets „lösungsorientiert und produktiv" (ebd.: 39) mit Konflikten und Widerständen umgehen und „Aktionen und Kampagnen liegen dabei demokratische Werte zugrunde und bewegen sich im gesetzlichen Rahmen." (ebd.: 39) Des Weiteren sei eine Unabhängigkeit von staatlichen und privatwirtschaftlichen Akteurinnen, vor allem hinsichtlich der Finanzierung, eine grundlegende Bedingung. Teils werde in einzelnen Organisationen aber auch pragmatischer mit diesem Thema umgegangen (vgl. ebd.: 43).
Neben den angeführten Grundbegriffen im Rahmen von CO, lassen sich für einige Autorinnen zudem im Allgemeinen methodische Abläufe und Prozesse als Teil der (liberalen) Organisierungspraxis ausmachen. Wie Michael Rotschuh (2013) argumentiert, beginne ein CO-Prozess bei den Interessen der Menschen im betroffenen Stadtteil bzw. in der Nachbarschaft. Dort entstehe ein Zusammenschluss von Menschen und Organisationen, der konkrete Anliegen und Interessen durch verschiedene Aktionsformen und Kampagnenarbeit umsetzt. In der Folge entwickelt sich die gegründete Organisation weiter, sodass langfristig eine positive Veränderung der Machtbeziehungen für die ehemals einflusslosen und marginalisierten Menschen aus dem Stadtteil erreicht werde (vgl. Rotschuh 2013: 376-377). Der hier skizzierte Prozess basiere auf vielen direkten Gesprächen und häufig „Haustür-zu-Haustür“-Befragungen, um so Meinungen der Betroffenen einzuholen. Anschließend erfolgen Versammlungen, gemeinsame Problemanalysen, eine Klärung der anzugehenden Verantwortlichen und eine Planung von entsprechenden Aktionen. Nach der Durchführung der Aktionen werde gemeinsam reflektiert und ebenso Schlüsse für die Weiterentwicklung der Organisation gezogen (vgl. Müller/ Szynka 2014: 18-20). Auch wenn es im CO darum gehe, dass die organisierten Menschen aus dem Stadtteil selbstbestimmt handeln und entscheiden, spielen hierbei dennoch häufig professionelle, teils entlohnte Organizer*innen eine wichtige Rolle. Sie stoßen das eben beschriebene Vorgehen an, koordinieren und bewahren eine Übersicht. Zusätzlich sei es aber ein Ziel, innerhalb der Organisationen weitere Organizer*innen auszubilden (vgl. Huber 2010: 44-47). Ein professioneller Organizer solle zudem nie „der Gemeinschaft seine Wünsche oderVorstellungen aufzwingen." (ebd.: 45)
Neben den soeben beschriebenen Charakteristika von CO im liberalen Verständnis, wurde in den 1970er Jahren durch den amerikanischen Sozialwissenschaftler Jack Rothman eine einflussreiche Kategorisierung von eher liberalen CO-Formen vorgenommen. Diese Einteilung basiert hauptsächlich auf der Frage, wie die verschiedenen Organisationen im CO ihre politischen Ziele und Veränderungsbestrebungen zu erreichen versuchen (vgl. Mohrlok et al. 1993: 70).
In der Kategorisierung von Jack Rothman (1972) ist zunächst die sogenannte Nachbarschaftsentwicklung als Form von CO zu nennen. Im englischen als „Locality Development" bzw. „Community Development" bezeichnet, ist damit grundlegend eine auf Verbesserung der Lebenslagen von Bewohnerinnen abzielende Organisierung in Stadtteilen gemeint. Meist finanzielle und soziale Verbesserungen sollen unter ausgewogener Einbindung aller Bewohnerinnen und ihrer Interessen erreicht werden (vgl. Mohrlok et al. 1993: 71). Die Community-Organisationen bearbeiten dabei nur konsensfähige Themen und Ziele, wodurch auch ein Aufbau von nachbarschaftlichen Selbsthilfekompetenzen in Form einer „community problem solving capacity" möglich werde (vgl. Stockdale 1976: 533, Maruschke 2014: 23). Wie in Kapitel 2.1 beschrieben, handelte es sich bei den Initiatorinnen von „Community Development" in der US-amerikanischen Geschichte häufig um staatliche Institutionen (vgl. Kapitel 2.1). Für Maruschke soll der Aufbau von Community-Organisationen im Sinne von Nachbarschaftsentwicklung dabei helfen „lokales Verwaltungshandeln durch die Beteiligung von Bürger_innen in ihrem Ergebnis zu verbessern (...) und ihre Akzeptanz zu erhöhen." (Maruschke 2014: 23) Dies werde in Deutschland zum Beispiel durch die sozialarbeiterischen Quartiersmanagements umgesetzt (vgl. Maruschke 2014: 23).
Eine weitere Form von CO ist nach Rothman die Sozialplanung. Im Sinne der Sozialplanung sind Verbesserungen im Stadtteil nicht durch Basisorganisationen von Bewohnerinnen anzustoßen und zu erreichen, sondern durch eine optimale Arbeit von professionellen Institutionen des Staates und der Wohlfahrt. Eine aktive Beteiligung von Bewohnerinnen sei nicht vorgesehen, ihre Perspektiven aber für die Analyse von Bedarfen wichtig (vgl. Mohrlok et al. 1993: 74-75, Maruschke 2014: 22). Rothman beschreibt die Begründung für diese Fokussierung auf professionelle Institutionen in der Sozialplanung wie folgt: "The approach presupposes that change in a complex industrial environment requires expert planners who, through the exercise of technical abilities, including the ability to manipulate large bureaucratic organizations, can skillfully guide complex change processes." (Rothman 1972: 24 zit. nach Stockdale 1976: 543).
Als letzte Form von CO beschreibt Rothman den sozialen Aktivismus. Dieser versteht CO als Möglichkeit, marginalisierte Menschen und Bevölkerungsgruppen zu organisieren, hierdurch Macht zu gewinnen und so ein Erreichen von angestrebten Veränderungen und Zielen zu ermöglichen. Sozialer Aktivismus begreife die Marginalisierung von Teilen der Bevölkerung als undemokratisch und handle im Sinne einer sozialen Gerechtigkeit (vgl. Mohrlok et al. 1993: 75-78). Rothman verdeutlicht die Grundgedanken von sozialem Aktivismus wie folgt: ,, It aims at making basic changes in major institutions or community practices. Social action as employed here seeks redistribution of power, resources, or decision making in the community and/or changing basic policies of formal organizations.“ (Rothman 1972: 24 zit. nach Stockdale 1976: 543) Sozialer Aktivismus setzt zudem auf konfrontative Aktionsformen, zum Beispiel umgesetzt von Saul Alinsky oder der Bürgerrechtsbewegung (siehe Kapitel 2.2), sodass hiermit sowohl liberale als auch transformative CO-Formen beschrieben werden können (vgl. Maruschke 2014: 24).
Nachdem in der bisherigen Ausführung also bereits angedeutet wurde, dass historische Beispiele sowie theoretische Auseinandersetzungen um CO sich vor allem in der Frage unterscheiden, inwiefern sich zu problematischen sozialen Verhältnissen, Herrschaftsstrukturen sowie deren Überwindung positioniert wird, soll nun beschrieben werden, welche Charakteristika transformatives CO aufweist. Vorweg sei darauf hingewiesen, dass viele der eben im Kontext des geläufigen CO-Verständnisses genannten Grundbegriffe (siehe Kapitel 3.1.1), generell auch in transformativen Community-Organisationen relevant sind und im Folgenden deshalb nicht erneut aufgeführt werden müssen.
Der theoretische Diskurs um transformatives CO ist noch jung und hat sich besonders aufgrund von Kritik an dem hegemonialen, liberalen Verständnis von CO entwickelt. Denn während liberale Formen von CO meist an dem Verschweigen sowie der Aufrechterhaltung von Ursachen sozialer Ungerechtigkeit beteiligt seien, gehe es bei transformativem CO um deren Überwindung (vgl. Maruschke 2014: 10, 24). Einer der bedeutendsten Organizer, der sich mit transformativem CO auch theoretisch auseinandersetzt, ist der Amerikaner Eric Mann. Er verdeutlicht die Abgrenzung von liberalen Formen von CO, indem er darstellt, dass transformatives CO sich einer grundsätzlichen „Transformation des gesellschaftlichen Systems, des Bewusstseins der Menschen, die organisiert werden, - und im Verlauf auch des Bewusstseins der Organizer" (Mann 2011 b: 2) verschreibt. Diese Transformation werde durch das massenhafte Organisieren von Menschen und einem konfrontativen Einsatz für die Durchsetzung kollektiver Forderungen und Ziele möglich. Die konkreten Anliegen und Projekte seien dabei immer eingebunden in das Ziel einer grundlegenden Gesellschaftstransformation (vgl. Mann 2011b: 1-2). DeFilippis/ Fisher/ Shragge sehen deshalb in der Geschichte und Gegenwart von transformativem Community Organizing grundsätzlich die Möglichkeit, sozialen Wandel und eine Gesellschaftstransformation zu erreichen. Gleichzeitig gäbe es jedoch stets auch Versuche, die Organisationen für staatliche oder reaktionäre Bestrebungen zu nutzen. Transformative Basisorganisationen könnten den angestrebten sozialen Wandel zudem nur verwirklichen, wenn sie kämpferisch blieben, ihre wichtigen lokalen Anliegen in einen breiten gesellschaftlichen Kontext einordnen und sich als Teil von Sozialen Bewegungen begreifen. Zudem sei es elementar, politische Bildungsarbeit zu betreiben (vgl. DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 165-182). Wie werden diese Ansprüche an ein transformatives Verständnis von Community Organizing in der Theorie diskutiert? Nachdem sich das Kapitel 4.1 nun dieser Frage widmet, folgt in Kapitel 4.2 die Darstellung von praktischen Adaptionen des transformativen CO.
