Bachelorarbeit, 2023
50 Seiten, Note: 2,3
1 Einleitung
1.1 Biographische Daten
1.2 Werke
1.3 Relevanz der Thematik
2 Der Liber Scivias
2.1 Handschriftenproblematik
2.2 Original und Originalität im Mittelalter
2.3 Eschatologisch-anagogische Ausrichtung
3 Die Haltung gegenüber den alttestamentlichen Juden
3.1 Verehrung der Patriarchen und Propheten
3.1.1 Miniatur „Der Erlöser“
3.1.2 Miniatur „Die Säule des Wortes Gottes“
3.1.3 Miniatur „Die Synagoge“
3.2 Dichotomie von Volk und religiösen Führern
4 Das jüdische Volk im Neuen Testament und am Ende der Zeit
4.1 Feinde des wahren Glaubens und Christusmörder
4.1.1 Miniatur „Der Menschensohn“
4.1.2 Miniatur „Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser“
4.1.3 Miniatur „Die Säule der wahren Dreieinigkeit“
4.2 Bekehrung der Juden und Rettung der „Besiegelten“
4.2.1 Miniatur „Der Tag der großen Offenbarung“
4.2.2 Miniatur „Der neue Himmel und die neue Erde“
5 Indirekte Botschaften
5.1 Subtile Wertschätzung?
5.1.1 Keine Abbildung von Juden im Höllenfeuer
5.1.2 Zweiter Kreuzzug und Synagoge-Vision
5.2 Subtile Distanzierung?
5.2.1 Miniatur „Der Versucher“
5.2.2 Miniatur „Der mystische Leib“
6 Die Briefe der Hildegard von Bingen
6.1 Das Bild der Juden in Briefen
6.2 Exkurs: „Personzentrierte“ Haltung Hildegards
7 Fazit und Ausblick
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Hildegard von Bingen wurde um das Jahr 1098 in Bermersheim (bei Alzey)1 als Tochter des Edelfreien Hildebert von Bermersheim geboren und ist eine der bedeutendsten Frauen des Mittelalters.
Ihre Eltern sahen für die Tochter, die als zehntes Kind2 zur Welt kam, ein Leben als Braut Christi vor, und so wurde Hildegard mit etwa acht Jahren dem Benediktinerkloster Disibodenberg3 (Odernheim am Glan) übergeben und Jutta von Sponheim,4 die dort in einer Inkluse lebte, zur Erziehung anvertraut. Auf dem Disibodenberg legte Hildegard später ihre Ordensgelübde ab und wurde nach dem Tod Juttas, die 1136 starb, als deren Nachfolgerin zur Magistra gewählt.
Als die Gemeinschaft der Frauen auf dem Disibodenberg immer mehr anwuchs, setzte Hildegard trotz erheblicher Differenzen mit dem Abt Kuno5 und der gesamten Mönchsgemeinschaft die Gründung eines eigenen Benediktinerinnenklosters auf dem Rupertsberg6 bei Bingen durch, dem sie als Äbtissin vorstand. Nachdem auch diese neu geschaffenen Räumlichkeiten für die Vielzahl der Schwestern nicht mehr ausreichten, erwarb sie 1165 zusätzlich ein verlassenes Augustinerkloster in Eibingen.
Dem dortigen Benediktinerinnenkonvent ist die St. Hildegard-Akademie Eibingen e.V. – Zentrum für Wissenschaft, Forschung und europäische Spiritualität – angeschlossen, die mit zahlreichen bedeutenden Publikationen zum Leben und zu den Werken der großen Äbtissin an die Öffentlichkeit getreten ist.
Trotz ihrer zeitlebens labilen Gesundheit und mehrerer langer Krankheitsperioden unternahm Hildegard noch im hohen Alter Predigtreisen (ab etwa 1158), bei denen sie Klöster sowie geistliche und weltliche Würdenträger aufsuchte, aber auch auf Marktplätzen predigte. Möglicherweise traf sie sogar mit Kaiser Friedrich Barbarossa7 zusammen; zumindest korrespondierte sie mit ihm.
Am 17. September 1179 starb Hildegard im Kloster Rupertsberg. Ihre sterblichen Überreste ruhen in der Pfarrkirche von Eibingen.
Hildegard von Bingen kannte sich auf vielen Wissensgebieten aus und hinterließ bei ihrem Tod ein beeindruckendes, breit gefächertes Œuvre . Neben musikalischen Beiträgen sowie medizinisch-naturkundlichen Werken verfasste sie Viten der Heiligen Disibod und Rupert; außerdem sind fast vierhundert in Latein abgefasste Einzelbriefe überliefert.
Vielfach wird Hildegard auch als erste Mystikerin bezeichnet, da sie drei visionäre Kodices hinterließ: »Liber scivias« (Wisse die Wege) »Liber vitae meritorum« (Buch von den Lebensverdiensten), »Liber divinorum operum« (Buch von den Werken Gottes). Diese These ist jedoch zurückzuweisen, denn Hildegard fehlt die „Egozentrizität“ bekannter mittelalterlicher Mystikerinnen. Auch sucht man bei ihr vergeblich die Exklusivität einer zum Teil manieriert anmutenden bräutlichen Verbindung mit Christus bzw. dem Jesuskind und vor allem die Neigung zu massiven körperlichen Kasteiungen. So weist auch Walburga Storch eine Verbindung zwischen Hildegard und der Mystik entschieden zurück:8
„ Vor allem an Hildegards eigenen Formulierungen muß der im Verlauf der Kirchengeschichte oft gemachte Versuch scheitern, sie unter die Mystiker einzuordnen: nie war Hildegard ihrer Umwelt „ent-rückt“, nie entfloh sie schwerelos der irdischen Bindung, nie erfuhr sie die der persönlichen Heiligung dienende „süße Minne“ des himmlischen Bräutigams, das Zwiegespräch mit der Gottesmutter. “
Es ist ein ungewöhnliches Phänomen, dass die Faszination, die von ihr und ihren Werken ausgeht, noch heute lebendig ist und von Rom als Wunder anerkannt wurde, so dass Hildegard im Jahr 2012 von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben und heiliggesprochen wurde. Bereits zehn Jahre zuvor bemerkte Christian Sperber:9
„ Wie nur wenige Personen der mittelalterlichen Geschichte ist Hildegard von Bingen noch heute gegenwärtig. Versuchte man zu ihrem 800. Todestag im Jahr 1979 noch, sie mit einer Festschrift dem Vergessen zu entreißen, ist das Interesse der Wissenschaft – nicht nur der Historiographie – mittlerweile enorm gestiegen. Auch außerhalb von Forschung und Lehre befassen sich viele Menschen mit der prominentesten Nonne des 12. Jahrhunderts.“
Das Judenbild Hildegards, das im Rahmen dieser Arbeit untersucht werden soll, wurde bisher nur in einzelnen Beiträgen behandelt, die aber keine systematische Analyse des »Scivias« in Bezug auf diese Thematik vorgenommen haben.
Ausgehend von dem gegenwärtigen Forschungsstand, besteht das Ziel der Bachelorarbeit darin, folgende Fragen zu beantworten: Lässt sich eine Hierarchisierung hinsichtlich der Haltung gegenüber den Juden bzw. der jüdischen Religion erkennen? Welche Übereinstimmungen und Besonderheiten existieren im Vergleich mit zeitgenössischen Werken? Vergleichend wird primär der um 1180 entstandene »Hortus deliciarum«10 der Herrad von Landsberg (um 1125 - 1195) herangezogen – eine etwas jüngere Zeitgenossin Hildegards, die ebenfalls das Amt einer Äbtissin innehatte und als bedeutende Autorin gilt.11 Ist die Toleranz, die Hildegard in wichtigen Forschungsbeiträgen gegenüber den Juden attestiert wird, belegbar? Welche zusätzlichen Informationen sind den Briefen zu entnehmen?
Der »Liber scivias« gilt als das erste und wohl bedeutendste der Werke Hildegards, in denen sie ihre Visionen schriftlich festhält.
Insgesamt ist der »Scivias« in zehn Handschriften überliefert, von denen aber nur zwei Kodices Miniaturen aufweisen, die Salemer Handschrift,12 die jedoch erst in die Wende zwischen dem 12. und 13. Jahrhundert datiert wird, und der so benannte Rupertsberger Kodex, dessen Texte noch zu Lebzeiten Hildegards zwischen 1151 und 1195 – worüber in der Forschung weitgehend Einigkeit besteht – verfasst wurden, und zwar wahrscheinlich in dem Skriptorium des Rupertsberger Klosters. Dafür spricht u.a. ein erhaltenes Güterverzeichnis, das von derselben Hand erstellt wurde, die sich auch in dem Kodex findet.13
Was die Miniaturen14 betrifft, die den Texten später hinzugefügt wurden, ist die Übereinstimmung nicht so eindeutig. So hält Lieselotte Saurma-Jeltsch auf der Basis vergleichender Stilanalysen dafür, dass die illustrierte Handschrift vielleicht erst nach dem Tod der Äbtissin entstanden ist:15
„ Immerhin würde ja für eine Entstehung der Handschrift kurz nach dem Tode Hildegards auch die Annahme sprechen, dass gerade zu diesem Zeitpunkt Interesse bestanden haben könnte, eine Bilderhandschrift als Äquivalent des Textes zu gestalten und dabei die Bilder als die noch von Hildegard bestätigte Veranschaulichung ihrer Visionen erscheinen zu lassen.“
Dagegen sprechen wiederum Übereinstimmungen der gestalterischen Merkmale mit dem sog. Hildegard-Gebetsbuch,16 das man auf die letzten Lebensjahre der Äbtissin datiert. Maura Zátonyi, eine ausgewiesene Hildegard-Forscherin, setzt daher die Entstehung der Miniaturen bzw. des bebilderten Kodex zu Lebzeiten Hildegards von Bingen, um das Jahr 1175 an.17
Ob Hildegard an der Erstellung der Illustrationen aktiv beteiligt war oder ob ein mittelalterlicher Buchmaler ihre Visionen nach Maßgabe der textlichen Ausführungen eigenständig ins Bild setzte, ist nicht abschließend zu klären. Sollte die Bebilderung aber zu Lebzeiten Hildegards erfolgt sein, ist von einer Mitwirkung der Äbtissin zumindest im Sinne einer letztgültigen Autorisierung auszugehen.18
Das Original des Rupertsberger Kodex‘ ist leider nicht erhalten, sondern seit dem Zweiten Weltkrieg verschollen.19 Allerdings hatten wenige Jahre zuvor Eibinger Benediktinerinnen eine genaue Faksimilierung hergestellt. Diese Abschrift hat sich als äußerst zuverlässig erwiesen, denn es existieren Schwarz-Weiß-Fotografien des Originals, die vergleichend herangezogen werden können.
Da die Datierungsproblematik nicht abschließend geklärt werden kann und innerhalb der Hildegard-Forschung zudem weitgehend Übereinstimmung besteht, dass der Rupertsberger Kodex nicht die erste Fassung von Hildegards Visionen darstellt, erhebt sich die Frage nach der Originalität des Werkes.
In diesem Zusammenhang ist jedoch zu bedenken, dass unser neuzeitlicher Originalitätsbegriff im Mittelalter keine Gültigkeit hatte. Das in der Epoche der Romantik aufgekommene Verständnis „ Originalität als Ausdruck schöpferischer individueller Subjektivität“ 20 zu definieren, galt zu Lebzeiten Hildegards nicht.
Im Mittelalter fehlt bei der Entstehung eines Werkes wie dem »Scivias« weitgehend der Anspruch auf Individualität und Neuartigkeit. Erfindungsgeist bedeutete eher, tradierte Stoffe so zu bearbeiten, dass sie didaktischen Ansprüchen gerecht wurden. Im Unterschied zur Neuzeit gilt für das Mittelalter:21 „ Imitieren war ein höchst geschätztes Gut, solange das Richtige nachgeahmt wurde, in der richtigen Form, zu den richtigen Zeiten und in der richtigen Intensität. “ Auch Lieselotte Saurma-Jeltsch konstatiert, dass der neuzeitliche „Begriff von Originalität eine dem mittelalterlichen Denken fremde Vorstellung“ gewesen ist, sondern stattdessen die Überzeugung vorherrschte: „Das Alte, die Tradition verleiht dem Neuen erst die nötige Tiefe und ein ihm gebührendes Ansehen.“ 22
So bemerkt Herrad von Landsberg, die einem elsässischen Augustinerinnenkloster vorstand, in der Einleitung zu ihrem Werk, sie habe das Buch einer fleißigen Biene gleich aus göttlichen und philosophischen Schriften zusammengetragen und daraus eine Wabe geformt.23
Der »Liber Scivias« ist von Hildegard als Hinweis auf den dreieinigen Gott als Triade konzipiert. Der erste Teil handelt von der göttlichen Schöpfung und dem Geheimnis der Dreifaltigkeit. Der zweite Teil ist mit dem Erlösungswerk und der Bedeutung der Kirche befasst, und der dritte Teil thematisiert die Vollendung des göttlichen Heilsplanes.
Der Aufbau und die Sequenzierung des Werkes legen bereits nahe, dass Hildegard analog zur Geschichte der christlichen Weltalter, die von der Schöpfung über die Stationen Sündenfall und Erlösungswerk Christi zum Weltende führt, auch das übergeordnete Ziel menschlichen Lebens darin sieht, am Gerichtstag auf die Seite der Seligen gewiesen zu werden, die zu Gott emporsteigen.
Dabei nimmt sie, wie es zu ihrer Zeit üblich war, eine typologische Interpretation der Bibel vor, die das Alte durch das Neue Testament erklärt.24 So ist der »Scivias« ein dichtmaschiges Gewebe mit mannigfachen Knotenpunkten, die rückbezüglich die Inhalte des Pentateuchs aufgreifen, und das heißt zugleich: den Juden und der jüdischen Religion wird große Beachtung geschenkt.
Sehr oft greift Hildegard am Ende der textlichen Exploration einer Vision nicht nur auf neutestamentliche, sondern auch auf alttestamentliche Exempla zurück und zitiert biblische Autoritäten, die geeignet erscheinen, ihre jeweilige Interpretation zu fundieren.
Nicht nur das Buch »Scivias«, sondern auch die Briefe Hildegards enthalten viele Passagen, die von der Verehrung zeugen, welche die Äbtissin vom Rupertsberg den Patriarchen und Propheten des Alten Testaments zollte. Barbara Beuys bemerkt:25
„ Es gibt kaum einen Brief, in dem die Prophetin nicht auf Personen, Geschichten und Aussagen der jüdischen Bibel, von den Christen Altes Testament genannt, zu sprechen kommt. Zahlreich sind im »Scivias« die Beziehungen zu den jüdischen Patriarchen und Propheten. Abraham und Mose, Job und Jeremia werden voller Hochachtung als Vorläufer und Vorbilder geehrt. “
Hildegard von Bingen definierte sich als Sprachrohr Gottes, sie verwies stets darauf, dass sie ihre Gesichte und deren Bedeutung aus einer „wahren Schau“26 beziehe und das „lebendige Licht“27 ihr sämtliche Erkenntnisse offenbart habe. Damit stellt sie eine persönliche Verbindung zu den Propheten des Alten Testaments her, die von Gott in besonderer Weise erwählt wurden.
Da die Miniaturen teilweise von den Texten abweichen, sind die schriftlichen Kommentare Hildegards bei der Entschlüsselung der Illustrationen unbedingt zu berücksichtigen. Warum diese Abweichungen zustande gekommen sind, lässt sich nur vermuten. Vielleicht war die bildliche Umsetzung zu schwierig oder der Buchmaler hat seine eigenen Vorstellungen einfließen lassen.
Vor allem drei der insgesamt fünfunddreißig Miniaturen nehmen unmittelbar Bezug auf Patriarchen und Propheten, so die Illustrationen „Der Erlöser“, „Die Säule des Wortes Gottes“ und „Die Synagoge“.
