Magisterarbeit, 2011
79 Seiten, Note: 2,3
1 Einführung
1.1 Die Konzeption der Adoleszenz um 1900
1.2 Figurenkonstellation und Handlung
1.3 Entwicklungs- oder „Formierungsroman“?
2 Der Machtkomplex in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
2.1 Der Wille zur Macht
2.2 Sexualität
2.3 Magie
2.4 Die Schulklasse als Staat
3 Die Erkenntnis und Wahrnehmung des Törleß'
3.1 Wissenschaft und Metaphysik
3.2 Moral und ästhetisches Empfinden
4 Beurteilung der Figurenentwicklung und Gattungszugehörigkeit
Die vorliegende Arbeit untersucht Robert Musils Erstlingsroman unter Berücksichtigung systemischer Einflüsse auf die Adoleszenz des Protagonisten Törleß. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert dabei auf den Einfluss des Disziplinarsystems und die Frage, ob der Protagonist eine echte Individualisierung vollzieht oder durch äußere Strukturen sowie eigene ästhetische Präferenzen geformt wird.
Die Konzeption der Adoleszenz um 1900
Wenn in der Psychologie von Pubertät und Adoleszenz die Rede ist, dann sollte beachtet werden, dass mit dem Begriff Pubertät hauptsächlich biologische Veränderungen gemeint seien, erklärt der Psychologe Helmut Fend. Die Adoleszenz umfasst „die Besonderheiten der psychischen Gestalt und des psychischen Erlebens im Rahmen eines Entwicklungsmodells.“ Die psychische Entwicklung eines Heranwachsenden ist maßgeblich von historischen und gesellschaftlichen Grundlagen gekennzeichnet, deswegen lohnt sich ein Blick auf die Bedingungen für Jugendliche um 1900.
In dem Buch Österreichische Geschichte 1890-1990 von Ernst Hanisch wird in einer kleinen Einführung mit dem Titel Das andere Leben: Skizzen aus der Welt um 1900 die Erinnerungsgeschichte einer alten Dame erzählt. Die Erfahrung in ihrer Jugendzeit kurz nach der Jahrhundertwende steht stellvertretend für eine ganze Generation: Ein zwölfjähriger Bub und ein neunjähriges Mädchen, beide bürgerlicher Herkunft, spielten ein neues Spiel. Von den Aufsicht führenden Fräuleins unbemerkt, küßten sie einander. Das Mädchen brach in Tränen aus, die „Schandtat“ wurde entdeckt – und die Katastrophe war fertig.
Die Problematik dieser Handlung liegt in der damaligen Auffassung von Etikette: Das Mädchen hat unbewusst ein unangebrachtes Auftreten an den Tag gelegt und deshalb der Familie Schande zugetragen. Der Autor Hanisch sieht die Ursache dieses für damalige Zeiten höchst unsittlichen Verhaltens darin begründet: „Die Geschichte ist banal, aber sie beleuchtet das streng standardisierte Verhalten in bürgerlichen Kreisen. Alles verlief formeller, aus einem reichen Repertoire von Höflichkeiten und floskelhaften Prägungen gespeist.“ Die Adoleszenz besagter Generation wurde durch unzeitgemäße erzieherische Tradition geprägt, aus der sich eine rebellische Bewegung der Jugend ergab. Friedrich Paulsen prangert 1908 in seiner Analyse der Pädagogik folgende Fehlentwicklung an.
1 Einführung: Diese Einleitung bietet einen biografischen Hintergrund zu Robert Musil und diskutiert die verschiedenen Interpretationsansätze des Romans unter psychologischen, philosophischen und gesellschaftskritischen Gesichtspunkten.
1.1 Die Konzeption der Adoleszenz um 1900: Hier werden die historischen Bedingungen und erzieherischen Traditionen um 1900 untersucht, die die psychische Entwicklung der Jugend prägten und oft zu Rebellion oder Isolation führten.
1.2 Figurenkonstellation und Handlung: Dieses Kapitel analysiert die Rollen der Internatsfiguren und ihre soziale Funktionalisierung sowie das ambivalente Verhältnis von Törleß zu seinen Mitschülern.
1.3 Entwicklungs- oder „Formierungsroman“?: Es erfolgt eine kritische Auseinandersetzung mit der Einordnung des Werkes in das Genre des Entwicklungsromans und der Vorschlag einer neuen Gattungsbezeichnung.
