Magisterarbeit, 2001
158 Seiten, Note: 1,0
1 Einleitung
1.1 Das konstruktivistische Paradigma
1.2 Eindringen der Welt
1.3 Konstruierte Welten
1.4 Sinneshierarchien
1.4.1 Das Primat der Objektivität
1.4.2 Das Primat der Unmittelbarkeit
1.4.3 Malerei vs. Plastik
1.5 Sehen
1.5.1 Blinde Flecken und Blendungen
1.6 Hören
1.7 Riechen
1.8 Schmecken
1.9 Tasten
1.10 Propriozeption
2 Körperbilder und –diskurse
2.1 Körper und Zeichen
2.1.1 Der gezeichnete Körper
2.1.2 Verdrängte Körper
2.2 Körper in Bewegung
2.3 Haut
2.3.1 Offener vs. geschlossener Körper
2.3.2 Häutungen
2.4 Am eigenen Leib erfahren: Raum und Zeit
2.5 Künstliche Intelligenz: Die leiblose Maschine?
2.6 Beruhigung im Unbewußten?
3 Identitätsbildung
3.1 Selbstbegegnungen
3.1.1 Eigenleib und Körperding
3.1.2 Selbstbewußtsein
3.2 Die Entstehung des Subjekts (historische Perspektive)
3.2.1 Intimisierung der Gesellschaft
3.2.2 Emanzipation vom Leib
3.2.3 Geschlechterrollen
3.3 Der Andere
3.3.1 Der Blick
3.3.2 Der Versuch, den Anderen zu lesen
3.4 Zersplitterungserscheinungen
3.4.1 Geschwindigkeit
3.4.2 Die verdoppelte Realität: das Medium Film
3.4.3 Virtuelle Realität
3.5 Spiegelungen
4 Präsenz und Repräsentation
4.1 Ähnlichkeit vs. Repräsentation
4.2 Der konstitutive Charakter des Zeichens: Saussure
4.3 Der Verlust der Präsenz: Derrida
4.4 Der `Sündenfall der Sprache´
4.5 Ästhetischer Widerstand: Jetzt, Präsenz und Körper
5 Erkenntnis
5.1 Sinnliche Erkenntnis
5.1.1 Umkehr der Lichtmetaphorik
5.1.2 Sinnliche Heimat?
5.2 Die Einbildungskraft
5.3 Der Beobachter
5.4 Schein und Sein
5.4.1 Verlust der Transzendenz
5.4.2 Die Simulation
6 Schlußbetrachtung
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der sogenannten "Neuen Sinnlichkeit" in der Gegenwartsliteratur und beleuchtet dabei, wie Konzepte der Sinneswahrnehmung und des Körperdiskurses philosophische Erkenntnistheorien herausfordern und Identitätsbildungsprozesse beeinflussen.
1.2 Eindringen der Welt
Sowohl Velo als auch Patrick Süskinds Roman Das Parfum folgen inhaltlich und strukturell dem Paradigma der rezeptiven Sinneserfahrung, wobei in Das Parfum ein Umschlag hin zur Konstruktion stattfindet. Beide Roman schildern auf eindrückliche Art und Weise das Eindringen der feindlichen Welt in die Protagonisten, denen nur noch Strategien der Abkapselung bleiben, um sich vor diesen Übergriffen zu schützen. Enzberg flüchtet sich in die Bewegung (vgl. 3.2), in die bewußt herbeigeführte Reduktion der Wahrnehmung.
Enzberg fühlte sich beobachtet und begann, sich selbst zu beschatten. Seine rächenden Fahrten durch Berlin betrieb er an den folgenden Tagen mit um so finstererer Energie. Er fixierte ferne Punkte, um Übelkeit zu vermeiden. Zwischen Autoschlangen wühlte er sich mit dem Zorn eines Drachentöters hindurch, sein rechter Fuß zuckte stoßbereit. Seine Oakley-Brille rahmte die Welt wie das Periskop eines U-Boots. Der gelbe, flache Plastikhelm verdoppelte die Kuppel seiner Glatze, so daß die Welt abglitt und zur Hölle fuhr. (V 84)
Enzbergs Ausrüstung dient dazu, sich der einströmenden Welt nicht in Gänze auszusetzen, sondern sie zu filtern. Stromlinienförmigkeit und Panzerung sollen unangreifbar machen. Nur so kann Enzberg vorübergehend der Boshaftigkeit entfliehen und sie sogar durch sein aggressives Verhalten partiell zurückzahlen. Albigs Roman führt drastisch die Isolation des Einzelnen in einer modernen Großstadt vor Augen. Dieser Großstadtroman, der phasenweise an Döblins Berlin Alexanderplatz erinnert, zeigt den Einzelnen einer Fülle von Sinneseindrücken ausgeliefert, deren sinnstiftende Verarbeitung ebenso unmöglich ist wie eine nicht zerstörerische Beziehungsaufnahme zu einem Anderen. Der Plot ist ebenso reduziert wie der Handlungsspielraum der Protagonisten.
