Bachelorarbeit, 2025
33 Seiten, Note: 1.7
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die drei deutschen Übersetzungen von Alexander Solschenizyns Werk Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch aus den Jahren 1963, 1990 und 2012. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich die Übersetzungen sprachlich, stilistisch und inhaltlich unterscheiden und welchen Einfluss diese Unterschiede auf die Rezeption des Romans im deutschsprachigen Raum haben.
Das Werk zählt zu den bedeutendsten literarischen Zeugnissen des zwanzigsten Jahrhunderts und schildert eindrucksvoll den Alltag eines Häftlings im sowjetischen Gulag-System. Da literarische Übersetzungen weit mehr als eine reine Übertragung von Wörtern darstellen, wird untersucht, wie kulturelle, historische und ideologische Faktoren die Übersetzungsentscheidungen beeinflussen.
Nach einer Einführung in den historischen Hintergrund des Romans werden zentrale übersetzungswissenschaftliche Theorien vorgestellt, darunter die funktionale Äquivalenz nach Eugene Nida und Charles Taber, Lawrence Venutis Konzepte der Domestizierung und Verfremdung sowie die soziolinguistischen Ansätze von Gideon Toury und Itamar Even-Zohar. Diese theoretischen Grundlagen bilden den Rahmen für die anschließende vergleichende Analyse.
Anhand ausgewählter Textstellen werden drei zentrale Aspekte untersucht: die Darstellung des Lagerlebens, die Übersetzung des Lagerjargons sowie die Wiedergabe religiöser Elemente. Die Arbeit zeigt, wie sich die Übersetzungsstrategien im Laufe von fast fünf Jahrzehnten verändert haben, von einer stärker an die deutsche Leserschaft angepassten Übersetzung hin zu einer größeren Nähe zum russischen Originaltext.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Übersetzungen immer auch Produkte ihrer Zeit sind und maßgeblich von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen geprägt werden. Während die frühe Übersetzung von 1963 durch den Kontext des Kalten Krieges beeinflusst wurde und eine stärkere Domestizierung aufweist, orientieren sich die neueren Übersetzungen zunehmend an einer originalgetreuen Wiedergabe und bewahren sprachliche sowie kulturelle Besonderheiten des Ausgangstextes.
Die Arbeit richtet sich an Studierende und Forschende der Slavistik, Literatur- und Übersetzungswissenschaft sowie an alle, die sich für russische Literatur, Übersetzungstheorien und die Rezeption literarischer Werke im deutschsprachigen Raum interessieren.
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