Bachelorarbeit, 2016
82 Seiten, Note: 2,1
Die Arbeit untersucht die Erklärungskraft von Ronald Ingleharts Wertewandeltheorie für den Wertewandel Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1989. Im Mittelpunkt steht die Frage, ob und wie sich die Prioritäten von materialistischen zu postmaterialistischen Werten verschoben haben und welche Rolle Jugendliche als Träger dieses Wandels spielten. Dazu werden theoretische Grundlagen, empirische Befunde und die Kritik an Ingleharts Ansatz zusammengeführt.
3 Theoretischer Erklärungsansatz: Die Wertewandeltheorie nach Ronald Inglehart
Theoretisches Gerüst dieser Arbeit bildet die Wertewandeltheorie nach Ronald Inglehart. Der amerikanische Politikwissenschaftler ist der entscheidende Impulsgeber einer Theorie, die in Deutschland in den 1970er Jahren zu einer beginnenden Diskussion über einen Wertewandel führte (Inglehart 1989, S. 90). Inglehart vertrat die Meinung, dass die westlichen Gesellschaften in den vergangenen hundert Jahren materialistisch orientiert waren (Gabriel 1986, S. 90, nach Inglehart 1971, S. 991ff.; 1977, S. 22ff.; 1979a, S. 308ff.; 1979b, S. 280ff.; 1984, S. 525ff.; Inglehart und Klingemann 1979, S. 209f.). In seinem Werk „The Silent Revolution: Changing Values and Political Styles among Western Publics“ war er es, der 1977 die Hypothese formulierte, nach der sich die Wertprioritäten der westlichen Welt von materialistischen hin zu postmaterialistischen Einstellungen verschoben haben (Inglehart 1989, S. 90; Kürzinger 2014, S. 82). Diesen Schluss zog er mithilfe einer international vergleichenden Studie von insgesamt sechs westlichen Ländern. Inglehart stellte dabei fest, dass v.a. jüngere Menschen gesellschaftspolitische Ziele wie z.B. „freie Meinungsäußerung“ und die „Mitentscheidung in Wirtschaft und Politik“ als wichtiger erachteten als „Ruhe und Ordnung im Land“ oder eine „stabile Wirtschaft“ (Langguth 1996, S. 8f.).
In seinen Überlegungen differenziert Inglehart zwischen „Materialisten“ und „Postmaterialisten“. Dabei agieren Materialisten in ihrem Leben so, dass sie ihre Grundbedürfnisse erfüllen. Im Gegensatz dazu stehen die Postmaterialisten, die danach streben, Wachstumsbedürfnisse zu befriedigen. Dementsprechend gestalten sich die Wertesysteme. Unter materialistischen Werten versteht Inglehart physische sowie ökonomische Sicherheitsbedürfnisse. Postmaterialistische Werte dagegen stellen bei ihm intellektuelle und ästhetische Bedürfnisse dar. Damit gemeint sind bspw. Menschenwürde und Partizipation. Auch Bedürfnisse nach sozialer Anerkennung zählen dazu. In den Vordergrund seien Gruppenzugehörigkeit, Selbstverwirklichung und Lebensqualität getreten. Demnach liege die höchste Priorität nicht mehr auf physischem Überleben und physischer Sicherheit. Auch traditionelle politische, moralische und soziale Normen würden an Bedeutung verlieren (Inglehart 1989, S. 90, 174).
Warum solche postmaterialistischen Prioritäten auftreten, muss daher zwingend näher erklärt werden. Für diese Erklärung bedient sich Inglehart der Theorie des formativen Überflusses. Er verknüpft zwei Hypothesen miteinander, die die Basis seiner Theorie bilden (Gabriel 1986, S. 90, nach Inglehart 1971, S. 991ff.). Bei den beiden Hypothesen handelt es sich zum einen um die Mangelhypothese und zum anderen um die Sozialisationshypothese. Die Grundlage seiner Überlegungen formuliert er wie folgt: „Die Prioritäten eines Menschen reflektieren sein sozio-ökonomisches Umfeld: Den größten subjektiven Wert mißt [sic] man den Dingen zu, die relativ knapp sind“ und: „Wertprioritäten ergeben sich nicht unmittelbar aus dem sozio-ökonomischen Umfeld. Vielmehr kommt es zu einer erheblichen Zeitverschiebung, denn die grundlegenden Wertvorstellungen eines Menschen spiegeln weithin die Bedingungen wider, die in seiner Jugendzeit vorherrschend waren“ (Inglehart 1989, S. 92).
Zusammenfassung: Die Arbeit skizziert das Forschungsvorhaben, klärt zentrale Begriffe und führt in die Theorie Ingleharts ein. Sie formuliert die Leitfragen nach Erklärungskraft, Folgen und Kritik des Wertewandels.