Für Robert Maruschke (2014) zeichnet sich eine Praxis transformativen Community Organizings durch folgende Charakteristika aus: „eine kritische Analyse der und eine grundsätzliche Opposition gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse, eine explizite politische Basisarbeit, konfrontative Politikformen und die Etablierung einer organisationsübergreifenden, grenzenlosen und praktischen Solidarität. “ (Maruschke 2014: 11) Diese grundlegenden Charakteristika sollen nun analysiert werden, wobei das Thema Gesellschaftskritik aufgrund seiner besonderen Bedeutung im transformativen CO gesondert beleuchtet wird.
Nicht nur in dieser Arbeit angeführte Beispiele von transformativen CommunityOrganisationen verdeutlichen: Eine Arbeit mit der Basis, also zum Beispiel mit einfachen Arbeiterinnen wie bei Knights of Labour oder Nutzerinnen von öffentlichen Nahverkehrsmitteln wie bei der Bus Riders Union (siehe Kapitel 2.2), stellt den wichtigsten Ausgangs- und Schwerpunkt von CO dar (vgl. Maruschke 2014: 60). Bei der Basis im Sinne des transformativen CO handle es sich beispielsweise um Menschen mit niedrigem Einkommen oder Migrationshintergrund, da sie es sind, die am meisten mit sozialen Problemen und Ungerechtigkeiten zu kämpfen haben. Zudem könne man bei ihnen ein großes Interesse an nachhaltigen Veränderungen vermuten. Menschen, die nicht zu dieser Basis gehören und eher als privilegiert zu bezeichnen sind, könnten sich zwar auch für transformative Community-Organisationen engagieren, die Ausrichtung der Organisation aber nicht mitbestimmen (vgl. ebd.: 61). Kaindl und Rilling (2011) beschreiben des Weiteren, dass die Basis häufig auch Menschen umfasse, die bereits „Erfahrungen des Ausschlusses auch von linken und gewerkschaftlichen Organisationsprojekten“ (Kaindl/ Rilling 2011: 26) gemacht hätten. Dass es sich bei der zu organisierenden Basis häufig um eine heterogene Masse mit teils divergierenden Interessen handelt, verdeutlichen praktische Erfahrungen wie bei der Bus Riders Union (BRU) in Los Angeles. Den Herausforderungen, die aus der Diversität ihrer Zielgruppe (Nutzerinnen des öffentlichen Nahverkehrs) resultiert, wird hier durch persönliche Befragungen, einer direkten Anwerbung und kollektiv Anklang findenden Themen und Forderungen, wie zum Beispiel Antirassismus, präventiv begegnet. Zugleich werden auch die Mitgliederversammlungen so gestaltet, dass sie der ethnischen, sprachlichen und sexuellen Vielfalt gerecht werden (vgl. Mann 2011b: 3-4). Hierdurch wird die Bedeutung einer explizit politisch ausgerichteten Basisarbeit deutlich. Für Maruschke (2014) äußert sie sich wie bei der BRU durch persönliche Gespräche und direkte Agitation; der Fähigkeit zuzuhören und unterschiedliche Sichtweisen aufzunehmen; durch Versammlungen und gemeinsame Entscheidungsfindung sowie durch kollektive politische Bildungsarbeit (vgl. Marsuchke 2014: 60-66). In dieser politischen Basisarbeit sei aber auch ein „Balanceakt zwischen politischer Klarheit und Offenheit“ (Maruschke 2014: 63) enthalten. Transformative Community-Organisationen hätten von vornherein eine klare politische Ausrichtung und es gehe deshalb bei der Basisarbeit darum, möglichste viele Nachbarinnen und Mitglieder aus der Community für die politischen Forderungen der Organisation zu gewinnen. Eine basisdemokratische Organisationsgestaltung eröffne dann Chancen eines gerechten und den Zielen der Organisation entsprechenden Umgangs mit verschiedenen Interessen und Sichtweisen (vgl. ebd.: 63). Darüber hinaus gehören zu politischer Basisarbeit auch Arbeitsteilung und Verantwortlichkeiten, im Englischen häufig unter dem Begriff „leadership“ (dt. Führung) gefasst. Hierbei gehe es nicht um das Schaffen intransparenter und undemokratischer Machtasymmetrien (vgl. ebd.: 64-66). Oder wie Kaindl und Rilling (2011) in Bezug auf dem Umgang mit „leadership“ in transformativen Community-Organisationen argumentieren: ,, »Führung« wird hier zu individueller Kompetenz, Sprechen lernen, Verhandeln, Kampagnen planen und organisieren.“ (Kaindl/ Rilling 2011: 24) In dem Sinne sei es in transformativem Community-Organisationen wichtig, stetig neue „Leaders“ und ,, Organizer“ auszubilden (vgl. Mann 2011b: 6).
Ebenso für die Charakteristik der Anwendung konfrontativer Strategien und Aktionsformen im transformativen CO gilt, dass sie bereits bei historischen Beispielen (siehe Kapitel 2.2) und auch bei einzelnen Ansätzen liberalen Organizings (siehe Kapitel 3.1.1.) eine Rolle spielt. Konfrontative Strategien und Aktionsformen im transformativen CO zeichnen sich durch ihre Notwendigkeit für die Durchsetzung eigener Interessen und ihre Funktion für die organisationsinterne Entwicklung aus. Da transformatives CO meist substanzielle Veränderungen von politischen Entscheidungsträgern und Machthabenden fordert, sind konfrontative Aktionen und daraus entstehender Druck oft nötig, um eine Durchsetzung der Forderungen zu erreichen. Außerdem haben sie politisierende Effekte auf Mitglieder von Organisationen (vgl. Maruschke 2014: 6667). Diese Effekte lassen sich wie folgt verdeutlichen: ,, First, in practice, conflict defines who is the opposition. It defines who benefits from the current set of power relations, and thereby is in a position to deliver the changes demanded. It also means understanding what is necessary to mobilize against those who are in positions of power.“ (DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 171) Konfrontation werde bei der BRU zum Beispiel durch Aktionen eines massenhaften Verweigerns des Ticketkaufs oder Sitzstreiks praktiziert (vgl. Mann 2011: 4).
Die Betonung der Bedeutung von Solidarität ist eine Besonderheit des transformativen Community Organizings. Hiermit sind neben der nachbarschaftlichen Solidarität vor allem das gegenseitige Unterstützen verschiedener Initiativen und der Aufbau von Bündnissen gemeint, um so die Entstehung einer gesamtgesellschaftlichen sozialen Bewegung zu fördern (vgl. Maruschke 2014: 69). Ein Beispiel für solch eine solidarische Vernetzung und Zusammenarbeit verschiedener Initiativen ist die amerikanische „Right to the City Alliance (RTTCA)“. In der RTTCA waren 2013 landesweit 43 verschiedene Organisationen vernetzt, die zu unterschiedlichen stadtpolitischen und sozialen Themen arbeiten. Gemeinsam haben die diversen Mitgliedsorganisationen ihre politische und klar transformative Ausrichtung (vgl. Fisher et al. 2013: 160-168). In Bezug auf Solidarität als zentrale Kategorie im transformativen CO ist auch hervorzuheben, dass damit eine Verordnung der Organisationen als Teil von sozialen Bewegungen gemeint ist. Soziale Bewegungen entstünden häufig erst aus lokalem CO und andersherum fördern soziale Bewegungen die Entstehung von nachbarschaftlicher Basisorganisierung, weshalb eine stärkere gegenseitige Bezugnahme wichtig sei (vgl. DeFilippis/ Fisher/ Shragge 2010: 137-177). Auch Michael Rothschuh (2014) sieht solche Verbindungen und Potentiale im Verhältnis von CO und sozialen Bewegungen (vgl. Rotschuh 2014: 21-27).
Die bislang beschriebenen Charakteristika entfalten ihre Bedeutung vor allem im Zusammenhang mit dem letzten und wichtigsten Grundbegriff im transformativen CO, der Gesellschaftskritik.
Robert Maruschke (2014) nennt die Gesellschaftskritik im transformativen CO grundlegend ,, eine kritische Analyse der und grundsätzliche Opposition gegen die gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnisse." (Maruschke 2014: 55) Zudem ist diese radikale Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse auch das wichtigste Differenzierungsmerkmal zwischen den liberalen und transformativen CO- Lesarten (vgl. Kapitel 3.1). Was lässt sich also unter diesen Herrschaftsverhältnissen verstehen und inwiefern werden sie im transformativen CO analysiert und abgelehnt?
Eine kurze Beschreibung von gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen im Sinne transformativen COs lässt sich am ehesten über das Konzept der Intersektionalität herstellen. Mit dem Konzept konstituieren sich gesellschaftliche Ungerechtigkeiten und Herrschaftsverhältnisse entlang und durch eine Verwobenheit von Kategorien wie Klasse (class), Geschlecht (gender) und Rasse (race), sowie auch anhand weiterer Kategorien wie unter anderem sexueller Orientierung, Alter oder Religion (vgl. Winkler/ Degele 2009: 11-15). Die im Sinne der Intersektionalität bestehenden mehrdimensionalen Herrschaftsverhältnisse werden im transformativen CO aber nicht nur als einzelne und willkürliche Erfahrungen von Diskriminierung und Unterdrückung betrachtet. Ihre Ursache liegt in der grundlegenden Funktionsweise und Logik des Systems begründet, welche kontinuierlich durch den Staat und unterschiedliche Institutionen wie zum Beispiel Schulen oder Parteien aufrechterhalten wird. In dieser strukturellen Verfasstheit unterschiedlicher Ungerechtigkeiten verbinden sich die unterschiedlichen Diskriminierungs- und Ungleichheitserfahrungen dann wieder (vgl. Maruschke 2014: 58). Als Ausdruck von intersektional verwobenen Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnissen, die in verschiedenen Initiativen hierzulande relevant sind, lassen sich zum Beispiel Rassismus auf dem Wohnungsmarkt oder der Umgang von Institutionen wie dem Jobcenter mit Erwerbslosen anführen (vgl. Kratzsch/ Maruschke 2016: 131-136).