Die Miniatur (Abb. 1) „Der Erlöser“28 (erste Vision des zweiten Teils) bildet in einer anschaulichen Verdichtung die gesamte Schöpfungsgeschichte ab. Gott erscheint als blauer Lichtkreis, der vom Himmel aus in die Erde eindringt. Das sechs Tage umfassende Schöpfungswerk ist im Zentrum des Bildes in Dubletten komprimiert. Der von Gott erschaffene Mensch erscheint einmal im Paradies und einmal als ein dem Tod verfallener Adam. Erlöst wird der Mensch erst durch Christus, der am unteren linken Bildrand als vergoldete Figur in einer rotgoldenen Flamme abgebildet ist.
Der Bezug auf das Alte Testament erfolgt innerhalb eines breiten schwarzen Bandes, das die Mitte der Miniatur durchzieht und in dem mehrere, in ihrem Umfang sehr unterschiedliche Sterne abgebildet sind.
Der größte Stern stellt Johannes den Täufer dar, der in einer geraden Linie über dem Haupt Jesu schwebt und somit auf den Gottessohn verweist. Die drei nächstgrößeren Sterne auf der gegenüberliegenden Seite der Miniatur aber symbolisieren die Patriarchen und damit letztlich auch die Gründungsgeschichte des jüdischen Volkes; hier nennt Hildegard Abraham, dem Gott zum Zeichen seines Bundes die Beschneidung befahl, seinen Sohn, den Erzvater Isaak, und Jakob, der den Beinamen „Israel“, das heißt Gottesstreiter, erhielt und zum Stammvater der zwölf Stämme Israels wurde:29
„ Daß aber dann in dieser Finsternis in einem Glanz drei sehr große Sterne erscheinen und nach ihnen viele andere, kleine und große, in hellem Schein funkelnd, deutet auf die drei großen Leuchten als Abbild der göttlichen Dreifaltigkeit, nämlich Abraham, Isaak und Jakob; sie umarmen sich gegenseitig sowohl im gläubigen Tun als auch in Blutsverwandtschaft (carnis coniunctione) und durchstoßen die Finsternis der Welt mit ihren Vorzeichen.“
Die auf die Trinität verweisende Dreizahl bedeutet eine Aufwertung der drei genannten Propheten und stellt eine präfigurative Antezedenz in Bezug auf das neutestamentliche Heilsgeschehen dar.30
Im »Scivias« sind insgesamt neunzehn Sterne abgebildet. Subtrahiert man die genannten vier personalisierten Leuchten – die drei Patriarchen und den Täufer Johannes –, erhält man die Zahl fünfzehn. Interessanterweise unterscheidet die jüdische Religion, anders als das Christentum, nicht sechzehn, sondern nur fünfzehn Propheten, da das Buch Daniel nach jüdischem Verständnis nicht zu den prophetischen Schriften gezählt wird.
Hat Hildegard das gewusst und hat sie dies dem Illustrator vielleicht mitgeteilt? Wir wissen es nicht. Auszuschließen ist es aber auch nicht, es hängt davon ab, wann man die zeitliche Entstehung des bebilderten Rupertsberger Kodex ansetzt. Die Zahl Fünfzehn könnte bei einer frühen Terminierung auf eine profunde Kenntnis der jüdischen Religion schließen lassen, die über das Wissen um die Inhalte des Alten Testaments hinausgeht.
Die Säule (Abb. 2) bezieht sich auf die vierte Vision des dritten Buchteils; sie enthält links und rechts mehrere Abzweigungen und erinnert damit an einen Baum bzw. assoziativ an Wurzel-Jesse-Darstellungen.
Auf der rechten Seite sitzen die Patriarchen Abraham, Mose und Josua auf einem je eigenen Ast, die einzigen, die Hildegard in dem erläuternden Text namentlich nennt. Mose wurden von Gott die Gesetzestafeln ausgehändigt, und Josua ist jener Patriarch, dem es vergönnt war, die Hebräer in das Gelobte Land zu führen.31 Zwei der insgesamt vier alttestamentlichen Figuren sind durch den Judenhut32 kenntlich gemacht. Ihre linke Hand deutet gen Himmel in die göttliche Sphäre, aus der – wie ihre Prophezeiungen christlicherseits interpretiert wurden –, der Heiland entsandt wird. Hildegard bemerkt zu den Patriarchen und Propheten:33
„ Denn auf die geistliche Ermahnung des Heiligen Geistes wendeten sich alle um und schauten auf die Lehre des Evangeliums von der Kraft des Gottessohnes, der gegen den Teufel kämpfte, sprachen über seine Menschwerdung und staunten darüber, daß er aus dem Herzen des Vaters und dem Schoß der Jungfrau kam und sich durch große Wundertaten in seinem Werk und an denen, die ihm nachfolgten, offenbarte.“
Auf der rechten Seite der Säule sind jene Gestalten platziert, die am allegorischen Gebäude der Kirche entscheidend mitwirkten bzw. mitwirken: Apostel, christliche Eremiten, Märtyrer und Personen, die ein Leben in Askese und geschlechtlicher Enthaltsamkeit wählten. Zuoberst dieser Säule befindet sich eine weiße Taube, Symbol für die göttliche Dreifaltigkeit und die Taufe Christi, was jedoch auch eine Abgrenzung gegenüber dem Judentum bedeutet.
Auch bei dieser Miniatur liegt der Beziehung zwischen Altem und Neuem Testament ein typologisches Verständnis zugrunde. Den Patriarchen und Propheten kommt eine hohe, wertschätzende Bedeutung zu, aber primär aufgrund des Verdienstes, dass sie zurzeit des alten Bundes den Humus bereiteten, aus dem das Christentum erwachsen ist und dass sie bereits die Menschwerdung Christi und das neue Gesetz verkündeten. Lieselotte Saurma-Jeltsch zieht daher folgendes Fazit:34
„ In der Säule des Wortes Gottes sind somit der Zusammenhang von Altem und Neuem Testament und die Bedeutung des Wortes als Gottesoffenbarung in besonders eindrucksvoller Weise verbildlicht worden. […] . Vorausschauend auf das Kommende drängen die alttestamentlichen Patriarchen dem Licht entgegen, von dem bereits die Apostel, Bekenner und Märtyrer eingehüllt sind.“
In der Epoche des Hochmittelalters verdichtete sich die Auseinandersetzung zwischen Christen und Juden in allegorischen Abbildungen von Synagoga und Ecclesia – Personifikationen, in denen sich der jüdische und der christliche Glaube symbolhaft bündeln.35
Die meisten Darstellungen folgen dabei einem bestimmten Schema: Zwei Frauenfiguren werden einander antithetisch gegenübergestellt, wobei die eine als triumphierende Siegerin und die andere als gedemütigte Verliererin skizziert ist.
Um diese Botschaft zu illustrieren, sind den beiden Frauengestalten charakteristische Attribute beigegeben. Die Ecclesia tritt typischerweise mit einer Krone auf und hält in der einen Hand einen Kelch und in der anderen ein Kreuz bzw. die Kreuzfahne. Die Synagoga hingegen erscheint mit verbundenen Augen, gebrochener Fahnenlanze und den Gesetzestafeln, die ihr aus der Hand gleiten oder schon auf dem Boden liegen.
In der mittelalterlichen Buchmalerei werden die beiden Figuren häufig der Kreuzigungsszene integriert. Die Ecclesia wendet sich Christus zu, während sich die Synagoga abwendet. Bei einigen dieser Darstellungen kommt Christus eine aktive Rolle zu, indem er die Synagoga verstößt und der Ecclesia den Platz an seiner Seite zuweist.36 Diese Miniaturen transportieren sämtlich dieselbe Botschaft: Ecclesia ist die neue, von Gott erwählte Braut, während Christus über die Synagoga das „Fi donc“ verhängt.
Auf diese Weise wird die Doktrin vermittelt, das alte Gesetz sei erloschen, da Christus für die Erlösung der Menschheit den Kreuzestod erlitten und so Tod und Teufel besiegt habe. Der neue Bund umschließt jetzt die Gemeinschaft der Christen, die als neues Gottesvolk in die Geschichte eingetreten sind.
Die Synagoge-Miniatur (Abb. 8) im »Scivias« (fünfte Vision des ersten Teils) weicht von diesen Darstellungen in profunder Weise ab. Bereits aufgrund der Tatsache, dass die Synagoga für sich alleinsteht, gewinnt sie an Bedeutung; die Ecclesia ist ihr nicht unmittelbar zur Seite gestellt37 und beide Frauenfiguren erscheinen auch nicht im Rahmen einer Kreuzigungsszene.
Außerdem fehlen der Synagoga die typischen Attribute Lanze und Augenbinde. Ihre Augen sind zwar geschlossen, aber ihr Haupt schmückt, was ungewöhnlich ist, ein goldener Reif. Der Reif der Synagoge gleiche, so Hildegard, dem Morgenrot, denn „ bei ihrem Ursprung deutete sie ja das Wunder der Menschwerdung des Eingeborenen Gottes an und zeigte die leuchtenden Tugendkräfte und Geheimnisse an, die folgten.“38
Sehr ungewöhnlich und in keiner vergleichbaren Miniatur anzutreffen, ist auch die weitere Ausgestaltung der Figur. Hildegard erklärt:39
„ Und in ihrem Herzen trägt sie Abraham: Denn er setzte in der Synagoge den Anfang der Beschneidung. Und in ihrer Brust Moses: Er senkte nämlich das göttliche Gesetz in das Herz der Menschen. Und in ihrem Schoß die übrigen Propheten; d.h. diejenigen, die in der ihr von Gott übergebenen Einrichtung die Aufsicht über die (Einhaltung der) göttlichen Gebote haben.“
Über dem Haupt von Mose, der auf den verschränkten Armen der Synagoga sitzt, schwebt ein überdimensionaler Judenhut, und er hält in seiner rechten Hand die beiden Gesetzestafeln. Hildegard verdichtet in dieser Miniatur und dem dazugehörigen Text ihre respektvolle Haltung gegenüber den Religionsgründern Abraham und Mose, die beide mehrfach im »Liber Scivias« erwähnt werden.40
Im Unterleib der Synagoga sind zwölf Männer abgebildet, die Hildegard Propheten nennt, ohne sie im Einzelnen namentlich zu kennzeichnen. Allerdings ist Abraham anhand seines Messers zu identifizieren – hier weicht die Illustration von der Audition ab, der zufolge Abraham im Herzen der Synagoge ruht.
Heinz Schreckenberg subsumiert die Darstellung der Synagoge bei Hildegard unter dem Oberbegriff „Versöhnung“ und listet darunter auch zwei Abbildungen aus dem Werk »Hortus deliciarum« auf, die ebenfalls sehr besonders sind und eine hohe Wertschätzung des Alten Testaments erkennen lassen.
Die Miniatur „Der Stammbaum Christi“ (Abb. 9)41 setzt die Wurzel Jesse ins Bild und fügt dabei die Gestalt Abrahams ein, wofür es in sonstigen, bekannten Darstellungen kein Vorbild gibt. Die zweite von Schreckenberg kommentierte Illustration „Die Opfer des Alten Bundes“ (Abb. 10)42 zeigt eine janusgesichtige Miniatur mit Mose und Jesus.
Der Autor erwähnt an dieser Stelle aber nicht, dass der »Hortus deliciarum« auch eine Abbildung umschließt, die den gängigen, hostilen Darstellungen von Ecclesia und Synagoga entspricht. Die Miniatur „Die Kreuzigung“43 integriert die figuralen Allegorien der Kreuzigungsszene, wobei die Ecclesia an der Seite Christi steht und sein Opferblut auffängt, während sich die Synagoga abgewandt hat und auf einem Esel reitet, der im Mittelalter als dummes, störrisches Tier allgemein verachtet war (Abb. 11 ). Diese Miniatur setzt den Gegensatz zwischen Ecclesia und Synagoga, zwischen dem alten und dem neuen Gesetz, nachdrücklich in Szene – eine Darstellungsform, mit der die »Scivias«-Miniatur wenig gemein hat.
Die Synagoga sei, so Hildegard, von Gott ursprünglich zur Braut und Mutter Christi bestimmt gewesen, doch sie habe versagt und Christus als Sohn des lebendigen Gottes verleugnet und von sich gestoßen. Dennoch birgt ihr Körper für Hildegard eine wertvolle Fracht, nämlich jene heiligen Männer, mit denen Gott einst einen Bund schloss. Angela Carlevaris greift diese dualistische Zweipoligkeit auf und charakterisiert die Synagoge bei Hildegard von Bingen als „ mater incarnationis, die Mutter der Menschwerdung; aber ihre Füße sind blutig, weil sie den Propheten der Propheten tötete. Ein tragischer Gegensatz.“44
Obgleich die Synagoge als eindrucksvolle, imposante Gestalt erscheint, kommt man nicht umhin zu konstatieren, dass Hildegard keinen Zweifel daran lässt, dass die Juden Schuld auf sich luden und immer noch laden, weil sie Christus nicht als ihren Herrn anerkennen wollen, weswegen ihr die Synagoge als blinde und fahle weibliche Gestalt erschienen sei:45
„Die Synagoge blickt nicht in das wahre Licht, weil sie den Eingeborenen Gottes mit Verachtung anschaute: darum bedeckt sie die Werke der Gerechtigkeit mit dem Überdruß ihrer Trägheit und schüttelt ihre Betäubung nicht ab, sondern sie verbirgt sie gleichgültig, als ob sie gar nicht vorhanden wären.“
Außerdem seien ihre Füße, so Hildegard, rot gefärbt, „ denn zur Zeit ihrer Vollendung tötete sie den Propheten der Propheten und kam dadurch selbst zu Fall;“46 Hier erhebt sie also den Vorwurf des Gottesmordes gegenüber den Juden.
In der Synagoga-Miniatur findet sich kein Hinweis auf das jüdische Volk zur Zeit des alten Bundes, und diese „Leerstelle“ hat ihren Grund.
Hildegard etabliert an mehreren Textstellen eine Dichotomie zwischen den geistlichen Führern im Alten Testament und dem jüdischen Volk, den „Laien“, der in vielen Aussagen offenkundig wird. Sie überträgt die Verehrung der Patriarchen und Propheten keinesfalls generalisierend auf die alttestamentlichen Juden.
Während Hildegard die Propheten und Patriarchen meist als religiöse Vorbilder zelebriert, kritisiert sie nachdrücklich jene Juden, welche die Lehren dieser erwählten Männer verwarfen und gegen das Gesetz Gottes aufbegehrten:47
„Sicherlich fällt über euch die Spaltung herein, die am Horeb entstand, wo das jüdische Volk ein Götzenbild erstellte und in teuflischem Hohn zu tanzen begann, wie auch manche zu tanzen pflegen, oder der Abfall zu Baal, an dem viele zugrundegingen; oder der Abfall zur Unzucht, bei dem man bei den Madianitern schändliche Taten beging, und weitere ähnliche Dinge.“
An einer anderen Stelle wirft sie den Juden des Alten Testaments Hartherzigkeit vor und verweist innerhalb dieser Textstelle ebenfalls auf ihre mangelnde Bereitschaft, den Bund mit Gott einzuhalten.48
„ Daß aber im Alten Testament für Blutsverwandte eine Gesetzesvorschrift zur Heirat bestand, geschah wegen ihrer Hartherzigkeit. Sie sollten miteinander in Frieden leben und die Liebe sollte so stark zwischen ihnen sein, daß sie sich nicht als voneinander getrennte Stämme im Umgang mit den Heiden vermischten und meinen Bund brächen, bis die Zeit kam, in der mein Sohn die Fülle der Liebe brachte und die Blutsverbindung des fleischlichen Bundes auf ein anderes, sittenreines Volk (cum pudore verecundiae) übertrug.“
Diese Aussagen zum Verhalten der alttestamentlichen Juden leiten über zu Hildegards Verurteilung des jüdischen Volkes im Neuen Testament.