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Begriff der "Neuen Sinnlichkeit" ein und diskutiert die fundamentale Erschütterung traditioneller Erkenntniskonzepte durch die Aufwertung körperlicher Erfahrung.
2 Körperbilder und –diskurse: Hier wird untersucht, wie die Philosophie des Leibes den Körper als individualitätsstiftendes Phänomen begreift und welche Widersprüche sich daraus im Kontext von Sprache und gesellschaftlichen Einschreibungen ergeben.
3 Identitätsbildung: Das Kapitel beleuchtet, wie Identität in der Gegenwartsliteratur durch die Begegnung mit dem Anderen und die eigene Spaltung in Eigenleib und Körperding zunehmend fragil und ungesichert erscheint.
4 Präsenz und Repräsentation: Dieser Abschnitt analysiert das Spannungsfeld zwischen der (postmodernen) Abkehr von Präsenz durch das Sprachzeichen und dem Wunsch nach einer Rückkehr zum Unmittelbaren im ästhetischen Ausdruck.
5 Erkenntnis: Das Kapitel diskutiert den Wandel des Erkenntnisbegriffs hin zu einer "dunklen" sinnlichen Erkenntnis und reflektiert über das Ende transzendenter Begründungsmodelle in der Moderne.
6 Schlußbetrachtung: Die Arbeit fasst die zentralen Erkenntnisse über die Verflochtenheit von Sinnlichkeit und Körperdiskurs zusammen und unterstreicht die Bedeutung literarischer Werke als Reflexionsort für diese komplexen Thematiken.
Neue Sinnlichkeit, Sinneswahrnehmung, Körperdiskurs, Leiblichkeit, Identitätsbildung, Konstruktivismus, Sprachphilosophie, Präsenz, Repräsentation, Erkenntnistheorie, Subjektivität, Medialität, Moderne, Postmoderne, Hermeneutik
Die Arbeit befasst sich mit der literarischen und philosophischen Aufwertung der sinnlichen Wahrnehmung und des Körpers in der zeitgenössischen Literatur, oft zusammengefasst unter dem Begriff "Neue Sinnlichkeit".
Zentrale Themen sind die Rolle der Sinne für die Erkenntnis, die Konstruktion von Identität in einer medial geprägten Welt, das Verhältnis von Körper und Sprache sowie der Umgang mit der Erfahrung von Leere und Transzendenzverlust.
Das Ziel ist es, die Strukturen zeitgenössischer gesellschaftlicher und philosophischer Strömungen aufzudecken, die sich in literarischen Texten spiegeln, und zu untersuchen, inwiefern das Individuum heute Identität im Sinnlichen zu begründen versucht.
Es handelt sich um eine diskursanalytische Untersuchung, die philosophische Theorien mit literarischen Analysen verknüpft, um das Spannungsfeld zwischen leiblicher Erfahrung und sprachlicher Repräsentation zu dekonstruieren.
Der Hauptteil gliedert sich in Untersuchungen zu Sinneshierarchien, Körperdiskursen, Identitätsbildung, dem Verlust von Präsenz und schließlich Fragen nach Erkenntnis und Wahrnehmung in einer durch Technik und Medien simulierten Welt.
Neben dem zentralen Begriff der "Neuen Sinnlichkeit" spielen Schlüsselwörter wie Körperlichkeit, Konstruktivismus, Subjektivität, Präsenz, Repräsentation und Identitätsbildung eine entscheidende Rolle für das Verständnis der Argumentation.
Die Arbeit zeigt, dass die Literatur oft versucht, den Körper gegen die "entfremdende" Kraft der Sprache zu verteidigen, dabei aber meist scheitert, da auch der Körper im sozialen Raum stets schon von Zeichen überlagert bleibt.
Die Propriozeption wird als "unbewusster Sinn" eingeführt, der als möglicher "Rettungsanker" für eine Identität dient, die sich gegen die Manipulation durch visuelle Medien und virtuelle Realitäten behaupten will.
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