Der Organizer Steve Williams (2013) hebt auf Grundlage von Erfahrungen aus der Praxis seiner Community-Organisationen hervor, dass soziale Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse, beispielsweise in Form von sexueller Gewalt oder Polizeirepression, sich für Betroffene jeweils unterschiedlich darstellen und auswirken können. Transformative Community-Organisationen müssten mit dieser Diversität von Ungleichheitserfahrungen respektvoll und produktiv umgehen, sodass den Betroffenen die gemeinsame Ursache ihrer unterschiedlichen Probleme bewusst werde, ohne ihre individuellen Erfahrungen zu vernachlässigen. In seinen Organisationen werde dies zum Beispiel durch Gesprächsrunden ermöglicht, in denen alle Teilnehmerinnen den Raum für die Schilderung ihrer jeweiligen Probleme erhalten. Häufig werde dann automatisch sichtbar, dass es ähnliche und gemeinsame Problemlagen gibt (vgl. Williams 2013: 21-22). Die Berücksichtigung von intersektionalen Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen in einer transformativen CO-Praxis äußert sich zum Beispiel auch durch die Aufnahme feministischer Perspektiven, einer mehrsprachigen Ausrichtung von Organisationen oder der Umsetzung von Aspekten der Barrierefreiheit (vgl. Maruschke 2014: 59). Auf Grundlage solch einer Analyse und solch einem Vorgehens, würden die Mitglieder von CommunityOrganisationen auch verstehen lernen, dass es innerhalb von Nachbarschaften divergierende Bedarfe der verschiedenen Gruppen gibt. Im liberalen CO- Verständnis hingegen werde häufig von einem kollektiven Interesse an bestimmten Veränderungen ausgegangen, obwohl viele Maßnahmen nicht allen Menschen gleich nützen (vgl. ebd.: 60). Im Zusammenhang der Analyse gesellschaftlicher Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse spielt außerdem die kollektive politische Weiterbildung, beispielsweise in Form von Workshops oder Fortbildungen zu verschiedenen Themen eine wichtige Rolle (vgl. Maruschke 2016: 133-134, DeFilippis/Fisher/Shragge 2010: 177-180).
Transformatives CO lehnt die soeben beschriebenen systematischen, gesellschaftlichen Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse ab. Diese Ablehnung basiert auf einer theoretischen und kollektiv geführten Analyse derselbigen. Ziel transformativen CO‘s ist es, auf Grundlage der in Kapitel 4.1 beschriebenen politischen Basisarbeit, Konfrontation und Solidarität, die Verhältnisse nachhaltig zu transformieren. Mit Kratzsch und Maruschke (2016) habe der Ansatz von Basisorganisierung im transformativen CO deshalb so viel Potential eine starke Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse zu bilden, da er abseits von akuten Protestbewegungen, Menschen in direktem Bezug zu ihren Lebenslagen nachhaltig zusammenbringt, organisiert und politisiert (vgl. Kratzsch/ Maruschke 2016: 110-111). DeFilippis, Fisher und Shragge konstatieren dieses Potential ebenfalls: ,, Community organizations can be a part of a wider force of social and political Opposition and can make Claims to redress social inequality and injustice.“ (DeFilippis/ Fisher / Shragge 2010: 166) In diesem Zusammenhang lasse sich erneut darauf hinweisen, dass transformative Community-Organisationen sich dabei nicht nur auf ihre jeweiligen Wirkungsbereiche in der Nachbarschaft oder der jeweiligen Themen beschränken sollten, sondern ihre Opposition gegen die herrschenden Verhältnisse nur durch eine Bezugnahme auf andere Initiativen und soziale Bewegungen weltweit zu Erfolg führen kann (vgl. Maruschke 2014: 60). Anders als liberale Ansätze, beschränke man sich im transformativen CO auch nicht nur auf .gewinnbare' Kämpfe, sondern impliziere durch Aktionen und Kampagnen stets auch eine alternative Gesellschaftsvision (vgl. ebd.: 67). Abschließend weist aber auch Robert Maruschke darauf hin, dass transformative Community-Organisationen sich mit Widersprüchen konfrontiert sehen und eine stetige Reflexion und Weiterentwicklung gefordert sei. Exemplarisch für solche Widersprüche lassen sich Fragen nach Rechtsformen der Organisationen oder die Annahme von Förderungen durch Stiftungen oder staatliche Gelder anführen (vgl. ebd.: 70-72).
Auch wenn bereits angedeutet wurde, dass CO hierzulande meist eher als liberale Methode der Bürger*innenpartizipation oder Gegenstand der Sozialen Arbeit verstanden wurde (siehe Kapitel 2.1.3.), lässt sich in jüngerer Vergangenheit eine zunehmende Auseinandersetzung mit transformativen Formen des CommunityOrganizings feststellen. Diese Auseinandersetzung entspringt maßgeblich aus politisch linksgerichteten Organisationen und Bewegungen und hatte in den vergangenen Jahren die Gründung einer Vielzahl von Nachbarschaftsorganisationen, Stadtteilinitiativen und anderen Organizing- Projekten zur Folge. Auch wenn sich dabei nicht immer explizit auf den Begriff des transformativen Organizings bezogen wird, lassen sich die verschiedenen Ansätze einer politischen Basisarbeit praktisch dennoch dem transformativen Organizing zuordnen (vgl. Maruschke 2016: 131-136, Pieschke 2019: 22-24).
Wie lässt sich diese (Wieder-)Entdeckung von transformativem CO in Deutschland erklären und welche praktischen Beispiele von transformativ ausgerichteten Organisationen gibt es? Die Literatur zu diesem Diskurs und den praktischen Beispielen entstammt mehrheitlich aus eher aktivistisch als wissenschaftlich geprägten Werken, was auch damit zusammenhängt, dass die (Wieder-)Entdeckung von transformativen CO-Ansätzen hierzulande erst seit kurzem vonstattengeht.
Grundsätzlich stellt sich zunächst die Frage, weshalb transformatives CO in jüngerer Vergangenheit verstärkt in den Fokus linker Theorie und Praxis gerät. Ein zentraler Ausgangspunkt für diese Entwicklung liegt in der verstärkt geführten Diskussion über Strategien und Ansätze einer erfolgreichen linken und außerparlamentarischen Politik. Dass solch eine Politik zunehmend notwendiger werde, hänge maßgeblich mit der Zunahme von prekären und individualisierten Lebensverhältnissen seit sowie daraus resultierenden Entsolidarisierungstendenzen zusammen (vgl. Kratzsch/ Maruschke 2016: 103- 112, Nowak 2020: 7-11). Mit Rico Rokitte (2019) lässt sich als weitere Ursache für die Zunahme des Diskurses anführen, dass seit vielen Jahren eine Tendenz zu beobachten sei, lokale Formen der Bürger*innenpartizipation als Mittel zur Durchsetzung einer neoliberalen Politik und somit der Herrschaftssicherung zu nutzen (vgl. Rokitte 2019: 33-45). Während diese Aktivierung der .einfachen' Zivilbevölkerung durch neoliberale und konservative Akteuer*innen gut funktioniert, beschränkt sich die Praxis linker Gruppierungen und Organisationen in Deutschland meist auf partielle Mobilisierungsversuche zu einzelnen Kampagnen und Ereignissen. Mit Robert Maruschke (2019) ist diese Form des geläufigen „Aktivismus“ vom langfristig ausgelegten Ansatz des Organizings zu unterscheiden. Während der geläufige Aktivismus darauf beruht, dass feste Gruppierungen von ähnlich bis gleichdenkenden Menschen politische Arbeit betreiben, geht es beim Organizing darum, mit möglichst vielen Menschen dauerhafte Organisationen aufzubauen. Linker Aktivismus sieht sich zudem stets dem Problem ausgesetzt, möglichst viele Menschen erreichen und für die eigenen Inhalte und Ziele gewinnen zu wollen, dabei gleichzeitig aber nie die eigene Radikalität aufzugeben. Das transformative CO könnte hierbei der Ansatz sein, der dieses Problem auflöst, indem es eine klare politische Ausrichtung mit dem dauerhaften Fokus auf Organisierung neuer Mitstreiterinnen verbindet (vgl. Maruschke 2019: 7-8). Ein weiterer Aspekt der zunehmenden theoretischen Auseinandersetzung um transformatives CO hängt mit seinem Ansatz der politischen Basisarbeit zusammen. Wie in Kapitel 4.2.1 dargelegt, sollen durch transformative Community-Organisationen diejenigen Menschen eingebunden und zu politischem Engagement befähigt werden, die gesellschaftlich besonders marginalisiert sind und ebenso häufig keine Zugänge zu klassischen Angeboten linker Organisierung oder politischen Partizipation haben (vgl. Kapitel 4.2.1, Pieschke 2019: 29-30). Hierbei haben die Fähigkeiten, soziale Beziehungen aufzubauen, zuzuhören und Menschen ernst zu nehmen, ohne sie direkt anhand ihrer Defizite zu beurteilen, eine hohe Bedeutung. Durch eine politische Basisarbeit kommen aber sehr unterschiedliche Menschen zusammen, die teils kritikwürdige Verhaltensweisen und Denkmuster an den Tag legen. Deshalb stellt die politische Basisarbeit des Organizing-Ansatzes linke Praxis vor die Frage; ob man gewillt ist ,,(...) voneinander auch Persönliches zu lernen, bewusst dafür zu sorgen, dass ein Treffen kein kaltes Abklopfen der Tagesordnungspunkte von Mutti Aktivistinnen, sondern ein Ort ist, an dem auch Menschen ohne linken PolitHabitus gerne zusammen kommen?“ (Maruschke 2016: 106) Letztlich ist der entscheidende Beitrag, den die Vertreterinnen von transformativem CO zu bewegungslinken Strategiedebatten leisten wollen in dem Potential begründet, dass sich von der massenhaften politischen Basisorganisierung meist marginalisierter Menschen erhofft wird. Am treffendsten lässt sich dies ebenfalls mit Robert Maruschke (2019) ausdrücken: ,, Es fällt nicht schwer, sich das politische Erdbeben vorzustellen, wenn Prekäre, Arbeitslose und Illegalisierte das politische Parkett nicht nur einmalig im Rahmen großer Mobilisierungen betreten, sondern mit ihren Organisationen dauerhaft und im großen Stil für konkrete Interessen und grundsätzliche politische Veränderungen kämpfen würden.“ (Maruschke 2019: 6) Deshalb gibt es immer mehr Autorinnen wie eben jener Robert Maruschke, die versuchen transformatives CO in Diskurse der politischen Linken einzubringen. In diesem Kontext sind beispielsweise ein Arbeitskreis zu transformativem Organizing in der Rosa-Luxemburg-Stiftung entstanden, sowie eine Vielzahl praktischer Organisationen in Deutschland bekannt geworden (vgl. Pieschke/ Rokitte 2019: 3-5).