4 Das jüdische Volk im Neuen Testament und am Ende der Zeit
Die Einstellung gegenüber den Juden war zur Zeit Hildegards in den Reihen des Klerus und in der Sicht maßgeblicher theologischer Autoritäten zwiespältig. Zum einen galten die Juden als Gegner des Christentums, als verstockte Leugner des wahren Glaubens und als Christusmörder, die Gott zur Strafe in alle Welt zerstreut habe. Der Vorwurf des Mordes an dem Gottessohn speist sich vor allem aus einem Brief des Paulus an die Thessalonicher (1 Thess. 2,15), in dem er schreibt:49
„ Denn, Brüder und Schwestern, ihr seid dem Beispiel der Gemeinden Gottes in Judäa gefolgt, die in Christus Jesus sind. Ihr habt von euren Mitbürgern das Gleiche erlitten wie jene von den Juden. Diese haben Jesus, den Herrn, und die Propheten getötet; auch uns haben sie verfolgt. Sie missfallen Gott und sind Feinde aller Menschen.“
Andererseits galten Juden als wichtige Zeugen des Lebens und der Wunder Christi und sollten daher geschützt werden. Die hieraus resultierende Ambivalenz wird bereits bei Augustinus deutlich:50
„Es könnte ja vielleicht jemand sagen, jene Weissagungen von Christus, die unter dem Namen der Sibylle oder etwa auch anderer gehen, die nichts mit den Juden zu tun haben, seien von den Christen erdichtet. Uns aber genügen die, welche den Schrifttexten unserer Gegner zu entnehmen sind, und wir begreifen, daß sie um eben dieses Zeugnisses willen, das sie uns wider Willen dadurch abgeben müssen, daß sie diese Schriften besitzen und bewahren, über alle Völker zerstreut sind, soweit sich die Kirche Christi auch ausbreitet. Ist doch in den Psalmen, die sie wie wir lesen, auch dies schon vorhergesagt, denn das heißt es: «Gottes Erbarmen wird mir zuvorkommen. Er erwies es mir in meinen Feinden. Töte sie nicht, daß sie nicht dereinst dein Gesetz vergessen; zerstreue sie durch deine Kraft.»“
Die Päpste Eugen III. und Alexander III. – mit beiden stand Hildegard in brieflichem Kontakt – bestätigten die sog. „Schutzbulle der Juden“, die als „Sicut Judaeis“ erstmals um 1120 von Papst Calixt II. erlassen wurde51 und im Wesentlichen besagte, dass man die gesetzlich verbrieften Rechte der Juden zu achten habe, ihnen darüber hinaus aber keine Zugeständnisse machen solle. Eugen III. verwehrte sich ebenso wie Bernhard von Clairvaux nachdrücklich gegen die Verfolgung oder gar Ermordung von Juden.
Dieser Hintergrund dürfte Hildegard bekannt gewesen sein, und es stellt sich die Frage, wie sie sich diesem ideologischen Spektrum zuordnet?
Hildegard von Bingen erhebt gegen die Juden mehrfach die Anklage, sie seien Feinde des wahren Glaubens und hätten die Sünde begangen, den Gottessohn zu kreuzigen. Diesen Gedanken greifen vor allem die Miniaturen „Der Menschensohn“, „Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser“ und die „Säule der wahren Dreieinigkeit“ bzw. die erläuternden Texte auf.
Josef Krasenbrink, der in seinem Beitrag zur Haltung Hildegards von Bingen gegenüber den Juden alle drei visionären Werke berücksichtigt, bemerkt:52
„ Die Grundwertung Hildegards, die in allen drei Werken zum Ausdruck kommt, ist die Glaubensverweigerung, ist die Ablehnung Jesu als Gottessohn und damit die Leugnung der Trinität. “
Hildegard geht aber über die genannten Punkte noch hinaus, indem sie die Juden mehrfach zu Mördern deklariert. Andererseits ist ihr Judenbild komplexer, als es das Fazit Krasenbrinks nahelegt, indem es mehr und subtilere Differenzierungen aufweist.
Ins Bild gesetzt wird hier die zehnte Vision des dritten Teils des »Scivias« in Form einer Miniatur (Abb. 12), die aus drei Bildzonen besteht. In der obersten Zone erscheint Christus, auf einem siebenstufigen Thron sitzend und in ein rot-goldenes Gewand gekleidet. Sein Körper ist nur bis zur Hälfte sichtbar, denn, so die Erklärung Hildegards, die Geschehnisse der Endzeit, in der Christus als oberster Richter zurückkehrt, bleiben allen Menschen letztlich verborgen.
In der mittleren Bildzone verkörpern weibliche Figuren die Christus zugeordneten Tugenden der Beständigkeit, der Sehnsucht nach dem Himmel und der Herzenszerknirschung.53 In der unteren Bildzone erscheint eine nur aus Kopf und Brust bestehende Figur in einem Rad, neben der eine Gestalt mit weißem Antlitz und Engelsflügeln positioniert ist. Beide symbolisieren die Vollkommenheit in Christi, die Weltabgewandtheit und die Eintracht, die nach der Gemeinschaft mit den Engeln strebt.
Den Bezug zu den Juden stellt Hildegard durch die nicht vollständig ausgebildete, von einem Lichtkreis umgebene Christusfigur her. Die Unvollkommenheit seiner Gestalt erläutert sie wie folgt:54
„ Zwischen der starken Kraft des allmächtigen Gottes und dem auserlesenen Werk seiner Güte gibt es sehr viele Menschen, die den wahren Glauben verleugnen und mehr dem Zeitlichen als dem Ewigen nachjagen, wie die Heiden, Juden und falschen Christen. Sie verfallen ständig von einem Laster ins andere und schauen in den irdischen Angelegenheiten nicht auf zum Spiegel des katholischen Glaubens; sie bemühen sich vielmehr in ihren Begierden, eine verkehrte Handlung in die Tiefe der Sündhaftigkeit zu ziehen.“
Mit den falschen Christen sind hier wohl an erster Stelle die Katharer gemeint, die sie auch in ihren Briefen als Häretiker angreift und scharf verurteilt,55 die Heiden sind gleichbedeutend mit den Muslimen und an dritter Stelle werden die Juden angeklagt, die den wahren Glauben ebenfalls verachten. Aber Hildegard geht über diesen Vorwurf noch hinaus, indem sie den Angehörigen dieser Gruppen unterstellt, sich eher um weltliche als um göttliche Angelegenheiten zu sorgen bzw. von sündhaften Begierden besessen und allen Lastern zugeneigt zu sein.
Die Miniatur (Abb. 13), die sich auf die dritte Vision des zweiten Werkteils bezieht, besteht aus vier, die Kirche personifizierenden Bildzonen, wobei die rechte untere Bildzone die Bedeutung des christlichen Taufgeschehens thematisiert. Dem Betrachter zeigt sich eine in ein goldenes Gewand gehüllte monumentale weibliche Gestalt mit einer Krone auf dem Haupt. Sie ist vor einem blauen Hintergrund mit weißen, sternenartigen Punkten positioniert und nicht vollständig ausgebildet, indem ihr die unteren Gliedmaßen fehlen, denn – so Hildegards Erklärung – das Heilswerk der Kirche ist noch nicht vollendet.
Den Unterleib der allegorischen Figur bedeckt ein netzartiges Gebilde, in das „ schwarze Kinder wie Fische “56 hineinschwimmen. Diese schwärzlichen Gestalten steigen in dem Leib der Frauengestalt empor und treten durch ihren Mund als nunmehr in Gold erstrahlende menschliche Figuren wieder aus, die durch die Taufe in Christus wiedergeboren und von ihrer Sündenlast befreit wurden.
In diesem Zusammenhang wird aber auch auf jene verwiesen, die nicht den Weg des Heils beschreiten und die Kirche, die Braut Christi, bekämpfen, und hier nennt Hildegard neben Häretikern und Heiden wiederum die Juden:57
„ So widersteht auch die Kirche ihren boshaften Verderbern, den Irrlehren der Häretiker – nämlich den christlichen, jüdischen und heidnischen – die sie befeinden und ihre Jungfräulichkeit – den katholischen Glauben – vernichten wollen.“
Die Braut Christi wehrt solche Angriffe jedoch mit Hilfe ihres himmlischen Bräutigams ab und Hildegard zieht hier eine deutliche Parallele zwischen dem wahren Glauben und der Jungfräulichkeit:58
„ Der wahre Glaube, d.h. die Grundlage (materia) ihrer Jungfräulichkeit, bleibt von allem Irrtum unberührt, wie auch die Würde der keuschen Jungfrau auf dem Fundament ihrer leiblichen Keuschheit gegenüber aller Ansteckung durch die Begierde standhaft und unversehrt bleibt.“
Abgebildet ist eine dunkelrote Säule (siebte Vision des dritten »Scivias«-Parts), wobei das Rot auf den Opfertod Christi verweist, die das Geheimnis der Dreifaltigkeit in sich birgt (Abb. 14). Die Säule verfügt über drei Kanten, denen abgeschnittenes Stroh (alle, die den wahren Glauben bekämpfen, werden eliminiert), morsches Holz (Menschen, die den wahren Glauben ablehnen) und Federn beigegeben ist. Die Federn bezieht Hildegard auf die Pharisäer zur Zeit Jesu, die sie bezichtigt, auf allzu hohem Kothurn zu schreiten und ihnen die Radix der Sünden „Superbia“ vorwirft:59
„ Und eine richtete sich nach Nordwesten; dorthin fällt eine Menge von ihr zerschlissene Federchen, weil die Gottheit die stolze Prahlerei des jüdischen Volkes, das sehr hochmütig im Geistesstolz dahineilt, zu Boden warf, als es aus eigener Kraft (in semetipso) und nicht in Gott gerecht sein wollte. So verhielten sich die Pharisäer, welche versuchten, hoch in den Himmel hinaufzusteigen, im Selbstvertrauen und auf sich selbst bauend [...].“
Die Audition erläutert anhand eines bilderreichen Gleichnisses, dass Gott seinen Sohn Mensch werden ließ und alle, die an Christus glauben, durch ihn erlöst werden und das ewige Leben gewinnen. Auch dieser Text enthält heftige Vorwürfe gegenüber den Juden als Gottesmörder:60
„Inzwischen kam die Zeit des Wahnsinns (insanarum cordium), so daß die Juden lärmend versuchten, viele Spaltungen gegen den Sohn Gottes hervorzurufen, um ihn in dieser großen Unruhe zu töten. Und als sie so all ihre Bosheit nach Wunsch ins Werk setzten, da geschah unter vernichtendem und mächtigem Donnerschlag ein so großer Mord, wie er niemals zuvor und noch später sein wird, so daß die Erde bebte, […].“
Hildegards Kritik an den neutestamentlichen Juden zentriert sich also in folgenden Punkten: Die Juden beharren hochmütig auf dem alten Gesetz, erkennen Christus nicht als Gottes Sohn an und ließen ihn verfolgen und töten. Es fehlen versöhnliche Textpassagen, welche auf die eingangs zitierte Bedeutung der Juden in Bezug auf ihre Zeugenschaft hinweisen.
Hildegard von Bingen ist andererseits aber davon überzeugt, dass sich die Juden am Ende aller Tage zu Christus bekennen. Sie werden, so Hildegard, von ihrer Verblendung lassen, sich gegen die Einflüsterungen des Teufels entscheiden und ihren Platz neben den Christen einnehmen.61
Die Überzeugung, Gott werde das Volk des alten Bundes am Ende retten, vertreten auch der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux und Papst Eugen III., die sich dabei auf entsprechende Bibelstellen beziehen, vor allem auf einen Brief des Paulus an die Römer (Röm 11, 26), der dahingehend ausgelegt wurde, Gott habe bestimmt, dass das jüdische Volk erst vor dem Endgericht den wahren Glauben annehmen:62
„ Verstockung liegt über einem Teil Israels, bis die Vollzahl der Heiden hereingekommen ist, und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: Es wird kommen aus Zion der Retter, / er wird alle Gottlosigkeit von Jakob entfernen. Und das ist der Bund, den ich für sie gestiftet habe, / wenn ich ihre Sünden hinwegnehme.“
Daher wandten sich beide gegen die Bestrebung einer allgemeinen Missionierung der Juden und gegen Zwangstaufen, da der Plan Gottes ein anderer sei.
Hildegards Glaube, Gott werde sich am Zeitenende auf seinen Bund mit dem Volk Israel besinnen, verdeutlicht auch die elfte Vision des dritten Teils des »Scivias«. Hier verkündet Gott ihr, er werde nicht Apostel, sondern Henoch und Elias entsenden, damit sie den Antichristen bekämpfen „ und die Irrenden zum Weg der Wahrheit zurückführen. Sie werden meinen Gläubigen die stärksten und kräftigsten Tugenden vor Augen führen.“63
Diese Verbildlichung (Abb. 15) der zwölften Vision des dritten Buchteils thematisiert die Endzeit, die Auflösung der Welt, die Rückkehr Christi und die Auferstehung der Toten, die dem letzten Gericht zugeführt werden.
In zwei mittig positionierten kreisförmigen Gebilden erscheint in dem oberen Kreis die Christusfigur, während der untere Kreis eine symbolträchtige Darstellung der Schrecken der Endzeit enthält: Unwetter und Stürme aufgrund der in Unordnung geratenen Elemente.
Christus, der am Tag des Untergangs der alten Erde zurückkehrt, thront inmitten einer rotgoldenen Flamme. Er ist nimbiert und breitet segnend seine Arme aus, wobei das Rot des rahmenden Kreises und seiner Tunika wiederum auf den Kreuzestod zur Rettung der sündhaften Menschheit verweist. Zu seiner Rechten und zu seiner Linken sind ihm zahlreiche Engel beigegeben, welche die Arma Christi in Händen halten.
Hildegard unterscheidet in der Erläuterung dieser Vision zwischen sog. „Besiegelten“ und „Unbesiegelten“. Die „Besiegelten“ sind, so Hildegard, jene, die im Glauben lebten, ihn mit guten Werken bezeugten, und zwar entweder nach dem alten oder dem neuen Gesetz. In dieser Miniatur und dem erklärenden Text werden also keineswegs nur die Christen bzw. die sich bekehrenden Juden am Jüngsten Tag von Christus gerettet:64
„ Und einige von ihnen sind mit dem Glauben besiegelt, manche aber nicht, […] . Dadurch unterscheidet man sie öffentlich, denn jene haben den Glauben in Werken vollendet, diese jedoch haben ihn in sich ausgelöscht. Etliche aber tragen dieses Zeichen des Glaubens nicht, denn diese wollten weder unter dem alten Gesetz noch in der neuen Gnade die Erkenntnis des lebendigen und wahren Gottes besitzen.“
Ein wirbelnder Sturm – personifiziert zwischen den beiden Kreisen ins Bild gesetzt – trennt innerhalb dieser Illustration die „Besiegelten“ von den „Unbesiegelten.“65 Die „Besiegelten“ eilen nach der Beendigung des Gerichts zum Himmel empor, während die „Unbesiegelten“, die Gesetz und Glauben verwarfen, den Teufeln in der Hölle übergeben werden.
Jene Juden, die vor der Geburt Jesu lebten, das Gesetz Mose einhielten und gute, gottwohlgefällige Werke vollbrachten, bezieht Hildegard also ausdrücklich in das christliche Heilsversprechen mit ein. Der Hinweis auf die Einhaltung des Bundes mit Gott legt nahe, dass sich Hildegard innerhalb dieser Textstelle primär auf die Patriarchen und Propheten bezieht.
Diese Illustration (Abb. 16) nimmt Bezug auf die zwölfte Vision des dritten »Scivias«-Teils und ist in zwei große untere und einen kleineren oberen Kreis unterteilt, wobei die Kreise in sich ebenfalls eine Unterteilung aufweisen. In dem oberen Kreis thront Christus, dem kleineren inneren Kreis ist das gekreuzigte Gotteslamm eingefügt. Außerhalb des Kreises stehen Maria und Johannes der Täufer an der Seite Christi.
Der große mittlere Kreis umschließt sehr verschiedenartige Personengruppen: Männer und Frauen, Junge und Alte, Apostel, Märtyrer etc. Im Vordergrund steht Petrus, deutlich erkennbar an seinem Himmelsschlüssel. Die Figuren erscheinen in dichter Staffelung und vermitteln auf diese Weise den Eindruck, hinter ihnen sammele sich eine unermessliche Menschenschar.
