Forschungsarbeit, 2011
113 Seiten
1. Die Philosophie Plotins und die Chancen des sokratischen Problemwissens
1.1 Einführung
1.2 Plotin als `Platoniker´
1.3 Das Philosophieren Plotins als Aufstieg zum absolut transzendenten Einen
1.4 Das Problemwissen nach Plotin und der Verlust des sokratisch qualifizierten Problemwissens
1.5 Sokratisch-kritische Anfrage an die Philosophie Plotins
1.6 Sokratisch-kritische Bewertung der Philosophie Plotins
1.7 Sokratisch-kritische Bewertung der Folgen der Philosophie Plotins für die weiteren Chancen sokratisch-problematischer Bildung
Die vorliegende Studie untersucht das „Schicksal“ sokratisch-problematischer Bildung im Neuplatonismus, wobei der Fokus auf der Philosophie Plotins als entscheidender Gelenkstelle zwischen Platon und Augustin liegt. Die Forschungsfrage zielt darauf ab, wie Plotins einheitsmetaphysischer Ansatz das sokratische Problemwissen transformiert und inwiefern dies zu einer Verengung des Bildungsbegriffs führt, der skeptisch-kritische Abständigkeit als Bildungsziel verdrängt.
1.1 Einführung
In der hier vorliegenden Studie wird das `Schicksal´ der Möglichkeiten auf sokratisch-problematische Bildung für den Neuplatonismus untersucht, weil dieser die wesentliche Gelenkstelle bildet zwischen Platon und dem `Vater des Abendlandes´, Augustin. Die Untersuchung des Neuplatonismus auf die Chancen des sokratisch-problematischen Wissens und sokratisch problematischer Bildung konzentriert sich auf die Philosophie Plotins. Denn erstens ist Plotin als dessen Begründer die zentrale Gestalt des Neuplatonismus, bedeutender als alle Späteren. Dies gilt auch für seinen Einfluss auf das frühe christlich-theologische Denken. Wegen der Zugänglichkeit seiner Philosophie über das Schrifttum wurde „die große klassische Philosophie der Griechen, insbesondere die Platos, von den Vätern der christlichen Kirche mit Plotins Augen gelesen [wurde]. Plotins Einfluß begegnet uns von Augustin an auf Schritt und Tritt.“
Plotin ist daher äußerst wichtig für das, was `der abendländische Platonismus´ genannt werden kann, und zwar für die „gesamte Tradition des Platonismus, bis in die neueste Zeit hinein“.
Durch Plotin kommt es zu dem, was man mit einer Ausdrucksweise Gadamers als `platonisch-plotinische Wirkungseinheit´ bezeichnen kann. Diese wurde erst durch das „Aufkommen des historischen Bewusstseins und die Entwicklung des historischen Sinnes im 19. Jahrhundert“ „zur Auflösung“ gebracht. „Die neue Benennung `Neuplatonismus´ ist ein sprechender Ausdruck dafür, daß man jetzt erst zwischen Plotin und Plato einen wesentlichen Unterschied erkannt hatte.“
1. Die Philosophie Plotins und die Chancen des sokratischen Problemwissens: Einleitende Darlegung der Bedeutung Plotins als zentrale Figur der platonischen Wirkungsgeschichte und als Begründer des Neuplatonismus.
1.1 Einführung: Untersuchung der historischen und systematischen Rolle Plotins zwischen Platon und Augustin.
1.2 Plotin als `Platoniker´: Analyse der Platon-Interpretation Plotins, insbesondere hinsichtlich der Identifikation des „Einen“ mit dem „Guten“ aus der Politeia.
1.3 Das Philosophieren Plotins als Aufstieg zum absolut transzendenten Einen: Darstellung des henologisch-reduktiven Verfahrens Plotins zur Erlangung der mystischen Einung.
1.4 Das Problemwissen nach Plotin und der Verlust des sokratisch qualifizierten Problemwissens: Erläuterung der Transformation des Problemwissens in Plotins Metaphysik.
1.5 Sokratisch-kritische Anfrage an die Philosophie Plotins: Kritische Rückfrage nach der epistemologischen Gültigkeit des mystischen „Einheitserlebens“.
1.6 Sokratisch-kritische Bewertung der Philosophie Plotins: Gegenüberstellung der praktischen Konsequenzen von Plotins „Weltflucht“ und der sokratischen Lebensführung.
1.7 Sokratisch-kritische Bewertung der Folgen der Philosophie Plotins für die weiteren Chancen sokratisch-problematischer Bildung: Diskussion des Verlusts der „Schulfähigkeit“ sokratischer Bildung durch die neuplatonische Mystik.
Plotin, Neuplatonismus, Sokratisches Problemwissen, Platon, Einheitsmetaphysik, Transzendenz, Henosis, Sokratische Bildung, Philosophiegeschichte, Dialektik, Mystik, Wahrheit, Epoche, Bildungsbegriff, Wissen
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Plotins neuplatonischer Philosophie zum sokratisch-platonischen Erbe, insbesondere hinsichtlich des Verlusts des „sokratischen Problemwissens“ zugunsten einer metaphysisch-mystischen Einheitserfahrung.
Zentrale Themen sind die Transformation des Platon-Verständnisses durch Plotin, die Dynamik des philosophischen Aufstiegs zum „Einen“, das Verhältnis von Vernunft und Mystik sowie die Folgen dieser Entwicklung für die abendländische Bildungsgeschichte.
Ziel ist es, die spezifisch „sokratische“ Qualität des Wissens (als skeptisch-kritische Abständigkeit) von der mystisch-einheitsstiftenden Philosophie Plotins abzugrenzen und die philosophischen sowie bildungsgeschichtlichen Folgen dieser „Platonisierung ohne Sokrates“ aufzuzeigen.
Die Arbeit nutzt eine philosophisch-hermeneutische und systemkritische Analyse der Schriften Plotins (Enneaden) sowie deren Einordnung in die Forschungsgeschichte, unter ständiger Rückbeziehung auf die sokratisch-platonische Dialogführung.
Der Hauptteil analysiert detailliert den „Weg zum Einen“, die Problematik des neuplatonischen „Emanationsdenkens“ sowie die kritische Anfrage, inwiefern die mystische Erfahrung als „Erfüllung“ des Denkens interpretiert werden kann, anstatt als deren Scheitern an der Erkenntnisgrenze.
Die Arbeit lässt sich primär über Begriffe wie Plotin, Sokratisches Problemwissen, Einheitsmetaphysik, Transzendenz und Henosis definieren.
Während für Platon-Sokrates das „Gute“ stets in die dialogische und erfahrungsweltliche Lebensführung eingebunden bleibt, radikalisiert Plotin die Transzendenz des „Einen“ zu einem metaphysischen Prinzip jenseits aller Vernunft und Dialogfähigkeit.
Der Autor argumentiert, dass Plotin das systematisch-metaphysische Element in Platon isoliert und dogmatisiert, während das für den Sokrates der Dialoge wesentliche Moment des „Nichtwissens“, der Ironie und der skeptisch-kritischen Prüfung weitgehend vernachlässigt wird.
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass durch Plotins Fokus auf das nicht-lehrbare mystische Wissen das „sokratische Problemgeschick“ als Bildungsgestalt marginalisiert wurde, was langfristig die Tendenz zu einer entpersonalisierten und rein „informativen“ Wissensgesellschaft begünstigte.
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