Im Folgenden werden exemplarisch einige dieser transformativ ausgerichteten Community-Organisationen aus Deutschland vorgestellt. Die ausgewählten Beispiele sollen verdeutlichen, inwiefern die politische Basisorganisierung in den jeweiligen Organisationen umgesetzt und welche Haltung zu gesellschaftlichen Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen vertreten wird.
Eine der bekanntesten Organisationen, die hierzulande transformativ ausgerichtetes Organizing betreibt, ist die Hamburger Initiative „Wilhelmsburg Solidarisch “. Auch wenn die Initiative im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg angesiedelt ist und dort einen Stadtteilladen als zentralen Anlaufpunkt betreibt, organisiert sie Menschen nicht nur in diesem spezifischen Stadtteil, sondern vor allem anhand von verschiedenen Alltagskämpfen (vgl. Wilhelmsburg Solidarisch 2020: 133). Konkret bedeutet dies, dass die Initiative versucht, durch ihre Angebote Menschen gegenseitige praktische und emotionale Unterstützung bei verschiedenen Problemen des Alltags zu bieten. Bei diesen Problemen handelt es sich beispielsweise um Konflikte mit Vermieterinnen, Arbeitgeberinnen oder Ämtern. Bei regelmäßigen offenen Treffen wird Betroffenen ein Raum gegeben, in welchem zunächst eine Artikulation der jeweiligen Anliegen stattfinden kann. Sofern es gewünscht wird, können dann gemeinschaftlich Ideen zur Lösung der Anliegen und Probleme erarbeitet werden, zum Beispiel in Form von Aktionen wie Behördenbegleitungen oder dem gemeinschaftlichen Verhindern von Zwangsräumungen (vgl. Pieschke 2019: 25). Besondere Bedeutung bei diesem Konzept habe es, dass keine linken Aktivistinnen mit klarem politischen Selbstverständnis oder klassischen subkulturellen Eigenschaften das Vorgehen bestimmen, sondern der gemeinsame Austausch von Erfahrungen und Ideen durch Betroffene dazu führen soll, dass sich eine gegenseitige Solidarität und ein gemeinsames Handeln entwickelt. Hierfür werde bei Wilhelmsburg Solidarisch versucht eine Atmosphäre zu schaffen, durch die unterschiedliche Individuen sich möglichst einfach kennenlernen, einbinden und gemeinsam aktiv werden können. Neben der Betonung von gelebtem Respekt gegenüber unterschiedlichen Lebensentwürfen und -realitäten, werde auch auf ein Angebot an verschiedenen Aktivitäten gesetzt, wodurch die kollektive Bindung gestärkt werden soll (vgl. Maruschke 2016: 131-136). Neben dem wöchentlichen Anlaufpunkt betreibt die Initiative außerdem verschiedene Formate politischer Bildung wie Workshops oder Veranstaltungen (vgl. Pieschke 2020: 26). Letztlich beabsichtigt dieser Ansatz politischer Basisorganisierung bei Wilhelmsburg Solidarisch, von verschiedenen Alltagsproblemen betroffene Menschen zu solidarisieren und für ein gemeinschaftliches Eintreten für Rechte und Veränderungen zu aktivieren. Enthalten sei hierin auch die Perspektive gesellschaftlicher Transformation, denn die Initiative spreche mit ihrem Vorgehen ,,(...) ganz klar von Aneignung und Selbstverwaltung - egal, ob das nun Wohnraum, öffentlichen Raum oder Produktion betrifft.“ (Wilhelmsburg Solidarisch 2020: 135)
Auch in der Hansestadt Bremen wurde in den vergangenen Jahren ein Organizing Projekt gestartet, welches sich einer grundlegenden gesellschaftlichen Transformation verschreibt. Im Jahr 2016 haben verschiedene Akteurinnen aus linken Zusammenhängen in der Stadt die Notwendigkeit einer lokal und basisorientierten Neuausrichtung ihrer politischen Arbeit gesehen, weswegen sie anhand von direkten Befragungen und Analysen von Daten den Stadtteil Gröpelingen auswählten, um hier eine sogenannte „Stadtteilgewerkschaft" aufzubauen. Dieser Stadtteil ist geprägt von prekären Lebensverhältnissen sowie nationalistischen und religiösen Strukturen, zu welchen die Gruppe eine progressive Alternative bieten wollte (vgl. kollektiv Bremen 2020: 105-107). Die hieraus entstandene Gruppe Solidarisch in Gröpelingen hat seitdem einen Stadtteilladen eröffnet, in dem das Konzept einer Stadtteilgewerkschaft zum Beispiel durch offene Cafés, Sprachkurse und Kulturveranstaltungen an Zuwachs gewinnen soll. Zudem werden den Anwohnerinnen so konkrete Unterstützungsangebote und Orte des Zusammenkommens eröffnet. Da die Idee der Gruppe Solidarisch in Gröpelingen ist, gemeinsame und solidarische Ideen zur Lösung von Problemen mit Ämtern, Arbeitgeberinnen oder Vermieterinnen zu finden, gibt es regelmäßige offene Treffen, bei denen individuelle Themen und Anliegen besprochen und angegangen werden. Darüber hinaus organisieren sich in der Gruppe verschiedene Arbeitsgemeinschaften zu Themen wie Mietproblemen oder Arbeitskämpfen. Diese Arbeitsgemeinschaften berichten auf den offenen Treffen von ihren Themen und Ideen für Aktionsformen. Als Beispiel für solche Aktionsformen lassen sich beispielsweise Mieterinnenversammlungen anführen (vgl. ebd.: 107-109). Die Gruppe basiert ihr Projekt einer Stadtteilgewerkschaft auf einer klaren gesellschaftskritischen und transformativen Ausrichtung. In ihrem Selbstverständnis bezieht sie eindeutig Stellung gegen zunehmende soziale Probleme, die ihrerAnsicht nach aus der Funktionsweise des Kapitalismus resultieren (vgl. Solidarisch in Gröpelingen o.J.: o.S). Der Ansatz einer politischen Basisorganisierung der Gruppe stehe für eine Alternative zu diesem herrschenden System: ,, Solidarisch in Gröpelingen sehen wir als ein Teil dieser Suche und Bewegung für eine bessere Welt. In dem wir gemeinsam für unsere Rechte kämpfen und ein solidarisches Miteinander im Stadtteil schaffen, können wir nicht nur unsere konkrete Lebenssituation verbessern, sondern uns und anderen Mut und Hoffnung geben." (vgl. Solidarisch in Gröpelingen o.J.: o.S.) In diesem Zusammenhang zu erwähnen ist auch, dass die Gruppe sich explizit von staatlichen und sozialarbeiterischen Institutionen und Angeboten abgrenzt. Diese hätten selbstverwaltete Organisierungsansätze im Stadtteil stets verhindert und durch ihre Arbeit „soziale Widersprüche entpolitisiert und Interessengegensätze verschleiert." (kollektiv Bremen 2020: 107) Eine interessante Selbstreflexion der Gruppe bezieht sich auf die Erfahrung, dass die politische Basisorganisierung nicht widerspruchsfrei ablaufe. Hierzu zähle beispielsweise die Gefahr einen Dienstleistungscharakter zu entwickeln und das politisch-transformative Selbstverständnis nicht in der eigenen Basis verankern zu können (vgl. ebd.: 109).
