Magisterarbeit, 2010
141 Seiten, Note: 1,1
Einleitung
Zu dokumentarischen Strategien in der zeitgenössischen Fotografie
I Ikonoklasten
Alfredo Jaar: Real Pictures
Fehlende Schockfotos
Die Geste des Nicht-Zeigens
Susan Meiselas Kurdistan: In the Shadow of History
Private Gebrauchsweisen der Fotografie
Das Dokument als Rohmaterial der Geschichte
II Hyperrealisten
Luc Delahaye: History
Das fotografische Panorama als dokumentarische Form
Wider die dokumentarische Unschärferelation
Taryn Simon: An American Index of the Hidden and Unfamiliar
Das Dokument als Spektakel
Entpolitisierung des Dokumentarischen
III Archivare
Peter Piller: Archiv Peter Piller
Die konstruktive Kraft des Archivs
Argumente für die dokumentarische Absichtslosigkeit
Penelope Umbrico: Suns from Flickr
Die Semantik digitaler Archive
Netzamateure und banaler Geschmack
IV Künstliche Dokumente
Walid Raad: The Atlas Group Archive
Zwischen Dokumentation und Fiktion: Falsche Dokumente
Dokumente der Verfehlung, fehlende Dokumente: Indirektes und Nebensächliches der Geschichte
Randa Mirza: Parallel Universes
Subtile Fälschungen
Im Schockfoto: Beim Zuschauen erwischt
Dokumentarische Reflexionen: Resümee und Ausblick
Die Arbeit analysiert die Taxonomie dokumentarischer Strategien in der zeitgenössischen Fotografie. Ziel ist es zu untersuchen, wie KünstlerInnen mit der Vermitteltheit dokumentarischer Wahrheit umgehen und wie sie sich von klassischen, diskreditierten Formen der Dokumentarfotografie abgrenzen, indem sie alternative Reflexions- und Erkenntnisprozesse anstoßen.
Die Geste des Nicht-Zeigens
Schafft Jaars Geste des Verbergens der Fotografien jedoch tatsächlich einen bilderfreien Ausstellungsraum oder generiert er in seiner Installation nicht eher Dokumente immaterieller Natur? Mit Bruno Latour gesprochen haben wir es hier weniger mit einem Fall des Ikonoklasmus oder der Ikonophilie zu tun, sondern mit einem „Iconoclash“, der sich zwischen diesen beiden Polen bewegt:
Bei einem Ikonoklasmus, einem Bildersturm, wissen wir, was im Akt des Zertrümmerns geschieht und was die Motivationen sind für ein klares und deutliches Zerstörungswerk; um Iconoclash dagegen handelt es sich, wenn wir es nicht wissen, wenn wir zögern, von einer Aktion verstört sind, von der sich ohne weitergehende Untersuchung nicht genau sagen läßt, ob sie destruktiv oder konstruktiv ist.
Zunächst sind die Real Pictures physikalisch im Ausstellungsraum präsent, da sie in ihren Boxen liegen. Der Künstler verbirgt die Fotografien weniger, als dass er ihr Nicht-Zeigen präsentiert. Dabei erschafft seine Installation Bilder. Die Transformation der Fotografien in verbale Beschreibungen löst im Kopf des Betrachters einen aktiven Vorgang aus. Beim Lesen der Texte entsteht ein imaginäres Bild: „Reading them, we imagine images as if in memory: “real pictures”.“ Jaar geht von „der Eigenschaft der Sprache aus, innere Bilder und Vorstellungen zu evozieren.“ Zum einen funktioniert dies über die bloße Vorstellungskraft, hängt aber auch stark mit dem Bildgedächtnis des Betrachters zusammen, der die Informationen, die er den Oberseiten der Boxen in Real Pictures entnimmt, mit ihm bekannten Darstellungen in Verbindung bringt und abgleicht.
I Ikonoklasten: Untersuchung von Alfredo Jaar und Susan Meiselas, die durch Verzicht auf direkte Bilder oder durch Sammeln fremder Dokumente eine neue Form der bilderstürmerischen Reflexion etablieren.
II Hyperrealisten: Analyse von Luc Delahaye und Taryn Simon, die durch spektakuläre, formal kontrollierte Bilder das Verhältnis von Ästhetik und Dokumentationsanspruch befragen.
III Archivare: Untersuchung von Peter Piller und Penelope Umbrico, deren Praxis im Sammeln und Umdeuten von bereits existierendem Bildmaterial in seriellen Archiven besteht.
IV Künstliche Dokumente: Analyse von Walid Raad und Randa Mirza, die durch fiktive oder manipulierte Dokumente die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion in der Geschichtsschreibung thematisieren.
Dokumentarfotografie, Dokumentarische Strategien, Indexikalität, Archiv, Wahrheitspolitik, Fiktion, Bildmontage, Realitätseffekt, Ikonoklasmus, Hyperrealismus, Rezeptionsästhetik, Bildbetrachtung, Wissensproduktion, Zeitgenössische Fotografie, Authentizität.
Die Arbeit untersucht, wie zeitgenössische Künstler fotografische Dokumente nutzen, um die komplexen Verhältnisse zwischen Realität, Bild und Betrachter zu reflektieren, anstatt naiv an einem veralteten Wahrheitsbegriff festzuhalten.
Die zentralen Felder umfassen die Taxonomie verschiedener dokumentarischer Ansätze (ikonoklastisch, hyperrealistisch, archivierend und künstlich) sowie deren kritisches Potenzial innerhalb des Kunstfeldes.
Die Forschungsfrage konzentriert sich darauf, wie KünstlerInnen die Vermitteltheit von Dokumenten thematisieren und ob und wie sie durch diese Strategien neue Erkenntnisprozesse beim Betrachter initiieren können.
Die Arbeit nutzt eine kunsttheoretische Analyse, die zentrale Positionen der Fototheorie (u.a. Barthes, Benjamin, Steyerl) mit einer werkimmanenten Analyse von künstlerischen Projekten verbindet.
Der Hauptteil ist in vier Kapitel untergliedert, die jeweils zwei künstlerische Positionen pro Strategie gegenüberstellen und deren spezifische Arbeitsweisen sowie theoretische Implikationen analysieren.
Wichtige Begriffe sind Dokumentarische Strategien, Indexikalität, Archiv, Fiktion, Wahrheitspolitik, Bildmontage und Rezeptionsästhetik.
Piller sammelt nicht, um Wissen historisch zu konservieren, sondern ordnet Alltagsbilder aus Zeitungen in subjektive, oft absurde Kategorien ein, um verborgene, "optisch-unbewusste" Details der kollektiven Repräsentationskultur freizulegen.
Raad nutzt Fiktion und "als-ob"-Dokumente, um die Unmöglichkeit einer offiziellen, objektiven Geschichtsschreibung des Libanon zu zeigen und stattdessen die subjektive, traumatische Ebene der historischen Ereignisse erfahrbar zu machen.
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