Grundlagen: Begriffserklärung: Werte, Wertewandel und Jugend werden begrifflich und sozialwissenschaftlich eingeordnet. Besonders die Offenheit des Jugendbegriffs und die Schwierigkeit einer einheitlichen Definition werden herausgearbeitet.
Theoretischer Erklärungsansatz: Die Wertewandeltheorie nach Ronald Inglehart: Ingleharts Unterscheidung von Materialismus und Postmaterialismus sowie seine Mangel- und Sozialisationshypothese bilden das theoretische Fundament. Wertewandel wird als generationsgebunden und durch gesellschaftliche Sicherheit beeinflusst dargestellt.
Träger des Wertewandels: Das Kapitel ordnet gesellschaftliche Gruppen als Wertträger und betont Jugendliche als besonders relevante Träger des Wandels. Bildung und soziale Lage werden als wichtige Differenzierungsfaktoren diskutiert.
Determinanten des Wertewandels: Denk-, Wissens- und Kommunikationsprozesse sowie technischer Fortschritt erscheinen als zentrale Ursachen. Die Bildungsexpansion und die Modernisierung beschleunigen den Wertewandel.
Auswirkungen des Wertewandels: Der Wertewandel wird ambivalent beschrieben: Einerseits eröffnet er Pluralismus, Freiheit und demokratische Teilhabe, andererseits erzeugt er Verunsicherung, Überforderung und Orientierungslosigkeit.
Wertewandel bei Jugendlichen in der BRD von 1949 – 1989: Das Kapitel zeichnet die Entwicklung von der kriegsgeprägten Nachkriegsjugend über die politisierte 68er-Generation bis zu individualisierten Jugendstilen der 1980er Jahre nach. ALLBUS- und Shell-Daten stützen den Trend zu postmaterialistischen Werten.
Kritik an Ronald Ingleharts Wertewandeltheorie: Die Theorie wird hinsichtlich ihrer Dimensionalität, der Validität des Index und der Annahme stabiler Wertprägungen kritisiert. Klages’ mehrdimensionale Perspektive und das Problem des Mischtyps stehen im Zentrum.
Fazit: Die Arbeit bestätigt einen Wertewandel, hält Ingleharts Erklärung aber nur teilweise für ausreichend. Sie betont die Komplexität moderner Gesellschaften und die Relevanz von Wertekoexistenz.
Wertewandel, Ronald Inglehart, Materialismus, Postmaterialismus, Jugendliche, Bundesrepublik Deutschland, Shell Jugendstudie, ALLBUS, Sozialisationshypothese, Mangelhypothese, Postmodernisierung, Bildungsexpansion, technischer Fortschritt, Wertekoexistenz, Helmut Klages
Die Arbeit untersucht den Wertewandel bei Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1989 und fragt, wie überzeugend Ronald Ingleharts Theorie diesen Wandel erklärt.
Zentrale Themen sind die Begriffe Wert und Wertewandel, Ingleharts Theorie von Materialismus und Postmaterialismus, Jugend als Wertträger sowie die empirische Entwicklung in der BRD.
Ziel ist es zu zeigen, dass sich bei Jugendlichen tatsächlich ein Wertewandel vollzogen hat und dass Ingleharts Theorie diesen plausibel erklärt. Zugleich wird geprüft, welche Folgen und welche Kritik sich daraus ergeben.
Es handelt sich um eine sozialwissenschaftliche Literatur- und Theoriearbeit mit empirischer Bezugnahme. Analysiert werden unter anderem die Shell Jugendstudie 1992 und ein ALLBUS-Kumulationsdatensatz von 1980 bis 2012.
Der Hauptteil behandelt zunächst die theoretischen Grundlagen, dann die Determinanten und Auswirkungen des Wertewandels sowie anschließend die Entwicklung bei Jugendlichen in den 1950er bis 1980er Jahren.
Besonders wichtig sind die Begriffe Wertewandel, Materialismus, Postmaterialismus, Jugendliche, Inglehart, Sozialisationshypothese, Mangelhypothese, Bildung und technischer Fortschritt.
Jugendliche gelten als besonders wichtige Träger des Wertewandels, weil sich in ihrer Sozialisation neue Wertprioritäten herausbilden und sie gesellschaftliche Veränderungen oft früher aufgreifen als ältere Generationen.
Die 1950er Jahre werden als Zeit der Nachkriegserfahrung, materieller Unsicherheit und politischer Distanz beschrieben. Entsprechend dominierten materialistische und auf Überleben ausgerichtete Werte.
Die Shellstudie von 1992 erhebt subjektive Werteeinschätzungen von Jugendlichen und zeigt, dass Freiheit deutlich wichtiger bewertet wird als die Achtung vor der Tradition.
Kritisiert werden vor allem die eindimensionale Gegenüberstellung von Materialismus und Postmaterialismus, die begrenzte Aussagekraft des Inglehart-Index und die Annahme, Werte seien im Erwachsenenalter weitgehend stabil.
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