Als Beispiel für eine transformativ ausgerichtete Community-Organisation, die nicht primär in einem Stadtteil agiert, lässt sich die Berliner Erwerbsloseninitiative BASTA! anführen. Die Initiative bietet in verschiedenen Berliner Stadtteilen dreimal die Woche eine mehrsprachige Sozialberatung für Erwerbslose und Niedriglöhner*innen an, die sich mit Problemen durch Arbeitgeberinnen oder Ämtern wie Sanktionierungen oder prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert sehen. Die Beratungen sind dabei offen für alle Menschen und grundsätzlich werde jede Person angehört und beraten, die ein Anliegen äußert. Zudem arbeite man nicht mit staatlichen Institutionen zusammen. Auch wenn bei BASTA! Einzelberatungen möglich sind, versuche man kollektive Beratungen durch alle Anwesenden durchzuführen, da so besser die Perspektive überwunden werden könne, dass es sich um einzelne und individuell verschuldete Problemlagen handle. Darüber hinaus organisiert die Initiative Behördenbegleitungen und Kampagnen. Eine dieser Kampagnen thematisierte beispielsweise Niedriglöhne und betrügerische Praktiken eines Arbeitgebers im Hotelgewerbe, nachdem mehrere Angestellte von solchen Problemen in der Sozialberatung berichteten (vgl. BASTA! 2020: 34-39). Ein wichtiger Aspekt der Arbeit von BASTA! sei die gemeinsame und gegenseitige Weiterbildung und Aufklärung, zum Beispiel in Form einer organisierten „Erwerbslosenschule". Durch solche Formate sollen sich die Ratsuchenden dazu ermutigt fühlen, bei der Initiative mitzuwirken und langfristig selbst als Beraterinnen tätig zu werden. Außerdem versuche man potentiell Interessierte durch persönliches Anwerben für ein Engagement zu gewinnen, denn dieses Einbinden neuer Mitstreiterinnen sei ein zentrales Anliegen der Initiative (vgl. Maruschke 2016: 131-134). Die beschriebene Praxis beruht insgesamt, wie bei den vorherigen Beispielen, auf einer grundlegend kritischen Haltung zu gesellschaftlichen Herrschafts- und Ungleichheitsverhältnissen, aus welchen heraus die jeweiligen Problemlagen wie Armut oder Demütigungen durch Jobcenter entstehen. Die durch die Basisarbeit entstehenden Bindungen und Gemeinsamkeiten sorgen dafür, dass eine Organisierung in der Initiative eine sinnvolle, solidarische und kollektive Verteidigung gegen solche Problemlagen darstelle. Wie diese praktische Verteidigung und politische Organisierung wiederum ausgestaltet werde, sei nicht festgeschrieben, sondern auf Grundlage der Erfahrungen und Einschätzungen der Basis zu treffen (vgl. ebd.: 133-135). Oder wie die Gruppe ihren transformativen Ansatz zusammenfassend beschreibt: „Wir klären auf, geben Flankendeckung, delegitimieren da, wo wir Angriffsfläche sehen und hoffen, möglichst viele Mitstreiterinnen zu finden, nicht nur bei Basta, sondern hoffentlich auch im Kampf füreine befreite Gesellschaft/[1] (BASTA! 2020: 39)
Im Gegensatz zu den eben genannten aktuellen Beispielen transformativer CO- Ansätze, verdeutlichen viele historische Beispiele und das liberale Verständnis: CO wurde und wird häufig auch im Kontext professioneller Sozialer Arbeit verortet (vgl. Kapitel 2.1.3, Kapitel 3). Besonders in Deutschland hat dies eine lange Tradition, da hier CO von Beginn an vorwiegend als eine Art von Gemeinwesenarbeit (GWA) betrachtet wurde. Teilweise wurden zwar auch konfrontative CO-Ansätze wie die von Saul Alinsky in kritische Lesarten von GWA integriert, jedoch konnten sich diese in der Praxis nur selten durchsetzen (vgl. Fehren 2014: 59-61). Grundsätzlich lassen sich bereits bei liberalen Formen von CO Widersprüche zur Sozialen Gemeinwesenarbeit feststellen, zum Beispiel hinsichtlich Fragen der finanziellen Unabhängigkeit von Organisationen (vgl. Stock 2016: 169). Die theoretische Darlegung des transformativen CO-Ansatzes sowie das praktische Beispiel der Bremer Gruppe SiG verweisen zudem darauf, dass zwischen professioneller Sozialer Arbeit und transformativem CO noch tiefgreifendere Widersprüche bestehen. So arbeitet die Gruppe SiG beispielsweise bewusst nicht mit Einrichtungen und Trägern der Sozialen Arbeit zusammen (vgl. Kapitel 3.2, Kapitel 4).
Das auf Grundlage dieser Erkenntnisse bereits als problematisch einzustufende Verhältnis von professioneller Sozialer Arbeit und transformativen CO, soll nun genauer beleuchtet werden. Hierbei geht es um die Fragen, welche Gemeinsamkeiten und Widersprüche existieren und abschließend, wie sich professionelle Sozialer Arbeit trotzdem zu transformativem CO verhalten könnte. Teilweise werden hierbei bereits dargestellte Aspekte aus der bisherigen Ausführung erneut aufgegriffen.
Trotz den angedeuteten Widersprüchen lassen sich zunächst auch einige Gemeinsamkeiten von sozialarbeiterischer GWA und allen Formen von CO ausmachen. Dies ist mit Müller (2013) einleitend dadurch zu erklären, dass sich Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit insgesamt vor allem auf Grundlage von praktischer Erfahrungen Sozialer Bewegungen entwickelt haben (vgl. Müller 2013: 8-9). Somit ist auch die GWA auf Grundlage praktischer Erfahrungen, zum Beispiel aus dem CO, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und „steht damit beispielhaft für die bedeutenden Einflüsse von Basisbewegungen auf die Entwicklung derSozialen Arbeit hin zu einem Beruf (...).“ (Fehren 2014: 59) Im Folgenden sollen skizzenhaft daraus resultierende Gemeinsamkeiten und Unterschiede von CO und Sozialer Arbeit bzw. GWA beschrieben werden. Wichtig zu erwähnen ist erneut, dass es verschiedene GWA-Konzepte gibt und teils auch kritische Gedanken von CO adaptiert worden sind. In diesem Kapitel wird sich aber auf allgemeine Aspekte von GWA bezogen, die keine Einflüsse aus dem CO vorweisen.
Transformative Community-Organisationen und professionelle Gemeinwesenarbeit agieren grundlegend in ähnlichen Wirkungsbereichen. GWA bezieht sich sich auf soziale Zusammenhänge von Menschen, die zum Beispiel in Stadtteilen und Nachbarschaften oder auch in Arbeitskontexten und Vereinen zu finden sind. Das Ziel von der Arbeit in solchen Gemeinwesen ist es, die darin enthaltenen Lebenslagen und strukturellen Begebenheiten positiv zu beeinflussen, dies unter Einbeziehung und Aktivierung von Mitgliedern der jeweiligen Gemeinwesen. Häufig sei der praktische Fokus hierbei auf territoriale Zusammenhänge gerichtet, also auf Stadtteile und Nachbarschaften (vgl. Stövesand/ Stoik 2013: 16-23). Transformatives CO wird ebenso bezogen auf soziale Zusammenhänge praktiziert. Meist ist hierbei der organisatorische Schwerpunkt auch auf Nachbarschaften gerichtet und viele praktische Beispiele von Organisationen hierzulande sind vorrangig in einzelnen Stadtteilen beheimatet (vgl. Maruschke 2016: 131-136). Zentrale Unterschiede zwischen den Wirkungsbereichen transformativer Community-Organisationen und GWA sind aber dennoch festzustellen. Zum einen nimmt transformatives CO keine Homogenität und Harmonie von Interessen in den Communities bzw. Gemeinwesen an. In vielen GWA-Projekten (und bei liberalen CO-Ansätzen) ist dies aber der Fall und die Arbeit führt so praktisch dazu, widersprüchliche Interessen zu harmonisieren und dadurch Herrschaftsverhältnisse zu verdecken (vgl. Maruschke 2016: 60, Stövesand/ Stoik 2013: 23-24). Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass sich transformatives CO nicht nur auf lokale soziale Zusammenhänge und Organisationen beschränkt. Stadtweite und überregionale Vernetzungsformen mit anderen Initiativen und Bewegungen haben eine hohe Bedeutung (vgl. Maruschke 2016: 60). Dies spiegelt sich exemplarisch in Organisationsformen wie dem Bündnis „Recht auf Stadt" wieder, welches in Hamburg verschiedene lokale Initiativen vereint und sich als eine gesamtstädtische Bewegung versteht (vgl. Rothschuh 2014: 28-29). Der Raumbezug in der GWA hingegen ist in Form des geläufigen Sozialraumverständnis eher auf konkrete territoriale Räume wie Stadtteile oder einzelne lebensweltliche Räume wie Schulen ausgerichtet (vgl. Fehren 2014: 6263). Außerdem wird im CO entlang verschiedener Themen organisiert und gearbeitet. Während sich GWA meist mit sozialen Fragen im Kontext von Sozialräumen beschäftigt, hat CO auch Themen wie Arbeit, städtischer Nahverkehr oder Politik als Gegenstand der Basisorganisierung (vgl. ebd.: 63). Dies verdeutlichen auch in der Arbeit angeführte Beispiele von Organisationen wie den Arbeitslosenräten oder der Bus Riders Union aus den USA (vgl. Kapitel 2.2).
