Diplomarbeit, 2003
93 Seiten, Note: 1,3
Einleitung
I Von den ersten Tönen zum sensorischen Kinoerlebnis
II Begriffsklärung für eine auditive Filmanalyse
Über die Schwierigkeit der Kategorisierung von Klangobjekten auf der Tonspur
Die Terminologie von Bordwell/Thompson
Die erweiterte Terminologie von Sonnenschein
Das informationstheoretische Modell von Flückiger
Die Hörmethoden von Chion
III Das Verhältnis von Bild und Ton
Synchrese und Akzentuierung
Das System des Mehrwerts
Raum und Zeit
Ein Sonderfall: Das unidentifizierbare Klangobjekt
Tonperspektive und Extension
Die Frage des Kontrapunkts
IV Mulholland Drive – Eine auditive Filmanalyse
Der Film
Synopse
Lesarten
Anmerkung
Die Grenze zwischen Musik und Geräusch
Raumtöne und Atmosphären
UKOs als offene Zeichen
Die akustische Nahaufnahme
Tonperspektive und Subjektivierung
Optisch-akustische Phänomene
Optisch-akustische Enunziationsmarkierung
Optisch-akustische Parallelisierung
Nicht simultaner Ton
Songs
Mehrwert durch Songtexte
Llorando – Eine Performance im Film
Sprache
Schlussbetrachtung: Die souveräne Tonspur
Diese Arbeit zielt darauf ab, die auditive Ebene des Spielfilms, insbesondere das Sound Design, aus einer wissenschaftlichen Perspektive zu beleuchten und eine differenzierte methodische Analyse am Beispiel von David Lynchs "Mulholland Drive" zu entwickeln.
Die akustische Nahaufnahme
Die akustische Nahaufnahme dient zum Herausstellen einzelner Klangobjekte auf der Tonspur. Ziel dieser Technik ist eine akustische Vergrößerung oder Augmentation der materiellen Eigenschaften eines Objekts unabhängig von der visuellen Perspektive und damit eine geringere Typikalität (→ Das System des Mehrwerts Seite 30). Die akustische Nahaufnahme gehört neben dem Aufeinanderschichten von Klängen, der Beschleunigung oder Verlangsamung und der rückläufigen Reproduktion zu den frühen Techniken der Präparierung klanglichen Materials:
Der erste Schritt war die Augmentation des Klanges durch Annäherung des Mikrophons, die eine völlig andere Rolle spielte als die Annäherung der Kamera an das Objekt in der visuellen Schicht. Der an eine normale auditive Perzeption gewöhnte Hörer hält eine bestimmte Distanz des Ohrs von der Klangquelle für natürlich und muß größere Abweichungen von dieser Distanz als unnatürlich empfinden. Es handelt sich hier um Verfremdungseffekte.
(Lissa 1965: 153)
Einleitung: Einführung in die Bedeutung des Tons als unterschätztes Gestaltungselement im Kino und Vorstellung des Untersuchungsgegenstandes.
I Von den ersten Tönen zum sensorischen Kinoerlebnis: Historischer Abriss der technischen und ästhetischen Entwicklung des Filmtons von den Anfängen bis zu modernen Mehrkanalsystemen.
II Begriffsklärung für eine auditive Filmanalyse: Diskussion theoretischer Modelle zur Beschreibung von Klangobjekten und Hörmethoden, um die Analyse von Tonspuren zu systematisieren.
III Das Verhältnis von Bild und Ton: Untersuchung der Wechselwirkungen zwischen visuellen und auditiven Elementen, einschließlich zentraler Konzepte wie Synchrese, Mehrwert, Raum, Zeit und Tonperspektive.
IV Mulholland Drive – Eine auditive Filmanalyse: Konkrete Anwendung der erarbeiteten Konzepte auf den Film Mulholland Drive, inklusive detaillierter Analysen von Sequenzen und speziellen klanglichen Techniken.
Schlussbetrachtung: Die souveräne Tonspur: Zusammenfassende Reflexion über die Emanzipation des Geräuschs bei Lynch und das Potenzial einer auditiven Filmanalyse.
Filmanalyse, Tonspur, Sound Design, Mulholland Drive, David Lynch, Michel Chion, Filmmusik, Synchrese, Mehrwert, Klangobjekt, Raumton, Tonperspektive, Subjektivierung, Audiovision, Kinoton
Die Arbeit befasst sich mit der Bedeutung der auditiven Ebene im Film. Sie analysiert, wie Tonspuren gestaltet sind, welche wissenschaftlichen Methoden zur Untersuchung zur Verfügung stehen und welche Rolle der Ton bei der filmischen Narration spielt.
Die zentralen Themen sind die theoretische Kategorisierung von Filmton, das Wechselverhältnis von Bild und Ton, sowie die Analyse der akustischen Gestaltungsmittel in modernen Spielfilmen.
Das primäre Ziel ist es, den Ton im Kino als eigenständige und wirkungsmächtige Kunstform zu etablieren, die in der Filmanalyse nicht länger vernachlässigt werden darf.
Die Arbeit nutzt bestehende theoretische Modelle, unter anderem von Michel Chion, Barbara Flückiger und Zofia Lissa, um diese in einer praktischen, auditiven Filmanalyse auf David Lynchs "Mulholland Drive" anzuwenden.
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsklärung zur Beschreibung von Klang, eine Analyse der allgemeinen Wechselwirkung zwischen Bild und Ton sowie eine detaillierte praktische Fallanalyse von David Lynchs "Mulholland Drive".
Wichtige Begriffe sind insbesondere Sound Design, Mehrwert, Synchrese, Tonperspektive, UKO (unidentifizierbares Klangobjekt) und auditive Wahrnehmung.
Ein UKO ist ein Geräusch, dessen Quelle nicht unmittelbar identifizierbar ist. Es fungiert als offenes Zeichen, das beim Zuschauer Fragen hervorruft und oft als bewusstes Stilmittel zur Erzeugung von Spannung und Verrätselung eingesetzt wird.
Songs dienen bei Lynch nicht nur der atmosphärischen Untermalung, sondern fungieren als komplexe Erzählelemente, die durch ihre Texte die Handlung kommentieren oder neue Bedeutungsebenen eröffnen.
Dies ist eine vom Autor geprägte Technik, bei der eine visuelle Manipulation (z.B. Unschärfe) exakt durch einen klanglichen Effekt parallelisiert wird, wodurch die Künstlichkeit des Mediums Film und eine übergeordnete Erzählinstanz sichtbar gemacht werden.