In dem untersten Kreis erscheint die neue Erde, die nach der Durchführung des göttlichen Gerichts entsteht. Diese Erde ist als paradiesischer Ort mit idealisierten Pflanzen und glänzenden Sternen abgebildet. Die vier Elemente sind nun besänftigt, und es wird keine Nacht und keine Dunkelheit mehr geben.
Zu den Geretteten, die in den Glanz der göttlichen Dreifaltigkeit eingehen, aber gehören, so Hildegard, die Patriarchen und Propheten, ja, sie werden sogar als leuchtende Blumen Christi gerühmt:66
„ Dort leuchten alle Blumen meines Sohnes, nämlich die Patriarchen und Propheten, die vor seiner Menschwerdung gelebt haben, die Apostel, welche mit ihm auf Erden wandelten, und die Märtyrer, Bekenner, Jungfrauen und Witwen, die ihn gläubig nachahmten, und jene, die meiner Kirche sowohl in weltlichen als auch in geistlichen Belangen vorangestellt wurden, und auch die Einsiedler […].“
Hier greift die Audition zurück auf die Miniatur „Der Erlöser“ (Abb. 1), in der die Propheten und Patriarchen mit hellstrahlenden Sternen verglichen werden.67 Diese Rückbezüglichkeit ist ein weiterer Fingerzeig auf Hildegards Ehrfurcht vor dieser auserwählten Personengruppe, die gewissermaßen den gesamten Kosmos umgreift, indem sie Himmel und Erde erleuchtet.
Um das Bild, das Hildegard in ihren Visionen und Explikationen von den Juden zeichnet, zu komplettieren, ist es zielführend, ergänzend auch ein wenig „zwischen den Zeilen“ zu lesen.
Hildegards profunde Kenntnisse des Alten Testaments belegen zahlreiche Zitate und Verweise innerhalb des »Liber scivias« auf den Pentateuch. Es bleibt jedoch die Frage zu stellen, inwieweit diese Kenntnisse auch das Wissen um jüdische Werte und Regularien jüdischen Lebens implizierten, die im 12. Jahrhundert vertreten und praktiziert wurden.
Hat Hildegard Juden überhaupt persönlich kennengelernt? Letzteres wird in der Forschung weitgehend als gegeben angenommen. Theoderich von Echternach berichtet in seiner Vita,68 dass viele Juden zu Hildegard auf den Rupertsberg kamen und die Äbtissin versucht habe, sie durch religiöse Unterweisung zum Christentum zu bekehren:69 „ Sed et Iudeos dum ad se venirent causa interrogationis, convictos de lege sua ad Christi fidem exhortabatur veris pie admonitionis. “
Das ist zwar die einzige, bisher bekannte Belegstelle, aber bereits die Tatsache, dass sich in Bingen, das heißt in unmittelbarer Nähe des Klosters Rupertsberg, eine bedeutende jüdische Gemeinde befand, lässt es als wahrscheinlich annehmen, dass ein wie auch immer gearteter Konnex zwischen Hildegard und zeitgenössischen Juden aus den benachbarten Städten und Ortschaften bestand. Beweisen lässt sich das aber letztlich nicht.
Das Werk »Scivias« beinhaltet Indizien, die sich möglicherweise als indirekte Hinweise auf eine wertschätzende Haltung Hildegards gegenüber „God’s chosen people“ deuten lassen.
Es findet sich im »Scivias« keine Miniatur, die Juden, welche als solche gekennzeichnet sind, der Hölle zuweist. Hingegen ist dem »Hortus deliciarum« eine Höllen-Illustration70 (Abb. 17) eingefügt, die in der dritten von insgesamt vier horizontalen Bildzonen Ritter und Juden zeigt, die in einem Kessel über loderndem Feuer gequält werden, weil sie gegen das Gebot „Du sollst nicht töten“ verstießen und damit eine Todsünde begingen. Außerdem findet sich auf diesem Folium eine Fülle phantasievoll ausgemalter spiegelnder Strafen. Otto Gillen führt hierzu aus:71
„ In der mittelalterlichen Kathedral-Skulptur begegnen uns häufig solche und ähnliche Motive. So erkennt man in den Weltgerichts-Darstellungen der Tympana von Chartres, Amiens und Troyes deutlich den Geizigen an dem Geldbeutel, den er am Halse trägt. Die Höllen-Darstellungen der Malerei zeigen die gleiche drastische Auffassung, die nur zu erklären ist aus der Absicht, mit solchen Szenen die Gemüter der Beschauer abzuschrecken und die Gläubigen auf dem Wege der Tugenden zu halten.“
Im »Liber floridus«72 (Abb. 7) öffnet sich vor der Synagoga der Schlund der Hölle, um alle Juden zu verschlingen.
Die aus dem 12. Jahrhundert stammende romanische Wiltener Patene (Abb. 18 ) enthält diverse Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, die durch Inschriften kenntlich gemacht sind. Auch hier finden sich auf der Unterseite Juden, die dem helllodernden Höllenfeuer zuschreiten.
Bernhard Blumenkranz verweist zu Recht auf die Gefahren solch eindrücklicher Bilder: Eine derartige Imaginierung „ ist in mehrfacher Beziehung schwerwiegend. Vor allem in seiner nachhaltenden Wirkung: das Wort des Predigers verhallt, aber das Bild währt. Dann in seiner eindringlichen Wirkung: was im Wort Nuance erfahren kann, mit Aufzeigung von Für und Wider, mit Begründung und Erklärung, wird im Bild zu nuancenloser Behauptung zusammengerafft, zusammengeballt.“73
Innerhalb der Hildegard-Forschung wird die Frage gestellt,74 warum die große Visionärin zu den Pogromen geschwiegen hat, von denen während des Ersten Kreuzzugs die nahe dem Disibodenberg und dem Rupertsberg gelegenen SCHum-Gemeinden heimgesucht wurden und die in das kulturelle Gedächtnis – nicht nur der Juden – eingegangen sind.
Zu Hildegards Lebzeiten warb Bernhard von Clairvaux in Wort und Schrift für den Zweiten Kreuzzug, und im Jahr 1144 bestand die konkrete Gefahr, dass sich die Pogrome des Ersten Kreuzzugs wiederholten. Es wurden sogar Mordtaten an einzelnen Juden begangen, die sich hilfesuchend an einen Freund und Unterstützer Hildegards, Hermann von Stahleck, wandten. Die ermordeten Juden hatten sich geweigert zum Christentum überzutreten und bezahlten die Treue zu ihrem Glauben mit dem Tod.75
Während der Kreuzzugseuphorie im Vorfeld des Zweiten Kreuzzugs rief außerdem ein Zisterziensermönch namens Radulf im Rheinland offen zum Töten von Juden auf. Der Erzbischof von Mainz, Heinrich I. Felix von Harburg, bat Bernhard von Clairvaux um Unterstützung. Der Zisterzienserabt begab sich in das Rheinland und traf dort im Jahr 1146 mit Radulf zusammen. Bernhard klagte den Mönch wegen seines eigenmächtigen, nicht autorisierten Vorgehens an, verurteilte nachdrücklich jede Form von Judenhetze und setzte den Hasspredigten Radulfs ein Ende. In einem überlieferten Brief76 trat er nachdrücklich für die Schonung der Juden ein.
Zu diesen Vorkommnissen hat sich Hildegard nie geäußert, und es erhebt sich die Frage, warum? Matthias Schmandt zieht zur Erklärung die Synagogenvision heran.77 Obgleich sich diese Vision auf das Alte Testament bezieht, vertritt er dennoch die Auffassung, die Vision, welche die Würde und die heilsgeschichtliche Bedeutung der jüdischen Religion betone, habe eine Art Handlungsanweisung zum Umgang mit den Juden in einer fanatisierten Zeit bedeutet:78
„ So wird die Synagogenvision gerade (i.O. kursiv) durch ihren vermeintlich so abgehobenen, an der Gegenwart scheinbar gänzlich uninteressierten Charakter, den wir eingangs konstatiert haben, zu einem höchst zeitgebunden, gewissermaßen politischen Statement: als göttlich legitimierte Aussage einer Prophetin im damals so populären sibyllinischen Gewande, die den von Endzeitvorstellungen geplagten (oder beglückten) Zeitgenossen im Sinne Bernhards von Clairvaux einen Maßstab für persönliches Handeln gegenüber den Juden an die Hand gab.“
Darin mag ein Körnchen Wahrheit liegen, aber die Hauptgründe für Hildegards Schweigen sind wahrscheinlich andere gewesen. Zum einen sollte man ihre Distanz gegenüber den Juden nicht unterschätzen, und zum anderen begreift sie irdische Schreckensszenarien als gottgesandte Prüfungen, deren Leidensgehalt vergleichsweise sekundär ist, da das Ziel menschlichen Lebens für die Nonne Hildegard darin bestand, einst in die ewige Seligkeit einzugehen. Daher enthalten mehrere Briefe zwar Zeitklagen, die aber nicht in Veränderungsintentionen münden, sondern eher bloße Statements darstellen, so etwa der Brief an einen unbekannten Geistlichen:79
„O Persönlichkeit, die du zum Stellvertreter Christi ernannt bist, höre: Die gegenwärtige Zeit ist keine Zeit der Heilung; sie besteht vielmehr aus schlangenähnlichen Sitten.“
Am deutlichsten spiegelt sich diese hinnehmende Haltung Hildegards wohl in einem Schreiben an Kaiser Konrad wider:80
„ Nach diesen Zeiten werden jedoch ˂noch> schlimmere kommen, in denen die wahren Israeliten gegeißelt werden. Und in ihnen wird der katholische Stuhl vom Irrtum erschüttert werden, und die letzten Zeiten werden deshalb voller Lästerung wie ein verwesender Kadaver sein.“
Der »Scivias« ist insgesamt auf die Endzeit ausgerichtet, und es ist daher nicht überraschend, dass auch fast alle Briefe Hildegards mit der Aufforderung an den Adressaten enden, das eigene Leben so zu gestalten, dass er am Ende zu den Geretteten und nicht zu den Verworfenen gehört. Das heißt, sie appelliert stets an das Memento mori, an die Warnung des Matthäus: Darum seid wachsam, denn ihr wisst weder Tag noch Stunde, zu welcher des Menschen Sohn kommen wird..81 Vor diesem Hintergrund schreibt sie an den Dekan von St. Martin in Mainz:82
„ Säe auch in deinen Garten den Samen fruchtbringender Tugenden, und werde der Frau ähnlich, welche die verlorene Drachme sucht, damit Freude im Himmel herrsche, und du sogar ein Edelstein im himmlischen Leben wirst, sodass du in Ewigkeit lebst.“
Ähnlich lauten die Schlussworte eines Briefes an eine Äbtissin (Köln, St. Agatha?): „ Nun betrachte also den Anfang deines guten Eifers, damit du einen von Zuversicht erfüllten Tod stirbst und ewige Belohnungen vom himmlischen Meister empfängst. “83
Hildegards Schweigen zu den Verfolgungen, denen die Juden in Zusammenhang mit den Kreuzzügen ausgesetzt waren, ist also eher als Konsequenz einer religiösen Haltung zu verstehen, die menschliches Leid als Manifestation göttlichen Willens vergleichsweise gering schätzt im Vergleich zu der Herrlichkeit, die auf gläubige Christen, die ein Leben im Sinne Gottes geführt haben, nach dem Tod wartet.
Dem »Scivias« sind auch Fingerzeige inhärent, die eine Distanzierung bis hin zur Diskriminierung des jüdischen Volkes und der jüdischen Religion nahelegen. So enthält das Werk eine Miniatur, die man auf weltliche Juden, die zurzeit Hildegards lebten, beziehen kann.
5.2.1 Miniatur „Der Versucher“
Im Mittelpunkt dieser (Abb. 19) in zwei Bildzonen untergliederten Miniatur (siebte Vision des zweiten Teils) steht der Teufel mit seinen mannigfaltigen Versuchungen, der nichts unterlässt, um verführbare Menschen von ihrem Weg zu Gott abzubringen.
Hildegard unterscheidet hier vier Gruppen: jene, die unbeirrt nach Gott streben, jene, die lässig sind, jene, die straucheln, aber Buße tun, und schließlich jene, die verdammt werden, da sie nur auf weltlichen Glanz aus sind und daher der Hölle anheimfallen.
Die untere Bildzone zeigt die Verführungen anhand materieller Dinge, die auf zwei Tischen ausgebreitet sind. Hier bietet Frau Welt wie auf einem Markt ihre bunten Waren an. Hildegard erläutert:84
„ Denn im Tod, den man unter der Linken des Verderbers versteht, sieht man einen Marktplatz, d.h. die schlimmen Taten, die zum Tod führen (eiusdem mortis): am verderblichen Reichtum entzünden sich nämlich Stolz und eitler Ruhm, an den vergänglichen Vergnügungen Übermut und Begierde und am Handelsgeschäft Verkauf und Erwerb vieler Arten irdischer Leidenschaften.“
Die „Verkäufer“ dieser teuflischen Waren aber erscheinen als Juden – deutlich erkennbar an dem Judenhut –, die den Beruf des Kaufmanns ausüben, was mit historischen Gegebenheiten übereinstimmt.85
Zu Lebzeiten Hildegards gingen Juden zwar durchaus noch handwerklichen Tätigkeiten nach und waren zu einem kleinen Teil sogar Landwirte, aber sie betätigten sich bereits weitgehend als Händler und Geldverleiher, denn ihre beruflichen Möglichkeiten wurden durch entsprechende Erlasse und Verordnungen seitens der katholischen Kirche und der Obrigkeiten zunehmend beschnitten.
So schloss der christliche Lehnseid als Voraussetzung für die Übertragung von Landbesitz die Juden aus. Ab dem 11. Jahrhundert schlossen sich Handwerker zunehmend in Zünften zusammen, zu denen Juden keinen Zugang hatten, und ein die Christen betreffendes Zinsverbot, das 1179 auf dem dritten Laterankonzil noch einmal bestätigt wurde, führte zu einer zunehmenden Abdrängung der jüdischen Bevölkerung in den Bereich des Handels und Geldverleihs:86
„Auf diese Weise in bestimmte Berufsgruppen gedrängt, wurden Juden nicht nur zu religiösen, sondern auch wirtschaftlichen Außenseitern. In vielen Landstrichen wurden sie als Händler oder Geldverleiher wahrgenommen, und das waren in der Regel nicht die geachtetsten Berufe.“
Die Miniatur greift also einerseits reale Verhältnisse des 12. Jahrhunderts auf, transportiert andererseits aber auch die verbreitete, negative Wahrnehmung von Juden als weltlich gesinnten, auf Profit bedachten, gierigen Händlern.
Allerdings muss eingeräumt werden, dass diese Miniatur nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Haltung Hildegards zulässt, denn in der Auditio werden nur die alttestamentlichen Juden, die von Gott abfielen, indem sie Götzenbilder und Baal verehrten, erwähnt.87 Es könnte also eine Idee des Buchmalers gewesen sein, die „Versucher“ als zeitgenössische Juden abzubilden. Wenn man aber bedenkt, dass Hildegard in dem erklärenden Text zur Miniatur „Der Menschensohn“88 den Juden übertriebene Weltliebe und als Konsequenz Sündenverfallenheit attestiert, ist es doch sehr wahrscheinlich, dass die Miniatur mit Hildegards Billigung das Stereotyps des jüdischen Wucherers aufgreift, sofern die Illustrationen, wofür vieles spricht, noch zu Lebzeiten der Äbtissin entstanden sind.
Die Miniatur (Abb. 20) stellt ergänzend zur Synagoge-Illustration eine durchgoldete Allegorie der Kirche dar.89 Wie die Synagoga erscheint auch die Ecclesia als monumentale weibliche Gestalt. Sie ist in Orantenstellung abgebildet, trägt eine Krone und scheint in einem bläulich-rötlich-weißen Licht zu schweben.