Auch bezüglich der angewandten Techniken, Methoden und Vorgehensweisen lassen sich zunächst einige Gemeinsamkeiten zwischen transformativem CO und GWA feststellen. Zum Beispiel beruhen sowohl transformatives CO als auch GWA maßgeblich auf Kommunikationsformen wie persönlichen Gesprächen und Versammlungen. In der Gemeinwesenarbeit haben neben informellen Gesprächen auch Formen wie offizielle Beratungsgespräche, aktivierende Befragungen oder regelmäßige Treffs und Gesprächskreise eine hohe Bedeutung. Gegenstand und Ziel solcher Kommunikationsformen ist es dabei häufig, dass die professionellen Sozialarbeiterinnen ihre eigenen Angebote verbessern. Dies geschieht, indem Bedarfe, Problemlagen und Interessen der Adressatinnen in Erfahrung gebracht werden, um daraus entsprechende Maßnahmen zu ihrer Aktivierung und der Bearbeitung von Problemen abzuleiten (vgl. Mohrlok et al. 1993: 224-225, Stövesand/ Stoik 2013: 22-23). Im transformativen CO finden Kommunikationsformen wie persönliche Gespräche und Versammlungen ebenso statt, dies aber als Teil einer politischen Basisarbeit, welche zu verbindlichen Mitgliederstrukturen führen soll. Ein wichtiger Unterschied zu vielen Ansätzen von GWA ist es, dass durch basisdemokratische Strukturen über Themen, Vorgehen und daraus abzuleitende Schlüsse entschieden wird, auch wenn hierbei eine klare politische Ausrichtung zugrunde liegt. Zudem sind zwar auch teils hauptamtliche Organizerinnen oder „leaders“ maßgeblich mit der Initiierung und Leitung des Vorgehens beschäftigt, jedoch handelt es sich um transparente und teils gewählte Verantwortliche. Außerdem ist es Ziel dieses Konzepts von „leadership“, durch kollektive Bildungsarbeit langfristig alle Mitglieder der Organisation zu leitenden Aufgaben zu befähigen (vgl. Kapitel 4.1.1, Maruschke 2014: 60-66). Ein weiterer zentraler Unterschied im methodischen Vorgehen von GWA und dem transformativen CO bezieht sich auf die Anwendung konfrontativer Taktiken und Aktionen. Teil von GWA ist es oft, im Sinne der Verbesserung von Lebenslagen und der Aktivierung der davon Betroffenen, politische Verantwortliche auf bestehende Problemlagen aufmerksam zu machen und deren Bearbeitung einzufordern. Dies geschieht meist zum Beispiel durch Öffentlichkeitsarbeit, Informationsveranstaltungen und eine Interessensvertretung durch Fachkräfte gegenüber politischen Verantwortlichen (vgl. Stövesand/ Stoik 2013: 21-23, Mohrlok et al. 222-226). Im transformativen CO wiederum haben konfrontative und aktionistische Protestformen, wie massenhafte Verweigerungen von Zahlungen oder Streiks, eine hohe Bedeutung (vgl. Kapitel 4.1.2).
Dass bei der Anwendung konfrontativer Strategien und Taktiken ein deutlicher Unterschied zwischen GWA und transformativem CO ersichtlich wird, hängt mit zwei zentralen Widersprüchen zusammen, nämlich den Zielen und der praktischen Haltung zu gesellschaftlichen Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen. Einleitend lässt sich zwar sagen, dass sowohl durch GWA als auch durch transformatives CO Verbesserungen von Lebenslagen marginalisierter Individuen und Bevölkerungsgruppen erreicht werden sollen, dies stets unter Einbeziehung der Betroffenen (vgl. Stövesand/ Stoik 2013: 21, Kapitel 4.1.1). Wie weit diese Zielsetzung aber jeweils reicht und wie sie erreicht werden soll, differiert in den beiden Feldern. Die sozialarbeiterische GWA sieht den Schlüssel zur Verbesserung von Lebenslagen in der Aktivierung bzw. dem kollektiven Empowerment von Betroffenen und in der Kooperation aller Institutionen, die in Bezug auf Verbesserungen im Gemeinwesen eine Rolle spielen (vgl. Stoik/ Stövesand 2013: 21-23). Kollektives und politisches Empowerment im Sinne der Sozialen Arbeit bzw. GWA lässt sich mit Norbert Herriger (2014) als ein Prozess verstehen, durch den mehr als nur einzelne Personen für ein Erreichen von Veränderungen aktiv werden. Hierfür bedarf es zunächst eines Verständnisses von gesellschaftlichen und politischen Strukturen sowie einer Motivation, sich aktiv für Veränderungen einzusetzen. Politisches Empowerment führt auf dieser Grundlage dann dazu, dass kollektiv Menschen dazu befähigt werden, sich zusammenzuschließen, gemeinsam einzumischen und für angestrebte Veränderungen einzutreten (vgl. Herringer 2014: 188, 205-2012). Wie bereits angeführt, sind es in der GWA aber professionelle Sozialarbeiterinnen, die diesen Prozess zielgerichtet steuern und durch Angebote und Maßnahmen herbeiführen wollen. Deshalb wird der Sozialen Arbeit bereits seit Saul Alinksy nachgesagt, dass sie vorrangig auf die Verbesserung eigener Angebote und Dienstleistungen, nicht aber auf eine ernsthafte und Verhältnisse nachhaltig verändernde Selbstorganisation von Menschen ausgerichtet sei (vgl. Fehren 2014: 64). Nach Oliver Fehren (2014) liegt hierin zudem ein weiteres Problem, welches GWA klar von CO unterscheidet. Ihre finanzielle Abhängigkeit und Eingebundenheit in den Sozialstaat begründet nämlich die Tatsache, dass Soziale Arbeit stets ein doppeltes Mandat3 von Hilfe und Kontrolle innehat, auch wenn sich in manchen Theoriekonzepten zunehmend auch kritisch damit beschäftigt wird. Nichtsdestotrotz führt dieses doppelte Mandat dazu, dass sich CO bewusst vom Sozialstaat und GWA abgrenzt, da nur so wirklich selbstbestimmte und selbstorganisierte Organisationsformen entstehen können. In der Konsequenz bedeutet dies, staatliche Finanzierung im CO grundsätzlich abzulehnen, so dass beispielsweise hauptamtliche Organizer*innen nur durch Mitgliedsbeiträge finanziert werden (vgl. ebd.: 65). Die also schon bei Fragen der Konfrontation und Finanzierung sichtbar werdende Abgrenzung von transformativem CO zur professionellen Sozialen Arbeit hängt aber insbesondere mit der differierenden Haltung zu gesellschaftlichen Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen zusammen. Transformative Community-Organisationen verschreiben sich einer grundlegenden Transformation des herrschenden Systems, sprich einer Überwindung von Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnissen (vgl. Kapitel 4.2.3). Die Möglichkeiten der GWA sich dementsprechend zu positionieren sind dagegen aufgrund von finanziellerAbhängigkeit und Eingebundenheit in den Sozialstaat nur sehr begrenzt (vgl. Fehren 2014: 66). Robert Maruschke (2014) verdeutlicht diesen Aspekt anhand des Beispiels der sozialarbeiterischen Quartiersmanagements, die hierzulande im Rahmen des staatlichen Programms „Soziale Stadt" etabliert wurden: Quartiersmanagements helfen dabei mit, staatlich induzierte, ökonomische Aufwertung von benachteiligten Stadtteilen in ihren sozialen Folgen abzufedern, an lokale Bedürfnisse anzupassen und so zu legitimieren. Dabei würden Sie den Eindruck erwecken, dass Bewohnerinnen an den Umgestaltungs- bzw. Aufwertungsprozessen mitgestalten könnten (vgl. Maruschke 2014: 74-75). Letztlich sei es in diesen Programmen und im Quartiersmanagement aber nie vorgesehen „(...), dass sich die Beteiligten gegen die auf Landes- oder Bundesebene getroffenen Entscheidungen stellen. Sie können die profitorientierte Stadtpolitik nur mitgestalten." (Maruschke 2014: 75) Mit Thomas Wagner (2014) kann solch ein Partizipationsbegriff, hier im Quartiersmanagement als Teil von GWA, eher als Ausdruck von „Beteiligung als Herrschaftsfalle “4 bezeichnen lassen (vgl. Wagner 2014: 99-115).
Abschließend stellt sich die Frage, ob das soeben als ambivalent und problematisch beschriebene Verhältnis von transformativem CO und professioneller Sozialer Arbeit, dennoch Potentiale einer Bezugnahme bietet. Wie in Kapitel 6.1 aber dargestellt, ist Soziale Arbeit grundsätzlich in den Sozialstaat eingebunden und finanziell wie ideologisch von ihm abhängig, weshalb insbesondere transformatives CO nicht als Teil von Sozialer Arbeit, sowie Soziale Arbeit nicht als Teil von CO gesehen werden kann (vgl. Fehren 2014: 64). Die folgenden Ansatzpunkte sollen deshalb nur skizzieren, inwiefern Soziale Arbeit ihre Theorie und Praxis mit Blick auf das transformative CO reflektieren könnte.
