Examensarbeit, 2007
101 Seiten, Note: 1,00
1 Der „Eros Matutinus“ in Literatur und Gesellschaft um 1900 – Eine Einleitung
2 Sozialgeschichtliche Hintergründe zur „sexuellen Krise“: Sexualität und bürgerliche Moral im Fin de Siècle
2.1 Zivilisatorische Veränderungen und ihr Einfluss auf die erotische Situation des Bürgertums um 1900
2.2 Von der vermeintlichen Entdeckung der Sexualität: Die zwei Gesichter des bürgerlichen Sexualdiskurses
2.3 Die Rolle des pubertären Jugendlichen in Gesellschaft, Diskurs und Literatur
2.3.1 Lustfeindliche Bedingungen in der Bürgerfamilie und am humanistischen Gymnasium und ihre Voraussetzungen
2.3.2 Onanieverbot und geistige Unschuld: Die Forderungen des Sexualdiskurses an die Heranwachsenden
2.3.3 „Das Jahrhundert des Kindes“ – Erste Versuche der Befreiung von Körper und Geist in Reformpädagogik und Jugendbewegung
2.3.4 Adoleszente Jungen und Mädchen als Protagonisten in der Literatur um 1900
3 „Denn seit gestern sind sie keine Kinder mehr“ – Pubertäre Sexualität in der Literatur um 1900 am Beispiel von Wedekinds „Frühlings Erwachen“, Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und Andreas-Salomés „Die Schwester“
3.1 Die Verleugnung der Pubertät: Repression der erwachenden Triebe durch die Erwachsenenwelt
3.1.1 Schweigen und Strafen: Die Figuren von Mutter und Vater
3.1.1.1 „O Mutter, laß mich frei…“ – Ignoranz der pubertären Sexualität zum Schutz kindlicher Unschuld
3.1.1.2 Massive Repression der jugendlichen Triebe durch patriarchalischen Machtmissbrauch
3.1.2 Primat des Geistes über den Körper: Das sexualfeindliche Erziehungsprinzip der Schule
3.1.2.1 Der Lehrer als asexuelles, schwaches Wesen
3.1.2.2 In der Strafkolonie: Das Angstregime Schule
3.2 Ausbruchsversuche: Lust und Schmerz als Befreiungsmomente der Jugendlichen
3.2.1 Die Sehnsucht nach Freiheit in Selbstaufklärung, Autoerotik, Koitus und Homosexualität
3.2.2 Grausame Lust: Das Quälen des eigenen und fremden Körpers
3.3 Das Leben als Geschmackssache – Die Konsequenzen pubertärer Lust
3.3.1 Der Höhepunkt des masochistischen Traums und die einsame Lebensangst: Die Selbstmorde Moritz’ und Maschas
3.3.2 Melchiors und Törleß’ Reifeprozess: Entscheidung für ein bürgerlich-ästhetisches Leben
4 „Der Einzelne inmitten einer feindlichen Welt“ – Schlussfolgerungen zum „Eros Matutinus“ in der Literatur
Die Arbeit untersucht die pubertäre Sexualität um 1900 in der Literatur und analysiert, wie gesellschaftliche Repression und bürgerliche Moralvorstellungen die Identitätsfindung junger Menschen in dieser Epoche prägten. Forschungsleitend ist die Frage, wie die Heranwachsenden auf die triebfeindlichen Erziehungsinstanzen Familie und Schule reagieren und ob ihnen ein Ausbruch aus diesen Strukturen oder die Behauptung ihrer Individualität gelingt.
Die Verleugnung der Pubertät: Repression der erwachenden Triebe durch die Erwachsenenwelt
Bevor ich die Ausprägungen pubertärer Sexualität an sich in den genannten Werken behandeln werde, möchte ich auf die Unterdrückung der erwachenden Lust seitens der sittlichen Instanzen Elternhaus und Schule eingehen, die sowohl bei Wedekind als auch bei Musil und Andreas-Salomé eine bedeutsame bis herausragende Rolle spielen. Der Einfluss der Eltern beginnt dabei schon in frühester Kindheit, in der das Kind diesen als ersten Repräsentanten der Gesellschaft gegenübersteht, und deren Aufgabe es ist, die primäre Sozialisation an ihm durchzuführen.
In den drei ausgewählten Werken hat das familiäre Umfeld der jugendlichen Protagonisten entscheidende Auswirkungen auf den Umgang der Nicht-mehr-Kinder mit ihrer Pubertät. So herrscht in den dargestellten Familien Gabor, Bergmann und Stiefel sowie bei den Ehepaaren Törleß und Sabelnikoff, die ausnahmslos eine gutbürgerliche Existenz führen – Herr Stiefel kann als Rentier von seinem angesammelten Vermögen leben, während Melchiors Vater und Herr Sabelnikoff als Juristen tätig sind und Törleß’ Vater die Stellung eines Hofrats innehat – eine extrem triebfeindliche Atmosphäre. Dabei fällt auf, dass sowohl die Familien untereinander als auch hier wiederum Väter und Mütter in unterschiedlicher Weise den Kampf gegen die aufkeimende Sexualität ihrer Söhne und Töchter ausfechten. Dabei ist die grundsätzliche Tendenz der Mütter zur Nicht-Aufklärung gegen den Einsatz von Strafe der Väter auszumachen, was hinsichtlich des im ersten Kapitel dargestellten sozialhistorischen Hintergrunds erklärbar wird.