Über ihrer Brust wölbt sich eine Art aufbrechende goldene Knospe, in der mehrere symbolische Figuren platziert sind. Im Vordergrund – bedeutungsperspektivisch hervorgehoben – befindet sich die Muttergottes, dahinter sind jene Menschen abgebildet, die sich um Christi willen zur Ehelosigkeit verpflichtet haben. Diese nennt Hildegard Töchter Zions, obwohl auch Bischöfe, erkennbar an ihrer Mitra, dazugehören. Die Töchter Zions sind Jungfrauen und in illusionistischer Weise aufgefächert, um den Eindruck einer unendlichen Schar zu vermitteln:90
„ Daß du aber rundum eine riesige Schar Menschen erblickst, die das Mädchen umstehen und heller als die Sonne leuchten, und alle wunderbar mit Gold und Edelsteinen geschmückt sind, heißt: Der erhabene Chor der Jungfrauen umarmt in leidenschaftlicher Liebe die edle Jungfräulichkeit, sie alle erstrahlen vor Gott in flammenderer Helligkeit, als sich die Sonne auf Erden zeigt, […].“
Auch in dieser fünften Vision des zweiten Teils äußert sich Hildegard direkt zu dem Ideal eines sexuell enthaltsamen Lebens bzw. des freiwilligen Verzichts auf eine Eheschließung. Sie legt dar, dass Christus eine Frau, die um seinetwillen auf einen menschlichen Partner verzichtet, reich belohnen werde:91
„ So wird auch ein Mädchen, das meinem Sohn freiwillig in heiliger Vermählung dargebracht wird, geziemend von ihm aufgenommen, weil er die auf diese Weise mit ihm Verbundene zur Gefährtin haben will. Auf welche Weise? Wie sie ihn in keuscher Liebe umarmt, so liebt auch er sie in seiner geheimen Erwählung (in secreto suo);“
Lieselotte Saurma-Jeltsch schlägt hier die Brücke zu einem Brief Hildegards an Tenxwind von Andernach,92 die einem Reformkloster vorstand, in dem die Äbtissin vom Rupertsberg die besondere Stellung der Jungfrauen hervorhebt:93
„ Daher tragen die Jungfrauen in der Miniatur und dem Text auf ihrem Haar den Reif mit den Medaillons der drei Personen und sind entweder in das Rot der Morgenröte oder in das Hyazinth des saphirblauen Leuchtenden (Miniatur 11) gehüllt.“
Die Autorin geht aber leider nicht auf die eminente Bedeutung der Jungfräulichkeit als eines übergreifenden Themas ein, das in zahlreiche Miniaturen und Texte des »Liber scivias« sowie in viele Briefe eingeflossen ist.
Aus dieser akzentuierten Hervorhebung der Virginität kann man eine indirekte, vielleicht unbewusste, vielleicht aber auch gezielte Abgrenzung und Kritik hinsichtlich der jüdischen Religion ableiten.
Das Judentum kennt ebenso wie der Islam kein gottesfürchtiges Leben ohne Fortpflanzung. Jeder ist gehalten, eine Familie zu gründen und Kinder zu zeugen gemäß dem biblischen Auftrag: „Seid fruchtbar und mehret euch“ und eingedenk des Versprechens, das Gott einst Abraham gab, er werde die Juden zu einem großen Volk machen, zahlreich wie die Sterne am Himmel, wenn sie den mit ihm geschlossenen Bund einhalten.
Noch heute hat die Familie, haben Kinder in Israel eine weit höhere Bedeutung als in westlichen Gesellschaften. So führt der Rabbiner Walter L. Rothschild aus:94
„ Das Judentum schreibt der Familie auch eine religiöse Funktion zu. Nach der Tempelzerstörung wurde das Heim ebenso wie die Synagoge zum Mittelpunkt der Religion. Idealer Weise ist die jüdische Familie »ein kleines Heiligtum« (Ezechiel 11,16), in dem die Eltern Priestern gleichen und der Esstisch einem Altar.“
Auch die uralten Trauerriten beim Tod eines Ehepartners/einer Ehepartnerin lassen diese Unterschiede deutlich werden. Während der Sohn elf Monate hinweg das Kaddisch bei jedem Morgen-, Nachmittags- und Abendgebet spricht und für die nahen Angehörigen gilt, dass jede Art von Vergnügungen und Festen in diesen elf Monaten zu vermeiden sind, trifft das nicht für den zurückbleibenden Ehepartner zu. Dessen Trauerzeit ist auf gerade einmal dreißig Tage – die sogenannten Schloschim – begrenzt:95
„ Der zurückgebliebene Ehepartner ist […] nach den Schloschim kein Trauernder mehr, das sind dann nur noch die Kinder und andere nahe Verwandte. Die Thora will, dass der Mensch nicht allein bleibe. Und so soll der Witwer oder die Witwe so schnell wie möglich wieder heiraten können.“
Kann Hildegard das gewusst haben? Durchaus, und es ist daher vielleicht kein Zufall, dass sie sich gerade im Rahmen dieser Vision deutlich gegen das Judentum wendet, indem sie in der Audition erläutert, dass jeder, der gegen das im Profess gelobte Keuschheitsgebot verstößt, Christus ebenso verachtet, wie es die Juden getan haben:96
„ Er verachtete den, dessen Zeichen er persönlich empfing und mit Füßen trat, wie auch die Juden ihn verachteten, als sie ihn in wahnsinnigem Unglauben an das Kreuz hefteten. Denn wie die Juden vor diesem Unrecht nicht zurückschreckten, so scheut sich auch dieser nicht, dieses Leiden in seinem Gelöbnis herabzuwürdigen. “
Hildegard von Bingen fühlte sich berufen, auf die Menschen ihrer Zeit erzieherisch einzuwirken. Von dieser Überzeugung geleitet, betätigte sie sich nicht nur als Autorin bedeutender Werke, sondern hinterließ auch einen umfangreichen Corpus an Briefen, in denen sie Ratschläge und Rügen erteilte sowie zentrale Sinn- und Glaubensfragen erörterte. Insgesamt sind 389 in Latein abgefasste Einzelbriefe überliefert, die sich an Papst und Kaiser, an Bischöfe, Äbte und Äbtissinnen, aber auch an einfache Nonnen und Mönche sowie Laien in unterschiedlichen Ländern richteten.
In der Regel fehlt leider eine Datierung, auch ist der Absender nicht immer genannt. Außerdem sind bedauerlicherweise keine Originale erhalten geblieben, sondern nur Abschriften, manchmal in Form einer dritten oder vierten Abschrift.97
Ab der Mitte des 12. Jahrhunderts, als sich die Anfragen an Hildegard summierten, erstellte man auf dem Rupertsberg Kopien von Briefen der Magistra, um sie an Ratsuchende zu verschicken. Dies geschah unter der Ägide von Hildegards Berater, dem Mönch Volmar.98 Bei dieser Zusammenstellung wurden die Briefe zum Teil bearbeitet, was im Mittelalter jedoch keineswegs als ehrenrührige Fälschung galt.99
Die überarbeitete Kompilation legte den Schwerpunkt auf die Korrespondenz mit hochgestellten Persönlichkeiten, während man Briefe an unbedeutende Laien zum Teil wegließ. Ebenso wie in Bezug auf den »Liber scivias« kann man also auch hinsichtlich der Briefe nicht das neuzeitliche Verständnis von Originalität voraussetzen.100
Ziel des Redigierens war es, die Bedeutung Hildegards als einer von Gott berufenen Prophetin herauszustellen. Da Hildegard zu dieser Zeit noch lebte und Volmar ein enger Vertrauter war, sind die Korrekturen aber höchstwahrscheinlich mit ihrem Einverständnis erfolgt.
Maura Zátonyi unterscheidet zwei Traditionsstränge in Hinblick auf die Briefe, einen älteren wohl ursprünglicheren Strang und einen jüngeren, der redaktionell bearbeitet wurde, woran Hildegard aber durchaus beteiligt gewesen sein kann. Die textkritische Edition der Briefe von Lieven Acker und Monika Klaes-Hachmöller, die auch der Übersetzung von Walburga Storch zugrunde liegt, versucht, die einzelnen Schreiben in einen historischen Entstehungszusammenhang einzuordnen und kommt dem originalen Briefwechsel wohl am nächsten.101
Die Briefe zeichnet eine sehr eindrucksvolle, gleichnishafte und imaginative Sprache aus. Hildegard erteilt ihre Ratschläge nie direkt, sondern verweist stets darauf, dass sie nur das Sprachrohr Gottes sei und Gott ihr alle Botschaften in einer inneren Schau gezeigt und in einer Auditio erläutert habe.
Die Briefe Hildegards bestätigen weitgehend die Inhalte der Miniaturen bzw. der Begleittexte. So finden sich in vielen Briefen Passagen, welche eine Hochschätzung gegenüber den Patriarchen und Propheten erkennen lassen. Beispielsweise empfiehlt sie einem Geistlichen, wahrscheinlich ein Prior, sich die Propheten zum Vorbild zu nehmen:102
„ Die Propheten haben den Sohn Gottes vorherverkündet, dann sahen Ihn die andern und nahmen Ihn in wahrem Glauben auf. So ahmen auch die Lehrer, welche die Leitung der Kirche auf sich nahmen, den Sohn Gottes nach. Die Jungfräulichkeit Mariens aber, die den Gottmenschen gebar, müssen die Mönche und Jungfrauen nachahmen, um der Welt fremd zu sein.“
Vielfach schlägt sie die Brücke zwischen dem Alten Testament und den geistlichen Ämtern zu ihren Lebzeiten, indem sie Patriarchen und Propheten auf der Basis ihres zeittypischen typologischen Bibelverständnisses als Präfigurationen deutet.103
In jenen Briefen, die das Neue Testament thematisieren, werden die Juden wie auch im »Liber scivias« als Ungläubige dargestellt, die Christus nicht als Gottessohn erkannt haben, sondern ihn verleugneten und weiter verleugnen und an ihm zu Mördern wurden. Entsprechend äußert sich Hildegard in einem Brief an den Erzbischof Hillin von Trier:104
„ Oh, Oh, Adam war ein unerhörtes Zeugnis für alle Gerechtigkeit und die Wurzel jeglichen Menschensamens. Danach erhob sich in seinem Geschlecht ein männlicher Geist, der sich zu drei Gruppen entwickelte wie ein Baum, der sich in drei Äste verzweigt. Die erste Gruppe verhielt sich folgendermaßen: Die Söhne Adams wählten unter ihren Möglichkeiten. In der zweiten aber erhoben sich die Menschen zu verwegenem Menschenmord.“
Und in einem Schreiben an die Mönche vom Disibodenberg führt sie aus:105
„So haben auch die Kinder Israels Gott verachtet, als Er durch den Segen Abrahams, das ˂Füll>horn der Segnungen über sie emporhob und sie aus Freude über ihre Schönheit auf seinen Schoß nahm. Doch sie murrten zu ihrem Schaden, widerstanden Gott verwegen und versäumten die Heiligung durch Christi vergossenes Blut.“
In Erwartung des bevorstehenden Weltgerichts, das Hildegard vor allem in den abschließenden Passagen ihrer Briefe wiederholt thematisiert, geht sie nur vereinzelt auf die Juden ein, so in einem äußerst umfangreichen Brief an einen unbekannten Adressaten, in dem sie die Besonderheit und Heilsbedeutung des himmlischen Jerusalems beschreibt. In diesem Zusammenhang erwähnt sie auch das Schicksal des jüdischen Volkes, das am Ende gerettet werde. Christus sei der Eckstein, der die Mauern des Tempels des himmlischen Jerusalems verbinde, und sie erklärt:106
„ Er wohnt auch durch das Gewand seiner Menschheit bei den Menschen, und sie sind sein Volk, und Er ist sein Gott. Denn Er hat die alte Schlange beraubt, als Er es mit großer Macht befreite. […] . Gott wischt nämlich seinem Volk durch seine Menschheit und auch durch den Schmuck des himmlischen Jerusalems jede Träne – die Unwissenheit des Unglaubens, in der es blind für den wahren Glauben war – ab.“
Das hohe Lob der Jungfräulichkeit durchzieht wie eine immer wieder aufgenommene Perlenschnur auch die Briefe der Äbtissin vom Rupertsberg. In einem sehr ausführlichen Schreiben an den Prior des Klosters Eberbach greift sie die Vision von den vier apokalyptischen Wesen auf und setzt den Löwen mit den Mönchen gleich, die der Welt entsagt haben. Die Jungfräulichkeit sei, so Hildegard, heilig, da Gott selbst sich mit ihr verbunden habe, indem er eine Jungfrau erwählte, die seinen Sohn gebären sollte:107
„ Wie nämlich der Löwe die übrigen Tiere an Stärke übertrifft, so übertreffen diese in gewaltiger göttlicher Kraft die übrigen Menschen, denn obgleich sie Menschen sind, leben sie nicht wie Menschen.“
Ähnlich äußert sie sich in einem Schreiben an die Nonnen des Klosters von Zwiefalten:108
„ Wenn sich eine Frau der ehelichen Bindung an einen Gatten um Gottes Willen entzieht, und sich nicht mit einem Manne vermählen will, o welch großer Adel zeigt sich dann an ihr! Denn die Vermählung mit dem himmlischen König steht ihr zu, weil sie einen irdischen Mann zurückwies. Und so soll sie Gott umfangen und ihrem Herrn anhangen, weil sie keinen irdischen Mann besitzt.“
Insgesamt, so das Fazit, liefern die Briefe keine, von dem »Scivias« abweichende Stellungnahmen, sondern konsolidieren die aus den Miniaturen und Texten ableitbaren Überzeugungen und theologischen Konzepte Hildegards.
Viele Menschen wandten sich in kritischen Lebenssituationen hilfesuchend an Hildegard. Es waren Menschen, die sich in einem Entscheidungskonflikt befanden, sich durch ihr Amt überfordert fühlten, sich wegen ihrer Sünden anklagten und/oder unter depressiven Verstimmungen litten. Dabei handelt es sich größtenteils um Konflikte und Belastungen, die Menschen in der Jetztzeit veranlassen, sich ratsuchend an Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten zu wenden.
Selbstverständlich war Hildegard von Bingen keine Psychotherapeutin im modernen Sinne. Und selbstverständlich lässt sich ihr Weltbild kaum mit dem des modernen Menschen vergleichen. Umso erörternswerter ist die Frage, warum sich so viele Menschen rat- und trostsuchend an gerade diese Nonne gewandt und ihre Antworten als hilfreich empfunden haben?
Ein wesentlicher Grund besteht mit Sicherheit darin, dass sie als Autorität galt, als eine Auserwählte, der sich Gott in Visionen zu erkennen gab. Nicht zufällig verweist sie in ihren Briefen immer wieder darauf, nicht sie spreche, sondern Gott rede durch sie.
Außerdem trägt die sehr bilderreiche, auf allgemeingültige Aussagen abzielende Sprache dazu bei, dass unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen ihre Ratschläge auf sich beziehen und ihnen eine hilfreiche göttliche Botschaft entnehmen konnten. Auch erörtern die Briefe partiell allgemeine Glaubensfragen, die über die individuelle Lebenssituation des Adressaten hinausgingen und von übergeordneter Bedeutung waren, was u.a. erklärt, warum ein Teil der Briefe kopiert und an mehrere Ratsuchende verschickt werden konnte.
Aber das ist es nicht allein. Wer sich ein wenig mit psychologischen Beratungsansätzen auskennt, dem fällt auf, dass Hildegard von Bingen in vielen Briefen die von Carl Rogers, Begründer der Personzentrierten Psychotherapie, geforderten Basisvariablen realisiert, die sich in der empirischen Forschung, vor allem in Beratungssituationen, als überaus hilfreich und positiv verändernd erwiesen haben.109 Dazu gehören:
· Kongruenz
· Empathie
· Wertschätzung
Kongruenz meint, dass der Beratende mit sich selbst im Einklang stehen soll und um seine gegenwärtige psychische Verfassung wissen muss. Dazu gehört auch, sich nicht hinter einer Rolle zu verschanzen, sondern dem Ratsuchenden auf Augenhöhe und ohne Maske zu begegnen. Damit geht unter Umständen einher, die eigene Befindlichkeit dem Klienten mitzuteilen.