Um solche möglichen Potentiale darzulegen, lohnt sich als Grundlage eine Vergegenwärtigung von Funktionsbestimmungen Sozialer Arbeit, enthalten in folgender internationalen Definition: „Soziale Arbeit fördert als praxisorientierte Profession und wissenschaftliche Disziplin gesellschaftliche Veränderungen, soziale Entwicklungen und den sozialen Zusammenhalt sowie die Stärkung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen." (DBSH 2016: 2)
Die in der internationalen Definition Sozialer Arbeit verankerte Funktionsbestimmung der Profession, autonomes und selbstbestimmtes Handeln von Menschen zu fördern, findet ihre theoretische und praktische Entsprechung zum Beispiel in Konzepten wie dem der Partizipation. Auch wenn der Begriff sehr vielfältig ausgelegt wird, beschränkt sich seine Umsetzung in sozialräumlich orientierter Sozialer Arbeit (wie der GWA) meist darauf, professionelle Angebote bereitzustellen, an welchen Adressat*innen dann teilnehmen können, um so ihre von Fachkräften vorweg affirmierten Interessen und Bedürfnisse zu erfüllen (vgl. Scheu/ Autrata 2013: 112-113). Im CO hingegen ist grundsätzlich mit Partizipation nicht eine Beteiligung an vorgefertigten Angeboten gemeint, sondern eine auf dem Eigeninteresse von Menschen beruhende Einbindung in Organisationen (vgl. Fehren 2014: 62, Mohrlok et al 1993: 252). Wie in Kapitel 4.1.1 dargelegt, wird in transformativen Community-Organisationen dann politische Basisarbeit betrieben. Das bedeutet, dass ausgehend von den durch direkte Kommunikationsformen herauszufindenden Interessen und Bedarfen, Organisierungsprozesse starten, in welchen die Menschen kollektiv über ihr Vorgehen und Zielsetzungen zur Erfüllung von Bedürfnissen und Interessen entscheiden können. Initiatorinnen wie geübte Organizer*innen, leisten dabei nur Hilfestellungen und Koordinationsaufgaben (vgl. Kapitel 4.1.1). Folglich könnte die Art und Weise, wie Partizipation im (transformativen) CO als basisdemokratische Selbstorganisation verstanden und umgesetzt wird, Sozialer Arbeit dabei helfen eigene Partizipationskonzepte zu überdenken und langfristig Adressatinnen selber entscheiden zu lassen, was ihre eigenen Interessen sind und wie sie deren Erfüllung erreichen könnten. Des Weiteren, wie Oliver Fehren (2014: 67) zusätzlich zu Fragen des Partizipationsverständnisses argumentiert, „fordert CO die Soziale Arbeit auf, z.B. den potentiellen Entmündigungscharakter sozialarbeiterischer Intervention, kritisch zu hinterfragen." (Fehren 2014: 67) Trotzdem sollte kritisch erwähnt werden, dass auch der basisdemokratische Charakter von transformativen Community-Organisationen nicht automatisch dazu führt, dass alle Menschen gleichermaßen und ohne Probleme partizipieren. In diesem Kontext steht beispielsweise die von der Gruppe Solidarisch in Gröpelingen beschriebene Gefahr, als Dienstleisterinnen wahrgenommen zu werden (siehe Kapitel 5.2.2).
Die durch Soziale Arbeit beabsichtige Wirkung, autonomes und selbstbestimmtes Handeln zu fördern, lässt sich ebenso als Teil der professionsbezogenen Funktion betrachten, soziale Entwicklungen und sozialen Zusammenhalt zu fördern. Zudem positioniert sich die Soziale Arbeit klar zu demokratischen Werten wie Vielfalt oder den Menschenrechten (vgl. DBSH 2016: 2). Die Förderung und Sicherstellung demokratischer Werte greift in der Sozialen Arbeit beispielsweise das Konzept von politischem Empowerment nach Norbert Herriger (2014) auf, welches im Kapitel 6.1.3 dargelegt wurde. Autorinnen wie Peter Szynka (2011) oder Stefan Huber (2010) sehen in CO große Potentiale, solch ein politisches Empowerment zu fördern. Mit Stefan Huber leistet CO einen Beitrag zur „Vitalisierung lokaler Demokratien" (Huber 2010: 94), weil die Menschen in den partizipativen und demokratischen Organisationsformen lernen, ihre eigenen sowie gemeinschaftliche Interessen kennenzulernen, zusammenzuführen und für deren Realisierung einzustehen. Es fördert also soziale sowie politische Kompetenzen bei den organisierten Individuen (vgl. Huber 2010: 93-94). Auch Peter Szynka vertritt diesen positiven Einfluss von CO auf politische Entwicklungsprozesse: Da man für ein Engagement in Community-Organisationen demokratische Fähigkeiten erlernen und anwenden muss, handelt es sich bei CO „im Wesentlichen um politische Bildungsarbeit." (Szynka 2011: 8) Speziell im transformativen CO stellen die auf politischer Basisarbeit beruhenden Organisationen Orte dar, in denen Menschen lernen, Solidarität als politische Kategorie zu erfahren und zu leben. Besonders in Zeiten abnehmender politischer Partizipation, zum Beispiel ersichtlich an geringen Wahlbeteiligungen, stärkt die Erfahrung gemeinsam und gleichberechtigt mit verschiedenen Menschen für Veränderungen einzutreten zu können, ein demokratisches und politisches Bewusstsein bei Individuen (vgl. Williams 2013: 10-13). Transformatives CO könnte der Sozialen Arbeit also interessante Gedanken zu der Frage liefern, wie Menschen wieder einen Glauben an Demokratie und einen Einfluss auf die Gestaltung ihrer eigenen sowie gesellschaftlicher Lebenswelten entwickeln. Die klare Betonung von Solidarität und die Ausrichtung, sich über die einzelne Stadtteile hinaus mit Menschen und deren Kämpfen zu vernetzen, könnten außerdem den, auch in der Sozialen Arbeit relevanten gesellschaftlichen Entsolidarisierungstendenzen, beispielsweise zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, entgegenwirken.
Zuletzt könnte ein Potential des transformativen Community Organizings für die Soziale Arbeit vor allem in der Frage liegen, wie wirklich nachhaltige und substanzielle Verbesserungen von Lebenslagen erreicht werden können. Solche gesellschaftlichen Veränderungen und sozialen Entwicklungen beabsichtigt die Soziale Arbeit nämlich zu fördern (vgl. DBSH 2016: 2). Wie in Kapitel 6.1.3 beschrieben, liegt der Unterschied zwischen sozialarbeiterischer GWA und transformativem CO beim Erreichen struktureller Veränderungen neben dem divergierenden Partizipationsverständnis darin, dass die GWA überwiegend versucht, Veränderungen durch Kooperation mit und Einflussnahme auf politische Entscheidungsträgerinnen zu erreichen. Dies hängt auch damit zusammen, dass GWA meist durch staatliche Mittel finanziert wird und Soziale Arbeit insgesamt ein doppeltes bzw. triple Mandat innehat. Transformatives CO hingegen setzt auf Unabhängigkeit von staatlichen Strukturen und nutzt zudem klar konfrontative
Taktiken zum Erreichen von Veränderungen (vgl. Kapitel 6.1.3). Oliver Fehren (2014) sieht das Potential von CO für GWA dementsprechend darin, wichtige Ansätze für die Reflektion von „Tendenzen harmonistischer Systemaffirmation durch das Erzeugen lokaler Gemeinschaftlichkeit versus einer auch an widerständigen Interessen orientierten Gestaltung von Lebenswelten, insbesondere auch mit benachteiligten Bevölkerungsgruppen (...)“ (Fehren 2014: 67) zu liefern. Außerdem beruht transformatives CO maßgeblich auf einer kritischen Analyse und Ablehnung bestehender gesellschaftlicher Ungleichheitsund Herrschaftsverhältnisse (vgl. Kapitel 4.2.2). Anders als zum Beispiel GWA in Form von Quartiersmanagements, werden deshalb Probleme wie knapper Wohnraum oder Verdrängung nicht als isolierte und zufällige Phänomene betrachtet, sondern als in der Funktionsweise des herrschenden (kapitalistischen) Systems begründet. Das führt dann dazu, dass sich nicht auf die beschwichtigenden Angebote des Dialogs durch für solche Probleme mitverantwortliche wie Eigentümerinnen und politische
Entscheidungsträgerinnen eingelassen wird. Ebenso haben deshalb eine Vernetzung und Solidarisierung mit anderen Basisorganisationen und sozialen Bewegungen, die ähnliche Kämpfe führen, eine hohe Bedeutung (vgl. Maruschke 2014: 102-103). Dieter Oelschlägel (2014) argumentiert aber, dass zum Beispiel innerhalb der GWA schon immer auch systemkritische Ansätze existierten, die konfrontative Taktiken und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen betonten. Für ihn könnten GWA und CO dementsprechend allgemein sogar zusammenarbeiten, sofern sich in der Gemeinwesenarbeit grundlegend kritischer und parteilicher für Adressatinnen positioniert werde (vgl. Oelschlägel 2014: 229237) Auch wenn Soziale Arbeit letztlich also eine grundlegend politische Positionierung wie die des transformativen Community-Organizings aufgrund ihrer historisch gewachsenen Funktion im Sozialstaat verwehrt bleiben wird, könnte der Ansatz von transformativem CO der Sozialen Arbeit dabei helfen, ihre eigenen Möglichkeiten und Grenzen der nachhaltigen Veränderung von Lebenslagen erkennen zu lernen. Aus dieser Erkenntnis heraus könnte man sich gegenüber transformativ ausgerichteten Organisationen beispielsweise so positionieren, dass man Adressatinnen auf sie aufmerksam macht, den Organisationen ihre Unabhängigkeit lässt und sie, wenn lediglich ideell sowie theoretisch, unterstützt.
Besonders kritische Ansätze und Vertreterinnen von Gemeinwesenarbeit könnten dabei eine wichtige Rolle spielen.
Abschließend lässt sich festhalten, dass es sich bei Community Organizing um einen enorm diversen, komplexen und historisch bedeutenden Gegenstand handelt. Ausgehend von der Zunahme sozialer Ungleichheiten im Zuge der Industrialisierung, lassen sich seither weltweit Beispiele von Organisationen finden, in welchen sich Menschen auf Grundlage kollektiver Problemlagen zusammenschließen und organisieren, um so gemeinsam für kollektive Interessen und eine Veränderung von Problemlagen einzustehen. Diese Beispiele sind dabei stets im Kontext der jeweiligen historischen, gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu verstehen und reichen von Organisationen aus der Gewerkschafts- und Arbeiterinnenbewegung, über eher wohlfahrtsstaatliche Projekte der Nachbarschaftsentwicklung, bis hin zu revolutionär ausgerichteten Organisationen. Meist liegt der organisatorische Fokus dabei auf Nachbarschaften und Stadtteile. Ein Bezug auf andere Orte, Themen und Lebenszusammenhänge ist aber ebenso möglich. Fraglich bleibt an dieser Stelle jedoch, ob das Konzept beispielsweise auch in ländlichen Räumen funktionieren kann. Sämtliche historische sowie aktuelle Beispiele verdeutlichen zudem, dass es grundlegend unterschiedliche Ansätze darüber gibt, wie die Organisationen aufgebaut werden, auf welchem Selbstverständnis sie beruhen und vor allem, wie sie versuchen ihre Ziele umzusetzen. Diese Widersprüche lassen sich mit einer Differenzierung in liberales und transformatives Community Organizing fassen.