1 Der „Eros Matutinus“ in Literatur und Gesellschaft um 1900 – Eine Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der pubertären Identitätssuche um 1900 ein und skizziert die triebfeindliche Atmosphäre sowie das Versagen der Sozialisationsinstanzen bei der Aufklärung.
2 Sozialgeschichtliche Hintergründe zur „sexuellen Krise“: Sexualität und bürgerliche Moral im Fin de Siècle: Dieses Kapitel analysiert die zivilisatorischen Prozesse, das bürgerliche Leistungsprinzip und den aufkommenden wissenschaftlichen Sexualdiskurs, der maßgeblich zur Pathologisierung und Kontrolle von Sexualität beitrug.
3 „Denn seit gestern sind sie keine Kinder mehr“ – Pubertäre Sexualität in der Literatur um 1900 am Beispiel von Wedekinds „Frühlings Erwachen“, Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und Andreas-Salomés „Die Schwester“: Der Hauptteil untersucht anhand der drei literarischen Werke die repressive Erziehung durch Eltern und Schule sowie die daraus resultierenden Ausbruchsversuche der Jugendlichen durch Sexualität und Schmerz.
4 „Der Einzelne inmitten einer feindlichen Welt“ – Schlussfolgerungen zum „Eros Matutinus“ in der Literatur: Das Fazit fasst die literarischen Strategien der Autoren zusammen und stellt fest, dass die Pubertät als Projektionsfläche für Gesellschaftskritik dient, wobei nur die „Charakterfesten“ eine reife Existenz jenseits der rigiden bürgerlichen Normen finden.
Pubertät, Sexualität, Literatur um 1900, Fin de Siècle, bürgerliche Moral, Repression, Erziehung, Adoleszenz, Triebunterdrückung, Sozialisation, Identitätsfindung, Maskulinität, Weiblichkeit, Schmerz, Autonomie.
Die Arbeit untersucht die Darstellung pubertärer Sexualität in literarischen Werken des Fin de Siècle und analysiert, wie die bürgerliche Gesellschaft dieser Epoche durch soziale Repression und Moralvorstellungen auf das Erwachen jugendlicher Triebe reagierte.
Die zentralen Themen sind der Zusammenhang zwischen Sexualität und Gewalt, der Einfluss der Erziehungsinstanzen (Familie und Schule) sowie die unterschiedlichen Reaktionen pubertärer Jugendlicher auf die gesellschaftliche Unterdrückung.
Ziel ist es, die literarische Gestaltung der sexuellen Entwicklung unter den restriktiven Bedingungen des wilhelminischen Zeitalters aufzuzeigen und zu verstehen, wie die Protagonisten versuchen, ihre Individualität gegenüber staatlichen und familiären Machtstrukturen zu behaupten.
Die Arbeit arbeitet textimmanent und textvergleichend und bezieht dabei politische, ökonomische, soziale und psychologische Hintergründe der Epoche ein, um die Literatur als Produkt dieser gesellschaftlichen Faktoren zu betrachten.
Der Hauptteil analysiert Wedekinds „Frühlings Erwachen“, Musils „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ und Andreas-Salomés „Die Schwester“, wobei besonders die repressiven Rollen von Eltern und Lehrern sowie die daraus folgenden "Ausbruchsversuche" der Jugendlichen untersucht werden.
Wichtige Begriffe sind Pubertät, Sexualität, bürgerliche Moral, Repression, Sozialisation, Identitätsfindung und das Verhältnis von Lust zu Schmerz.
Die Mütter in den untersuchten Werken neigen dazu, die Sexualität ihrer Kinder entweder zu leugnen, totzuschweigen oder sie in ein unschuldiges, kindliches Bild zu zwingen, wobei sie im Ernstfall oft an den bürgerlichen Konventionen scheitern und das Kind verstößt.
Der Begriff stammt von Stefan Zweig und bezeichnet die erwachende, noch frühe Erotik beim pubertären Jugendlichen, die im Fin de Siècle besonders kritisch und repressiv von der Erwachsenenwelt behandelt wurde.
Ja, die Arbeit stellt fest, dass der Diskurs oft männlich geprägt ist (Homozentrismus). Während bei Jungen oft Masturbation pathologisiert wurde, versuchte man bei Mädchen, jegliche Triebhaftigkeit abzusprechen und sie zur Passivität und Frigidität zu erziehen.
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