Und in dieser Weise verhält sich Hildegard. Es ist bisweilen erstaunlich, wie offen sie über Schicksalsschläge, persönlichen Kummer und schwere Krankheitstage berichtet. So schreibt sie an den Abt Ludwig (St. Eucharius): „ Ich arbeite jetzt – allein wie ein Waisenkind – am Werk Gottes, da mein Helfer mir genommen worden ist, wie es Gott gefiel.“ 110 Und dem Mönch Wibert (Gembloux) teilt sie mit:111
„ Ich wollte einige Fragen schriftlich beantworten, obwohl ich bis jetzt mit einer Schwäche des Körpers geplagt bin und meine Tränen noch nicht zurückhalten kann, dass ich den Stab meines Trostes nicht ˂mehr> habe.“
Die Empathie-Variable wiederum fordert von Beraterinnen und Beratern, in die Welt des anderen einzutreten, als sei es die eigene, und den anderen aus dieser, seiner ganz persönlichen Welt heraus zu verstehen. Daraus folgt u.a., dem Ratsuchenden durch entsprechende Rückmeldungen ein besseres Verständnis seiner selbst zu ermöglichen, eine hypothetische Erklärungsbasis anzubieten, die dazu anregt, sich selbst weiter zu explorieren und ggf. zu verändern.
Diese Form von Empathie lässt sich in vielen Briefen Hildegards nachweisen. Ihre Rückmeldungen enthalten oft Erkenntnisse bzw. Deutungen in Bezug auf Charaktereigenschaften, Probleme und Emotionen, die dem Briefpartner Einsichten und Anregungen vermittelten, mit denen er sich vertieft auseinandersetzen konnte. Ein derartiges Exemplum stellt Hildegards Antwortbrief an eine Äbtissin (Köln, St. Agatha? dar:112
„ Unruhig ist dein Geist wegen der lehmigen Stellen und der Sorge um die vielen Wasserläufe, die versiegen. Lehmige Stellen besitzen nämlich jene, die hart und versteinert sind und sich nicht von den Bächen der Lehre der Heiligen Schrift erweichen lassen. Doch du sagst innerlich: Wer und was bin ich, und wie kann ich so etwas aushalten ?“113
Unter Wertschätzung, der dritten Basisvariablen, versteht Carl Rogers, dass man den anderen um seiner Person willen schätzt, auch wenn man dessen Entscheidungen, Ziele und Wertsetzungen nicht unbedingt teilt. Kritik sollte nie den Wert des anderen als Person in Frage stellen.
Auf diesem Hintergrund fällt auf, dass Hildegard bei aller, oft sehr direkt und scharf geäußerten Kritik an Verhaltensweisen oder Entscheidungen des Schreibers/der Schreiberin fast jeden ihrer Briefe mit einem positiven Statement hinsichtlich der Person des Adressaten beendet und zusichert, er oder sie sei wertvoll und werde von Gott geliebt. Aus dieser Haltung heraus schreibt sie dem Mönch Dietzelin (Siegburg, St. Michael):114
„ Dein Geist aber ist wie ein Wildbach mit klarem Wasser, doch ein wenig unruhig. Jetzt aber erhebe dich in Sanftmut, wie ˂similis> die Sonne, die jedwede Witterung besänftigt und beruhigt. So mache du es, tapferer Streiter, und stelle das Licht deiner Seele so auf, dass du nicht durch Übermaß an etwas vertrocknest. Denn Jesus liebt dich und will dein Opfer.“
Ganz ähnlich gestaltet sie auch die letzte Passage eines Briefes, der für eine Äbtissin (Lubolzberg?) bestimmt war:115
„ Daher schaue ich dich wie einen rötlich schimmernden Glanz der Sonne durch die Eingebung des Heiligen Geistes; und du kommst durchaus nicht mit der Verbannung in das ˂ewige> Verderben in Berührung. Vielmehr blickst du durch Reue, die eine liebreiche Mutter ist, wie ein Adler in die Sonne und deshalb liebt Gott dich sehr. Nun lebe in Ewigkeit.“
Und vielleicht besteht in dieser wertschätzenden Haltung, die sie gegenüber ratsuchenden und zum Teil verzweifelten Menschen zeigte, einer der Mosaiksteine, die erklären, was die Faszination Hildegards, ihre Strahlkraft, ausgemacht hat. Jene Variablen, die sich in ihren Briefen nachweisen lassen, wird sie sicher auch in persönlichen Kontakten gelebt und dabei wahrscheinlich keinen Unterschied zwischen Christen und Juden gemacht haben.
7 Fazit und Ausblick
Die Haltung Hildegards gegenüber den Juden im »Liber scivias« kann man bei aller gebotenen Vorsicht angesichts der Tatsache, dass es sich bei diesem Werk nicht um einen Autographen handelt, insgesamt als hierarchisiert, facettenreich und ambivalent charakterisieren. Ihre Kommentare enthalten unbarmherzige Härten, aber auch die Tonart Bewunderung, je nachdem ob sie sich auf die Juden des Alten oder Neuen Testaments, auf religiöse Führer oder das Volk bezieht. Die Wertungen reichen dabei von einer ausgeprägten Idealisierung bis zu heftigen Anklagen und schweren Schuldzuweisungen.
Im Vergleich zu zeitgenössischen Abbildungen vertritt Hildegard in der Synagoge-Vision eine deutlich achtungsvollere Haltung gegenüber dem Judentum bzw. der jüdischen Religion, die sich jedoch vor allem auf die alttestamentlichen Patriarchen und Propheten bezieht, denen sie höchste Wertschätzung entgegenbringt.
Das Alte Testament selbst ist letztlich aber auch für die Visionärin Hildegard nur eine Art „Erfüllungsgehilfe“ in Bezug auf das Neue Testament. Es hat in erster Linie dienende Funktion. Alle Ereignisse und Personen werden, wie es beispielsweise in extensio die Miniaturen des berühmten Klosterneuburger Altars (Abb. 21) mit ihrer christlichen Epochenunterteilung in „ante legem“, „sub lege“ und „sub gratia“ demonstrieren, als Typus-Antitypus-Konstellationen gedeutet. Diese Auffassung impliziert letztlich eine Abwertung des Judentums, indem die Juden von den Christen auf diese Weise gewissermaßen aus ihrer eigenen Religion „hinauskatapultiert“ werden.
Außerdem erscheint das alttestamentliche jüdische Volk im Unterschied zur Verehrung der Patriarchen und Propheten überwiegend negativ, denn es zeichnet sich, so Hildegard, durch den Unwillen aus, auf seine, von Gott inspirierten geistlichen Führer zu hören und die Gebote des alten Gesetzes einzuhalten.
Gegenüber den neutestamentlichen Juden scheint die Äbtissin vom Rupertsberg sogar in Teilen eine unduldsamere Haltung einzunehmen als maßgebliche geistliche Autoritäten, indem sie nur die Blindheit und den Gottesmord der Juden thematisiert, ohne ihre wertvolle Zeugenschaft zu erwähnen.
Eine vielleicht bewusst vorgenommene Abgrenzung bzw. Kritik hinsichtlich des Judentums kann auch der eminent hohen Bedeutung, die Hildegard der Jungfräulichkeit beimisst und die sich in vergleichbaren Quellen, etwa dem »Hortus deliciarum«, so nicht findet, zugeschrieben werden.116
Diese Sichtweise wird wiederum gemildert durch die Überzeugung, die sie u.a. mit Bernhard von Clairvaux teilt, das jüdische Volk bekehre sich am Ende der Zeit und werde von Gott gerettet.
Die irdische Existenz ist für Hildegard primär als Vorbereitungsphase auf den letzten Tag, das Endgericht bedeutsam. Das Leben des Einzelnen ist teleologisch ebenso wie die Geschichte der Welt auf dieses Ende hin konzipiert. Der gesamte »Scivias« und auch die Briefe atmen einen eschatologisch-anagogischen Geist. Am Tag des Gerichts wartet auf die Gläubigen, und dazu rechnet Hildegard auch jene, die vor der Geburt Jesu die Gebote Gottes eingehalten haben, also vor allem die Patriarchen und Propheten, das Eingehen in den Himmel.
Es ist bemerkenswert, dass sich im gesamten »Liber scivias« keine Miniaturen finden, die zeigen, wie Juden gedemütigt oder gequält werden oder im Höllenfeuer brennen. Dies mag die Konsequenz eines Menschenbildes sein, dass dem einzelnen Individuum mit Respekt und Mitgefühl begegnet und das sich vor allem in den Briefen der Hildegard von Bingen widerspiegelt.
So spielt das Prinzip Barmherzigkeit in Hildegards Schriftverkehr eine große Rolle, wenngleich bei der Interpretation auch hier eine gewisse Zurückhaltung vonnöten ist, da es sich nicht immer um Originale in der neuzeitlichen Bedeutung handelt.
In mehreren Schreiben appelliert sie an Äbte und Äbtissinnen, bei Verfehlungen keinem der ihnen Anvertrauten mehr aufzubürden, als er tragen könne. Jeder Mensch sei letztlich ein Sünder und Christus sei gerade für die Sünder in die Welt gekommen.117
Diesbezüglich konnte sie auch sehr entschlossen handeln. So setzte sie die Beisetzung eines von der Kirche ausgestoßenen Mannes in dem zum Kloster gehörenden Kirchhof gegen das Verbot des Prälaten von Mainz durch, was zu einem länger währenden Zwist mit dem Prälaten und dem Erzbischof von Mainz führte, den Hildegard am Ende zu ihren Gunsten entschied. Selbst an Papst Alexander III. richtete sie den Appell, einem Gestrauchelten gegenüber, der Reue zeigt, Barmherzigkeit zu üben:118
„ So ahme auch du, o milder Vater, den gütigen Vater nach, der den reumütig zu ihm zurückkehrenden Sohn freudig aufnahm und seinetwegen das gemästete Kalb schlachtete und ˂den barmherzigen Samariter>, der die Wunden des von Räubern Verletzten in der Dämmerung ˂caligine confusa> mit Wein wusch.“
Hildegard von Bingen war eine bewunderungswürdige Frau, die ein außerordentlich beeindruckendes Lebenswerk hinterlassen hat, die über sehr viel Charisma verfügt haben muss und der es gelang, sich in einer von Männern dominierten Kirche schon zu Lebzeiten einen herausragenden Platz zu verschaffen. All das zeichnet sie aus. All das war sie. Aber eines war sie nicht: eine Theologin, die gegenüber den Juden innovative Toleranzideen vertreten hätte. Weder die Miniaturen und Auditionen des »Scivias« noch die Briefe liefern für diese These überzeugende Belege.119
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Wenige Jahrzehnte nach Hildegards Tod intensivierte sich die Gegnerschaft zu den Juden. Maßgeblichen Anteil daran hatte das IV. Laterankonzil von 1215, auf dem Papst Innozenz III. (1161 - 1216) verfügte, dass Juden künftig anhand ihrer Kleidung erkennbar sein müssten und außerdem verbot, ihnen öffentliche Ämter zu übertragen, die ihnen Autorität über Christen verliehen hätten.120
Schon die »Bible moralisée«,121 die um 1220/30 am französischen Königshof verfasst wurde, eine aufwändig illustrierte gotische Prunkhandschrift auf kostbarem Goldgrund mit Miniaturen in Dublettenform, hat das Etikettt „christliche“ Kunst kaum mehr verdient,122 denn in diesem Werk werden durchgängig judenfeindliche Positionen vertreten. Zur Illustration von Häretikern und Götzendienern greift man stets auf Juden zurück, die zum Teil verzerrend karikiert, fast schon rassistisch-antisemitisch abgebildet sind (Abb. 22 ).
Eine unrühmliche Rolle haben in diesem Zusammenhang die Orden der Dominikaner und Franziskaner gespielt. Aufgrund böswilliger Verleumdungen durch den Bettelmönch Nikolaus Donin,123 verfügte Papst Gregor IX. (1167 - 1241) im Jahr 1239, sämtliche Talmudexemplare seien Franziskanern und Dominikanern auszuhändigen, um sie zu überprüfen und ggf. zu verbrennen. In der Konsequenz fand 1242 in Paris die erste große Talmud-Verbrennung vor der Kathedrale von Notre-Dame statt.124
Haben die Juden darauf reagiert? Ja, das haben sie. Es gibt mittelalterliche hebräische Handschriften, die in ihren Miniaturen auf Verunglimpfungen und Pogrome anspielen.125
So zeigt der zu Beginn des 14. Jahrhunderts entstandene Leipziger Machsor126 eine Miniatur (Abb. 23) mit einem Verweis auf die christliche Glaubenssymbolik und deren inhärentes Verleumdungspotenzial. Die Miniatur setzt die vier Apostelattribute ins Bild, aber statt des Engels, hat der Buchmaler einen Bettelmönch und am oberen Rand des Foliums einen jagenden Hund eingefügt, was man als Anspielung auf die Verfolgung interpretieren kann, die unter den Dominikanern127 eingesetzt hat.
Die Hildegard-Forschung krankt ein wenig daran, dass die Werke der großen Äbtissin überwiegend auf christlicher Basis bzw. zumindest in Teilen aus einer theologisch-monastischen Perspektive heraus untersucht und interpretiert werden,128 und das betrifft auch Fragen, die sich auf das Bild der Juden beziehen.
Bisweilen drängt sich einem der Verdacht auf, dass Kommentare ein wenig „geschönt“ werden, um an den Verdiensten einer verehrten mittelalterlichen Heiligen nicht zu „kratzen“.
So verteidigt etwa Matthias Schmandt129 Hildegards Schweigen zu den Pogromen im Vorfeld des Zweiten Kreuzzugs mit Verweis auf die Synagoge-Vision, welche eine Art Protest gegen die Verfolgung der Juden in jener Zeit darstelle – eine Interpretation, die doch etwas konstruiert wirkt.130
Angela Carlevaris OSB betont, dass Hildegard von Bingen die Juden oft gemeinsam mit Häretikern und Heiden nennt.131
„ Auch wenn dies keine in sich positive Einschätzung ist, zeigt doch die gemeinsame Erwähnung, daß die Juden für Hildegard keinen Sonderfall, keine geschlossene Kategorie von Menschen darstellen.“
Carlevaris verschweigt in diesem Zusammenhang aber, dass Hildegard nur den Juden die Verfolgung und Tötung Christi anlastet und ihnen damit durchaus eine äußerst negative Sonderrolle zuweist.
Auch Josef Krasenbrink OMI gelangt schließlich zu einem grundsätzlich positiven Urteil über Hildegards Judenbild. Er stellt die versöhnliche Synagoge-Vision bewusst an das Ende seines Beitrags und formuliert das anfechtbare Fazit:132
„ Aber als Grundüberzeugung Hildegards wird deutlich, trotz einiger gegenteiliger Äußerungen, dass der Unglaube der Juden eher in ihrer Unwissenheit begründet ist oder vom Teufel verursacht wird als Ausdruck ihrer Bosheit ist. Trotz mancher erschreckender Urteile ist Hildegards Sicht des Judentums irenisch, verständnisvoll und unpolemisch. Dabei ist der Glaube an die endzeitliche Heimholung der Synagoge der erkennbarste Grund ihrer versöhnlichen Haltung.“
Das Judenbild der Hildegard von Bingen ist – summa summarum – durchaus noch nicht vollständig erfasst. Da die bisherige Forschung – wenigstens partiell – nicht nur eine gewisse Voreingenommenheit erkennen lässt, sondern auch die jüdische Sichtweise vernachlässigt, ist eines der Forschungsdesiderate darin zu sehen, die christliche und jüdische Perspektive vertiefter zu verbinden, um vielleicht neuartige Einblicke in die Thematik zu gewinnen, u.a. Erkenntnisse darüber, welche Haltung die Juden im 12. Jahrhundert gegenüber den Positionen einnahmen, die von Hildegard vertreten wurden, und was sie selbst als Wertschätzung bzw. Abwertung definiert haben.
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Clarus, Ludwig: Briefe der heiligen Hildegard. Zum ersten Mal verdeutscht, 2: Sammt dem Leben des Heiligen Disibodus und Rupert (Leben und Schriften der heiligen Hildegard, 2). Regensburg 1854 (Auswahl).
De Coene, Karen, De Reuet, Martine & De Maeyer, Philippe (Hrsg.): Liber floridus, 1121. The World in a Book. Warnsveld 2011.