Dass der Ansatz der demokratischen Organisierung von Menschen in Nachbarschaften und Stadtteilen zur gemeinschaftlichen Identifikation und Bearbeitung von Problemlagen und Bedarfen grundsätzlich als CommunityOrganizing bezeichnet wird, hat seinen Ursprung in den USA. Als Begründer und einflussreichste Person des geläufigen Community Organizings lässt sich der amerikanische Soziologe und Aktivist Saul D. Alinsky anführen. Auch wenn Alinsky meist als einflussreichster und „radikaler“ Vertreter von CO genannt wird, lässt sich sein Ansatz eher liberalen Formen zuordnen.
Mit den Erkenntnissen aus dieser Ausarbeitung lässt sich liberales CommunityOrganizing dahingehend charakterisieren, dass es Menschen auf Grundlage sozialer und öffentlicher Beziehungen zusammenzubringt und hierdurch Organisationen entstehen lassen will, die dann durch den Einsatz spezifischer Strategien und Taktiken, Veränderungen bei politischen Verantwortlichen einfordern sollen. Auch wenn die Strategien und Taktiken teilweise auch konfrontativer Art sein können, sind sie meist auf eher auf Dialog ausgerichtet. Kennzeichnend für liberales CO ist es, dass die jeweiligen lokalen Problemlagen nicht in der grundsätzlichen Funktionsweise des kapitalistischen Systems betrachtet werden und man durch die dialogorientierte Ausrichtung, praktisch staatliche, privatwirtschaftliche und zivilgesellschaftliche Interessen zusammenführt.
Im klaren Gegensatz zu diesem liberalen Verständnis steht transformatives CO für eine grundsätzliche Ablehnung der bestehenden Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse. In der Ausarbeitung wurde aufgezeigt, dass transformative Community-Organisationen primär jene Menschen auf Grundlage einer explizit politischen Basisarbeit organisieren wollen, die am meisten unter sozialen Ungleichheiten leiden. Dabei werden die jeweiligen individuellen Problemlagen und Bedarfe in ihrer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung analysiert und eingeordnet. Die gemeinsame Organisierung mit anderen Betroffenen beruht außerdem von Beginn an auf einer klaren politischen Ausrichtung. Wichtige Aspekte im transformativen CO sind es zudem, basisdemokratische Entscheidungsstrukturen zu etablieren, sich gemeinsam politisch weiterzubilden und letztlich auch gemeinsam politisch aktiv zu werden. Im transformativem CO bedeutet dieses Aktivwerden stets auch den Einsatz konfrontativer Protest- und Aktionsformen. Zudem spielt die solidarische Vernetzung mit anderen Kämpfen und Initiativen eine große Rolle, sodass sich transformatives CO dazu aufgefordert sieht, sich als Teil sozialer Bewegungen zu verstehen.
In dieserArbeit dargelegt wurde zudem gezeigt, dass CO in Deutschland meist als Form der sozialarbeiterischen Gemeinwesenarbeit betrachtet wird. Dies hängt auch damit zusammen, dass es vereinzelte Gemeinsamkeiten im Wirkungsbereich und im Vorgehen gibt. Dennoch existieren eine Vielzahl fundamentaler Widersprüche zwischen insbesondere transformativem CO und GWA, zum Beispiel hinsichtlich der Beziehung zum Staat oder auch bei Fragen der Konfrontation. Dies führt zu der Tatsache, dass sich transformative CommunityOrganisationen klar von professioneller Sozialer Arbeit abgrenzen. Somit ist festzuhalten, dass das Verhältnis von transformativem CO und Sozialer Arbeit als sehr ambivalent und problematisch zu beschreiben ist. Zugleich bietet transformatives CO für die Soziale Arbeit Potentiale für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Theorie und Praxis.
Ersichtlich wurde des Weiteren, dass der Ansatz politischer Basisorganisierung im transformativen CO durchaus große Potentiale für politisches Empowerment von Menschen eröffnet, die unter sozialen Ungleichheiten leiden. Das Angebot des Ansatzes, Menschen auf Grundlage kollektiver Probleme zusammenzubringen, dabei basisdemokratisch und mit einer klaren politischen Analyse sowie stetiger Fortbildung vorzugehen, kann Menschen nachhaltig politisieren. Der Einsatz konfrontativer Aktionsformen eröffnet zudem die Erfahrung, dass sich solidarisch auch gegen Widerstände für wichtige Veränderungen eintreten lässt. Historische und aktuelle Beispiele zeugen außerdem davon, dass durch diesen Ansatz praktische Erfolge erzielt werden können.
Nichtsdestotrotz ist der Prozess einer basisdemokratischen und politischen Organisierungsarbeit auch mit vielen Herausforderungen verbunden und es bleibt fraglich, ob Menschen sich wirklich nachhaltig und trotz Widerständen und Repression für eine grundlegende Überwindung der gesellschaftlichen Ursachen ihrer Problemlagen einsetzen wollen. Besonders der Ansatz, eine klar festgelegte politische Ausrichtung mit einer basisdemokratischen Entscheidungskultur zu verbinden, könnte hierbei Schwierigkeiten verursachen. Gefahren bestehen auch darin, einen Dienstleistungscharakter zu entwickeln und es nicht zu schaffen, interne Entscheidungs- und Machthierarchien zu verhindern. Außerdem kann das Konzept für reaktionäre Bestrebungen wie zum Beispiel rassistische Agitationen genutzt werden, weshalb nicht automatisch sämtliche transformative CommunityOrganisationen als progressiv bezeichnet werden können. Solche Herausforderungen erfordern eine stetige kritische Reflexion und Weiterentwicklung des transformativen CO, welches nie als starres Konzept verstanden werden sollte. Eine Auseinandersetzung mit solchen Widersprüchen und Herausforderungen konnte in dieser Arbeit nur angerissen werden, weshalb weitere Forschungen zu den praktischen Effekten, Auswirkungen und Defiziten des transformativen CO-Ansatzes notwendig sind.
Dennoch bietet transformatives CO letztlich eine ernsthafte Chance, die Bearbeitung individueller Problemlagen und sozialer Verwerfungen zu einem kollektiven, basisdemokratischen Prozess politischen Empowerments werden zu lassen, der zudem die Probleme in ihren Ursachen versteht und angeht. Insbesondere in Zeiten, in denen soziale Ungleichheiten stetig zunehmen und Themen wie bezahlbarer Wohnraum und ein Recht auf Stadt weite Teile der Gesellschaft betreffen und interessieren, könnte transformatives CO für eine nachhaltige Verankerung von kollektivem, solidarischem und systemkritischem sowie politischem Engagement im direkten Lebensumfeld der davon betroffenen Menschen sorgen. Bei der Verhinderung von Mietsteigerungen und Zwangsräumungen oder dem Widerstand gegen menschenunwürdige Sanktionen durch Jobcenter: Transformatives CO kann konkrete Verbesserungen im Alltag von Menschen ermöglichen und zugleich bestehende Ungleichheits- und Herrschaftsverhältnisse ernsthaft herausfordern, weshalb eine Auseinandersetzung mit dem Ansatz vor allem in bewegungslinken und auch in sozialarbeiterischen Kontexten an Bedeutung gewinnen sollte.
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1 Politisches Empowerment wird in dieser Arbeit in Anlehnung an Norbert Herriger (2014) als Begriff verstanden, welcher die Entwicklung und Umsetzung von Kompetenzen einer kritischen Analyse gesellschaftlicher Strukturen, kollektivem Handeln und sozialer Einmischung beschreibt und hierdurch den Aufbau kollektiver politischer Macht begründen kann (vgl. Herriger 2014: 205212).
2 Als Beispiele ließen sich hier sogenannte Bürgerinneninitiativen anführen, die ab dem Jahr 2015 in verschiedenen deutschen Städten wie beispielsweise dem sächsischen Freital versuchten, Anwohnerinnen gegen die Aufnahme von Geflüchteten zu mobilisieren (vgl. Gensing 2015: o.S.).
3 Soziale Arbeit wird durch viele Theoretikerinnen grundsätzlich ein Tripple-Mandat nachgesagt, dass neben der Verpflichtung gegenüber des Auftraggebers (Staat) und Leistungsempfängers (Adressatinnen), auch eine Verpflichtung gegenüber dem eigenen Professionsverständnis und ihrer Berufsethik beinhaltet(vgl. Staub-Bernasconi2018: 111-116).
4 Mit Thomas Wagner (2014) lassen sich insbesondere die aus liberalen CO-Ansätzen entstehenden Bürgerinnenplattformen als Ausdruck von oberflächlicher Bewohnerinnenpartizipation anführen. Grundlegende Systemkritik habe hier keinen Platz und die sich als unideologischen verstehenden Plattformen intendieren eine harmonisierende Partnerschaft zwischen Staat, Privatwirtschaft und Bürgerinnen zu realisieren (vgl. Wagner 2014: 99-115).
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