2 Der Machtkomplex in Die Verwirrungen des Zöglings Törleß: Der Fokus liegt auf der Analyse der ratioiden und nicht-ratioiden Lebensbereiche sowie der Machtmechanismen innerhalb des Internats.
2.1 Der Wille zur Macht: Die Anwendung von Nietzsches Philosophie auf die Machtkämpfe der Jungen, insbesondere im Kontext der „roten Kammer“, bildet den Kern dieses Kapitels.
2.2 Sexualität: Dieses Kapitel beleuchtet die Rolle der Sexualität als Machtinstrument und als Ausdruck der persönlichen Krisen des Protagonisten unter Einbeziehung psychoanalytischer Ansätze.
2.3 Magie: Die Untersuchung befasst sich mit Beinebergs Versuchen, durch mystische und magische Experimente Kontrolle und Erkenntnis zu erlangen, und deren Scheitern.
2.4 Die Schulklasse als Staat: Das Internat wird als politisches System analysiert, das die gesellschaftlichen Machtstrukturen der Monarchie in kleinerem Maßstab reproduziert.
3 Die Erkenntnis und Wahrnehmung des Törleß': Dieses Kapitel befasst sich mit den inneren Prozessen des Protagonisten, seiner Suche nach Erkenntnis und seinem Scheitern an der wissenschaftlichen Logik.
3.1 Wissenschaft und Metaphysik: Es wird der Konflikt zwischen der mathematischen Ratio und der metaphysischen Sinnsuche Törleß' analysiert, der zu einer Desillusionierung gegenüber der Schule führt.
3.2 Moral und ästhetisches Empfinden: Die Arbeit untersucht, wie Törleß statt durch Moral durch sein ästhetisches Bewusstsein und eine künstlerische Haltung bestimmt wird.
4 Beurteilung der Figurenentwicklung und Gattungszugehörigkeit: Abschließend wird die Figurenentwicklung zusammengefasst und das Plädoyer für den Begriff „Formierungsroman“ erhärtet.
Robert Musil, Törleß, Adoleszenz, Willen zur Macht, Nietzsche, Internat, Machtstrukturen, Entwicklungsroman, Formierungsroman, Wiener Moderne, Sexualität, Metaphysik, Pädagogik, Identitätskrise, Ästhetik
Die Arbeit analysiert den Roman „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“ von Robert Musil und untersucht, wie das gesellschaftliche Umfeld und das System Internat die Identitätsfindung des Protagonisten beeinflussen.
Die zentralen Themen sind Machtstrukturen innerhalb von Gruppen, der Umgang mit Sexualität im Kontext elitären Erziehung, die Suche nach Erkenntnis zwischen Wissenschaft und Mystik sowie die Gattungsbestimmung des Romans.
Das primäre Ziel ist es zu ergründen, ob Törleß eine autonome Persönlichkeitsentwicklung durchläuft oder ob sein Charakter maßgeblich durch die ihn umgebenden gesellschaftlichen und schulischen Normen bzw. einen „Formierungsprozess“ geprägt wird.
Die Autorin stützt sich auf eine tiefgehende Literaturanalyse, wobei sie philosophische Theorien von Friedrich Nietzsche, psychoanalytische Ansätze von Sigmund Freud sowie soziologische und zeitgenössische Interpretationen heranzieht.
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse der Machtmechanismen in der Jungengruppe (Reiting, Beineberg, Törleß), die Untersuchung der Rolle von Sexualität, Magie und Politik im Internatsalltag sowie eine detaillierte Erörterung von Törleß' Erkenntnis- und Wahrnehmungsprozessen.
Schlüsselbegriffe sind Adoleszenz, Machtkomplex, Wille zur Macht, Identitätskrise, Formierungsroman, Wissens- und Sprachkrise sowie die Wiener Moderne.
Die Autorin schlägt diesen Begriff vor, da der klassische Entwicklungsroman die eigenmächtige Lenkung des Individuums voraussetzt, während Törleß eher durch äußere Systeme und seine Umgebung geformt wird, ohne eine wirkliche moralische Läuterung zu erfahren.
Die „rote Kammer“ fungiert als geheimer Ort innerhalb des Internats, an dem das Machtgefüge der Schüler von herkömmlichen sozialen Normen entkoppelt wird, was zu einem Machtmissbrauch führt, der die Doppelmoral der Gesellschaft widerspiegelt.
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