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Hildegard von Bingen: Briefe – Epistolae. Übersetzt und hrsg. von Walburga Storch OSB. Rüdesheim/Eibingen 2012.
Hildegardis Bingensis Epistolarium. Hrsg. von Lieven van Acker & Monika Klaes-Hachmöller. 3 Bde. Turnhout 1991-2001.
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Abbildungsverzeichnis
Abb. 1: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der Erlöser«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 10: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 2: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Die Säule des Wortes Gottes«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 24: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 3: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Die Propheten I«, Folio 63; Bildnachweis: Otto Gillen, 1979, Nr. 31; eigene Fotografie
Abb. 4: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Die Propheten II«, Folio 63 verso; Bildnachweis: Otto Gillen, 1979, Nr. 32; eigene Fotografie
Abb. 5: Straßburger Münster, südliches Querhausportal: „Ecclesia“, um 1225; Bildnachweis: Otto Schmitt: Gotische Skulpturen des Strassburger Münsters. Bd. I. Frankfurt/Main 1924, Abb. 4. (Prometheus-Bildarchiv)
Abb. 6: Straßburger Münster, südliches Querhausportal: „Synagoga“, um 1225; Bildnachweis: Georg Dehio: Das Straßburger Münster. Leipzig 1941, Abb. 52 (Prometheus-Bildarchiv)
Abb. 7: „Liber floridus“, um 1120: Originalmanuskript, [(Cod. 1125 (UB92)], p. 253; Bildnachweis: Prometheus-Bildarchiv
Abb. 8: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Die Synagoge«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 8: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 9: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Der Stammbaum Christi«, Folio 80 verso; Bildnachweis: Otto Gillen, 1979, Nr. 38; eigene Fotografie
Abb. 10: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Die Opfer des Alten Bundes«, Folio 67; Bildnachweis: Otto Gillen, 1979, Nr. 36; eigene Fotografie
Abb.11: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Die Kreuzigung«, Folio 150; Bildnachweis: Otto Gillen, 1979, Nr. 61; eigene Fotografie
Abb. 12: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der Menschensohn«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 38: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 13: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Mutterschaft aus dem Geiste und dem Wasser«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 12: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 14: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Die Säule der wahren Dreieinigkeit«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 28: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 15: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der Tag der großen Offenbarung«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 33: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 16: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der neue Himmel und die neue Erde«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 34: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 17: Herrad von Landsberg, »Hortus deliciarum«, um 1180, »Die Hölle«, Folio 255; Bildnachweis: Gillen, 1979, Nr. 88; eigene Fotografie.
Abb. 18: Wiltener Patene, um 1180; Bildnachweis: Bernhard Blumenkranz: Juden und Judentum in der mittelalterlichen Kunst. Stuttgart 1965, S. 58; eigene Fotografie.
Abb. 19: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der Versucher«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 18: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 20: Hildegard von Bingen, »Scivias«, um 1175, »Der mystische Leib«; Bildnachweis: Maura Zátonyi, „Scivias“-Kodex, Tafel 14: https://abtei-st-hildegard.de/die-scivias-miniaturen/
Abb. 21 : Nikolaus von Verdun: Klosterneuburger Altar, 1181, Mittelteil rechts. Bildnachweis: Diathek online, Technische Universität Dresden, Institut für Kunstgeschichte, Sächsische Landesbibliothek, Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (Prometheus-Bildarchiv)
Abb. 22: Bible moralisée, um 1220/30: Juden huldigen dem Antichrist; Bildnachweis: Sara Lipton: Visualhistory. Online-Nachschlagewerk für die historische Bildforschung. https://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/1740/file/visual_history_lipton_erste_antisemitische_karikatur_de_2020.pdf
Abb. 23: Leipziger Machsor, um 1310-1320; Bildnachweis: Ziereis Faksimiles: https://www.ziereis-faksimiles.de/faksimiles/machsor-lipsiae
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1 Völlig geklärt ist ihr Geburtsort nicht. Der kleine Ort Bermersheim kommt aber am ehesten in Frage.
2 Der Zehnte als Gottesgabe findet sich schon bei 1. Mose 14.20 und wird von Jesus bestätigt (Matthäus-Evangelium 23.23).
3 Das Kloster zerfiel im Spätmittelalter infolge von Kriegen, Plünderungen und der Reformation; schließlich wurde es als Steinbruch genutzt. Heute sind nur noch beeindruckende Ruinen zu besichtigen.
4 Jutta (1092 - 1136) entstammte dem Geschlecht der Grafen von Sponheim. Mit ca. zwanzig Jahren zog sie in die Klause auf dem Disibodenberg.
5 Bei diesen Differenzen ging es auch um finanzielle Aspekte, denn viele adelige Mädchen wollten in den Konvent eintreten, deren Mitgift dann an das Kloster fiel.
6 Das Kloster wurde während des Dreißigjährigen Krieges völlig zerstört und nicht wieder aufgebaut.
7 Dieses Treffen kann nicht eindeutig belegt werden.
8 Storch 1992, S. XII.
9 Sperber 2002, S. 5.
10 Gillen 1979.
11 Ihr Werk stellt die erste Enzyklopädie dar, deren Autor eine Frau war.
12 Salemer Handschrift. Heidelberg, UB: Codex Salem X,16.
13 Schrader & Führkötter 1956, S. 29f.
14 Die Miniaturen weisen überwiegend Stileigentümlichkeiten auf, die für die Epoche der Romanik typisch sind, etwa eine klare geometrisierende Komposition und eine stilisierte Abbildung menschlicher Figuren.
15 Saurma-Jeltsch 1998, S. 22.
16 München, Bayerische Staatsbibliothek: Clm 935.
17 Zátonyi 2017, S. 41 - 47.
18 Auch Margot E. Fassler, 2022, die auf interessante Parallelen zwischen der Deutung des Kosmos im »Scivias« und modernen Sichtweisen hinweist, setzt voraus, dass die Miniaturen zu Lebzeiten Hildegards entstanden sind. Aber es bleiben hinsichtlich der Datierung doch Unsicherheiten bestehen.
19 Diese Tatsache wird auch als ein Grund dafür genannt, warum der »Liber scivias« eine eher eingeschränkte Beachtung seitens der kunsthistorischen Forschung gefunden hat.
20 Augustyn & Söding 2010, S. 2.
21 Grünbart, Schwedler & Sonntag 2021, S. VII.
22 Saurma-Jeltsch 1998, S. 8.
23 Gillen 1979, S. 9.
24 Heinz Schreckenberg, 1996, fasst diesen Ansatz folgendermaßen zusammen: „ Das Alte Testament ist ein christliches Buch und ein Buch der Kirche, insofern es typologisch und allegorisch auf Christus und das christliche Heilsgeschehen vorausweist. Nach Golgatha sind Alter Bund und Thora überholt beziehungsweise erloschen “ (S. 16).
25 Beuys 2001, S. 224.
26 Vgl. z.B. den Brief an Odo von Soissons (Storch 2012, 39R, S. 79).
27 Vgl. z.B. den Brief an Bischof Hermann von Konstanz (Ebd., 36, S. 75).
28 Die Miniaturen sind im Ursprungstext nicht betitelt. Für die vorliegende Bachelorarbeit wurden die Überschriften aus der Übersetzung der lateinischen, textkritischen Edition (Storch 1992) übernommen. Die in die Bachelorarbeit einbezogenen Miniaturen werden vor allem von Saurma-Jeltsch (1998) und Gutjahr & Zátonyi (2016) ausführlich beschrieben.
29 Storch 1992, 9, S. 109; „ Quod autem tres magnae stellae in fulgore suo sibi cohaerentes in eisdem tenebris apparuerunt et post eas aliae multae tam paruae quam magnae plurimo splendore fulgentes: haec sunt in figuratione supernae Trinitatis magna luminaria, uidelicet Abraham, Isaac et Iacob, tam fideli opere quam carnis coniunctione se inuicem complectentes mundique tenebras significationibus suis repercutientes, […]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 9, S. 117).
30 Auch bei Herrad von Landsberg nehmen die Propheten eine herausragende Stellung ein. So sind ihnen im »Hortus deliciarum« zwei ganzseitige Miniaturen (Abb. 3 und Abb. 4) gewidmet, die jeweils acht Propheten in zwei Reihen, also alle von der Kirche anerkannten zwölf kleine und vier große Propheten ins Bild setzen (Gillen 1979, S. 60 - 63).
31 Die Bedeutung von Abraham wurde bereits erläutert; vgl. 3.1.1.
32 Ursprünglich eine Art Reise- oder Pilgerhut, den nicht nur Juden trugen, der aber mit den Juden als wanderndem Volk ohne Heimat assoziiert wurde. Seit dem 11. Jh. diente die Abwandlung dieser Kopfbedeckung in der Buchmalerei dazu, abgebildete Figuren als Juden zu kennzeichnen.
33 Storch 1992, 8, S. 375; quia omnes ad moniti spiritu per Spiritum sanctum se uerterunt et uiderunt ad euangelicam doctrinam fortitudinis Filii Dei diabolo repugnantis, de incarnatione eius loquentes, et admirantes quod ipse ueniens ex corde Patris et de utero Virginis in magnis mirabilibus se ostendit in suo opere et sequentium se, […] (Führkötter & Carlevaris 1978, 8, S. 396).
34 Saurma-Jeltsch 1998, S. 155; vgl. auch Carlevaris 2000, S. 117 - 129.
35 Diese Thematik wird nicht nur innerhalb der Buchmalerei aufgegriffen, sondern erscheint auch in der Bauplastik; so finden sich eindrucksvolle Skulpturen von Synagoga und Ecclesia u.a. am Straßburger Münster (Abb. 5 und Abb. 6).
36 Vgl. z.B. die Abbildung im »Liber floridus« (um 1120) des Lambert de Saint-Omer, eines benediktinischen Kanonikers. Die Miniatur ( Abb. 7 ) zeigt Christus, der die Synagoga von sich weist.
37 Die Ecclesia wird in der Miniatur „Der mystische Leib“ abgebildet (3. Vision des zweiten Teils); vgl. 5.2.2. Der »Scivias« enthält aber auch eine Miniatur „Das Opfer Christi und der Kirche“ (Gutjahr & Zátonyi, 2016, S. 77), welche die Kirche als Braut Christi zeigt, die neben dem Gekreuzigten steht und sein Opferblut auffängt. Die Synagoga fehlt aber auch hier.
38 Storch 1992, 6, S. 88; „ quia etiam in ortu suo miraculum incarnationis Vnigeniti Dei praesignauit et claras uirtutes ac mysteria quae sequuntur praemonstrauit “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 6, S. 97).
39 Ebd., 5, S. 88; „ Sed in corde ipsius stat Abraham: quoniam initium circumcisionis in synagoga ipse fuit; et in pectore eius Moyses: quia in praecordia hominum diuinam legem ille attulit; ac in uentre ipsius reliqui prophetae: id est in institutione illa quae ipsi diuinitus tradita fuerat, inspectores diuinorum praeceptorum, […]“ (Ebd., 5, S. 96).
40 Vgl. z.B. 3.1.2
41 Gillen 1979, S. 72 - 73.
42 Gillen 1979, S. 68 - 69.
43 Ebd., S. 100 - 102.
44 Carlevaris 2000, S. 121.
45 Storch 1992, 5, S. 88; […] „ quia synagoga in ueram lucem non aspexit, cum Vnigenitum Dei in despectu habuit, unde et opera iustitiae sub taedio pigritiae suae torporem a se non proiciens tegit, sed ea uelut non sint neglegenter abscondit“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 5, S. 96).
46 Storch 1992, 4, S. 87; „ quoniam in consummatione sua prophetam prophetarum occidit, ubi et ipsa lapsa corruit, […]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 4, S. 95).
47 Ebd. 2, 22, S. 302; „ Certe schisma quod exortum est in Horeb ubi iudaica plebs sculptile faciens in diabolica irrisione ludere coepit, sicut etiam et adhuc quidam petulanter ludere solent, et schisma quod fuit in Baal, in quo multi perierunt, et schisma fornicationum, ubi cum Madianitis turpia facta perpetrata sunt, et cetera his similia super uos cadent, […]“ (Ebd., 22, S. 322).
48 Ebd., 18, S. 27; „ Quod autem in ueteri testamento homines in consanguinitate sanguinis sui praecepto legis coniuncti sunt, hoc propter duritiam illorum factum est, ut inuicem pacem haberent et ut tam firma caritas in eis esset, ne illae tribus diuisae coniunctioni paganorum se miscentes foedus meum dirumperent, […]“ (Ebd., 18, S. 26).
49 Die Bibel 2016.
50 Thimme 2011, S. 497.
51 Champagne 2005.
52 Krasenbrink 2005, S. 291.
53 Die mittlere Gestalt ist hervorgehoben, denn auf ihrer Brust erscheint ein Hirsch, der symbolisch für die drängende Sehnsucht nach Gott steht.
54 Storch 1992, 30, S. 546 - 547; „ hoc est quod inter fortitudinem potestatis omnipotentis Dei et inter electum opus bonitatis ipsius plurimi homines sunt qui ueram fidem abnegantes magis temporalia quam aeterna sectantur, ut sunt pagani, Iudaei ac falsi Christiani, semper de malo in malum descendentes nec in caducis rebus speculum catholicae fidei sursum aspicientes, sed magis in uoluptatatibus suis prauum opus in profundum peccatorum pertrahere laborantes, […]“ Führkötter & Carlevaris 1978, 30, S. 570).
55 Vgl. den Brief (169R), der sich an einen unbekannten Adressaten in Mainz richtet (Storch 2012, S. 270 - 273).
56 Storch 1992, S. 128; „ Deinde uidi nigros infantes iuxta terram in aere quasi pisces […]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, S. 135).
57 Ebd., 12, S. 134; „ Ita etiam ecclesia repugnat nequissimis corruptoribus qui sunt errores haereticorum, scilicet tam Christianorum quam Iudaeorum et paganorum qui eam infestant, uirginitatem eius, quae fides catholica est, corrumpere uolentes “ (Ebd., 12, S. 142).
58 Ebd.; […], uera fide id est materia uirginitatis eius contra omnem errorem integra permanente, ut et honor castae uirginis in materia pudoris corporis eius contra omnem tactum libidinis incorrupta perseuerat “ (Ebd.).
59 Storch 1992, 5, S. 447; „ Atque unus contra corum se dirigit, ubi multae pennulae per illum discissae cadunt: quia eadem diuinitas elatam iactantiam iudaici populi, qui cum magna superbia in altitudine mentis suae uolabat, deiecit, cum ille in semetipso et non in Deo iustus esse uolebat, ut Pharisaei qui in alta caelorum ascendere tentabant, secundum propriam fiduciam suam in semetipsis confidentes, [...]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 5, S. 466). Hier findet sich ein Verweis auf das Lukasevangelium (Lk 16,15).
60 Ebd, 7, S. 449; „ Interea uenit tempus insanorum cordium, ita quod Iudaei tumultum facientes exquire bant suscitantes multa schismata contra Filium Dei, ut in hac magna tempestate occiderent eum. Et dum ita implerent omnem malignitam suam ut desiderauerunt, tunc in hoc praecipiti et maximo tonitruo peractum est tam grande homicidium quale antea non fuit nec postea futurum erit, ita quod terra moueretur, [… ] (Ebd., 7, S. 468).
61 Michael Zöller, 1997, kommentiert: „ Gott gibt ihre heilsgeschichtliche Erwählung nicht auf, sondern bewahrt sie neben der Berufung der Kirche “ (S. 212).
62 Die Bibel 2016.
63 Storch 1992, 33, S. 570; „ et ut errantes ad uiam ueritatis reducant emittam. Qui fortissimas et robustissimas uirtutes fidelibus ostendent “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 33, S. 596).
64 Storch 1992, 4, S. 583; „ Et quidam ex eis in fide signati sunt, quidam autem non, [ … ] per quae aperte discernuntur: quoniam illi fidem operibus impleuerunt, isti autem eam in semetipsis exstinxerunt. Quidam autem hoc signum fidei non habent: quia isti nec in ueteri lege nec in noua gratia cognitionem uiui et ueri Dei habere uoluerunt “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 4, S. 608).
65 Auch Saurma-Jeltsch, 1998, erwähnt im Zusammenhang mit dieser Miniatur die „Besiegelten“, geht aber leider nicht darauf ein, dass Hildegard zu den „Besiegelten“ auch jene zählt, die das alte Gesetz befolgten (S. 204).
66 Storch 1992, 8, S. 584; „ Ibi etiam fulminant omnes flores Filii mei, uidelicet patriarchae et prophetae qui ante incarnationem ipsius fuerunt, et apostoli qui cumeo in saeculo conuersati sunt, ac martyres, confessores, uirgines et uiduae, qui ipsum fideliter imitati sunt, et illi qui ecclesiae meae tam in saecularibus quam in spiritalibus praepositi erant, nec non anachoretae […]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 8, S. 610).
67 Vgl. 3.1.1
68 Klaes 1993.
69 Zit. nach Carlevaris 2000, S. 117.
70 Gillen 1979, S. 145.
71 Ebd., S. 146.
72 Vgl. Anm. 36.
[73] Blumenkranz 1965, S. 79.
74 Z.B. Schmandt 2021.
75 Vgl. zu diesen Ereignissen im Zusammenhang mit dem Zweiten Kreuzzug: Schmandt 2021.
76 Winkler 2002, Bd. 3.
77 Schmandt 2021. Der Beitrag krankt insgesamt gesehen daran, dass die meisten Hypothesen nicht durch historische Quellen belegt sind, sondern auf induktiven Schlussfolgerungen beruhen.
78 Ebd., S. 203.
79 Storch 2012, 263, S. 383; „ O persona, que in uice Christi nominata es, audi: Tempus presens tempus curationis non est, sed per serpentinas mores, […].“ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 2001, CCLXIII, S. 12).
80 Ebd., 311R, S. 429; „ Post ista uero peiora tempora uenient, in quibus ueri Israelite flagellabuntur et in quibus catholicus thronus in errore mouebitur, et ideo nouissima eorum uelut cadauer in morte blasphemie erunt “ (Ebd., CCCXIR, S. 71).
81 Matthäus 25:13.
82 Storch 2012, 167R, S. 268; „ Semen etiam fructuose uirtutis in hortum tuum semina, et mulieri perditam drachmam querenti assimilare, ut super te gaudium in celo fiat, quatenus etiam gemma in celesti uita fias, ita ut in eternum uiuas“ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1993, CLXVIIR, S. 375).
83 Storch 2012, 156R, S. 252; „Nunc ergo initium boni studii tui considera, ut cum fiduciale fine finiaris et ut eterna premia a summo magistro recipias “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1993, CLVIR, S. 351).
84 Storch 1992, 4, S. 293; „ quoniam in morte quae eiusdem perditoris sinistra intellegitur forum cernitur, quod nequissima opera eiusdem mortis sunt, ita quod ibi in diuitiis corruptibilibus superbia et uana gloria, et in deliciis transitoriis lasciuia et concupiscentia, et in mercatu uenditiones ac emptiones multarum uarietatum terrenarum cupiditatum fuerunt, […]“ (Führkötter & Carlevaris 1978, 4, S. 321).
85 Salvadori, 2021, versäumt, bei der Interpretation dieser Miniatur zu erwähnen, dass hier Juden abgebildet sind, und geht daher auch nicht auf die vermutlich dahinterstehende Bedeutung ein (S. 74).
86 Pollatschek & Schmidt 2004, S. 29.
87 Vgl. Storch 1992, 22, S. 302.
88 Vgl. 4.1.1.
89 Bei dieser Miniatur weichen Text und Abbildung deutlich voneinander ab, indem Teile der Miniatur unvollendet geblieben sind. Vgl. Gutjahr & Zátonyi 2016, S. 74 und Saurma-Jeltsch 1998, S. 108.
90 Storch 1992, 7, S. 173; „ Quod autem circa eandem puellam uides maximam turbam hominum lucidiorem sole stantem, qui omnes miro modo auro et gemmis ornati sunt: hoc est quod ardentissimis amplexibus nobilissimam uirginitatem praecipuus chorus uirginum circumplectitur, qui omnes ardentiore claritate coram Deo fulgent quam sol in terra appareat “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 7, S. 181).
91 Storch 1992, 10, S. 176; „ Sedet puella quae ex uoluntate sua in sanctissima desponsatione eidem Filio meo offertur, ab ipso decentissime suscipitur, qui eam hoc modo sibi coniunctam uult habere in consortio suo. Quomodo? Ut illum casta dilectione amplectatur, sicut et ipse eam in secreto suo diligit “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 10, S. 184).
92 Storch 2012, 52R, S. 94.
93 Saurma-Jeltsch 1998, S. 111.
94 Rothschild 2009, S. 300.
95 Spiegel 2003, S. 55.
96 Storch 1992, 39, S. 197; „ Quia illum spreuit cuius signum in semetipso suscipiens conculcauit, sicut et Iudaei eum contempserunt, cum illum in insania incredulitatis in cruce afflixerunt. Nam ut Iudaei nefas illud non timuerunt ita et iste non ueretur quod eandem passionem in uoto suo abicit “ (Führkötter & Carlevaris 1978, 39, S. 208).
97 Vgl. hierzu Beuys 2001.
98 Volmar, der 1173 starb, war Prior und Beichtvater der Nonnen auf dem Disibodenberg und wurde zu einem engen Vertrauten Hildegards. Er erkannte ihre visionäre Begabung und bestärkte sie darin, ihre Visionen schriftlich festzuhalten. Außerdem lektorierte er ihre Werke. Aus entsprechenden Briefen geht hervor, dass Hildegard seinen Tod zutiefst betrauert hat.
99 Beuys 2001, S. 206-231.
100 Vgl. 2.2.
101 „ Die so erarbeitete kritische Edition, die zwischen 1991 - 2001 in drei Bänden erschien, gibt also Auskunft über die einzelnen Briefe in ihrer geschichtlich ermittelten Fassung, die mögliche Datierung und die historisch realen Adressaten “ (Zátonyi 2017, S. 57).
102 Storch 2012, 260, S. 381; Prophete Filium Dei predixerunt, post alii eum uiderunt, et in uera fide eum susceperunt. Sic etiam doctores, qui ecclesiam regendam susceperunt, Filium Dei imitantur. Virginitatem autem Marie que Deum et hominem genuit monachi et uirgines imitari debent, ut peregrini sint huic mundo “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 2001, CCLX, S. 9).
103 So schreibt sie an Erzbischof Konrad von Mainz: „ Der Herr schwor und es wird ihn nicht gereuen: du bist Priester auf ewig nach der Ordnung des Melchisedek (Ps 110,4)“ (Ebd., 22R, S. 50); Iurauit Dominus, et non penitebit eum; tu es sacerdos in eternum secundum ordinem Melchisedech “ (Ebd., 1991, XXIIR, S. 60). Einen ähnlichen Appell enthält ein Brief an Abt Adam (Ebrach); (Storch 2012, 86, S. 157).
104 Ebd., 26R, S. 61; „ Oi, oi Adam nouum testamentum omnis iustitie et radix omnis seminis hominum fuit. Postea in genere ipsius uirilis animus surrexit qui in tres turmas exiit, uelut arbor que se in tres ramos extendit. Prima turma talis erat, quod filii Ade elegerunt quicquid possibilitas eorum habuiti secunda autem quod homines in temeritatem homicidii surrexerunt “ (Ebd., XXVIR, S. 74).
105 Storch 2012, 78R, S. 134; […], sicut etiam filii Israel Deum neglexerunt, cum ipse per benedictionem Abrahe cornu benedictionum super eos erexit ac in sinum suum per letitiam honoris leuauit, sed illi in fraude murmurabant, ac in temeritate Deo resistebant ac sanctitatem per effusionem sanguinis Christi reliquerunt “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1991, LXXVIIIR, S. 178).
106 Ebd., 373, S. 470; „ Ipse quoque per indumentum humanitatis sue cum hominibus habitat, et ipsi populus suus sunt, […] , ac ipse Deus eius est, quoniam in magna potestate eum liberando antiquum serpentem despoliauit, […]. Deus namque per humanitatem suam et etiam per ornamenta celestis Ierusalem populo suo omnem lacrimam ignorantie infidelitas, in qua cecus uere fidei erat, abstergit, […]“ (Ebd., 2001, CCCLXXIII, S. 127).
107 Storch 2012, 84R, S.144; „ Nam sicut leo ceteras bestia in fortitudine precellit, sic isti in fortissima ui diuinitatis ceteros homines precellunt, quoniam, quamuis homines sint, non sicut homines uiuunt “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller, 1991, LXXXIVR, S. 192).
108 Ebd., 250R, S. 375; „ Cum feminea forma subtrahit se a iunctura mariti propter Deum, nolens uiro copulari, o quam magna nobilitas in illa tunc est, quia ipsam decet desponsatio superni Regis, quoniam carnalem uirum recusauit. Et sic debet amplecti Deum et adherere Domino suo, quia terrenum uirum non habet “ (Ebd., 1993, CCLR, S. 530).
109 Rogers 2020.
110 Storch 2012, 215R, S. 339; „[…] que modo uelut orphana sola in opere Dei laboro, quoniam adiutor meus, ut Deo placuit, mihi ablatus est “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1993, CCXVR, S. 474). Der Helfer, den ihr Gott nahm, war Volmar; vgl. Anm. 98.
111 Ebd., 106R, S. 197. Dieser Schicksalsschlag bezieht sich auf die Trennung von Richardis von Stade, die sie sehr liebte; „[…], quatenus aliquas solutiones rescriberem, quamuis infirmitato corporis mei usque adhuc laborem, et a lacrimis necdum temperari ualeam, quoniam baculum consolationis mee non habeo, […]“ (Ebd., CVIR, S. 267). Wibert von Gembloux (1124 - 1213) übernahm zwischen 1176 - 1179 die Aufgaben des verstorbenen Volmar.
112 Ebd., 156R, S. 251; „ Inquietam mentem propter lutulenta loca et propter sollicitudinem multarum aquarum que fluende deficiunt habes. Lutulenta enim loca illis sunt qui uicissitudinem pessimorum morum habent, et aque que deficiunt, illis scilicet qui duri et lapidei sunt, nec riuulis doctrine sancte Scripture molliuntur. Sed tu intra te dicis: Que uel quid ego sum, et quomodo talia perferre possem ?“ (Ebd., CLVIR, S. 349 - 350).
113 Vgl. auch den ähnlich analysierenden Brief an einen Prälaten: „Ich sehe in dir teilweise Dunkelheit. Wieso? Weil dein Herz in jene Traurigkeit verwickelt ist, die vom Zweifel wie eine Mühle herumgeschleudert wird und spricht: Welches und wie beschaffen ist meine Lage?“ (Ebd., 146R, S. 235); „ In aliqua parte in te tenebras uideo. Quomodo? Quia cor tuum illa tristitia implicatum est que dubio circumfertur sicut molendinum, ita dicendo: Que uel qualis est causa mea ?“ (Ebd., CXLVIR, S. 325).
114 Storch 2012, 205, S. 331; „ Mens autem tua est sicut torrens iter pure aque, sed aliquantulum inquieta. Nunc uero ascende in mansuetudine, similis soli qui unaqueque tempora sua placide et quiete habet. Sic tu, o bone miles, fac, et lumen anime tue ita constitue ne in nimietate ullius cause arescas, quia te amat et sacrificium tuum uult Iesus “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1993, CCV, S. 460).
115 Ebd., 163R, S. 262 - 263; „ Vnde uideo te sicut rutilantem fulgorem solis per inspirationem Spiritus Sancti, nec omnino tangentem exsilium perditionis, sed aspicientem ad solem sicut aquilam per penitentiam que dulcissima mater est; et ideo Deus ualde amat te. Nun in eternum uiue “ (Ebd., CLXIIIR, S. 366 - 367).
116 Bei Herrad von Landsberg ist die Jungfräulichkeit bzw. ihr Gegenteil, die Unzucht, immer eingebettet in weitere Tugenden bzw. Sündenlisten (Gillen 1979, S. 110 und 124). Sexuelle Enthaltsamkeit hat bei ihr durchaus nicht den extremen Stellenwert, der sich bei Hildegard nachweisen lässt.
117 Storch 2012, 23, 24 und 24R, S. 50-58.
118 Storch 2012, 10, S. 29; „ Sic et tu, o mitis pater, benignum patrem imitare, qui penitentem filium et ad se reuertentem, saginatum uitulum propter illum occidens, cum gaudio suscepit, et sauciati ex latronibus uulnera uino lauit caligine confusa. Asperitatem correptionis et pietatem misericordie designat “ (Van Acker & Klaes-Hachmöller 1991, X, S. 24). Und in einem Brief an einen unbekannten Adressaten schreibt sie: „ Und deshalb wehre jenem Menschen, der einen Sünder verachtet; denn der Sohn Gottes hat ihn mit seinem Blut erlöst und den Reuigen angenommen “ (Ebd., 390, S. 511); „ Et ideo: Ve homini illi, qui hominem peccatorem spernit, quoniam Filius Dei illum in sanguine suo redemit et penitentem recipit “ (Ebd., 2001, CCCXC, S. 168).
119 Sie war auch keine Rebellin, die eine strukturelle Erneuerung der Kirche anstrebte. So stand sie den Reformklöstern mit ihren teils sozialreformerischen Ideen eher kritisch gegenüber, wie der Briefwechsel mit der Äbtissin Tenxwind von Andernach zeigt. Sie verteidigt darin ihre Entscheidung, nur adelige Mädchen in ihr Kloster aufzunehmen, weil kein Stand sich über den anderen erheben dürfe und die Stellung des Einzelnen in der Welt von Gott gegeben sei (Storch, 2012, 52R, S. 95). Es gibt auch keine Hinweise, dass sie die Vorherrschaft der Männer innerhalb der Kirche in Frage gestellt hätte. Daher ist der Ansatz von Carolyn Wörman Sur, 1993, die in Bezug auf den »Scivias« bei Hildegard frühfeministische Züge zu entdecken glaubt, durchaus kritisch zu sehen.
120 Maleczek 1991, Sp. 1742 - 1744.
121 Haussherr 1999.
122 Heinz Schreckenberg, 1996, weist mit vollem Recht darauf hin, dass „ das Etikett »christliche « Kunst fast schon deplaziert “ sei „ bei den zahlreichen Karikaturen, welche den wirtschaftlichen und bürgerlichen Aufstieg der Juden im 16. bis 19. Jahrhundert begleiteten “ (S. 13 - 14). Aber der Prozess setzte, wie die »Bible moralisée« bezeugt, schon viel früher ein.
123 Ein konvertierter Jude, der wohl dem Franziskaner-Orden beitrat.
124 Müller 2009, S. 181 - 200.
125 Vgl. VL Prof. Dr. Annette Weber zum Thema „Epochen der Jüdischen Kunst“, WS 2021/22, Hochschule für Jüdische Studien.
126 Katz 1964.
127 Dominikaner wurden bekanntlich auch als die Hunde des Herrn bezeichnet, was auf den Traum der Mutter des Ordensgründers Dominikus zurückgeht, die träumte, sie werde einen Hund gebären, der im Maul eine Fackel trage, mit der er die ganze Welt entzünden werde.
128 Vgl. z.B. das Vorwort von Giorgio Mazzanti, in dem er indirekt zu verstehen gibt, dass sich das Werk an Gläubige wendet: „ So wird Hildegard für uns zur Zeitgenossin: Mit ihrem Dasein in Gott befindet sie sich im Einklang mit unserem heutigen Leben “ (Salvadori 2021, S. 7).
129 Schmandt 2021, S. 210.
130 Vgl. 3.1.3
131 Carlevaris 2000, S. 124.
132 Krasenbrink 2005, S. 296. Ähnlich argumentiert Barbara Beuys, 2001, die zu der bezweifelbaren Überzeugung gelangt: „ Hildegards Verhältnis zu den Juden steht offensichtlich auf einer menschenfreundlichen Grundlage“ (S. 227).
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